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„Das Thema Wasser haben die Leute nicht auf dem Schirm.“

Blue Ben, das ist ein Modelabel, das vor allem Mittel zum Zweck sein will. Und der hat einen Namen: Wasser.

Christoph Eipert Benedikt Fuhrmann

Startup Verantwortung Berlin

Blue Ben UG Logo

Blue Ben ist ein junges Modelabel, dass mit jedem verkauften Pullover Reparationszahlungen an Wasserprojekte in Baumwolle anbauenden Ländern leisten will und somit hilft vor Ort Wasserreserven wieder aufzubereiten.

Blue Ben UG

Ali Azimi

Ali Azimi

UG (haftungsbeschränkt)

2017

Weichselplatz 3
12045 Berlin

hello@blueben.org

Es hilft kein Stapeln und kein Stopfen – der Kleiderschrank ist einfach zu voll. Was soll man auch machen, man kann doch nicht das schöne Oberteil der Frühlingskollektion auch noch im Sommer tragen! Aber alles ganz easy: Die neuesten Trends gibt es schließlich zum Dumpingpreis in den Regalen der Fast-Fashion-Ketten. Aber so einfach ist es nicht. Eine immer größer werdende Nachfrage nach Kleidung zum immer kleineren Preis funktioniert nur auf Kosten anderer, tausende Kilometer weit weg – etwa in Bangladesch. Das weiß auch Ali Azimi. Nachdem der 32-jährige Wahlberliner 2016 durch einen Dokumentarfilm auf die prekäre Situation der dortigen Textilarbeiter aufmerksam wurde, begann er zu recherchieren – auch vor Ort. Schnell war klar: Ein großes Problem ist der enorme Wasserverbrauch bei der Herstellung von Baumwollstoffen. Gerade den ärmsten der Armen wird damit eine überlebenswichtige Ressource entzogen. Um dagegen etwas zu unternehmen wurde „BlueBen“ ins Leben gerufen. Dahinter steckt ein Modelabel, das vor allem eines will: Wasser geben, anstatt nehmen

Ali, ihr schreibt auf eurer Website: “Water is more important than clothing." Wie lässt sich das verstehen?

Ali: Als ich erfahren habe, wieviel Wasser in Baumwolle steckt und wie die Ressource Wasser in der Textilbranche genutzt wird, war ich ziemlich schockiert. Daraufhin reiste ich nach Bangladesch, habe mir die Industrie angeguckt und mit Bauern gesprochen. Die dort produzierte Kleidung ist zu 90 Prozent für den Export bestimmt. Man fragt sich dann, welchen Nutzen die Menschen vor Ort davon haben. Zudem sind es meist nur Großgrundbesitzer oder Fabrikanten, die wirklich etwas dabei verdienen. Daraufhin ist die Aussage entstanden, dass Wasser wichtiger für den Lebensmittelanbau, als Lebensgrundlage vor Ort, ist, als dafür, dass wir T-Shirts für drei, vier Euro kaufen können.

 Nach eigenen Recherchen in Bangladesch hat Ali Azimi (links) 2017 Blue Ben ins Leben gerufen. (Fotocredit: Jonas Nellissen, Benedikt Fuhrmann)

Wieso ist die Nutzung von Wasser zur Textilherstellung so kritisch? 

Ali: Zwischen 7.000 und 29.000 Liter Wasser werden für ein Kilo Baumwolle benötigt – vom Anbau bis zur Endproduktion. Ich diskutiere oft mit Leuten, die meinen, dass man für Kaffee und Fleisch ebenfalls eine Menge Wasser benötigt. Klar, stimmt, aber das sind Lebensmittel. Das ist etwas anderes als Kleidung. Die liegt erstmal überall in Massen rum, die im Gegensatz zu Lebensmitteln, weniger zwingend gebraucht werden. Das Problem ist, dass in den Gebieten - in denen der Baumwollanbau und die Textilindustrie angesiedelt sind - es entweder sehr trocken ist oder es dort von vornherein gravierende Versorgungsprobleme mit Wasser gibt. Das heißt, wir begünstigen durch die Produktion und Anbau von Baumwolle noch mehr Probleme, als es ohnehin schon gibt. Zudem ist erstaunlich: Das Thema ist völlig unterrepräsentiert. Keiner redet darüber. Das Thema Wasser haben die Leute nicht auf dem Schirm.

Aber ihr wollt Wasser nicht nur einsparen, sondern auch geben: Wie wollt ihr das schaffen?

Ali: Der erste Schritt liegt natürlich im Wassersparen. Das heißt aber nicht Bio-Baumwolle aus Indien zu verwenden. Wir produzieren überhaupt nicht in diesen Ländern, denn diese Länder brauchen das Wasser für den Lebensmittelanbau. Daher produzieren wir nur in Europa. Der wesentliche Punkt ist jedoch, dass wir überhaupt keine Baumwolle verwenden. Wir wollen hierbei Verantwortung übernehmen, aber wir können uns nicht vor den Schäden drücken, die wir in den letzten 40 Jahren in diesen Ländern verursacht haben. Wir zahlen deswegen eine Art Reparationen, indem wir Wasserprojekte finanzieren. Das ist der nächste Schritt. Wir versuchen das Wasser, das durch die Textilindustrie verschmutzt wurde, wieder aufzubereiten, also den Leuten wieder zugänglich zu machen.

Aber Privatpersonen sollen euch auch direkt unterstützen, oder? 

Ali: Genau. Wir wollen erreichen, dass du genau wie einen Co2-Ausgleich beim Fliegen, einen Wasser-Ausgleich machen kannst. Das planen wir mit unserem Verein, den wir gegründet haben und der unsere Wasserprojekte kuratiert. Den gibt es auch deswegen, da wir die Zwischenschritte verkürzen wollen und somit keine überflüssigen Mittelsmänner haben, damit am Ende dort mehr ankommt, wo es gebraucht wird. Ein Beispiel: In Bangladesch gibt es Superarme, Arme und Normale. Die Superarmen können es sich nicht einmal leisten, für 20 US-Cent im Monat, Wasser zu kaufen. Mit dem Wasserausgleich hat man die Möglichkeit, diese 20 Cent pro Familie zu spenden. Zusammengefasst hat man mit zehn Euro einen Monat lang 50 Familien mit Wasser versorgt. Aber das ist kein langfristiges Projekt, deswegen haben wir es nicht in den Mittelpunkt gesetzt. Wir versuchen eher durch größere Wasserprojekte etwas Nachhaltigeres zu implementieren.

Der hohe Wasserverbrauch beim Anbau und der Verarbeitung von Baumwolle erschwert vielen Menschen den Zugang zu sauberen Trinkwasser. (Fotocredit: Benedikt Fuhrmann)

Eure Ziele wollt ihr mit dem Verkauf eines baumwollfreien Sweaters erreichen: Wie kam es dazu?

Ali: Wir hatten gar nicht vor ein Modelabel zu gründen – denn es stand die Frage im Raum, ob man eigentlich noch ein weiteres Modelabel braucht. Aber die Tatsache, dass wir das mit dem Sweater machen, interessiert die Leute. Darüber kommen wir mit ihnen ins Gespräch und nicht, weil wir ein Wasserausgleich anbieten oder einen Verein gegründet haben. Das ist schade, aber einfach Tatsache.

Modal
Modal ist eine aus Zellulose hergestellte Faser. Zur ihrer Gewinnung wird meist ein Zellstoff aus entrindetem Buchenholz verwendet.

Der Pullover ist also Mittel zum Zweck?

Ali: Absolut! Er ist die Grundlage, um über unsere Themen zu sprechen. Dazu gehört auch, dass wir einen Schritt weitergehen, indem wir uns gefragt haben, was in Zukunft sein wird. Baumwolle wird nicht dazugehören. Da bin ich mir ziemlich sicher, weil wir die Agrarfläche und das Wasser für den Lebensmittelanbau brauchen werden. Deswegen wird es zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass wir andere Fasern nutzen. Wir haben unseren Stoff innerhalb von neun Monate selbst entwickelt. Diesen Stoff aus Modal gibt es so auf dem Weltmarkt noch nicht. Für den Sweater selbst haben wir einen einzigen Unisex-Schnitt, da es kostenintensiver wäre mehrere Schnitte zu produzieren. Wir haben vier Farben in drei Farbkategorien. Darunter gibt es auch eine Limited-Edition. Die erste hat unser Designer entworfen – davon gibt es nur 100 Stück. 

Team: 
Europaweit kümmern sich neun Teammitglieder um die Produktion und den Vertrieb des Sweaters. Die Buchenholzfaser für das Garn des Kleidungsstücks wird unter anderem in Polen abgebaut, in Österreich verarbeitet und dann in Portugal verwoben. Von da aus, werden die Sweater ins Lager nach Deutschland verschickt, von wo aus sie dann vertrieben werden.

Wann geht es los mit dem Verkauf?

Ali: Aktuell haben wir 150 Sweater in knapp 40 Tagen über unsere Crowdfunding-Kampagne verkauft. Ausgeliefert wird im September. Und im Oktober machen wir noch eine Kampagne auf Kickstarter und gucken wie Blue Ben dann international ankommt.  In Zukunft werden wir auch einen Online-Shop haben. Man wird wohl keinen Laden im Einzelhandel finden, der sowas führt. Jedenfalls wollen wir das auch nicht, um die Kosten so gering wie möglich zu halten, da wir so Zwischenhändler umgehen können.

Ihr habt also eine Crowdfunding-Kampagne gemacht: Wie lief die?

Ali: Ziemlich gut. Gott sei Dank! Am Anfang sah das nicht ganz so aus. Als wir dann die richtige Zielgruppe erreicht hatten, haben wir innerhalb von zwei Tagen 10.000 Euro gesammelt. Es ging also richtig ab. Das war krass und hat uns bestärkt, dass unser Konzept aufgeht. Wir haben fast ein Jahr darauf hingearbeitet. 25.000 Euro war das Ziel und zum Schluss haben wir 34.600 Euro gesammelt. Gleichzeitig haben wir bei einem Startnext-Mikrokreditprogramm mitgemacht und von der Investitionsbank Berlin- Brandenburg zusätzlich 25.000 Euro on top bekommen. Dazu muss man sagen: Wir haben nicht mal ein Produkt gehabt. Die Sweater innerhalb der Kampagne waren nur Templates. Wir hatten lediglich alles mit Photoshop versucht nachzustellen. Das muss man erstmal schaffen: Kleidung zu verkaufen, ohne dass man sie schon hat, vor allem bei nicht ganz so günstigen Preisen. Deswegen glaube ich, dass, wenn wir erstmal die ganzen Sachen haben und wirklich vernünftige Fotos machen können, wir bei der nächsten Kampagne noch ein bisschen besser dastehen werden.

Produziert werden die Sweater ausschließlich in Europa. (Fotocredit: Jonas Nellissen)

Neben all euren Bemühungen: Wen siehst du mehr in der Verantwortung, die Produzenten oder die Verbraucher? 

Ali: Ich persönlich bin nicht der nachhaltigste Konsument, um ehrlich zu sein. Worauf ich eher achte ist Qualität. Ich kaufe einfach wenig. Ich bin da eher unbewusst nachhaltig. Ich lege die Verantwortung nicht auf die Konsumenten, sondern auf die Produzenten. Da in ihnen die Ursache des Übels liegt. Das was Konsumenten machen, ist nur Ursachenbekämpfung. Das heißt, wenn wir unseren Konsum runterschrauben, bedeutet das nicht, dass Modelabels weniger produzieren. Das müssten dann schon alle oder zumindest ein sehr großer Teil tun und das wird nicht passieren. Da müssen wir realistisch sein. Es wird nicht passieren, es sei denn, die Politik würde eingreifen, das tut sie aber nicht. Warum: Es geht um Steuergelder, um globalen Austausch und letztlich um ökonomische Vorteile der Modelabels. Was wir als Produzenten machen können, ist das Ganze anzustoßen. Ich glaube, kein Label, das jemals angefangen hat Fair Fashion zu machen, war ein Systemwandler. Vielmehr haben sie dazu beigetragen, dass sich andere daran orientieren. Ich glaube, dass die Intensität eines Wandels davon abhängt, wie groß und wie bekannt wir werden. Um zu zeigen, dass man es wirklich radikal anders machen kann.

Könntet ihr euch vorstellen, auch mit Fast-Fashion-Ketten wie H&M zu kooperieren um mehr Leute zu erreichen? 

Ali: Ich persönlich würde es nicht machen. Das aus den einfachen Grund, dass es nichts bringt, wenn man fünf Prozent eines Unternehmens nachhaltig gestaltet und die anderen 95 Prozent Menschen ausbeuten. Das ist reinstes Greenwashing. Wenn sie etwas verändern wollen, müssten sie es konsequent machen oder sich zurückziehen und radikale Entscheidung treffen. Sie werden das nicht können, denn ihr Geschäftsmodell ist nicht so aufgebaut. Wenn sie das tun würden, müssten sie auf Umsatz verzichten, dann würde ihr Aktienkurs einbrechen, viele tausend Mitarbeiter würden entlassen, und das will keiner. Und weil es keiner will, machen sie es auch nicht.

Euer Sweater verfügt über eine ziemlich auffällige Armbinde am Ärmel. Das hat ein wenig einen Siegelcharakter: Meinst du, eine Siegel für nachhaltige Textilien bräuchte es?  

Ali: Wir als Unternehmen verwenden keine Siegel. Weil sie nur Symptome bekämpfen, indem sie versuchen Vertrauen zu schaffen, wo gar keine Glaubwürdigkeit da ist. Aber dem ist nicht so. Denn viele Menschen können nicht nachvollziehen, wie Rohstoffe angebaut werden. Da gibt es extrem viele Schwierigkeiten und das ist den Leuten nicht bewusst. Das wollen wir nicht. Wir wollen unabhängig davon zu 100 Prozent transparent sein. Dann braucht es auch kein Siegel mehr. Das Label am Arm ist vielmehr etwas, worüber sich die Leute identifizieren und reden. Also ein Conversation-Starter, mit dem Ziel, ein gemeinsames Symbol entstehen zu lassen. 

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