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Dialog macht Schule im Interview

relaio im Gespräch mit dem Berliner Startup über politische Bildung, Partizipation und die Schule der Zukunft

Startup SchwerpunktSchuleBildung Berlin

In einem schönen Altbau-Büro im Berliner Stadtteil Wedding trafen wir Hassan Asfour und Siamak Ahmadi, Gründer von Dialog macht Schule. Mit dem Thema politische Bildung beschäftigten sich beide schon während ihrer Studienzeit, aus der Teilnahme an einem Modellprojekt der Bundeszentrale für politische Bildung u.a. gefördert von der Robert Bosch Stiftung wurde durch die Initiative der beiden schon bald ein richtiges Unternehmen, welches mittlerweile auch vom Bundesfamilienministerium durch das Programm "Demokratie leben" gefördert wird. Mit dem Sozialunternehmen Dialog macht Schule schaffen sie es, Kinder und Jugendliche für politische und gesellschaftliche Fragestellungen zu sensibilisieren und Begeisterung in ihnen zu wecken. Wieso politische Bildung für die Teilhabe an unserer Gesellschaft essentiell ist und wie das Zusammenspiel von Partizipation und Bildung in der Schule gelebt werden soll, erzählen sie uns im Interview.

Wie sieht eine typische Unterrichtsstunde mit Dialog macht Schule aus?

Hassan: Am Anfang geht es meist auf einer ganz niedrigschwelligen Ebene darum, eine Beziehung und Vertrauen zueinander aufzubauen und sich gegenseitig kennenzulernen. Zu Beginn einer Stunde sprechen wir vor allem über Geschehnisse aus dem Alltag: Was haben die Schüler erlebt? Vielleicht in ihrem Kiez oder während der Schulzeit?

Aus den Antworten versuchen die Dialogmoderatoren dann herauszuhören, was für ein Thema im Raum steht. Oft geht es um Integration, Gerechtigkeit oder Geschlechterrollen. Wir versuchen dann aus den Themen der Schüler eine Brücke zu politisch und gesellschaftlich relevanten Themen zu schlagen. Da kann es schon mal passieren, dass man von einem Hollywoodfilm wie Twilight zu Geschlechtergerechtigkeit oder Religionszugehörigkeit kommt.

Was macht Dialog macht Schule besonders?

Siamak: Die Langfristigkeit. Wir machen nicht einen Workshop mit einmaligem Input und gehen dann wieder. Wir sind zwei Jahre in den Klassen und begleiten die Schüler wöchentlich. Wir arbeiten zudem nicht nach einem Curriculum, sondern orientieren uns immer an den Lebenswelten der Schüler – die Themen entstehen in den Klassen jedes Mal aufs Neue.  Wir halten die Themenwahl offen und gehen in diesen zwei Jahren auf das ein, was die Jugendlichen interessiert. Durch diese Langfristigkeit können wir tief in ihre Lebenswelt eintauchen und bessere Zugänge zu ihnen aufbauen.

Hassan: Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir in die Schule dürfen – und zwar in den regulären Unterricht. Wir sind fester Bestandteil des verpflichtenden Schulalltags und keine AG oder kein Projekt – das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Luxus, dass man Räume schaffen darf, in denen es um politische Bildung geht und zwar ausgehend von den lebensweltlichen Themen der Kinder und Jugendlichen.

Siamak Ahmadi und Hassan Asfour, die beiden Gründer von Dialog macht Schule.

Warum schenken euch Lehrer ihre wertvolle Unterrichtszeit?

Siamak: Lehrer haben oft Angst, dass es für sie einen Mehraufwand bedeutet, wenn ein externes Projekt in die Schule kommt, doch diese Bedenken können wir ihnen nehmen. Zu Beginn bitten wir sie, Schüler und Dialogmoderatoren in der Klasse allein zu lassen, damit beide Parteien eine Beziehung zueinander aufbauen können. Die Lehrer bleiben natürlich verantwortlich für die Klasse und können nach sechs Wochen hospitieren oder sogar in den Dialogprozess eingebunden werden. Teilweise vermitteln unsere Dialogmoderatoren sogar zwischen Lehrkräften und der Klasse. So lernen sie auch mal ganz neue Seiten an ihren Schülern kennen. Für viele Lehrer ist diese andere Art mit Schülern zu arbeiten, auch eine Inspiration.

Denn schaut man sich sogenannte „Brennpunktschulen“ an, trifft man meist auf eine heterogene Schülerschaft mit hohem Migrationsanteil. Auf der anderen Seite steht eine sehr homogene Lehrerschaft mit akademischem Hintergrund. Diese Lebenswelten sind sehr unterschiedlich, man versteht sich gegenseitig nicht und findet wenige Kommunikationszugänge zueinander.
 

Was sind klassisch Themen in den Dialogen?

Siamak:  Die zwei wichtigsten Säulen unserer Arbeit sind Identität und Gerechtigkeit.  Unterthemen sind oft Geschlechtergerechtigkeit und -rollen, das Gefühl der Ungerechtigkeit, Heimat und Religion. Lehrer haben meist keine Zeit für diese Themen bzw. trauen sich nicht, oft auf Grund des Zeitdrucks, sich außerhalb des Lehrplans für neue Themen Zeit zu nehmen. Wir reagieren grundsätzlich immer auf das, was die Gruppe interessiert und das vertiefen wir. Das ist einfach ein anderer Ansatz. Anstatt Frontalunterricht versuchen wir aktiv und auf Augenhöhe mit den Jugendlichen an lebensweltlichen Themen zu arbeiten.  

Generell ist unser Verständnis von Politik sehr weit. Was wir aber nicht machen, ist Institutionenkunde. Natürlich sprechen wir, wenn das gewünscht ist, auch über den Bundestag und wie gewählt wird, aber für uns ist grundsätzlich alles auf der lebensweltlichen Ebene erst mal politisch. Wir kitzeln das Politische aus den Schülern heraus. Wir vermitteln ihnen, dass ihre Interaktion mit ihren Mitschülern oder mit ihrer Familie bereits eine Lebensform in einer Gesellschaft, in einer Demokratie ist. Es ist normal, dass es Konflikte gibt und dass man diese lösen muss.

In nächsten Schritt stellt sich die Frage: Wie wollen wir miteinander leben? In einer Demokratie oder einer Diktatur? Schule ist ja per se nicht streng demokratisch organisiert. Wir wollen den Schülern helfen, trotzdem Wege zu finden, sich einzubringen und zu verstehen, was es heißt, in einer Demokratie zu leben, mitbestimmen zu können. Wir kommen mit ihnen in einen Dialog und helfen ihnen, sich eine Meinung zu bilden.  Urteils- und Handlungsfähigkeit, demokratische Kompetenzen und Methodenkompetenz – das sind unsere Prioritäten.

Was habt ihr während eurer Zeit als Dialogmoderator von euren Schülern gelernt?

Siamak: Ich habe von den Schülern sehr viel über Ungerechtigkeit gelernt. Durch die Dialoge konnte ich sensiblere Antennen dafür entwickeln, was passiert, wenn man zum Beispiel jemandem etwas unterstellt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie sehr Schüler unter Druck stehen. Doch trotz der hohen Erwartungen von Freunden, Familie und Gesellschaft verzweifeln sie nicht, sind Teil unserer Gesellschaft und entwickeln eigene Kompetenzen zur Teilhabe.

Hassan: Unsere Schüler haben mir gezeigt, dass man sehr viel von ihnen erwarten kann.  Auch wenn die Wahrnehmung erst mal eine ganz andere ist: Es lohnt sich Zeit und Energie in sie zu stecken. Sie haben eine ganze Menge auf dem Kasten – wenn man an sie glaubt!

Die bisherigen Ansätze von Partizipation an Schulen reichen Siamak und Hassan noch nicht aus. 

Partizipation und Schule – wie passt das zusammen?

Siamak: In der Schule gibt es Ansätze von Partizipation; zum Beispiel in Form des Klassensprechers. Das sind gute Ansätze, die aber noch vertieft werden müssen. Wichtig ist es uns, dass es an Schulen noch mehr Begegnungen auf Augenhöhe gibt. Kinder und Jugendliche brauchen Lehrer, die sie wertschätzen und ihre Themen ernst nehmen. Man sollte Schülern außerdem viel mehr Entscheidungskraft zusprechen und demokratischere Strukturen einführen – gemeinsame Entscheidungen von Lehrern und Schülern über Projekte oder Tätigkeiten.  

Für mich ist es aber eine Illusion, dass Schule ganz demokratisch funktionieren kann. Dass zum Beispiel alle mitbestimmen, was gelernt werden soll. Schließlich wissen Schüler oft gar nicht, was sie wollen. Aber es ist wichtig, ihnen genügend Raum zu geben, um genau das herauszufinden. Wir brauchen definitiv mehr Demokratie und Partizipation in der Schule. Doch eine komplett demokratische Schule wird nicht funktionieren.

Hassan: Für mich bedeutet Partizipation gesellschaftliche Teilhabe. Die Schüler zu befähigen, am Leben teilzuhaben und ihre Interessen zu vertreten. Wenn ich in der Lage bin, meine Interessen und das, was ich möchte, zu artikulieren, dann bin ich in der Lage teilzuhaben. Genau das ist der Ausgangspunkt für alles was im Leben passiert.

In der Schule – aber auch in unserer Gesellschaft – existiert oft ein Gefühl der Ohnmacht. Egal was ich tue, egal was ich sage: Es wird nichts bringen. Schülern Handlungsoptionen aufzeigen, das bedeutet für mich Partizipation.

Bitte beendet doch zum Abschluss noch diesen Satz: Die Schule von morgen sollte...

Siamak: ...wie ein Dorf sein, denn bekanntlich braucht es ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.

Hassan: ...sollte Dialog macht Schule haben. (lacht) 

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