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FRANKA EMIKA im Interview

Wie ein junges Münchener Start-Up den Roboter für jedermann bauen will

Severin Engelmann & Christoph Eipert Christoph Eipert

Startup SchwerpunktMenschMaschineRobotik München

Wie werden Roboter unsere Zukunft beeinflussen? Meinungen dazu gehen oft weit auseinander. Um uns selber ein Bild zu machen, besuchten wir in München FRANKA EMIKA, ein Start-Up das in Sachen Robotik neue Wege einschlagen will. Wie das gelingen soll und welche Hürden es auf diesen Weg zu bewältigen gilt, erklärte uns der Mitbegründer und Managing Director des Unternehmens Simon Haddadin im relaio-Interview.  

Welche Biographie steckt hinter der Geschichte von FRANKA EMIKA?  

Simon: Wir als Kernteam sind aus einer Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) entstanden. Das Team am DLR, zu dem später auch mein Bruder (Sami Haddadin) und ich gehörten, hat über 30 Jahre lang versucht, feinfühlige Roboter zu entwickeln. Es war mein Bruder, der schließlich die sogenannte Kollision-Detektion entwickelte. Dank dieser Technik spürt eine Maschine, wenn sie gegen etwas auffährt und bleibt daraufhin sofort stehen – eine Art künstliches Reflexsystem also. Dann hat sich aber gezeigt: es gibt weltweit keine Hardware, die kostengünstig und massenmarktfähig ist. Und dann hatten wir eben die Idee, günstige Hardware zu entwickeln, aber weder Billig-Kram noch hoch komplexe Technologie, sondern Technik, die man sich leisten kann, ohne Unsummen ausgeben zu müssen. Später hatten wir Kontakt zu Apple. Die haben uns erzählt, dass ein Roboter, der Aufgaben günstig lösen kann, für sie interessant wäre. So hat es dann eigentlich angefangen. Die Nachfrage auf dem Markt war da und es gab noch keinen Roboter der solche komplexen Montagefähigkeiten leisten konnte.

Was ist technologisch das Innovativste an Franka?

Simon: Franka ist ein komplett neues System. Das hat wenig zu tun mit den Robotern, die man heute auf dem Markt kennt. Der riesen Unterschied zu allen anderen Systemen ist, dass alle Roboter sogenannte positionsgesteuerte Maschinen sind. Was wir machen ist die sogenannte Drehmomentregelung: in allen sieben Gelenken sind Drehmomentsensoren, die mit der Feinfühligkeit des menschlichen Fingers vergleichbar ist. Genau das haben wir in die Robotik gebracht. Der große Vorteil ist also, dass im Gegensatz zu anderen Technologien, die Drehmomentregelung sehr viel feinfühliger ist und sich so viel besser komplexe Befehle ausführen lassen.

Und das ist ein besonderes Zusammenspiel zwischen Hardware und Software?

Simon: Genau, das ist genau das, Mechatronik, ein Komplettsystem. Es gibt natürlich bereits Systeme, die schon ein bisschen einfacher zu bedienen sind. Aber grundsätzlich ist es so, dass das Programmieren für vermeintlich einfache Aufgaben an echten Industrierobotern noch einige Wochen dauern kann. Mit unserem System dauert es fünf Minuten, wenn überhaupt. Um ehrlich zu sein, vielleicht auch nur ein paar Sekunden. Das bedeutet vor allem eine Reduzierung der Kosten. Wenn man sich den Robotermarkt ansieht, besteht der Großteil der Kosten aus Engineeringkosten, also aus der Inbetriebnahme, Programmierung, dem Aufbau von Peripherie wie Schutzzäunen und so weiter. Wir haben durch FRANKA EMIKA die Möglichkeit, Menschen und Roboter im gleichen Arbeitsraum arbeiten zu lassen. Und das geht eben nur, wenn sie eine gewisse Sicherheitsgewährleistung haben. Das haben wir umgesetzt. Es ist wie bei einem Dreijährigen, dem du beibringst irgendetwas zu tun. Dass ist vorher nicht möglich gewesen, weil die Interaktion mit der physikalischen Umwelt gar nicht möglich war. 

Mitbegründer und Managing Director Simon Haddadin und FRANKA

Und hat der Roboter dann, in Bezug auf Interaktion, eine bestimmte Vorstellung von seiner Umwelt?

Simon: Soweit sind wir leider noch nicht. Die Interaktion mit der physikalischen Welt ist hochkomplex. Allein schon von der Sammlung der dazu nötigen Daten. Hinzu kommt, das physikalische Prozesse nie gleich sind und das ist für eine Maschine super aufwendig. Das zu modellieren ist eigentlich unmöglich. Was wir machen, ist dem Roboter beizubringen, Aufgaben selber zu erlernen und somit verstehen zu lassen. Dahin wird die Zukunft auch gehen.

Was denkst du, werden in Zukunft relevante Anwendungsbereiche von FRANKA EMIKA sein?

Simon: Grundsätzlich ist FRANKA EMIKA nicht mit anderen Industrierobotern zu vergleichen. Das wäre wie einen Großrechner mit einem iPhone zu vergleichen. Unser Ziel ist es natürlich, FRANKA im Haushalt, in der Eisdiele und im Krankenhaus einzusetzen. Dafür ist aber die Akzeptanz noch nicht ganz da. Jetzt versuchen wir zunächst unser System in der Industrie zu etablieren, indem wir überhaupt erstmal ein Massenprodukt schaffen. Den Servicebereich behalten wir aber im Blick, ob professionell oder für zu Hause. Im Grunde wollen wir ein Produkt anbieten, dessen Preis vergleich mit dem eines günstigen Autos liegt.

Viele Menschen stehen eurer Technologie kritisch gegenüber. Würdest du dir manchmal eine amerikanischere Haltung gegenüber der Technologieentwicklung wünschen?

Simon: Innovation um jeden Preis ist meistens der falsche Weg. Man muss das machen, was die Leute auch brauchen. Wenn das nun mal Innovation ist, dann OK. Das Problem ist, dass in den letzten Jahrzehnten extrem viele einfache Arbeitstätigkeiten unsere Länder verlassen haben. Das ist so und die kann auch keiner wieder zurück bringen, es sei denn man automatisiert sie zumindest in irgendeinen Grad. Wir waren zu Besuch bei einem großen asiatischen Auftragsproduzenten für Smartphones, bei dem die Hälfte der Produktionskette aus sogenannten „non-value adding production steps“ besteht.  Dabei wird nur getestet, ob das fertige Produkt auch funktioniert. Da sitzen wirklich tausende von Menschen in einer Reihe und machen nichts anderes als Knöpfe drücken, um zu schauen, dass alles funktioniert. Da sind Aufgaben, die sind meiner Meinung nach grundsätzlich nicht menschenwürdig. Durch Automatisierung schaffen wir es, dass der Mensch mehr Zeit hat, vielleicht um irgendetwas Besseres zu machen als Knöpfe zu drücken. Wenn die Leute nicht mehr sieben Tage die Woche und 14 Stunden am Tag arbeiten müssen, sondern die Woche wirklich frei haben oder auch nur vier Stunden am Tag arbeiten müssen, weil die Roboter sie unterstützen, glaub ich ist das ein guter Schritt.  Dann kann man dafür auch gerade stehen. Aber Innovation um jeden Preis kann ich nicht befürworten.

Was hat sich den  in den letzten Jahren verändert in Deutschland? Man sieht China und Amerika die nach vorne preschen. Merkst du, dass sich auch in Deutschland was bewegt?

Simon: Es ist überall schwierig, aber Investitionsthemen sind hier momentan nicht einfach zu lösen. Wir haben weltweit führende Technologiefirmen, die es teilweise seit mehr als 200 Jahren gibt. Die wollen auch weiterhin Weltmarktführer bleiben. Das heißt, wenn du etwas super Cooles entwickelt hast, gibt es extrem viele, die dir viel Geld zahlen, um dich in ihr Portfolio aufzunehmen. Aber die Leute, die das Geld hier haben, investieren wenig in Deutschland und eher im Rahmen von „kleinen“ Seed-Runden. Die größeren Investitionen werden eher im Ausland getätigt, zum Beispiel eben in den USA. Das ist leider auch eines der größten Probleme, denn wenn man High-Tech entwickelt, ist das sehr kostenintensiv.

Vorerst in der Industrie aber die Einsatzmöglichkeiten von FRANKA sind vielfältig.

Wir haben eine längere Recherche gemacht über Start-Ups, die sich hierzulande mit dem Thema Robotik auseinandersetzen. Viel ist da nicht los.

Simon: Nehmen wir beispielsweise das Silicon Valley. So ein Konglomerat renommierter Unis wie Stanford oder Berkley, die vor allem in Informatik und Elektrotechnik weltmarktführend sind, haben wir hier nicht. Die haben aber dafür gesorgt, dass Technik, wie etwa Robotik, gefördert wird. Jetzt müssen wir sehen, wo die Unis in Deutschland sind, die im Stande sind, Talente aus der ganzen Welt anzulocken. Ich glaube München ist ein Standort in Deutschland, der überhaupt in der Lage ist in diese Richtung zu gehen. Das hat zum einen Geldgründe, denn hier gibt es viele Leute, die Geld haben, und zum anderen gibt es die Technische Universität München. Wir sprachen hier auch schon von „Automation Valley“, haben mehrere Anträge an die höchste Ebene geschickt, aber es wurde bisher von der Bundesregierung mehr oder weniger ignoriert. Aber letztlich müssen wir einen Standort finden. Aus technologischer Perspektive haben wir tolle Sachen hier und wenn man die richtig fördert, kann auch etwas daraus entstehen. Wir jedenfalls sind hier, haben Investoren gefunden, das ist oft nicht einfach aber es hat geklappt. Unser Team besteht mittlerweile aus über 60 Mitgliedern. Fast alle wurden hier in München ausgebildet. Wir wollen Leuten, die kein Geld haben trotzdem unsere Technik zur Verfügung stellen, um somit ein innovatives Ökosystem aufzubauen. So ein Modell, ähnlich wie bei Apple und bei Google, ist etwas, was wir auch in Deutschland gut können. Dazu passiert in München so einiges, da braut sich was zusammen.

Zur Steuerung und Vernetzung nutzt FRANKA
Cloud Computing 

Gehen wir nochmal kurz auf die gesellschaftliche Perspektive ein. Wo siehst du Robotik in den nächsten zehn Jahren?  

Simon: Das ist ganz einfach. Die Systeme, die heute auf dem Markt erhältlich sind, sind nicht in der Lage dem Menschen das Wasser zu reichen. Abgesehen von FRANKA EMIKA muss ich zugeben, sehe ich nicht, dass da jemand noch in den nächsten fünf Jahren den Anschluss findet. Grundsätzliche ist es aber ein Energieproblem. Millionen von Roboter müssen in Zukunft mit Energie versorgt werden. Solange aber das ganze Versorgungsproblem nicht gelöst ist, können sich Roboter nicht selbst erhalten und deren Population größer werden als die des Menschen. Bisher hat uns Technologie als Werkzeug gedient. Für die Zukunft der Robotik ist das ganz wichtig. Es ist ein Werkzeug, was uns hilft und nicht, was uns abhängt. Bis Robotik unsere kognitiven und manipulativen Fähigkeiten erlangt, dauert es wohl noch sehr lange.

Ich hab gehört das Adidas einen großen Teil ihrer Produktion nach Bayern bringen will, weil sie Roboter haben, die Aufgaben vollautomatisch machen können. Glaubst du es könnte durch die Robotik einen Antiglobalisierungstrend entstehen? 

Simon: Das ist ja was wir machen. Wir bauen in der Nähe von Kempten. Wenn man die Möglichkeit hat zumindest teilautomatisiert irgendwas zu bauen, hat man die Möglichkeit wieder in Deutschland zu fertigen. Das ist auch der Grund, warum uns sehr viele Mittelständler kontaktieren. Sie schaffen es nicht mit den Produktionskosten der Großindustrie mitzuhalten und deswegen sind sie sehr stark an unserer Technik interessiert. Da die Automatisierung für sie, vor allem in Hinblick auf Arbeitsplätze, weniger Probleme bereitet, als die komplette Produktion ins Ausland zu verlagern.

Kannst du zum Abschluss erklären wo FRANKA EMIKA gerade steht? Wie weit ist das Projekt realisiert?

Simon: Die grundlegende Technologie ist fertig. Das heißt, dass wir alles was wir wollten, geschafft haben. Die Regelung funktioniert super, die Programmierung ist astrein, die Cloud läuft. Wir arbeiten mit Pilotkunden, mit denen wir unsere Studien durchführen. Wir gehen zu ihnen ins Werk, schauen, was man mithilfe unserer Technologie automatisieren kann. Die Produktion der Vorserie zur Durchführung letzter Tests läuft gerade. Im Mai gehen wir dann im Allgäu in die Serienproduktion. Das klingt nun alles so einfach, aber es war ein langer steiniger Weg und der Weg zu kommerziell erfolgreichen Produkt ist auch noch lang.   

Vielen Dank für das Gespräch!

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