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HYVE: Über die Möglichkeiten der Open Innovation

Die zwei Gründer von HYVE im Gespräch über Innovationsansätze, Community-Moderation und Chancen des Open Government

Startup Innovation München

Innovation ist eine Kunst! Denn in der Innovation müssen funktionale und ästhetische Komponenten zusammenfließen, um einen Wert für Menschen in einer Gesellschaft zu erzeugen. Dahinter steckt die ganz grundlegende Frage, wie Neues in die Welt kommt. Sicher ist: es kommt dauernd Neues in die Welt. Die Mechanismen, die dafür sorgen, dass das Neue auch Wert enthält sind schwer greifbar. Zeit sich mit Experten zu unterhalten. Das Stichwort lautet ganz klar: Open Innovation.  

relaio: Innovation ist euer Geschäft. Aber was ist das eigentlich: Innovation?

Michael Schmidt: Innovation ist der bewusste Weg ins Unbekannte, gepaart mit einer Vorstellung davon, wie die Zukunft sich damit auseinandersetzen wird. Man entwirft eine Zukunft und stellt sich dann vor, wie die Menschen darin leben werden.

Johann Füller: Für mich geht es darum, Probleme zu lösen, etwas Neues hervorzubringen, das einen Mehrwert stiftet und es muss kommerzialisierbar sein. Das gehört zu jeder Innovation dazu.

relaio: Ihr habt HYVE im Jahr 2000 gegründet. Was waren eure Beweggründe dafür?

Michael Schmidt: Vor HYVE hatten wir zur Genüge die Erfahrung gemacht, dass in den Unternehmen, für die wir selbst arbeiteten, Entscheidungen immer aufgrund subjektiver Wahrnehmungen getroffen wurden. Es ging in den seltensten Fällen wirklich um den Endanwender, also den Verbraucher, der tatsächlich mit einem Produkt oder einer Lösung konfrontiert ist. Vielleicht wurde irgendwann einfach mal die Sekretärin in den Raum gebeten und die sollte an der Entscheidung mitwirken. Prinzipiell ist das ok, aber man muss sich doch fragen: „Wen stellt sie dar, wen repräsentiert sie eigentlich?“

Johann Füller: Genau. Von Anfang an waren wir von den Möglichkeiten des Internets fasziniert. Wir waren davon überzeugt, dass wir diese „Einweg-Kommunikation der Innovation“ stoppen und in einen virtuellen Dialog verwandeln können. Wir wussten damals schon, dass nicht nur die Leute, die mit am Schreibtisch Innovationen entwickeln, darüber entscheiden, was tatsächlich innovativ ist. Es gibt außerhalb der Unternehmensgrenzen sehr viele Menschen, die besseren Input leisten können. Mit dieser Vision sind wir aufgebrochen und haben HYVE gegründet.

relaio: Wie erreicht ihr Menschen, die potentiell Lust auf dieses Engagement haben, dann auch in der Praxis?

Gewinner des German Design Awards Special 2016: das HYVE Gridboard

Michael Schmidt: Es gibt beim Innovieren sehr viele Beteiligte. Das wichtigste Initial ist die grundsätzliche Interessenslage. Wir suchen zuerst gezielt nach Personenkreisen, Communities und Foren, in denen es um ein bestimmtes Thema geht. Dann nehmen wir Kontakt mit den Mitgliedern auf und fragen sie, ob sie Lust haben, am Innovationsprozess teilzunehmen. Dann finden sich selbst-selektiv immer einige Personen, die Interesse haben, selbst große Unternehmen zu unterstützen. Je nachdem, in welchem Zustand sich eine Entwicklung befindet, kann es sich erst Mal um eine ganze normale Bedarfsdiskussion handeln: Was brauchen wir eigentlich? Bis hin zu wirklich sehr konkreten Fähigkeiten und Leistungen, bei denen dann Experten benötigt werden, die den Algorithmus zustande bringen oder eine mechanische Lösung liefern können, die bisher einfach nicht gelungen ist.

Johann Füller: Die Leute bauen eine Beziehung zu dem Unternehmen auf. Es passiert dann eben nicht, dass das Produkt irgendwo in einem Laden im Regal liegt und Staub anzusetzen droht. Die Leute sagen: „Das Ding kenne ich, da habe ich mitgemacht, da habe ich eine Beziehung dazu.“ Aber unsere Aufgabe ist es ja nicht nur, die Leute zu erreichen. Es geht dann im Prozess weiter, indem wir uns selbst auch ausleben können. Wir haben hier Leute, die Hardware und Software entwickeln und eigene Konzepte machen. Wir sind nicht die, die alles von außen nehmen und weitertransportieren, sondern wir müssen es oft übersetzen, veredeln, als Inspiration verwenden, um es dann unserem Kunden auf den Leib zu schneidern. Es geht tatsächlich darum, sich wie ein Katalysator aufzustellen und an den entscheidenden Stellen zu beschleunigen, zu verbessern, anzureichern, griffig zu machen und letztendlich – und am wichtigsten – ökonomisch sinnvoll zu machen.

Michael Schmidt: Die Teilnehmer sind sehr heterogen. Der eine macht es, weil er Spaß und Freude daran hat, etwas zu gestalten, der nächste, um neue Leute kennenzulernen. Wieder ein anderer macht mit, weil er selbst eine neue Perspektive gewinnen und sein Wissen vertiefen kann. Andere machen es, weil sie damit  Geld verdienen. Wichtig ist, dass man sich fair behandelt vorkommt und dass man nicht nur gibt, sondern auch etwas zurückbekommt. Wir haben schon immer versucht, uns in die Lage der anderen zu versetzen, um zu verstehen, welche reziproken Mechanismen von allen Beteiligten als fair wahrgenommen werden.

relaio: Wenn Firmen sich nicht auf Neues einlassen wollen, ist das dann nicht auch sehr anstrengend?

Johann Füller: Ja das kann schon nervig sein. Irgendwann hast du dann eine andere Einstellung und verstehst, dass es genau diese Transformation im Denken ist, die Veränderung bringt. Es geht nicht darum, ein neues Produkt oder Geschäftsmodell auf den Markt zu bringen. Es geht darum, dass die Leute in den Firmen anfangen, anders zu denken. Das ist oft sehr mühsam und aufwendig. Aber gerade das ist das Ziel: Wir wollen eine Transformation bei jemandem erreichen, der sonst eher engstirnig unterwegs ist und dann auf einmal sagt: „Hey, wir haben da eine neue Ära, die vor uns liegt und die ist natürlich mit Gefahren verbunden, aber auch mit einer Menge an Chancen und wir gehen immer weiter dahin.“ Wir haben jetzt auch das offene Haus der Innovation, also nicht nur digitale Plattformen, sondern auch eine lokale Verortung, die sehr wichtig ist. Firmen sind bei uns herzlich eingeladen, Innovationsthemen anzugehen. Die können zu uns kommen, sich einmieten, um sich mit unseren Leuten auszutauschen. Dadurch entsteht ein Nukleus, in dem es eine Wechselwirkung gibt. Wir zeigen den Unternehmen oder den Organisationen nicht nur wie Innovieren funktioniert, sondern wir leiten sie an es selbst zu tun.

relaio: Bei dem Thema Schwarmintelligenz ist mir ein Satz eingefallen. Steve Jobs hat einmal gesagt: „Wir machen Produkte für Menschen, von denen sie noch gar nicht wissen, dass sie sie einmal wollen". Hier steht also der Innovationsexperte und sagt: „Ich zeige euch, was innovativ ist, denn ihr wisst es noch nicht.“ Ist das die Antithese zur Open Innovation?

Johann Füller: 50 Prozent des Apple Betriebssystems basiert auf Open Source-Lösungen. Das Prinzip der Weisheit der Vielen versteht kaum ein Unternehmen so gut wie Apple. Das ist eigentlich ganz spannend, denn Apple sagt nicht: „entweder oder“. Apple verfolgt da eine Art Koexistenz zwischen eigener und Open Source-Innovation. Es braucht Visionäre, die Entscheidungen treffen. Die hören, was der Markt überhaupt brauchen könnte. Dann, mittels Open Innovation, Teile der Lösung zu realisieren – das verstand Steve Jobs sehr gut.

Eintritt zu den HYVE Science Labs

relaio: Ihr geht auf Leute zu, holt deren Meinung zu bestimmten Themen ein und bindet sie dann in einen Projektprozess ein. Wäre es nicht sinnvoll, diese Kommunikationskanäle für politische oder soziale Problemstellungen zu nutzen? Melden sich bei euch auch politische oder soziale Institutionen und Organisationen?  

Michael Schmidt: Ein Teil unseres Teams beschäftigt sich mit dem Themenblock „Open Government“. Die übergeordnete Frage lautet dabei: Wie beteiligt man Bürger bei Entscheidungsfindungsprozessen in einer Demokratie?  Für den bayerischen Staat haben wir das Projekt "Aufbruch Bayern" gemanagt, das war eine virtuelle Plattform, auf der Bürger Ideen einreichen konnten, um Bayern in den Themen Familie, Innovation und Bildung für die Zukunft fit zu machen. Jetzt gerade machen wir für das Bundeswirtschaftsministerium ein Projekt, das sich die Frage stellt, wie Kommunen und Städte mit dem Thema künstliche Intelligenz umgehen sollen. Wir wollen wissen, wie hier eine konkrete Agenda aussehen könnte und welche Vor- und Nachteile diese Technologien für die Leute darstellen.

Johann Schmidt: Für dänische Architekten haben wir auch mal ein Projekt gemacht, da ging es um die Zukunftsgestaltung von Schutzbehausungen für Obdachlose. Oder dieser Wettbewerb für Upcycling, den wir schon ganz am Anfang mal gemacht haben. Da hatten wir hier 30 Stühle die alle aus Abfall gemacht wurden, Ikea hat das damals kuratiert. Das war wirklich sehr cool, im zweiten Stock haben wir sogar noch einen Stuhl, den zeige ich euch später noch, weil der so lässig ist. Wir haben noch viel vor und es ist immer noch ein Spagat, wenn man alles moralisch, ethisch, nachhaltig perfekt aufsetzen will und trotzdem wirtschaftlich denken muss. Aber wir bekommen das hin.

Upcycling a la HYVE: Sessel aus Abfallschleuchen.

 

 

 

 

 

 

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