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Conflictfood im Interview

Ein afghanisches Produkt findet man eigentlich nicht auf dem Markt - Conflictfood ändert das!

Startup VerantwortungGesellschaft Berlin

Habt ihr schon mal bewusst Gewürze oder Lebensmittel aus Afghanistan gekauft? Oder andere aus Afghanistan importierte Produkte? Deutschland ist Exportweltmeister – neben den USA und China. Der Exporthandel macht einen Großteil des wirtschaftlichen Erfolgs und damit auch unseres Lebensstandards aus. Afghanistan hingegen belegt in internationalen Exportrankings einen der letzten Plätze. Opium macht dabei den größten Teil des afghanischen Außenhandels aus. Umso begeisterter waren Salem und Gernot, die Gründer des Sozialunternehmens Conflictfood, als sie auf ihrer Reise durch Afghanistan ein Frauenkollektiv trafen, das gerade erst von Opium- auf Safrananbau umgestellt hatte. Heute verkaufen sie den Safran in Deutschland zu fairen Preisen über ihren Onlineshop. Relaio hat die beiden Gründer in Berlin zu einem Interview getroffen.

Ihr wart gemeinsam in Afghanistan. Welche Erinnerungen kommen euch zuallererst in den Sinn, wenn ihr an diese Reise denkt?

Salem: Wir haben eine extreme Gastfreundschaft erfahren, eine wahnsinnig vielfältige Esskultur kennengelernt und so viel mehr entdeckt, was wir bisher noch nicht kannten.

Conflictfood sucht nach landestypischen Agrarprodukten in Krisenregionen dieser Welt.

Ist euch ein besonderes Erlebnis in Erinnerung geblieben?

Gernot: Zu dem Zeitpunkt, als wir dort waren, gab es einen sehr tragischen Zwischenfall, der auch in den deutschen Medien Beachtung fand: die Steinigung einer Frau wegen Ehebruchs. Allerdings hat man in der deutschen Berichterstattung in den darauffolgenden Tagen nichts über die Reaktion der Menschen vor Ort erfahren: Ganz Kabul wurde von einer Demonstration tausender Menschen – überwiegend Frauen – lahm gelegt, die gegen die Steinigung protestiert haben. Nirgendwo konnte man über die Proteste lesen. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass auch dort diese Art der Bestrafung nicht gutgeheißen wird.

Salem: Für uns war das ein Schlüsselerlebnis. Nicht mal diejenigen, die sich journalistisch mit dem Land Afghanistan beschäftigen, wussten von den Demonstrationen. Wir möchten zeigen, dass Afghanistan noch andere Seiten hat. Seiten, von denen wir in Deutschland nichts wissen.

Wie kam dann die Idee zum Sozialunternehmen Conflictfood?

Gernot: Die Idee zu Conflictfood ist erst in Deutschland im Anschluss an unsere Reise gewachsen. Wir kamen mit dem Produkt zurück und als wir etwas weitergedacht haben, sind wir auf den Gedanken gekommen, mit Spezialitäten aus verschiedenen Krisengebieten der Welt zu handeln. Die Menschen dort sind stolz auf ihre regionale Feinkost und möchten diese auch teilen.

Nun heißt ihr ja Conflictfood. Denkt ihr, dass ihr durch eure Idee die Lage in Konfliktregionen tatsächlich verbessern könnt?

Salem: Wir können versuchen, an der wirtschaftlichen Lage etwas zu verbessern und so den Menschen einen Grund geben, dort zu bleiben.

Gernot: Stolz ist vielleicht ein schwieriges Wort —  aber den Leuten den Stolz und die Würde ein Stück weit zurückzugeben, ein Produkt in dieser Qualität produzieren zu dürfen, das ist unser Ziel. Ich weiß, dass die Frauen des Kollektivs sehr stolz darauf sind, ihr Produkt in Deutschland verkaufen zu können, was bisher nicht möglich war.

Würdet ihr Kooperationen mit großen Supermarktketten eingehen, um Gewinne zu erzielen?

Gernot: Diese großen Supermarktketten legen ihren Fokus so sehr auf die Verhandlung des für sie günstigsten Preises. Da wird für uns und für die Bauern kaum etwas übrig bleiben.

Salem: Außerdem würde man ja eine Kooperation mit einem Partner eingehen, der eigentlich nicht „sauber“ arbeitet. Solche Entscheidungen müsste man individuell treffen. Überlegen müsste man sich das natürlich schon, da man über diesen Weg einfach am meisten Menschen erreicht. Schwierig wird es aber tatsächlich dann, wenn die Philosophien unterschiedlich sind.

Aber wir haben dafür in diesem Jahr auch gar nicht die Kapazität. So werden zum Beispiel die Schachteln unseres Safrans in Kreuzberg in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung nach alter Buchbindertradition von Hand hergestellt. Eine Massenabnahme könnten wir wahrscheinlich nicht mal befriedigen.

Meint ihr, das Sozialunternehmertum schafft es irgendwann aus der Nische?

Salem: Das Sozialunternehmertum tritt ja schon teilweise aus der Nische. Wir haben mit Conflictfood eine enorme Medienresonanz erfahren. Und wir haben auch den Eindruck, dass es die Leute interessiert, was bei uns passiert. Die Menschen sollen sehen: Man kann auch sozialverträgliche Unternehmen gründen und wirtschaftlich erfolgreich sein.

Aus Afghanistan haben die beiden Safran mitgebracht. 

Wie profitorientiert muss ein Sozialunternehmen generell sein?

Salem: Gute Frage, das Sozialunternehmen sollte auf jeden Fall kostendeckend arbeiten. Davon kann bei uns noch nicht die Rede sein. Natürlich werden wir uns im besten Fall irgendwann ein Gehalt auszahlen und Mitarbeiter beschäftigen, die einen fairen Lohn bekommen werden. Wir finden, entscheidend ist, was mit den Gewinnen passiert. Stecke ich alles in meine eigene Tasche oder gebe ich was ab? Uns ist es wichtig, unseren Partnern in Afghanistan auch etwas von den Gewinnen abzugeben. 

Was wollt ihr mit dem Verkauf von Produkten aus Afghanistan erreichen?

Gernot: Ein afghanisches Produkt findet man eigentlich nicht auf dem Markt. Afghanistan hat weltweit einen der geringsten Exportwerte. Wir wollen mit unserem Sozialunternehmen ein Zeichen setzen, denn auch in Ländern wie Afghanistan gibt es besondere Dinge und Spezialitäten, die es lohnt zu exportieren.

Was denkt ihr ist wichtiger: das gute Produkt oder die Geschichte dahinter?

Gernot: Beides muss gut sein. Sonst funktioniert es nicht.

Seid ihr sozusagen Guerilla-Aktivisten?

Salem: Ja, ein bisschen.

Gernot: Wir schreiben über die Entwicklungen der letzten vier Jahrzehnte in Afghanistan auf unserem Blog. Den Einmarsch der Sowjets 1979, ihren Abzug, die Taliban und das ganze Machtgerangel. Wir berichten also auch über die Probleme und die Konflikte, die es im Krisenland gibt — aber eben nicht nur. Unsere Texte, gemeinsam mit dem Produkt, sollen die Menschen aufrütteln und zeigen, dass ihr Konsum Einfluss auf das Weltgeschehen hat. Konsum ist immer auch eine politische Entscheidung. Natürlich sind wir nicht prinzipiell gegen Konsum, denn wir betreiben ja auch Handel. Konsum kann vieles bewirken, im besten Fall etwas Positives.

Wie finanziert ihr euch?

Salem: Das erste Projekt haben wir komplett aus unseren Ersparnissen finanziert. Langsam sind die aber erschöpft, deshalb haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wir wollen von klassischen Investoren und Banken unabhängig bleiben.

Woher kam die Rettung, als eure Ersparnisse aufgebraucht waren?

Salem: Da kommen wir an einen wunden Punkt.

Gernot: Seit letztem Mai haben wir einen Onlineshop, der ein oder andere Laden in Berlin verkauft unser Produkt, ein paar Zeitungen haben uns als Abo-Geschenk. Langsam geht etwas voran. Aber unternehmerisch sind wir noch lange nicht so weit zu sagen, dass sich das Unternehmen trägt. Wir können uns auch noch keine Gehälter auszahlen.  Alles was wir einnehmen, fließt sofort wieder in unser Unternehmen. Dabei müssen wir jetzt skalieren und auf jeden Fall durchhalten. 

Salem: Auch unsere Reisen in die Krisengebiete kosten Geld. Uns geht es ja darum, die Menschen vor Ort zu treffen, sonst könnten wir auch an den Hamburger Hafen fahren und da den Safran kaufen.

Arbeitet ihr nebenher noch in euren alten Jobs?

Salem: Nein, die haben wir an den Nagel gehängt. Ganz nach dem Motto: Ganz oder gar nicht. Anders würde es auch nicht gehen.

Was treibt euch in Momenten ohne Geld und Schlaf an?

Gernot: Ich bin angetrieben von der Selbstbestimmtheit in dem, was ich tue, und durch das Wissen, dass das was ich tue, keine verpuffte Agentur-Blase ist. Wir schaffen für die Menschen in Krisenregionen einen Mehrwert. Wichtig ist, nicht nur zu reden, sondern auch mal was umzusetzen.

Versteckt ihr den Safran in euren Koffern zwischen der Kleidung? Oder wie importiert ihr ihn nach Deutschland?

Nachdem es nur ein paar Kilos Safran waren, haben wir ihn im Handgepäck mitgenommen und verzollt. Das war nicht ganz einfach, weil wir die Formalien nicht kannten. Nach kleinen Recherchearbeiten haben wir am Zoll gleich offengelegt, dass sich in unserem Handgepäck zwei Kilo Safran befinden. Das hat zum Glück funktioniert.

Gab es Preisverhandlungen mit den Erzeugern?

Salem: Bisher gab es nie Preisverhandlungen. Bevor wir in Afghanistan waren, hatten wir uns noch nie mit Safranpreisen beschäftigt. Wir haben einfach gefragt, welchen Preis das Frauenkollektiv für angemessen hält. Und diesen Preis haben wir auch gezahlt. Wir wollten keinen Dumpingpreis, sondern einen fairen.  

Habt ihr eine genaue Produktkalkulation, die ihr auch offenlegt?

Salem: Ein Jahr Conflictfood ist eine zu kurze Zeitspanne, um von verlässlichen Zahlen sprechen zu können. Mit der Zeit wollen wir mehr Transparenz schaffen, damit die Kunden genau nachlesen können, wie viel die Pflückerin in Afghanistan bekommen hat. Aber auch, was der Transport und die Verpackung gekostet haben und wie viel Geld schlussendlich wieder zurück ins Krisengebiet fließt. Zurzeit kommen wir am Ende des Monats noch nicht mit einem Plus raus, deshalb fällt eine Berechnung zur Schaffung von Transparenz noch schwer.  

Bald wird es auch Freekeh, eine Weizenart aus Palästina, im Online-Shop zu kaufen geben.

Es gibt ein neues Conflictfood-Produkt. Freekeh! Eine Weizenart aus Palästina. Was ist das Besondere an diesem Korn?

Salem: Es ist ein Produkt, das in Palästina seit 4000 Jahren angebaut wird.

Gernot: Das Freekeh-Weizen ist deshalb so ideal, weil er nicht viel Land und nur wenig Wasser braucht. Jeder Kleinstbauer, jede Kleinfamilie kann es im Garten anbauen. Freekeh als Wunderkorn ist eher als eine Art Metapher zu verstehen.

Kanntet ihr dieses “Wunderkorn“ schon aus Recherchen oder wie seid ihr auf das Weizen aus Palästina gekommen?

Gernot: Wir haben das Korn entdeckt, als wir einige Zeit in Palästina verbracht haben.

Wie bereitet ihr eine Reise ins Krisengebiet vor?

Gernot: Vor jeder Reise betreiben wir eine intensive Vorrecherche und suchen nach Partnern vor Ort. Dazu gehört auch, dass wir die jeweilige Botschaft in Berlin besuchen.

Salem: Die afghanische Botschaft haben wir beispielsweise nach unserer Afghanistan-Reise besucht. Von der Idee, das Land mal von einer ganz anderen Seite zu zeigen, waren sie begeistert. Wir waren aber auch in der palästinensischen Botschaft. Besonders gut fanden sie, dass palästinensische Produkte so auch einmal die Chance bekommen, auf dem europäischen Markt verkauft zu werden. Palästinensische Produkte werden meist als israelische deklariert, da sie auf ihrem Exportweg immer durch Israel müssen. Vor und während unseren Reisen arbeiten wir aber auch viel mit NGOs zusammen.

Gab es während eurer bisherigen Reisen gefährliche Situationen?

Gernot: Besonders in Palästina war der Besatzungsstatus stark zu spüren. Wo man hinschaute: Bewaffnete und Militär. Das ist für uns natürlich ein ganz neues Bild. Ich hatte permanent das Gefühl, in einem Kriegsgebiet zu sein — sogar noch mehr als in Afghanistan. Aber durch das Privileg, einen deutschen Pass zu besitzen, öffnen sich auch dort alle Türen. Palästinenser dürfen sich nicht so frei auf beiden Seiten der Mauer bewegen, wie wir das durften.

Hattet ihr schon mal einen Kulturschock?

Salem: Oh ja, wir hatten einen Kulturschock als wir fünf Stunden lang am israelischen Flughafen verhört wurden. Man hat uns gefragt, was wir überhaupt in dem Land wollen.

Gernot: Während des Verhörs am Flughafen hat man unsere Facebookaccounts angesehen, unsere E-Mails und SMS gelesen, hat alle unsere Fotos  — auch die gelöschten — begutachtet.  Jeder, der nach Israel einreist, wird in einer Skala von eins bis sechs eingestuft. Israelis, die selber ein- und ausreisen sind beispielsweise mit einer eins bewertet und so stuft sich das dann bis hin zur sechs. Wir wurden mit einer sechs bewertet, weil Salem eben Mohammed Salem El-Mogaddedi heißt und wir gemeinsam in Afghanistan waren. Das genügt für Stufe sechs.

Salem: Wir hatten ja nichts verbrochen. In diesem Bereich saßen auch nur Kopftuchträgerinnen und Menschen, die mehr oder weniger offensichtlich einen arabischen Hintergrund hatten.

Habt ihr damit gerechnet, dass das gerade in Israel so extrem sein könnte?

Salem: Mir war das nicht so bewusst. Die Situation der Palästinenser, entstanden durch die Vertreibung und die Siedlungspolitik, ist sehr ernst. Und auch die acht Meter hohe Mauer wirkt extrem bedrückend.

Zum Schluss noch eine Frage: Sozial und Handel – Wie passt das zusammen?

Salem: Handel betreiben, setzt soziale Verantwortung voraus. Dass die meisten nur nach Profit gieren und dabei Menschen ausbeuten, ist ein anderes Thema. Wieso wurde die Wirtschaft vom Ethos getrennt? Eigentlich geht es doch darum, reflektiert, umsichtig und bewusst zu wirtschaften. Jede Handlung hat eine Folge und das sollte man sich bewusst machen.

Gernot: In unserem Fall appellieren wir an die Leute, uns nachzumachen. Afghanistan hat genügend Spezialitäten. Wir können leider nicht in jedem afghanischen Dorf Produkte kaufen, dafür sind wir zu klein, aber vielleicht ist das ja ein Ansporn für andere Unternehmer.

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