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Glasschair im Interview

Wie eine Datenbrille das Leben für Querschnittsgelähmte verbessern soll.

Startup InnovationDesign München

Glasschair, das sind Claudiu Leverenz und Shady Botros, zwei Masterstudenten an der TU München. Ihre Erfindung hat nichts mit einem gläsernen Stuhl zu tun, sondern die Verbindung von neuer Technologie und Altbewährtem. Dabei rausgekommen ist ein elektrischer Rollstuhl, der via Bluetooth mit einer Datenbrille (Smart Glasses) verbunden ist und über einfache Kopfbewegungen gelenkt werden kann. Im Interview hat Claudiu verraten, wie sie auf die Idee gekommen sind und was noch für Hürden auf sie warten.

Ihr seid ja zwei kerngesunde, junge Männer. Wie kommt man da darauf, ein Produkt für Rollstuhlfahrer zu entwickeln?

Angefangen hat es in der Uni. Wir hatten einen Kurs zum Thema "Mobility Services" und waren zu fünft in einem Team. Ein Mitglied hat in seinen Zivildienst in einem Heim für körperbehinderte Kinder gearbeitet. Dort hat er gesehen, wie abhängig die Kinder von den Betreuern sind, dass sie oft sehr lange herumliegen und nicht selber fahren können. Da ist er auf die Idee gekommen und wir haben es zusammen umgesetzt. Das war im Februar 2015.

Tetraplegiker
Ist eine Form der Querschnittslähmung, bei der aller vier Extremitäten vollständig gelähmt sind.

Was ist das Problem bei der derzeitig genutzten Technik?

Das Problem ist, dass jede Krankheit anders verläuft. Wir zielen auf Tetraplegiker ab, aber auch auf Menschen, die bei der Nutzung ihrer Hände eingeschränkt sind und keinen Joystick für einen elektrischen Rollstuhl bedienen können. Diese Gruppen sind auf andere Steuerungen angewiesen. Sehr typisch ist die über das Kinn, bei der über einen Joystick in Kopfhöhe mit dem Kinn gesteuert wird. Die sind nicht gerade leicht bzw. schwer an die jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Nutzer anzupassen.

Was ist der Vorteil von Glasschair?

Wir sind flexibler. Wir können uns individuell auf den Nutzer einstellen und die Einstellungen der Software auf die individuellen Bewegungen anpassen. Das heißt, wir geben ihm nicht vor: „Hier nur rechts und links mit der Kinnsteuerung“, sondern fragen uns: „Welche Bewegungen kann der Nutzer noch ausführen?“ 

Gründungsmitglied Claudiu Leverenz.

Arbeitet ihr mit Eye-Tracking?

Leider nicht, das funktioniert zurzeit nur mit Kopfbewegung. Google Glasses haben einen Augensensor, aber dieser kann nur das Blinzeln erfassen. Wir haben diese Funktion mit eingebaut und daher stoppt der Rollstuhl, wenn man zwei Mal blinzelt. Wir wollen uns aber auch nicht nur von einem Hersteller abhängig machen, sondern verschiedene Datenbrillen ausprobieren. Gerade haben wir eine Datenbrille aus Japan bekommen, die Augensensoren nutzt, aus denen ein neues Konzept entwickelt werden kann, mit der die Leute dann den Rollstuhl mit den Augen lenken könnten.

Habt ihr bei der Entwicklung auch Betroffene miteinbezogen?

Wir haben viele Anfragen bekommen und mit Betroffenen getestet. Einmal mit einem Muskeldystrophie Typ 2, das heißt, dass er nur eine eingeschränkte Armfunktion besitzt, die mit der Zeit immer geringer wird. Wir haben ihn dann draußen mit dem Rollstuhl fahren lassen und er hat uns gutes Feedback gegeben. Gerne würden wir bald eine größere Testgruppe haben, daher sind wir bereits mit potenziellen Kliniken in Kontakt.

Wie läuft das mit dem Akku?

Jetzt läuft alles über Bluetooth und man kann die Brille einfach an eine Powerbank anschließen, was sehr lange hält. Wenn der Akku sich dem Ende zuneigt, bekommen der Rollstuhlfahrer und seine Kontaktperson – ein Betreuer oder eine von ihm gewählte Person – eine Benachrichtigung.

Woran müsst ihr bei der Software noch arbeiten?

Wir wollen unser Produkt zu 150 Prozent sicher machen. Eine Kinnsteuerung hat immer einen Not-Aus-Knopf, den der Rollstuhlfahrer an eine leicht erreichbare Stelle angebracht bekommt. Das ist ein Sicherheitssystem bei der aktuellen Technik. Da wir mit einer Software arbeiten, haben wir schon eingebaut, dass die Verbindung aufhört, wenn die Brille runterfällt und  der Rollstuhl dann automatisch stoppt. Wir wollen aber über diesen Not-Aus-Knopf hinaus gehen, den wir auch anbringen könnten und etwas entwickeln, dass auch automatisch reagiert, wenn der Rollstuhlfahrer auf eine Gefahr zu fährt und nicht selber stoppen kann. Es soll so noch sicherer werden, als es jetzt schon möglich ist.

Wie sicher ist der Glasschair?

Wir versuchen so viele Sicherheitsmechanismen einzubauen wie möglich. Man muss das Risiko kennen und wissen, wie man es einschränken kann und es dann so klein wie möglich halten.

Zertifizierung

Die Zertifizierung für ein medizinisches Produkt kann einige Monate dauern und für ein Produkt wie Glasschair zwischen 20 und 50 000 Euro (abhängig von einzelnen Faktoren) kosten. Dabei gibt es verschiedene Klassen, die nach einer Risikoklassifizierung aufgeteilt sind. Dabei wird sich nach der „Verletzbarkeit des menschlichen Körpers“ gerichtet. Drei ist die höchste Stufe. Ein Rollstuhl ist nicht invasiv und gilt daher als risikoarm und gehört zur Stufe eins.

Was wäre denn in einem Schadensfall?

Das ist der Knackpunkt, auch bei den Rollstuhlherstellern. Wer ist am Ende haftbar? Da muss man trennen: War es ein Fehler vom Rollstuhl? War es die Elektronik oder unsere Software? Oder doch der, der gesteuert hat? Das ist die Schwierigkeit bei der Zertifizierung, weil wir die Software haben, andere aber eben für den Rollstuhl oder die Smart Glasses zuständig sind. Es gibt dafür Regularien und die haben wir auch schon zum Teil abgebildet, zum Teil müssen wir noch daran arbeiten. Das Problem ist, dass diese Normen noch nicht auf neue technologische Entwicklungen eingestellt sind. Wir sind in Kontakt mit Unternehmen, die sich mit Zertifizierungen auskennen, die uns unterstützen wollen.

Die Schnittstelle zwischen der Datenbrille und dem Rollstuhl — das Herzstück von Glasschair.

Habt ihr schon einen Investitionspool?

Wir wollten von Anfang an versuchen, das alleine zu stemmen, aus eigenen Mitteln und Kräften. Jetzt haben wir aber gemerkt, dass es schwierig ist. Wir haben bei verschiedenen Wettbewerben mitgemacht und unter anderem den ersten Platz bei „Gesundheitsvisionäre“ erreicht. Das Preisgeld konnten wir gleich in die weitere Entwicklung stecken. Ab Oktober hoffen wir außerdem auf eine Exist-Förderung vom Bundesministerium. Diese würde uns noch ein weiteres Jahr Zeit geben, um weiterzuentwickeln und in Richtung Zertifizierung zu testen, die nötig ist.

Könnt ihr langfristig gesehen abschätzen, ob der Absatzmarkt groß genug ist?

Wir versuchen generell von Rollstuhlfahrern auszugehen, deren Zahl in Deutschland bei etwa 1,6 Millionen liegt. Ein Drittel der Rollstühle sind elektrisch und ausgehend von diesen haben wir uns auf diejenigen Menschen fokussiert, die einen eingeschränkten Einflussbereich haben, die schwerbehindert sind oder in allen vier Extremitäten eingeschränkt sind.  Was bei Querschnittslähmung zutrifft, aber auch bei anderen Krankheitsbildern. Statistiken besagen, dass 1000 neue Fälle von Querschnittslähmung in Deutschland jährlich dazu kommen und weltweit etwa 250 bis 500 000. In Deutschland gibt es derzeit etwa 80 000 Querschnittgelähmte. Weltweit haben wir das dann auf sechs Millionen geschätzt.

Wie viel soll ein Glasschair kosten?

Wahrscheinlich so viel wie aktuelle Lösungen, die etwa bei drei und sechs tausend Euro liegen.  Bei uns hängt es jetzt von Zertifizierungs- und Weiterentwicklungskosten ab, die wir miteinbeziehen müssen.

Habt ihr bereits ein Geschäftskonzept?

Wenn wir es mit der Zertifizierung geschafft haben und die Hersteller Interesse haben, könnten wir uns zum Beispiel an deren Betriebskanäle anbinden. Der Nachteil wäre dann nur, dass wir an sie gebunden sind. Ansonsten wollen wir auch mit den Sanitätshäusern zusammenarbeiten. Diese sind sozusagen das Bindeglied zwischen Anwender und Hersteller oder den Kliniken. Wir würden  die Technik an die Sanitätshäuser geben und mit Workshops begleiten, sie quasi an die Hand nehmen und erklären, wie es im Grunde funktioniert.

Habt ihr schon eine Unternehmungsgründung in Aussicht?

Wir haben eine Gründung in Aussicht, können aber noch nicht Gründen aufgrund von bestimmten Voraussetzung, welche wir bis dato noch erfüllen müssen.

Wo liegen die Herausvorderungen mit einem Produkt wie dem Glasschair?

Die Herausforderung, die wir sehen, sind die Regularien in Deutschland, die sind für so etwas neues noch nicht angepasst. Es braucht noch Zeit, die Menschen darauf vorzubereiten. Das wollen wir unterstützen und sehen uns als Projekt, um solche Technologien in diesem Einsatzgebiet voranzubringen.

Vielen Dank für das Interview!

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