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Impact HUB Munich im Interview

Johann und Joscha über ihre Zukunftsvisionen, unternehmerische Herausforderungen und soziales Unternehmertum.

Benjamin Zilker, Andrea Freier David Freudenthal

Förderer NetzwerkCo-working München

Der Impact HUB Munich ist ein Kreativraum, der mit einem Angebot aus Beratung, Workshops, und insbesondere seinem Netzwerk wesentlich an der Umsetzung gemeinwohlorientierter und nachhaltiger Projekte beteiligt ist.

Wir waren dort und haben mit den Gründern Joscha Lautner und Johann Schorr geplaudert. Die beiden haben uns interessante Einblicke in ihre Arbeit gewährt und im Gespräch ging es um ihre Zukunftsvisionen, lehrreiche Herausforderungen, die Branche des Sozialunternehmertums und Utopien. 

Wie seid ihr als Impact Hub Munich organisiert und in ein größeres Netzwerk eingebunden?

Johann: Der Impact Hub München ist Teil eines globalen Netzwerks von mittlerweile 63 Hubs weltweit. Wir sind ein Verein, in dem jeder einzelne Hub eine Stimme hat und in dem im Rahmen einer weltweiten GmbH globale Angelegenheiten thematisiert werden, wie z. B. die Vernetzungsplattform für Member untereinander, die jährlichen Treffen der Hub-Betreiber und größere Kooperationen, in denen es um die globale Entwicklung geht. Unser Hub in München ist eine GmbH.

Wann habt ihr damals angefangen?

Johann: Vor dreieinhalb Jahren sind wir das erste Mal zusammen gesessen, im Dezember 2012 haben wir gegründet und die Eröffnung war im März 2014. Wir hatten damals überlegt, ob wir in das Hub-Netzwerk einsteigen oder ein Co-Working-Angebot unter einem anderen Namen machen. Wir haben damals die Betreiber anderer Hubs kennen gelernt, z. B. aus Wien und Zürich, und haben gesehen, dass dort sehr gute Leute spannende Dinge tun und dass es ein sehr starkes Netzwerk gibt, das gleichzeitig sehr frei ausgerichtet ist und sich individuell entwickeln kann. Das hat uns interessiert und deswegen wollten wir einen Hub gründen und haben dafür damals einen sehr aufwändigen Aufnahmeprozess in Kauf genommen.

Das Wirkungsfeld des Hubs ist in drei Kreisen zu beschreiben: Zum einen der Arbeitsraum, der sich als eine Infrastruktur verschiedenartiger Arbeitsformen gestaltet (z. B. Co-Working-Plätze, wo man sehr individuell jeden Tag neu seinen Platz sucht, aber auch festere Arbeitsplätze wie Büros, Meeting-Räume, Drucker und Internet, etc.). Die zweite Säule betrifft das Netzwerk, das vor Ort und global agiert. Unser Selbstverständnis ist stark davon geprägt, dass wir Leute aktiv zusammenbringen und vernetzen und dafür eine ganze Reihe an Methoden zur Verfügung haben. Den dritten Bereich stellt die inhaltliche Ausrichtung dar, die sehr stark an Werte geknüpft ist. Wir bieten eine Reihe von Veranstaltungen zu den Themen „gemeinwohlorientiertes Wirtschaften“ und „vernetztes Arbeiten“ an.

Co-Working Space vom Feinsten.

Was ist euer Alleinstellungsmerkmal bzw. inwiefern unterscheidet ihr euch von klassischen Co-Working-Angeboten?

Johann: Wir wollen uns deutlich vom klassischen Co-Working unterscheiden, da der Co-Working-Begriff in Deutschland damit belegt ist, dass man einen Raum gemeinschaftlich nutzt, um Kosten zu sparen und der Austausch dabei aber häufig nebensächlich ist. Uns geht es darum, als Infrastrukturgeber nicht Mittel zum Zweck zu sein, sondern darum, an die Schnittstellenpotentiale zu kommen, die entstehen, wenn man Menschen unterschiedlicher Branchen an einem Ort zusammenführt und sie sich aktiv vernetzen. Sowohl unsere Ausrichtung an den Werten des gemeinwohlorientierten Wirtschaftens als auch der Rahmen für das aktive Vernetzen sind sicherlich Unterscheidungskriterien. Es ist das, was uns im Kern wichtig ist.

Das heißt ihr seid kein Großraumbüro, was ja einen eher negativen Co-Working-Geschmack hat, sondern ihr wollt in erster Linie das Netzwerk für Co-Working schaffen.

Johann: Hier findet tatsächlich Co-Working im Sinne von Co-Creation statt. Es ist der Schritt, der über Co-Working hinausgeht. Wir haben z.B. keinen branchenspezifischen Arbeitsraum, sondern wollen gezielt branchen- und altersübergreifend möglichst diverse Mitglieder haben. Mit übergreifend meinen wir auch hinsichtlich der jeweiligen Projektphase, also an welchem Punkt der Unternehmungen man sich gerade befindet (von der frühen Ideenphase bis zur etablierten Unternehmung). Es ist interessant zu sehen, zwischen welchen Phasen spannende Schnittstellen sind.

Im klassischen Großraumbüro arbeiten zwar alle nebeneinander, aber eigentlich jeder für sich und es gibt separate Abteilungen für gewisse Probleme. In eurem Konzept geht es darum, flexibel, je nach den Fähigkeiten und dem aktuellen Stand, zu arbeiten?

Johann: Es geht tatsächlich darum, sich für die Projekte der anderen zu interessieren und auf Kooperation zu setzten statt auf Konkurrenz, was leider immer noch prägend für das zur Zeit stattfindende Wirtschaftsleben ist. Wir versuchen, den höheren Wert in der Kooperation und den Schnittstellen zu suchen, um damit letztendlich höhere Entwicklungsgeschwindigkeiten zu erreichen.

Johann im Interview.

Konkret zu eurer Art der Zusammenarbeit. Wie würdest du eure Anfangsphase beschreiben? Wie habt ihr als Team kommuniziert, die Aufgabenverteilung geregelt und welche Hürden gab es am Anfang?

Johann: Rückblickend würde ich sagen, dass die Startphase, die bis heute andauert, von zu hoher Arbeitsbelastung geprägt war. Die Tage waren oft lang, auch weil wir konsequent Investoren-Angebote ausgeschlagen haben, was zur Folge hatte, dass unsere Ressourcen knapp waren und wir Vieles selbst machen mussten. Wir haben die lang andauernde Phase der Immobiliensuche (wobei das Glück uns auf die Sprünge geholfen hat) effektiv genutzt, um uns gegenseitig gut kennen zu lernen. Wir drei Gründer kannten uns vorher nicht und haben in verschiedenste Richtungen Workshops miteinander gemacht (mit professionellen Workshop-Gebern). Das hat uns klare Richtlinien gegeben. Wir haben uns im Vorhinein stark mit Teambuilding beschäftigt. Unsere Art der Zusammenarbeit hat sich in einem Prozess entwickelt, in dem alle Beteiligten versucht haben, Wege zu finden, bestmöglich miteinander zu kommunizieren. Dort wo es Sinn macht, kommunizieren wir mithilfe von Tools.

Welche Tools benutzt ihr?

Johann: Wir haben im Prinzip ein wesentliches Projektmanagement-Tool (Podio), auf das jeder im Team Zugriff hat und das uns die Organisation erheblich erleichtert. Gleichzeitig benutzen wir Own Cloud, auf der alle Daten liegen. Das sind unsere wesentlichen Hilfsmittel im Team.

Abgesehen von digitalen Tools, habt ihr in regelmäßigen Abständen Team-Meetings und gibt es Mitarbeiter, die bestimmte Projektleitungen übernehmen?

Johann: Genau, Projektverantwortung heißt, man nimmt sich eines Themas an und hat dafür den Hut auf, d. h., dass man in der weiteren Bearbeitung des Themas in der Verantwortung steht, es voranzutreiben. Wir haben ein wöchentliches Team-Meeting, indem alle wichtigen Punkte zur Sprache kommen. Das Meeting dient weniger den großen Entscheidungen, sondern dem Informationsaustausch und kleineren Alltagsentscheidungen. Außerdem haben wir innerhalb des Kernteams 3-Monatspläne (mit entsprechenden Meetings), um gemeinsam zu planen, wie die nähere Zukunft aussehen wird.

Werden diese Meetings dazu genutzt, sich Ziele zu setzen?

Johann: Ziele in Form von Umsatzerwartungen haben wir gar nicht.

Aber in Bezug auf Projektabwicklungen?

Johann: Genau, die Ziele der Meetings betreffen einerseits Deadlines, zum anderen helfen uns die Meetings, einen Überblick zu bekommen, worauf in nächster Zeit der Fokus liegt. Wir haben z. B. Anfang des Jahres beschlossen, dass in diesem Jahr (2015) der Fokus auf der Entwicklung der Community liegen soll. Das hatte in der Unterteilung eines 3-Monats-Planes zur Folge, dass der Blick immer wieder darauf gerichtet wurde, ob wir auf dem richtigen Weg sind, das Ziel zu erreichen. Darüber hinaus gibt es natürlich noch Geschäftsführer- und Gesellschaftertreffen.

Welche Gesellschaftsform besitzt ihr und wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Johann: Wir sind eine GmbH. Wir hatten damals verschiedene Rechtsformen auf dem Radar. Die Rechtsform der GmbH haben wir gewählt, weil wir eine Struktur wollten, in der schnelle Entwicklungen möglich sind und konsequente Entscheidungen getroffen werden können. Wir haben versucht, die GmbH so anzupassen, dass sie einige Aspekte einer Genossenschaft beinhaltet. Zentral ist, dass wir festgelegt haben, dass die Gesellschafterrolle bzgl. der Wertsteigerung der Anteile neutralisiert ist. Wir bekommen immer nur unser Stammkapital zurück. Sollte bei einer Liquidierung etwas übrig bleiben, geht es an eine Stiftung mit ähnlicher Ausrichtung. Das alles dient dazu nicht als Gesellschafter monetär von der Entwicklung des Hubs zu profitieren und gleichzeitig den Schwerpunkt auf die Geschäftsführerrolle zu legen. Die GmbH war als Gesellschaftsform am besten geeignet, um ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen zu führen. Ziel ist es, unsere Anteile in der GmbH irgendwann an z. B. an einen Verein zu überschreiben, der mehrere Personen umfasst, die die Werte wahren und gegenüber den Geschäftsführern der GmbH weisungsbefugt sein werden. Diese Form ist wesentlich einfacher in der Abwicklung, es ist viel weniger Aufwand als z.B in einer Genossenschaft. Wir wollten unsere Ressourcen vor allem darauf konzentrieren, was uns inhaltlich wichtig ist. Da wir bewusst auf Investoren verzichtet haben, war unser Finanzierungsmodell aufwändig: Wir haben uns für Mikrobürgschaftsdarlehen entschieden, d. h. insgesamt 80 Personen (größtenteils aus der Community/Hub-Member) haben mit Kleinstbeträgen und Mikrobürgschaften mitfinanziert. Mit diesem Modell bleiben wir letztlich in Bezug auf gemeinwohlorientiertes Wirtschaften unseren Mitgliedern gegenüber authentisch, da wir Alternativen entwickeln.

Im Gegensatz zum Modell der Genossenschaft habt ihr zwei Geschäftsführer weniger Verantwortung, den Mitgliedern Berichte vorzulegen bzw. ihr müsst keine Mitgliederversammlung etc. veranstalten.

Johann: Theoretisch könnten wir sehr Vieles zu zweit machen. Das ist aber nicht unser Ansatz. Wenn uns genug Menschen kennen gelernt haben werden, die den Hub wie wir auffassen, entwickelt sich eine Art Eigendynamik. Dadurch entsteht eine größere Gruppe an Menschen, die auf diesem Fundament etwas weiterentwickeln wollen. Aber ich denke, es ist wichtig, erst mal so ein Fundament herzustellen, gerade wenn es sich um ein "Orchideen-Dasein" handelt wie beim Impact Hub München.

Das setzt auch ein enormes Vertrauen der Leute voraus, vor allem in der Phase, in der ihr noch Bürgschaften einsammeln musstet.

Johann: Genau aus diesem Grund sind wir gegenüber diesen Personen sehr transparent, also d. h. sie haben Zugang zu allen Informationen bzgl. der Geschäfte. Wir haben letztendlich auf einem anderen Weg ähnliche Strukturen geschaffen wie bei einer Genossenschaft, die — wenn man es rein rechtlich sehr scharf betrachtet —  noch sehr auf Vertrauen setzen.

Was die Teamarbeit betrifft: Wie kommuniziert ihr in Konfliktsituationen miteinander? Hattet ihr schon größere Konflikte? Du hast vorhin angesprochen, dass ihr früher drei Gründer wart, jetzt seid ihr zu zweit. Kann man da einen Konflikt vermuten?

Johann: Konflikte gab es in den letzten drei Jahren in verschiedenen Dimensionen immer wieder. Im Alltag handhaben wir Konflikte durch sehr viel Kommunikation allen Beteiligten gegenüber. Jeder soll mit seinen Bedürfnissen und Themen gehört werden. Interessant wird es dann, wenn man im Team an einen Punkt gelangt, an dem es energieziehend ist. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir gut daran tun, in so einem Fall zu reagieren und das kann wiederum dazu führen, dass man Partnerschaften wieder auflöst. Aber bevor dies eintrifft, versuchen wir erst, auch unter Hinzunahme dritter, die Schwierigkeit zu lösen. Ein Zeitraum, in dem wir mehrere Reflexionsschleifen durchlaufen. Wir nehmen häufig Rollenveränderung von Einzelnen vor. Das kann aus einem individuellen Bedürfnis heraus entstehen oder ein Resultat dessen sein, dass es für den Hub vonnöten ist, um die nächsten Schritte gehen zu können. Es ist wichtig,  im Team immer wieder umzustellen, weil wir erst dann am besten aufgestellt sind, wenn jeder das tut, wofür er intrinsisch motiviert ist.

Du hast eben auch die Dreierkonstellation mit Carina angesprochen, die kurz nach der Gründung wieder ausgestiegen ist. Wir standen damals unter enormem Druck und haben dadurch die Bedürfnisse der Einzelnen und deren achtsame Wahrnehmung zu sehr außer Acht gelassen. So würde ich es heute im Nachhinein beschreiben. Wir haben es trotz dieser Notsituation (für die GmbH und den Einzelnen) dennoch geschafft, einen Weg zu finden. Wir haben gelernt, wie man solche Anträge wieder auflöst und verstehen uns heute sehr gut. Es geht darum, in Konfliktsituationen einen Weg zu suchen, wieder zusammen zu kommen.

Wir haben auch in anderen Interviews festgestellt, dass der Umgang mit Konflikten eine der Kernfragen ist, und dass Unternehmungen auch des Öfteren daran scheitern, wenn sie nicht gelöst werden können.

Johann: Gerade in der Anfangsphase eines Start-ups, in der der Druck enorm hoch ist, spielt das eine wichtige Rolle. Wir haben eine Immobilie angemietet, die 10.000 Euro im Monat kostet. Wir haben uns viel vorgenommen und es erfordert eine irrsinnige Fokussierung. Das bedeutet auch, dass man - selbst wenn man im Vorhinein versucht hat, sich kennen zu lernen und Dinge abzuklären - sehr gut zusammen passen muss, um das Energielevel zu halten. Für das Vorhaben ist es entscheidend, zu erkennen, wann das Energielevel kippt und nach unten gezogen wird, um dann entsprechend einzulenken, um in der Unternehmung weiter kommen zu können. Die Herausforderung besteht darin, gleichzeitig die individuellen Situationen wahrzunehmen. Schließlich hat jeder schon viel investiert. Das sind schwierige, aber auch lehrreiche Herausforderungen.

Man kann sich gut vorstellen, dass es – von der professionellen Herausforderung abgesehen – eine private Herausforderung ist, weil viel Privatleben an so eine Unternehmung geknüpft ist und Freizeit dafür geopfert werden muss. Wie bist du damit umgegangen?

Johann: Generell würde ich sagen, dass die Arbeitsbelastung definitiv zu hoch war. Gleichzeitig hatte diese Entwicklungsphase eine unheimliche Energie, die einen komplett hineingezogen und gebündelt hat. Das soziale Umfeld hat ganz klar darunter gelitten. Man ist dann bei einigen Partys eben nicht dabei, auch in einer Beziehung ist es eine Herausforderung, weil man seltener da ist, vor allem aber, weil man Tag und Nacht gedanklich bei der Arbeit ist. Das ist für den Partner sicherlich nicht immer einfach. Gleichzeitig hat es eben diese enorme Energie. Es zieht viel Energie, gibt aber auch viel Energie zurück. Man erreicht im Laufe dieses Prozesses auch immer wieder den Punkt, an dem man sich fragt, warum man das eigentlich tut. Aber sobald man sich wieder auf das Fundament besinnt, entsteht trotz akuter Probleme wieder Energie, weil man das große Ganze im Blick hat. Es ist wichtig zu erkennen, wann für den Einzelnen Möglichkeiten entstehen, sich zu entspannen, selbst wenn die Kollegen gerade rennen. Seitdem wir diese Stellschrauben verändert haben, ist die Arbeitsbelastung deutlich gesunken.

Aus welchem Bereich kommst du und was hast du gemacht, bevor du zum Hub gekommen bist?

Johann: Ich habe Design studiert, als Systemdesigner abgeschlossen und mich nach dem Studium direkt selbständig gemacht. Für mich war schon früh klar, dass ich nicht in eine Anstellung möchte. Ich habe im Studium auch schon mal gegründet, das war aber eher um das einfach mal auszuprobieren.

Was genau hast du ausprobiert?

Johann: Wir haben eine Internetplattform zur Vermarktung von Produkten kleiner Design-Labels aus Deutschland aufgebaut, allerdings verpasst, das Geld zu einem günstigen Zeitpunkt in die Hand zu nehmen und richtig durchzustarten. In meiner Selbständigkeit nach dem Studium habe ich für Agenturen und Startups als freier Konzepter gearbeitet.

Wen würdet ihr als eure Zielgruppe beschreiben bzw. euer Umfeld und die Leute, die hier arbeiten?

Johann: Eine Zielgruppendefinition wie man sie klassischerweise kennt, haben wir nicht. Ich würde aber sagen, dass sich durch unser Auftreten, die Gestaltung der Räume und das Veranstaltungsprogramm bestimmte Menschen angesprochen fühlen. Wir achten darauf, dass hier keine Dinge auf Kosten anderer stattfinden. Damit meine ich auch Verdrängungsmechanismen – wenn z.B. eine Unternehmung zu groß wird. Es gibt hier z.B. nicht die Möglichkeit, zwei Büroräume zu mieten. In so einem Fall wächst man aus dem Hub heraus. Ein anderer Fall wäre, wenn sich hier ähnliche Projekte formieren und aggressiv versucht wird, die andere Gruppe auszuschalten – das ist zum Glück bisher aber noch nicht eingetreten. Der Hub ist mehr als ein Arbeitsplatz, weil man den Vorteil der Vernetzung hat. Es spricht vor allem die Leute an, die an Alternativen zum vorherrschenden Wirtschaftssystem und an Kooperationen und Schnittstellenpotentialen interessiert sind.

Wie empfindet ihr das gesamte Umfeld? Sind Unternehmungen immer klar als ethisches, nachhaltiges Wirtschaften im Sinne des Sozialunternehmertums einzuordnen? Wie einfach ist die Kategorisierung zwischen ethisch nachhaltigem Wirtschaften und klassischem Wirtschaften?

Johann: Wir nehmen diesbezüglich einen klaren Standpunkt ein und wollen mit dem Hub auch Rahmen- und Impulsgeber sein. Wir verstehen uns als "Orchidee", die eine Alternative darstellt, gleichzeitig aber auch möglichst anschlussfähig sein soll. Das heißt, dass wir unbedingt den Kontakt zur Wirtschaft um uns herum suchen, um an die Schnittstellen auch heranzukommen bzw. an die einzelnen Menschen, die in den verschiedenen Themengebieten und Unternehmen tätig sind und Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Wir wollen nicht separieren, sondern möglichst offen sein. Wir haben regelmäßig Buchungen für Tagesworkshops oder Mehrtagesworkshops für größere namhafte Unternehmen. Für sie ist es eine neue Erfahrung. Sie geben uns Rückmeldung, dass sie noch nie so locker und intensiv und persönlich miteinander gearbeitet haben. Wir schaffen für ein bestimmtes Klientel neue Erfahrungshorizonte.

Besteht die Gefahr, dass ein großes Unternehmen die Kooperation mit dem Hub als Marketingstrategie nutzt, um nach außen alternativ und innovativ zu wirken, letztendlich aber dadurch ein falsches Ziel verfolgt wird?

Johann: Das ist in der Tat ein zentrales Diskussionsthema. Meine Erfahrung als Hub-Betreiber hat mir gezeigt, dass es grundsätzlich gilt, genau hinzusehen. Man kann nicht nur in große oder kleine Unternehmen einteilen. Man muss sich die Menschen dahinter sehr genau ansehen und dann ein Gefühl dafür entwickeln, wie aufrichtig die Leute sind. Es kann natürlich sein, dass jemand in einem Konzern ein Marketing-Interesse verfolgt, aber es kann eben auch sein, dass eine Person ein aufrichtiges Anliegen hat. Ich bin aufgrund meiner persönlichen Erlebnisse diesbezüglich offener geworden. Umgekehrt kann es auch passieren, dass ein Partner sich genauso verortet wie der Hub, die Differenzen aber enorm sind.

In welchen Bereichen würdest du sagen, habt ihr wirklich einen Impact und wo würdest du sagen, dass
ihr – realistisch gesehen – gar nicht mehr so viel bewirken könnt und wollt?

Johann: Wir verstehen uns als Rahmen- und Impulsgeber, indem wir Menschen durch die verschiedenen Dimensionen des Hubs die Möglichkeit geben, ihre Unternehmungen in eine bestimmte Richtung zu entwickeln und Zugangshürden abzubauen. Sie sollen mit dem Herzen dabei sein (nicht nur mit dem Verstand) und die Dinge in die Umsetzung bringen. Wir sind Impulsgeber durch unsere Veranstaltungen, die Konzeption unserer GmbH sowie die Vorschläge und Experimente. Aus der Community des Hubs geht eine ganze Reihe an Projekten hervor, die gesellschaftliche Entwicklungen anders angehen. Wir haben aus Umfragen unter den Hub-Membern deutlich herausgehört, dass der Hub für das Gelingen der Unternehmung enorm wichtig war. Über 50% sagen das und das ist dafür, dass wir nur "Rahmengeber" sind, ein bemerkenswertes Ergebnis. Wir wollen Leute in eine Realität bringen, in der Lebensenergie in Herzensangelegenheiten investiert wird und die Leute tatsächlich auch davon leben können. Deshalb hat der Hub aus sich heraus eine Strahlkraft, die die Menschen begeistert.

Würdest du sagen, dass es manchmal zu idealistisch ist zu glauben, dass man das machen kann, was man will. Ist das tatsächlich umsetzbar?

Johann: Es ist erst mal ein idealistisches Bild, das ich hier gezeichnet habe. Ich mache im Alltag natürlich nicht nur Dinge, die ich gerne tue. Das Ziel, für das ich diese Dinge tue, habe ich mir allerdings selbst ausgesucht. Ich persönlich denke, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist zu wissen, was er eigentlich tun will und dass man in Co-Creation mit anderen Menschen auch Ideen dazu entwickeln kann. Und dann geht es um die Frage, wie der Schritt aussieht, damit es auch Realität werden kann.

Joscha: Das passiert nicht von heute auf morgen, weswegen es dann auch diese idealistische Färbung verliert. Es geht eigentlich immer nur um den nächsten, kleinstmöglichsten Schritt in die Richtung. Entscheidend ist auch, welche Perspektive sich dadurch öffnet. Es ist eine bewusste Entscheidung, ob man Lust hat, neue Perspektiven anzunehmen oder nicht.

Was ist denn deine persönliche Vorgeschichte, also was hast du vor dem Hub gemacht?

Joscha: Es war schon in der Schulzeit so, dass mir das „aktiv-sein“ und Projekte organisieren ein Gefühl der Erfüllung gab und es mich mehr als die Schule selbst interessiert hat. Ich war auch eine Zeit lang in Indien und wollte herausfinden, ob Weltfrieden möglich ist, bzw. ob man etwas Sinnvolles in Richtung Gerechtigkeit und ökonomische Entwicklung tun kann. Die Erkenntnis, die ich damals gewonnen habe ist, dass es nicht darum geht, die Welt verändern zu wollen, sondern damit jetzt anzufangen. Diese Kernerkenntnis hat mich dazu bewegt, nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich als Individuum die Gesellschaft gestalten kann. Und nicht darum, immer mehr zu wollen und immer nach Höherem zu streben. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt in meiner Auseinandersetzung mit Gesellschaftsgestaltung. Ich bin dann auf Ashoka und den Gedanken des sozialen Unternehmertums (Wirtschaft und Soziales verbinden) aufmerksam geworden.

Der Gedanke, bei sich selbst anzufangen und nicht die Welt verändern zu wollen ist interessant, denn das Vokabular in der Szene geht sehr wohl in die Richtung, dass der Einzelne die Welt verändern kann. Diese psychologische Ebene, der Schritt vorher, erst mal bei sich selbst anzufangen, wird allerdings oft ausgelassen. (zumindest in der Rhetorik)

Joscha: Daraus entstehen dann Dogmen, Ideologien und Überzeugungen und das Resultat sind am Ende psychisch ausgebrannte Menschen. Ich hatte damals das Glück, es erleben zu können und meine Rückschlüsse zu ziehen. Es geht nicht darum, den Anspruch zu haben, die Welt verändern zu müssen, sondern darum ein Stück weit demütig zu bleiben. Nach Indien fing die Reise an. Ich habe mich mit diversen Themen auseinandergesetzt: Mit Ashoka, mit Caritas und Social Business, mit der deutschen Sozialwirtschaft und Gemeinwohlökonomie. Ich habe dann im Rahmen der Ashoka-Jugendinitiative mit Jugendlichen gearbeitet. Es ging darum, sie dazu zu befähigen, ihren Leidenschaften nachzugehen, eigene Projekte zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren und auf systemischer Ebene Schulen zu Orten zu machen, wo so etwas selbstverständlich wird. Übertragen auf den Impact Hub ist die Frage, wie man eine Stimmung in der Gesellschaft erreichen kann und wie es eine Selbstverständlichkeit werden kann, dass man Dinge mit Leidenschaft tut. Mein erstes Praktikum der Ashoka-Jugendinitiative habe ich im ehemaligen Hub Berlin gemacht. Damals habe ich die Lust verspürt so etwas auch zu machen. Ich war auch bei telefonica und habe auch die Arbeit in einem großen Konzern mitbekommen. Der Drang, vieles auszuprobieren, bevor man sich dann endgültig entscheidet, ist ein zentrales Thema unserer Generation.

Joscha im Interview.

Habt ihr das Gefühl, dass ihr Synergien aus der Zusammenarbeit mit größeren Unternehmen ziehen könnt? Oder habt ihr das Gefühl, dass ihr besser in eurem kleinen Rahmen bleibt. Wie sieht es mit einer Kooperation mit etablierten Institutionen aus dem Sozialsektor wie z.B. der Caritas aus?

Joscha: Es besteht viel Interesse von deren Seite, aber dann wiederum wenig Mut, mit jungen Menschen zusammen zu arbeiten. Es besteht viel Angst. Ich weiß von einigen Projekten, die dann nicht geklappt haben, weil dann die Befürchtung war, dass wir noch nicht reif genug sind.

Das heißt, man hat in deren Augen nicht das Recht, noch in der Experimentierphase zu sein? Es ist ein großer Schritt zu sagen, ich baue mir selbst etwas auf und bin sofort auf Augenhöhe. War das eine Herausforderung?

Impact Investment
Darunter werden generell Investitionen verstanden, die sowohl sozialen und ökologischen Nutzen als auch finanzielle Erträge generieren. Zunehmend legen Investoren neben der Aussicht auf eine finanzielle Rendite auch Wert darauf, dass ihre Kapitalanlagen einen direkten ökologischen und sozialen Nutzen erzielen. Hierzu zählt eine Vielzahl an an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten, die sich über fast alle Anlageklassen erstrecken und unterschiedliche Risiko- und Renditeprofile aufweisen wie z. B. Microfinance Investment Funds, Green Building Investment Funds oder Nachhaltige Waldinvestments. 

Joscha: Auf jeden Fall! Vor allem weil das alte System mit all dem Glanz und Gloria so viel verspricht. Ganz nach dem Motto, man finanziert sich ganz easy über Impact Investment etc. Allerdings haben wir den starken Wunsch verspürt, unabhängig zu bleiben – in dem Wissen, dass wir notfalls immer noch zum alten System zurückkehren können. Ein Thema ist auch, dass gewisse Organisationen komplett andere Schnittstellen brauchen, an denen sie zusammenarbeiten und diese Schnittstellen können junge Organisationen häufig nicht bieten.

Habt ihr bewusst Akquise betrieben bzw. wolltet ihr bestimmte Leute im Hub mit dabei haben?

Joscha: Nein so haben wir das nie gemacht. Wir haben in erster Linie Community-Building gemacht und versucht, die Leute zu begeistern indem wir Veranstaltungen gemacht und ihnen gezeigt haben, wer wir sind. Das ist ja letztlich auch eine Form von Marketing. Zu den Veranstaltungen haben wir auch gezielt Leute eingeladen.

Mir ist gerade noch ein ganz allgemeiner Gedanke eingefallen. Wenn man z.B. das Thema nachhaltige Ernährung und Bio näher betrachtet: Diesen Gedanken haben Leute bereits seit Jahrzehnten gelebt. Die Leute, die damals dafür gekämpft haben, sind zum Teil nicht diejenigen, die heute davon profitieren. Es ist der Lauf der Dinge, dass erst eine bestimmte Gruppe für eine Sache kämpft und plötzlich wird es Normalität. Was die Entwicklung und globale Auswirkung des Sozialunternehmertums betrifft, das wird man sehen. Aber irgendwann kann man sagen, ist das Feld bereitet. Ähnlich ist es mit dem Thema gemeinwohlorientiertes Wirtschaften. Wenn man es im Kontext der Diskussion um das Sozialunternehmertum sieht, gibt es wahnsinnig viele Initiativen, die viel Aufmerksamkeit innerhalb der Szene bekommen – jedoch fehlt es häufig noch an langfristiger Tragfähigkeit. Das sieht man sehr gut daran, dass sehr viele soziale Startups entstehen, die dann die ersten zwei Jahre nicht überleben. Ich glaube das hat viel damit zu tun, dass das Feld dafür noch nicht reif ist. Wenn wir in diesem Feld "weiterackern" und dranbleiben, dann ist es gut möglich, dass es in 20 Jahren Puff macht und es plötzlich Normalität wird, dass sich Unternehmen gemeinwohlorientiert ausrichten.

Stichwort Kannibalismus. Habt ihr den Eindruck, dass von "Neoliberalen" – als Gegenüberstellung zum gemeinwohlorientierten Wirtschaften – versucht wird, gewisse Inhalte für sich zu inkorporieren? Wie zum Beispiel das Thema „Bio“, das zu einer Marke geworden ist. Supermärkte beispielsweise verdienen mit Bio sehr viel mehr als mit normalen Produkten. Wie können solche Trends instrumentalisiert werden und wie steht ihr dazu?

Joscha: Natürlich, es ist nicht schwer zu beobachten, dass instrumentalisiert wird. Gleichzeitig glaube ich, dass die Beschäftigung mit gemeinwohlorientiertem Wirtschaften so an den Kern von Unternehmungen geht, dass es großen Unternehmen sehr schwer fallen wird, sich nur "die Kleider anzulegen", davon aber gar nichts zu übernehmen. Jeder Großkonzern könnte sich entscheiden, sein Unternehmen gemeinwohlorientierter auszulegen, wobei ihm dann aber das Finanzsystem im Weg steht, das extrem konträr zum gemeinwohlorientierten Wirtschaften funktioniert.

Wie wichtig ist, dass man sich bei der Umsetzung an das ursprüngliche Selbstverständnis der Pioniere hält? Bio z. B. hat sich ursprünglich sehr viel strenger verstanden, als es heute umgesetzt wird.

Johann: Die Frage ist immer, in welcher Zeitdimension man denkt. Natürlich vertreten Pioniere – sei es Bio oder etwas anderes – immer erst mal eine sehr konsequente Haltung und sind von einem starken Idealismus getrieben. Es gibt aber immer Realitätsanpassungen. Der Anspruch, wie ihn vielleicht manche Ökopioniere hatten, ist vielleicht nicht erfüllt. Allerdings hat sich Vieles getan (bspw. geringerer Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft). Auch die Zeitachsen, in denen Social Entrepreneurship beschrieben wird, sind häufig zu kurz angesetzt. Es ist ein Unterschied, ob man von einer gedachten Lösung ausgeht oder einer bei den Menschen angekommenen Veränderung im Sinne einer langfristigen Verhaltensänderung. Dafür sind längere Zeitachsen einzuplanen.

Es sind immer Schleifen, d.h. es gibt Realitätsanpassungen an Systeme, die überall vorherrschend sind. Es gibt immer eine Phase, in der die Strukturen noch nicht auf das eingehen, was sein will.

Was steht bei euch gerade aktuell an?

Johann: Die nächsten Schritte werden sehr viel mit der Verstetigung zu tun haben. Wir haben bis jetzt erst einmal aufgebaut und wollen nun Strukturen finden, alles in einen Rhythmus zu bringen. Für das Jahr 2015 ist der Fokus auf der Community-Entwicklung. Wir haben zahlreiche Formate angeboten, die zur Interaktion und Vernetzung geführt haben. In Zukunft soll der Fokus verstärkt auf die Entwicklung neuer Projekte und Unternehmungen gelegt werden, die aus der Gemeinschaft entstehen. Wichtige Zukunftsüberlegungen sind außerdem das Aufrechterhalten der Arbeitsmotivation und die regelmäßigen Rollenveränderungen, damit jeder Mitarbeiter weiterhin das tut, was er gerne tun will.

Die nächste Frage ist ein wenig abstrakter: Habt ihr eine Utopie einer faireren Wirtschaft? Was könnt ihr euch vorstellen und was nicht?

Joscha: Für mich gibt es in einer Utopie keine Distinktion zwischen Sozialunternehmern und Unternehmern mehr. In meiner idealtypischen Vorstellung gibt es keine Unternehmen mehr, die nicht den Kerngedanken haben, die Menschheit voranzubringen und an einer Welt zu arbeiten, die für alle funktioniert – Mensch, Natur und Umwelt. Also eine Welt ohne egozentriertem Handeln – in der das alles Normalität ist, so dass man darüber überhaupt nicht mehr reden muss. Egozentriertes Denken und Handeln gibt es in dieser Utopie nicht mehr. Allerdings ist es eine sehr scharfe und pragmatische Welt, die ein intrinsisches Interesse am Wohlauf der Menschheit und dem Planeten hat.

Vielen Dank für das Interview!

 

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