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Ein soziales Bier für München

Wie lokaler Bierkonsum lokale Sozialprojekte unterstützen kann

VerantwortungRegional

Einer eurer Slogans heißt „Trink doch mal für andere, du Flasche!“ Was meint ihr mit dieser Aufforderung?

Mit dem Konsum unseres Bieres können Verbraucher soziale Projekte unterstützen. Natürlich kann man unser Bier auch alleine trinken und auch nur für den alleinigen Genuss, aber ein Teil des Gewinns geht letztendlich an soziale Projekte. Das sind in etwa zehn Cent pro Flasche, die wir letztendlich spenden. Ein kleinerer Teil deckt die Kosten des Projekts, ansonsten machen wir das in München auch noch ehrenamtlich. Wir sind als Quartiermeister in München seit Juni 2012 aktiv und haben seitdem 25.000 Euro in lokale Initiativen investiert. Wir sind aber auch in Leipzig, Dresden und Berlin als Hauptstandort tätig. In Berlin läuft es auch mit Abstand am besten.

Alkohol und soziale Verantwortung? Das soll zusammenpassen?

Dieses Thema gehen wir sehr offen an. Wir sind zum Beispiel am überlegen, ob wir ein alkoholfreies Produkt machen sollen.  Auf der anderen Seite fragt man sich doch dann: Wo soll man hier die Grenze ziehen? Zucker? Koffein? Die Ursprungsidee von Quartiermeister war, dass Menschen aus ihrer Nachbarschaft zusammenkommen, um sich zu unterhalten und Gesellschaft zu leisten. Bier trinkt man einfach meistens in der Gemeinschaft. Wir denken, dass Menschen so zusammenkommen können, um gewisse Dinge auch zu kommunizieren. Das ist bei Klopapier nicht möglich. Niemand spricht über den Typ Klopapier, den er oder sie verwendet. Wir wollen nicht zu mehr Bierkonsum aufrufen, aber wenn man mal ein Bier trinkt kann, man ja mal eins von uns nehmen.

Jan von Quartiermeister München im Interview

Wo kann man das Quartiermeister in München kaufen?

Wir haben mehrere Verkaufsstellen, die auch alle auf unserer Homepage stehen. Da kann man dann auch entscheiden, ob man sich einen Kasten holen will oder einfach in die Kneipe geht. Wir versuchen, in immer mehr Getränkemärkte reinzukommen. Da gibt es bisher zwei in Maxvorstadt und zwei in Haidhausen und jeweils einen in Riem und Ottobrunn.  Generell ist es schwierig, weil die Gastronomie leider sehr Brauereigebunden ist. In Sendling weiß man, was man kaufen kann, wenn man in einer Augustiner reinläuft. Die Brauereien können so natürlich ganz einfach festlegen, was getrunken wird. Dadurch fallen viele Gastronomiebetriebe bereits weg. Oftmals haben die dann auch gleich ein gekoppeltes Saftangebot und es ist klar, was für ein Wasser getrunken wird. Gut für diese Unternehmen, aber schwer für uns da reinzukommen.

In München gibt es auch nur den Kiosk an der Reichenbachbrücke, der als einziger Späti hochgehalten wird. In Berlin hast du hunderte davon. Spätis haben aber auch wiederum ihre eigenen sozialen Komplikationen. Viele arbeiten rund um die Uhr, haben aber gerade mal zwei Kunden pro Stunde. München ist da ein bisschen anders. Das sind einfach regionale Unterschiede: wo die da oben nicht so viel Auswahl an Brauereien haben, haben wir im Umkreis von 50 Kilometern mehrere. 

Kommt das Bier denn auch aus München? Ihr braut das Bier meines Wissens ja nicht selbst.

Wir arbeiten ausschließlich mit regionalen Brauereien zusammen. Es ist schon der Wahnsinn, als wir das mal gesehen haben, wie viele kleine, gute Brauereien es in Bayern alleine in einem Umkreis von 50 Kilometern gibt. Man muss den Großen nicht hinterherrennen. Wir haben auch gleich gesagt: „Wir arbeiten nur mit Privatbrauereien zusammen.“ Die Brauerei darf nicht von einem der drei oder vier globalen Großkonzernen gelenkt werden, die nach und nach kleinere Brauereien aufkaufen.  In aller Fairness: natürlich haben wir Brauereien gesucht, die unsere Menge und unsere Prozesse abbilden können. Das ist nichts Gigantisches. Seit 2012 haben wir etwa 13.000 Kästen in München verkauft.  Daher arbeiten wir hier in München auch mit einem mittelständischen Unternehmen, das ist ein zehn-Man Betrieb, der auch auf so etwas Individuelles, wie wir es machen, eingehen kann. Die Brauerei heißt Gut-Forsting, liegt in der Kleinstadt Forsting, das ist zwischen Ebersberg und Wasserburg, also etwa 100 Kilometer außerhalb von München. Daher dürfen wir auch nicht sagen, dass wir ein echtes Münchener Bier sind, weil es außerhalb der Stadtgrenzen gebraut wird.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Brauerei Gut-Forsting ausgesucht?

Viel Gewicht bekommt der Geschmack. Wir wollten auch mit den Menschen reden, die in der Brauerei wirklich etwas zu sagen haben. Wir wollten den Inhaber vor uns haben. Allgemein sollten wir die Brauerei auch einfach sympathisch finden, also die Menschen,  die dahinter stehen. Es gab Brauereien, die wir besucht haben, da haben wir in den ersten fünf Minuten gewusst: das wird einfach nichts. Das Bier ist vielleicht gut, aber es macht einfach keinen Sinn. Wir haben damals Blindverkostungen gemacht. Wir hatten dann fünf bis sechs Biere, darunter zum Vergleich auch Münchener Biere. Zusammen mit ein paar Freunden, die selbst ein Veto geben konnten, haben wir uns dann durch die Brauereilandschaft Oberbayerns getrunken.

Wie würdest du das Bier beschreiben? Warum hat euch das Bier überzeugt?

Man kann sich ziemlich schnell etwas auf Bier einbilden: Was man davor gegessen hat ist zum Beispiel ein wichtiger Faktor, denn das Bier schmeckt dann einfach total anders. Generell ist unser Bier voll und süßlich, eigentlich total in der Bayerischen Tradition, ein echtes Export Hell.

Habt ihr auch ein Weißbier oder ist es erst mal nur das Helle?

Die Idee war, dass wir erst mal nur eine Biersorte machen und das ist eben das Helle der Brauerei Gut-Forsting. Der Vorteil davon ist, dass wir immer frisch liefern können, weil wir uns direkt an die Produktion von denen andocken können. Wir merken auch einfach, dass die Logistik von Getränken eine Welt für sich ist. Zudem wollten wir ein Produkt haben, das sich jeder leisten kann. Wir orientieren uns am Münchener Markt, unser Kasten kostet nicht mehr als ein Kasten Augustiner. Ist also auch WG-Party-verträglich.

Wie sieht die Kooperation aus? Teilt ihr euch dann die Gewinne auf?

Wir sind bei der Brauerei Gut-Forsting Großeinkäufer. Wir bekommen das Bier relativ günstig und können dann damit machen, was wir möchten – für uns bleibt dann eine Provision pro verkauften Kasten. Wir sind zu denen hingegangen und haben gesagt: „Wir werden pro Jahr etwa 2000 bis 3000 Kästen verkaufen. So könnt ihr eure Betriebswege nach München noch optimaler nutzen.“ Bei denen fährt jede Woche ein LKW nach München. Auf diesem LKW fahren jetzt zusätzlich „unsere“ Biere mit. Die Menschen, die das Bier dann kaufen, zahlen an die Brauerei und wir bekommen eine Marge von der Brauerei zurück. Wir vertrauen der Brauerei, dass sie unser Bier nicht unter der Hand verkaufen (lacht).

Legt ihr die Gewinne offen?

Wir versuchen regelmäßig die Berichte zu veröffentlichen, wie viel Bier getrunken wurde, wie viel sozialer Gewinn erwirtschaftet wurde und wohin das Geld geht. Manchmal dauert es natürlich etwas länger bis eine Förderung durch ist, aber im Prinzip: Sobald das Geld erfolgreich in ein soziales Projekt geflossen ist, kommunizieren wir das auch sofort.

Wie werden die sozialen Projekte ausgesucht, die ihr fördert?

Wir haben einen Beirat, der sich aus lokalen Akteuren zusammensetzt, die sich in der sozialen Arbeit in München auskennen. Die entscheiden dann auch letztendlich, wo das Geld hingeht. Wir wollen das Geld dort ausschütten, wo es herkommt. Das Geld, das beispielsweise aus dem Konsum in Haidhausen entsteht, soll auch in Haidhausen bleiben.

Außerhalb von München gibt es oft das Vorurteil der Schickimicki-Stadt, in der es sicherlich keine sozialen Probleme gibt. Was ist deine Einschätzung gegenüber dieser Meinung?

Eines der ersten Projekte, die wir gefördert haben war das Projekt „Haus der Eigenarbeit“ in Haidhausen. Das ist eine Werkstatt, wo jeder hinkommen kann, um irgendwelche Gegenstände zu reparieren oder selbst zu bauen. Die Idee dahinter ist, dass man Sachen nicht gleich wegschmeißt, sondern den Anreiz entwickeln soll, Sachen zu reparieren. Gleichzeitig entwickelt sich dann auch mehr Respekt gegenüber dem Gegenstand. Die hatten gerade eine Förderungskürzung bekommen, brauchten aber immer wieder Materialien und Werkzeuge, sonst funktioniert die Werkstatt nicht: Bohrmaschine, Kreissäge wie auch immer. Das ist echt eine nette Einrichtung. Wenn du sagst, „ich möchte jetzt ein Bett bauen“, dann hast du dort alle Materialien und Fachleute, die dich unterstützen. Du brauchst also keine Angst um deine Finger haben.

Das zweite Projekt, das wir anfangs gefördert haben, war der „Projekt-Laden International“, auch in Haidhausen. Das ist eine Einrichtung, die Kindern bei ihren Hausaufgaben hilft. Da ist aber auch ein Mutter-Café dabei, in dem geht es darum, was gesunde Ernährung für Kinder ist. Der Laden ist für Familien mit Migrationshintergrund. Die sind aber auch immer knapp bei Kasse. Die Geschäftsführerin macht das selbst nur als Teilzeitjob, obwohl sie die Arbeit extrem wichtig und sinnvoll findet. Als wir ihr mitgeteilt haben, dass wir sie unterstützen, war sie den Tränen nahe. Wir haben aber – vor allem in letzter Zeit – auch an den Flüchtlingsrat gespendet.

In München ist Bio doch der totale Hit. Wäre das langfristig nicht auch eine Möglichkeit, um den Nachhaltigkeitsgedanken noch mehr zu fördern?

Wie schon gesagt, wollen wir in erster Linie ein Produkt machen, das sich jeder leisten kann. Wenn man Bio macht, kostet der Kasten mindestens 20 Euro. Aber da muss man auch fair sein: Der Trend geht klar dahin, weniger Bier zu trinken, dafür aber ein Teures. Das geht dann mehr in Richtung Weingenuss, mittlerweile gibt es Biere, die gut zu Fisch passen. Bio-Produkte sind aber auf jeden Fall eine Möglichkeit, das könnte der nächste Schritt für uns sein. Auf dem Münchener Markt gibt es auch noch keine großen Bio-Biere. Aber das ist auch alles eine Geschmackssache. Bei den konventionellen Bieren hast du immer den gleichen Geschmack, bei Bio kann es gewisse Schwankungen geben. Das kann auch wieder ein Vorteil für die konventionellen Biere sein, denn es schafft Vertrauen. Aus Umweltsicht macht der regionale oder lokale Aspekt auch mehr Sinn. Es gibt nur wenige große Hopfenanbaugebiete in Europa, eines davon ist eben die Hallertau nördlich von München. Ein Großteil kommt sonst aus China. Manchmal ist es auch sinnvoll Biokartoffeln aus Ägypten zu kaufen. Was zunächst eigentlich total katastrophal klingt, wenn man sich die ganzen Transportwege vor Augen hält, relativiert sich, wenn man sieht, wie hier Gewächshäuser über den Winter mit Dieselmotoren betrieben werden, damit man im März eine Tomate aus Oberbayern bekommt. Das sind so viele Faktoren, die kann ein Normalsterblicher gar nicht nachvollziehen. Also da gibt es auch ein Beispiel, das hat jemand mal ausgerechnet: Wenn du mit dem SUV zu dem Supermarkt um die Ecke fährst und dort Kartoffeln und Fisch kaufst, dann bist du umweltfreundlicher, als derjenige, der mit dem Fahrrad fährt und Rindfleisch und Reis kauft. Es ist wirklich total schwierig, sich klimaneutral zu ernähren. Das gilt dann auch für Bio-Bier, da muss man letztendlich alles durchrechnen, um zu sehen, ob sich das lohnt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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