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WelcomeRide im Interview

Über soziale Mobilität, Integration und neue Freundschaften

Startup GesellschaftSharingSocial Innovation München

WelcomeRide ist eine Webapp, die es Flüchtlingen ermöglicht, kostenlos mobil zu sein. Wer in seinem Auto noch einen Platz frei hat, kann ihn auf der Online-Plattform anbieten, via Live-Matching werden passende Mitfahrer vermittelt. Wie WelcomeRide genau funktioniert, haben wir uns von den Gründern erklären lassen.

Empfindet ihr es als Problem, dass es in Deutschland zu wenig soziale Mobilität gibt?

Manuel: Mobilität wird immer besser und komfortabler, allein in den letzten zwei Jahren hat sich sehr viel getan. Gleichzeitig kann sich aber ein wachsender Teil der Bevölkerung den Zugang zur Mobilität nicht mehr leisten. Wer zum Beispiel keine 100 Euro für ein ICE-Ticket bezahlen kann, der bleibt ein Stück weit auf der Strecke und wird langsam aber sicher an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

David: Einer unserer Kooperationspartner, die Social Impact Recruiting UG organisiert in Zusammenarbeit mit großen Firmen Computerkurse für Flüchtlinge. Die Kurse dauern eine ganze Woche und kosten die Konzerne viel Geld. Und obwohl sich die Teilnehmer riesig darüber freuen, mitmachen zu dürfen, fehlen viele von ihnen die Hälfte der Zeit. Einfach, weil sie keine Möglichkeit haben, zum Veranstaltungsort zu kommen. Es gibt also gewisse Lücken im Mobilitätssystem und gerade für Flüchtlinge ist das ein großes Problem.

Für wen ist WelcomeRide – nur für Flüchtlinge oder kann da jeder mitfahren?

David: Theoretisch kann jeder die Plattform nutzen. Für uns sind Flüchtlinge aber gerade am Anfang eine wichtige Zielgruppe. Aber wenn wir das schaffen, was wir schaffen wollen, dann sind die Flüchtlinge von heute hoffentlich integrierte Bürger von morgen. Dann wird unsere Zielgruppe auf einmal klein. Deshalb sagen wir: Wir möchten Flüchtlingen, aber auch, ganz breit gefasst, Bedürftigen helfen und sie mithilfe von Mobilität in die Gesellschaft integrieren.

Manuel (li.) und David (re.) im Interview.

Was ist eure Vision für WelcomeRide?

David: Eine Verbesserung der Mobilität ist natürlich ein wichtiger Part, weil wir festgestellt haben, dass es da Lücken gibt. Der gemeinsame Weg im Auto ist aber nur der erste Schritt. Das eigentliche Ziel ist, dass man die Leute nicht nur mitnimmt und irgendwo rausschmeißt, sondern sich zu gemeinsam Aktivitäten verabredet und wirklich mit den Menschen in Kontakt kommt. Dass man zusammen zum Fußballtraining, ins Stadion oder am Abend in eine Bar geht. Ich glaube, nur so können wir einen tatsächlichen Mehrwert schaffen und zur Integration beitragen.

Ich habe mich mal auf eurer Plattform umgeschaut und festgestellt: So richtig viel ist da noch nicht los. Was ist euer Plan, um mehr Leute auf die Seite holen?                                                

Manuel: Ja, das stimmt, aber es ist schon etwas los und für den Start sind wir ziemlich zufrieden. Wir haben unsere Plattform in zwei Wellen gelauncht und beworben. In der ersten Welle haben wir erstmal Fahrer auf die Plattform gebracht, damit Flüchtlinge, die nach Fahrten schauen, auch welche finden. Wir dachten, das könnte schwierig werden, tatsächlich war es aber relativ einfach. Bald gab es einige Fahrtangebote auf der Plattform. In der nächsten Welle haben wir versucht, Flüchtlinge und Bedürftige auf die Plattform zu bringen, die einen Bedarf an Fahrten haben. Weil unser Service ja nichts kostet, dachten wir, das wäre relativ einfach. Tatsächlich war das aber schwieriger als gedacht, weil wir keinen Bezug zu diesen Menschen hatten. Viele Flüchtlinge waren am Anfang skeptisch: „Was passiert, wenn ich da nach einer Fahrt suche? Gehe ich da einen Vertrag mit dem Unternehmen ein? Hat das einen Einfluss auf meinen Flüchtlingsstatus?“ Da fehlte es an Vertrauen. Einfacher wurde es, als wir dann auch in arabischsprachigen Medien vertreten waren, zum Beispiel dem arabischen Programm der Deutschen Welle. Dann stieg auf einmal auch der Traffic auf unserer Plattform. Mittlerweile haben wir konstant einige Fahrten im Angebot. Darauf können wir super aufbauen.

An WelcomeRide arbeitet ihr ehrenamtlich, hauptberuflich seid ihr Gründer und Geschäftsführer von zwei anderen Start-Ups. Wie geht das zusammen?

Manuel: WelcomeRide ist aus einem Impuls entstanden: Wir wollten unsere Expertise nutzen, um Flüchtlingen und anderen Bedürftigen zu helfen. Deswegen arbeiten wir auch bewusst ohne Businessmodell. Geld verdienen wir mit den anderen beiden Unternehmen. Weil wir die Plattform ehrenamtlich betreiben, können wir aber nicht Vollzeit daran arbeiten. Jeder von uns kann sich vielleicht fünf bis zehn Stunden pro Woche freischaufeln. Damit das Projekt trotzdem erfolgreich werden kann, haben wir uns nach anderen Jungunternehmern und Gründern umgeschaut. Junge, motivierte Leute, die Bock haben, dieses Projekt unter dem Crowdsourcing-Ansatz zu unterstützen und zu uns ins Team zu kommen. Das hat gut geklappt, mittlerweile sind wir schon zu acht: Mátyás hat das Herzstück der Plattform entwickelt. Saskia ist Grafikerin und kümmert sich um das Design unserer Plattform, Carina hat eine PR-Agentur und schreibt für uns die Texte und übernimmt die Pressearbeit. Außerdem ist noch Jakob dabei. Das ist ein ehemaliger Kommilitone von mir. Er hat eine kleine Online-Marketing-Agentur und kümmert sich auch bei uns um das Marketing. Vor kurzem sind noch Elke und Sarah zum Team gestoßen und kümmern sich um unser Partner – und Kooperationsmanagement.

Die WelcomeRide-Gründer Manuel (li.) und David (re.) haben bereits zwei Start-Ups gegründet.

Kann das langfristig funktionieren, wenn alle ehrenamtlich arbeiten?

Manuel: Auf Dauer könnte das tatsächlich schwierig werden, denn um das volle Potenzial der Plattform auszuschöpfen, brauchen wir jemanden, der sich hauptamtlich um WelcomeRide kümmert. Wir suchen deshalb gerade nach einem Co-Founder, der das Projekt als Geschäftsführer leiten soll. Der müsste am Anfang auch nicht Vollzeit daran arbeiten, aber er sollte nicht, wie wir, fünf Nebenprojekte haben. Es kann auch ein Student sein, der zwei bis drei Tage pro Woche in WelcomeRide steckt. Mit dem neuen CEO würden wir dann zum Notar gehen und WelcomeRide – bisher noch ein Produkt unserer SHÄRE GmbH – als gemeinnützige UG ausgründen. Gemeinsam mit unserem Co-Founder würden wir dann nach Möglichkeiten suchen, seine Stelle zu finanzieren. Einige Privatinvestoren aus unserem Netzwerk haben bereits zugesagt, etwas zu spenden und das Projekt zu unterstützen. Außerdem werden wir mit Stiftungen reden. Wir werden natürlich weiterhin mit unserem Netzwerk und unserer Unterstützung im Hintergrund aktiv bleiben, so wie wir es auch jetzt machen. Aber wir brauchen jemanden, der vorausprescht.

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