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Was zählt, ist der Menschenverstand - Nikil Mukerji im Interview

Ein ethisch-moralischer Blick auf Robotik, Human Enhancement und Co.

Barbara Lersch, Severin Engelmann Christoph Eipert

SchwerpunktMenschMaschineGesellschaftPhilosophie

Dr. Nikil Mukerji
hat Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Heute ist er Geschäftsführer des Executive-Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft (PPW) an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie. 


relaio möchte im Schwerpunkt „Spuren der Automatisierung“ auch die ethische Seite der fortschreitenden Entwicklungen beleuchten. Dazu hat sich relaio mit dem Philosophen Dr. Nikil Mukerji getroffen. Er hat grade das Buch Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands (Springer 2017) veröffentlich, in dem es um die zentralen Grundsätze des vernünftigen Denkens geht. Mit uns hat er aus Sicht des gesunden Menschenverstands über die ethische und moralische Sicht auf Automatisierungstechnologien gesprochen.

relaio: Warum sollten sich Ethiker mit digitalen Automatisierungstechnologien beschäftigen? Warum ist das notwendig für die Debatte?

Nikil: Weil das sonst nur diejenigen tun, für die das Thema „Ethik“ nicht ganz oben auf der Agenda steht. Wenn man zum Beispiel mit Ingenieuren spricht, dann geht es meist um Effizienzsteigerung und darum, wie man Probleme zweckrational löst. Die Ethik spielt für sie erst einmal keine Rolle, und das ist auch nachvollziehbar. Ingenieure haben schließlich die Aufgabe, Technologie entwickeln. Sie haben dabei einen Tunnelblick, der sie produktiver arbeiten lässt. Das ist gut so! Wir Ethiker kommen ins Spiel, wenn es darum geht, die Notwendigkeit technologischer Innovationen einzuschätzen und die Rechtfertigung technologischer Vorhaben auf den Prüfstand zu stellen. Wir haben zwar kein Monopol auf ethische Meinungsbildung. Aber mit unserem theoretischen Hintergrund erkennen wir Fallstricke und Denkfehler, die für ethische Fragen typisch sind, leichter als andere. Schließlich machen wir das täglich. Allerdings können wir das nicht alleine tun. Wir sind auch auf einen vernünftigen Austausch mit Ingenieuren und Wissenschaftlern angewiesen.

relaio: Was wäre denn so ein klassischer Denkfehler, den es zu erkennen gilt?

Nikil: Ein Beispiel für einen klassischen Fehler ist Einseitigkeit im Denken. Ingenieure sind oft von ihrem eigenen Konzept begeistert und wollen es unbedingt umsetzen. Außerdem sprechen sie in der Regel mit Leuten, die ihre Ideen gut finden – zum Beispiel mit potentiellen Investoren oder Mitarbeitern. Alle sind Feuer und Flamme. Deswegen treten Fragen nach den negativen Konsequenzen, nach den gesellschaftlichen Implikationen oder auch nach den Folgen für die Umwelt häufig in den Hintergrund. Das heißt nicht, dass Ingenieure blind dafür sind, aber sie sind in einer „Echokammer“. Wer kein finanzielles oder technisches Interesse an ihrem Produkt hat, sondern mit einem offenen und im besten Fall geschulten Geist auf das Produkt schaut, erkennt leichter Aspekte, an die Ingenieure nicht gedacht haben.



relaio: Bei FRANKA EMIKA hat uns gewundert, dass sie eigentlich das iPhone der Robotik bauen wollen, also kostengünstig und einfach zu programmieren. Aber gleichzeitig haben sie im Interview  von einer „human centered“-Technologie gesprochen, also von einem Roboter, der eine fast menschliche Feinfühligkeit hat. Was für ethische Vorteile, aber auch ethische Konflikte, siehst du in so einer Technologie?

Nikil: Roboter machen mittlerweile viele Dinge besser und schneller als Menschen. Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die ein Roboter überhaupt nicht kann. Das sind teils Sachen, die schon ein Kind könnte. Wenn man es etwa schafft, eine Technologie zu entwickeln, mit der ein Roboter erkennt, ob ein Teil kaputt ist, dann wäre das ein Fortschritt. Dann könnte der Roboter mehr Aufgaben übernehmen, die bisher Menschen vorbehalten sind. Der Nachteil der dabei entsteht, ist natürlich, dass man dann weniger Leute braucht, um diese Aufgaben zu erledigen. Das führt zu der Herausforderung, den technologischen Wandel so zu organisieren, dass er für die gesamte Gesellschaft ethisch tragbar ist. Dafür gibt es kein Patentrezept, sondern man muss immer einen Weg finden, der auf den jeweiligen Einzelfall passt. Das sollten wir immer dosiert und mit gesunden Menschverstand tun. Außerdem dürfen wir der Technik nicht hinterher hinken. Wir sollten immer am Puls der Zeit bleiben und uns mit den aktuellen Bedingungen befassen. Sonst geben wir als Gesellschaft Antworten auf wichtige Fragen ein paar Jahre zu spät und müssen dann vielleicht mit Folgen leben, die durch unkontrollierte, technische Entwicklungen entstehen können.

relaio: Denkst Du, dass Innovatoren von sich aus das Gespräch mit Menschen wie Dir suchen sollten? Warum sollten sie mit Ethikern sprechen?

Nikil: Ich glaube, es gibt einige Argumente, warum Ingenieure und Unternehmer, die daran arbeiten unsere Gesellschaft zu verbessern, den Austausch mit Ethikern suchen sollten. Ich denke erstens, dass jeder Unternehmer eine sinnstiftende Geschäftsidee verfolgen möchte. Sinn ist die primäre Motivation, über Jahre hinweg für sehr wenig Geld zu arbeiten, obwohl man anderswo sehr viel mehr verdienen könnte. Deshalb müssen sich Unternehmer auch darüber im Klaren sein, was die Gegenargumente sind und wie man diesen begegnen kann. Sonst erlebt man unter Umständen ein böses Erwachen und stellt fest, dass die eigene Arbeit Folgen zeitigt, die ethisch sehr problematisch sind. Hier können Ethiker natürlich helfen! Aber sogar jemand, den das nicht stören würde, der nur Geld verdienen möchte, sollte sich mit Ethik auseinandersetzen. Denn zweitens gibt es in unserer Gesellschafft genügend Menschen, denen Ethik wichtig ist, und die können eine Gefahr für die Geschäftstätigkeit des jeweiligen Unternehmens darstellen. Wenn beispielweise eine neue Technologie viele Arbeitsplätze obsolet macht, werden sich die Menschen, deren Erwerbsgrundlage auf dem Spiel steht, wehren. Sie werden den technologischen Wandel blockieren. Deshalb liegt es auch im aufgeklärten Eigeninteresse von Unternehmern, Veränderungen in der Arbeitswelt ethisch und sozialverträglich mitzuorganisieren.

relaio: Glaubst du, dass die Politik durch den technischen Fortschritt derzeit überfordert ist?

Nikil: Über die Hälfte unserer Bundestagsabgeordneten sind 50 Jahre alt oder älter. Die meisten haben außerdem keine technische Ausbildung. Technisches Unverständnis erkennt man auch schnell in Aussagen von Politikern. Ursula von der Leyen sprach zum Beispiel davon, man müsse das Geschäft mit Kinderpornographie durch Zugangssperren im Internet „bloggen“. Offenbar hatte sie das Wort „bloggen“ neu aufgeschnappt und es für eine neuere Form des Wortes „blocken“ gehalten. Ich würde mir wünschen, dass es unter Politikern eine noch größere Offenheit und Sensibilität für Technologien gäbe. Momentan sehe ich das noch nicht hinreichend. Deshalb ist es wichtig, dass sich Bürgerinnen und Bürger aus der jüngeren Generation engagieren. Aber die gehen klassischerweise nicht in die Parteien. Dieser Mechanismus führt momentan dazu, dass die besten Köpfe nicht da landen, wo sie die Gesellschaft braucht. Ich habe also Bedenken, glaube aber, dass das in anderen Ländern nicht viel anders aussieht.

relaio: Unser Schwerpunkt liegt auf der Spannbreite des Themas der digitalen Automatisierung. Kann man die ethischen und moralischen Implikationen dieser Automatisierung überhaupt noch definieren, oder muss man jede einzelne Technologie einzeln bewerten?

Nikil: Es gibt natürlich prinzipielle Dinge, die wir im Bereich der Technikethik sagen können. Man weiß z.B., dass es für eine technologische Innovation spricht, wenn die Konsequenzen insgesamt gut sind. Natürlich muss man dann darüber sprechen, worin gute Konsequenzen bestehen, wem sie nützen und vieles mehr. Das sind genuin philosophische Aspekte, die für alle technikethischen Fragen von Belang sind. Das ist aber in gewisser Weise trivial. Deswegen sollte man vielleicht fragen, ob es so etwas wie eine allgemeine Technikethik gibt, die sich beispielsweise von der Medizinethik grundsätzlich unterscheiden lässt. Das sehe ich nicht. Wir können zwar bestimmte moralisch relevante Faktoren aus der allgemeinen Ethikdebatte heranziehen und in den Bindestrichethiken – Technikethik, Medizinethik, usw. – als Heuristiken verwenden. In den jeweiligen Einzelfällen müssen wir aber jeweils mit unserer eigenen Urteilskraft eine individuelle Lösung finden und ein Urteil fällen. Da kann man wenig generalisieren.

relaio: Du denkst also nicht, dass die neuen Technologien eine komplett neue Denkweise in der Moral erfordern? Sind die bestehenden Theorien vielleicht unzulänglich? Brauchen wir ganz neue Konzepte? Oder können wir mit dem jetzigen moralischen Handwerk die aktuellen Probleme lösen?

Nikil: Es gibt bestimmt Begrifflichkeiten, über die wir nachdenken müssen – Begrifflichkeiten, die es jetzt noch nicht gibt und die sich erst aus den folgenden technischen Innovationen ergeben. Über die muss man natürlich nachdenken und diskutieren. Das wird auf jeden Fall immer wieder kommen. Ich glaube aber nicht, dass wir Grundsätzliches in Frage stellen werden, z.B. ob das menschliche Wohlergehen wichtig ist. Ich glaube eher, dass bestimmte Faktoren dazu kommen könnten. Wie sollten wir etwa mit einem Roboter umgehen, der ein Bewusstsein entwickelt hat? Falls das passiert, müssten wir zum Beispiel darüber nachdenken, ob es auch so etwas wie Menschrechte für Roboter geben sollte – zumindest wenn sie hinreichend ähnliche Eigenschaften haben wie wir.

relaio: Man kann ja momentan einen kleinen Wertewandel in der Gesellschaft feststellen. Die Digitalisierung wird grundsätzlich positiv gesehen. Findest du zum Beispiel, dass die Zielsetzung von Robo Wunderkind, Kindern mithilfe von Robotern Programmieren beizubringen, sinnvoll ist? Wird das wichtig werden, oder ist das nur eine temporäre Entwicklung?

Nikil: Ich glaube es gibt verschiedene Aspekte die zur Beantwortung dieser Frage wichtig sind. Entscheidend ist, wie sich die Gesellschaft weiter entwickeln wird und welche Fähigkeiten wir de facto brauchen, um in den vorliegenden Bedingungen bestehen zu können. Die andere Frage ist, wie wir es hinbekommen, dass die Menschen sich diese Fähigkeiten tatsächlich aneignen. Man sollte dann zum Beispiel mit Pädagogen oder Neurowissenschaftler sprechen, um herauszufinden, welche Fortschritte man macht, wenn man sich mit Robotern auseinandersetzt. Ich kann da auch nur spekulieren. Wichtig ist immer, es zu testen. Man sollte von vornherein nichts idealisieren und auch nichts verteufeln, sondern einfach kritisch und nüchtern auf die jeweilige Technologie und ihre Effekte schauen – mit einer guten Portion gesundem Menschenverstand!

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