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ROCK YOUR LIFE! im Interview

Philip Ihde spricht über die Entwicklung des Mentoring Programms für benachteiligte Schüler und das Einbinden der ehrenamtlichen Mitarbeiter.

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Der Geschäftsführer von ROCK YOUR LIFE!, Philip Ihde, erzählt uns wie der ehemalige Bundesfinanzminister zur Entstehung des Mentoring Programms beisteuerte und welche Rolle die Wirkungsmessung für das Sozialunternehmen spielt.

Das Mentoring Programm ROCK YOUR LIFE! schafft es, Schüler aus sozial und wirtschaftlich benachteiligten Familien mit Studierenden zusammenzubringen, um ihnen neue Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen – sei es der Weg zum Beruf oder auf die weiterführende Schule. In den Räumen von ROCK YOUR LIFE! (RYL!) auf der Praterinsel in München trafen wir ein großes Team motivierter Sozialunternehmer und sprachen mit Philip Ihde unter anderem über die Vision, die das Projekt antreibt und welche Zukunftspläne aktuell geschmiedet werden.


Wie würdest du ROCK YOUR LIFE! in wenigen Sätzen beschreiben?

Philip: ROCK YOUR LIFE! ist ein Sozialunternehmen im Bildungsbereich, das  Mentoring für sozial benachteiligte Schüler umsetzt. Wir bringen ehrenamtliche Studierende und Hauptschüler zusammen, die über einen Zeitraum von 2 Jahren gemeinsam arbeiten. Darüber hinaus entwickeln wir weitere Projekte – u.a. Betreuung von Auszubildenden und eine IT-Plattform für gemeinnützige Mentoring Organisationen -  die Erfahrungen für neue Zielgruppen zur Verfügung stellen.
 

Rock Your Life Mentoring
Mentor und Mentee

Seit wann gibt es euch?

Philip: Das Konzept von ROCK YOUR LIFE! wurde 2008 an der Zeppelin Universität entwickelt und ein Jahr später an einer lokalen Hauptschule pilotiert. 2010 haben wir mit der Skalierung begonnen, sodass wir mittlerweile knapp 50 Standorte in Deutschland und der Schweiz haben. In den ersten Jahren sind wir ziemlich schnell gewachsen, haben dabei auch viele Preise gewonnen, die der Auslöser einer gewissen Medienpräsenz waren. Dadurch haben wir unsere Reichweite ausbauen können und haben viele Studierende überzeugt, die dann eigenverantwortlich Standorte gegründet haben – immerhin zehn pro Jahr.

Und wie ist die Idee zu ROCK YOUR LIFE! entstanden?


Philip: Es gab parallel zwei Gruppen an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die eine Gruppe bestand aus Elisabeth Hahnke und Christina Veldhoen, die ein Coachingkonzept für Hauptschüler geschrieben haben. Parallel führte Stefan Schabernak, gemeinsam mit Kommilitonen, ein Gespräch mit dem damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Die Studierenden diskutierten über die aus der wachsenden Digitalisierung der Gesellschaft entstehenden Gefahren und Risiken. Es bestünde eine gewisse Gefahr, dass sich Teile der Gesellschaft voneinander entkoppeln und sogar abgehängt würden. Die Studierenden waren sich einig: Sie wollten etwas beitragen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Stefan Schabernak Rock Your Life
Von Anfang an mit dabei: der Mitgründer Stefan Schabernak

Daraufhin trafen sich die zwei Gruppen gemeinsam und arbeiteten weiter an dem Konzept, um es ein paar Monate später dem Minister in Berlin vorzustellen. Anschließend testeten zwölf Studierende das Konzept an einer Schule. Sie hatten sich zwar in der Theorie mit dem Bedarf und den möglichen Folgen auseinandergesetzt, hatten aber keine Ahnung, wie die tatsächlichen Bedürfnisse aussehen und haben es ohne großes Know-how, aber mit der Unterstützung zahlreicher Partner, einfach ausprobiert. Im Ergebnis kam es zu einer sehr positiven Resonanz und einem Pilot mit 40 Schülern. Das war ein gutes Zeichen, dass die Idee nicht nur in der Theorie gut klingt, sondern es auch einen realen Bedarf gibt.

Wie seid ihr strukturiert?

Philip: Unsere Dachorganisation ist eine gemeinnützige GmbH. An den lokalen Standorten haben wir jeweils ehrenamtliche Vereine, die das Programm eigenständig lokal umsetzen. Wir haben uns bewusst für diese Struktur entschieden, weil wir erstens eine möglichst unternehmerische Ausrichtung unserer Organisation anstrebten und zweitens den lokalen Standorten Freiraum für Adaption vor Ort bieten möchten.

Gibt es Überlegungen das Konzept europaweit zu skalieren?

Philip: Generell ist das unser Ziel. Allerdings ist eine europaweite Skalierung deutlich schwieriger als innerhalb Deutschlands zu wachsen. Im Augenblick möchten wir uns auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren, bevor wir weitere Internationalisierungspläne verfolgen.

Wie finanziert ihr euch?

Philip: Unsere Finanzierung besteht aus drei Teilen. Den größten Anteil mit 60 Prozent decken wir durch Stiftungsgelder ab. Dazu kommen weitere 20 Prozent, die wir über ein unsere Standorte beziehen. Das bedeutet, dass unser Netzwerk von lokalen Vereinen für gewisse Bildungsleistungen zahlt. Die restlichen 20 Prozent setzten sich aus Dienstleistungen zusammen, die wir Unternehmen anbieten. Das Verhältnis dieser dreiteiligen Finanzierung möchten wir angleichen und stablisieren. Außerdem arbeiten wir momentan an einem neuen Projekt, das sich ROCK YOUR COMPANY! nennt und das Mentoring von Azubis anbietet. Dieses Projekt soll sich vollständig selbst tragen und mit den Überschüssen eine Finanzierung für Rock Your Life! Mentoring und andere Bildungsprogramme ermöglichen.

Wie sieht die Zielgruppe von ROCK YOUR COMPANY! aus?

Philip: Die primäre Zielgruppe sind Auszubildende im ersten Lehrjahr. Aber auch Studienanfänger dualer Studiengänge, Berufseinsteiger oder Flüchtlinge, denen wir die Integration in der Gesellschaft ermöglichen, können das Programm in Anspruch nehmen.


Wie definiert ihr den sozialen Mehrwert, der durch euer Unternehmen erzeugt werden soll?

Philip: Der soziale Mehrwert entsteht auf mehreren Ebenen: Die Schüler finden mit Hilfe unseres Mentoring Programms heraus, wo ihre Stärken liegen und überlegen, wie es für sie nach der Schule weitergeht. So soll ein erfolgreicher Übergang von der Hauptschule in eine weiterführende Schule oder einen Ausbildungsberuf ermöglicht werden. Es soll vermieden werden, dass die Schüler aufgrund mangelnder Informationen oder fehlender Motivation im Übergangssystem landen, indem immerhin 250.000 junge Menschen nach neuen Perspektiven suchen. Das hat natürlich auch volkswirtschaftliche Konsequenzen. Sie finden schneller einen Beruf, der zu ihnen passt und den Weg in ein erfolgreiches Berufsleben ebnen soll. Die zweite Ebene hat ihren Schwerpunkt in der Integration. 70 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund gegenüber 20 Prozent bei unseren Studierenden. Ähnliche Unterschiede lassen sich im Vergleich der Bildungshintergründe feststellen. Wir bauen Brücken zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die oft sehr entfernt von einander leben. Diese besondere Vertrauensbeziehung zwischen Mentor und Mentee eröffnet neue Perspektiven und schafft Sensibilität für unterschiedliche Lebenswelten.

Woraus ist deine eigene Motivation entstanden bei diesem Projekt mitzumachen?

Philip: Ich habe während meines Studiums den lokalen Verein hier in München mitgegründet und ihn zwei Jahre lang geleitet. Zusätzlich hatte ich einen Mentee, den ich begleitete. Während meines Studiums hatte ich Zeit und Lust mich zu engagieren, wollte aber etwas machen, bei dem ich ein konkretes Ziel habe und dadurch auch ein konkreter Mehrwert für die Gesellschaft entsteht. Mit ROCK YOUR LIFE! bin ich dann auf ein sehr konkretes und simples Konzept gestoßen, einen Impact für die Gesellschaft zu ermöglichen. Dadurch, dass ich selbst in meinem Leben immer wieder Mentoren hatte, die an mich geglaubt und mich gefördert haben, leuchtete mir das Konzept ein. Ich habe mich darin wiedergefunden und wollte mich für etwas Größeres engagieren. Mir hat auch sehr imponiert, dass die Studierenden bei ROCK YOUR LIFE! eine gemeinsame Vision verfolgen – das war sehr bewegend und motivierend!

Philip Ihde Geschäfstführer Rock Your Life
Philip Ihde, einer der zwei Geschäftsführer von ROCK YOUR LIFE! 

Was waren die ersten Hürden oder Widerstände, die Durchhaltevermögen gefordert haben?

Philip: Die Arbeit mit den Schülern ist sehr individuell, sodass es in jeder Beziehung mit jedem einzelnen Schüler eigene Themen gibt, die gerade aktuell sind. Schnell wurde klar, dass die Ehrenamtlichen eine Qualifizierung benötigen, um wirksam werden zu können. Es braucht außerdem eine Plattform für die Teilnehmer, auf der sie ihre Fragen, Hürden und Ängste teilen und klären können. Es ist deshalb umso wichtiger, dass wir bei ROCK YOUR LIFE! eine hauptamtliche Basis in der Zentrale haben, die die ehrenamtlichen Standorte unterstützen kann.

Wie ist euer Team strukturiert?

Philip: Die Geschäftsführung besteht aus zwei Personen, wobei ich für kaufmännische Themen verantwortlich bin und meine Kollegin, Lena-Carolina Eßer, für die inhaltlichen Themen. Unser Team besteht insgesamt aus 15 hauptamtlichen Mitarbeitern. Davon sind drei RegioRocker, die unsere Standorte in den einzelnen Regionen unterstützen. Zwei Mitarbeiterinnen sind für das Thema Qualifizierung zuständig. Wir haben einen eigenen Pool aus ungefähr 100 ehrenamtlichen Trainern in ganz Deutschland, die unsere Trainings für Mentoren und Mentees für uns halten. Mit unserer Arbeit möchten wir eine positive Wirkung erzielen. Deshalb haben wir eine Kollegin, die sich ausschließlich um Qualitätsentwicklung und Evaluation kümmert.

Wir haben außerdem noch weitere Projekthelden, die für Unternehmenskooperationen, Kommunikation und Geschäftsentwicklung zuständig sind, und zwei Mitarbeiter, die ROCK YOUR COMPANY! umsetzen.


Das gesamte ROCK YOUR LIFE! Netzwerk ist ja tatsächlich über ganz Deutschland verteilt. Wie findet die Kommunikation statt?

Philip: Es gibt verschiedene Ebenen auf denen kommuniziert wird. Als Grundlage dient unser Intranet, auf dem wir unser Wissen für alle Standorte online (u.a. in Wikis, Vorlagen, Newslettern oder Tools) zur Verfügung stellen. Ein weiteres Element sind die Regionalkoordinatoren, die in sehr regelmäßigen Abständen in Kontakt mit den Standorten stehen. Der persönliche Austausch ist dabei der größte Hebel. Neben den lokalen Workshops unserer RegioRocker bieten wir verschiedene Events für unsere ehrenamtlichen Standorte an. Dort bieten wir zahlreiche Fortbildungen, Workshops und Trainings an. So laden wir z.B. Phineo ein, um unsere Standorte zum Thema Wirkungsorientierung zu schulen. Diese persönlichen Treffen sind besonders wichtig, hier entsteht eine ganz besondere Atmosphäre.

Social Impact messen
Die Wirkungsmessung ist sowohl für die Sozialunternehmen selber wichtig, als auch für die Förderer. Siehe auch unseren topics Artikel zu Social Impact messen.

Du hast eben das Thema Wirkung angerissen. Wann habt ihr angefangen euch mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Philip: Als Sozialunternehmer haben wir das Ziel, eine bestimmte Vision zu erreichen. Unser persönlicher Leistungsanspruch ist es, dass alle unsere Programm Wirkung erzielen. Diese Wirkung sind wir nicht nur unseren vielen Ehrenamtlichen schuldig, sondern vor allem unseren teilnehmenden Schülern und Azubis. Aber auch die eingesetzten Ressourcen, unter anderem das investierte Geld, dürfen ihre Wirkung nicht verfehlen – wir müssen es effektiv und möglichst wirksam einsetzen. Damit befassen wir uns also schon seit Beginn. Man merkt zudem, dass das Thema Wirkung für die Förderer von immer größerer Bedeutung ist. Nicht nur den großen Förderern auf Bundesebene, sondern auch kleineren Förderern auf lokaler Ebene. Deshalb möchten wir das Bewusstsein der Ehrenamtlichen schärfen, dass die Evaluation vor Ort für ROCK YOUR LIFE! elementar ist. Nur mit den entsprechenden Daten können wir nachweisen, dass wir unsere Wirkungsziele auch tatsächlich erreichen.

Wie geht ihr mit Kritik um und hinterfragt ihr Euch regelmäßig?

Philip: Der kritische Blick auf die eigene Arbeit ist sehr wichtig. Wir hinterfragen unsere Arbeit deshalb sehr regelmäßig. Nicht zuletzt, weil wir gegenüber unseren Standorten, Förderern und weiteren Stakeholdern rechenschaftspflichtig sind. Gleichzeitig wachsen wir jedes Jahr ein Stückchen, wodurch neue Erfahrungen hinzukommen. Als studentisches Netzwerk sind wir mit der natürlichen Fluktuation unserer Ehrenamtlichen konfrontiert: Das ist ein großer Vorteil für uns. Wir werden dadurch immer wieder immer durch neue Sichtweisen herausgefordert, uns selbstkritisch zu hinterfragen.

Wie schafft ihr es die beiden Themen Ehrenamt und Verpflichtung unter einen Hut zu bekommen?

Philip: Bei uns läuft diese Thematik unter dem Schlagwort Verbindlichkeit. Dabei erstreckt sich diese über verschiedene Ebenen: die Beziehung zwischen Mentoren und Schülern, die Organisation, die Unternehmen bis hin zur ehrenamtlichen Vorstandsebene. Unser Anspruch ans Ehrenamt: Alle Aufgaben vor Ort werden verbindlich umgesetzt. Es gibt ganz klare Spielregeln und Erwartungsklärungen. Als Dachorganisation ist es dabei unsere Aufgabe, einen professionellen und unterstützenden Rahmen zu schaffen, in dem unsere ehrenamtlichen Rocker wirksam werden können.

Welche Themen möchtet Ihr in der Zukunft gerne angehen?  

Philip: Wir haben im Augenblick drei neue Themen, an denen wir arbeiten. Bei ROCK YOUR LIFE! sitzen wir an einer externen Evaluation. Mit ROCK YOUR COMPANY! arbeiten wir an einem Integrationsprogramm für Flüchtlinge. Mit unserer IT-Plattform HELDENNETZ möchten wir andere gemeinnützige Mentoring-Organisationen auch technisch ermächtigen, noch wirksamer zu werden.

Vielen Dank für das Interview! 

 

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