Menü

LifeShift im Interview

Martin Reh erzählt uns im Interview welche learnings die erste Crowdfunding Kampagne brachte und wie es mit dem Rucksack nach der Zulassung weitergeht.

Vasiliki Mitropoulou, Melina Gentner David Freudenthal

Startup ProduktionInnovationEntwicklungszusammenarbeit Kassel

Achtung Namensänderung 
LifeShift hieß zu Anfang Rucksackspende. 

Wir haben uns mit Martin Reh von LifeShift getroffen und ihm ein paar Fragen zu seinem Social Start-Up gestellt. Martin Reh ist neben Philipp Odernheimer und Raphael Schönweitz einer der drei LifeShift-Gründer. Aufgabe des Rucksacks ist es, Operationsbesteck in Entwicklungsländern ausschließlich durch die Energie der Sonne zu sterilisieren. LifeShift ist gerade dabei ihre zweite Crowdfunding Kampagne zu starten, um ihr Produkt am Einsatzort testen zu können. Ziel ist es, durch einen engen Austausch mit den Akteuren im Entwicklungsland die letzte Optimierungsphase des Rucksacks einzuleiten. Schon bald steht die Prüfung zur Zulassung an, damit der Rucksack auch wirklich bald zum Einsatz kommen kann.

Was genau steckt hinter LifeShift?

Martin: Wir entwickeln ein Medizingerät für Entwicklungsländer, das Operationsbesteck reinigt, desinfiziert und sterilisiert. Dies geschieht ausschließlich mit Hilfe der Sonne, durch im Rucksack integrierte Solarpanele.

Worin seht ihr eure Mission?

Martin: Wir möchten Ärzten in Entwicklungsregionen ein angepasstes Medizinprodukt zur Verfügung stellen, das ihnen die Möglichkeit bietet, keimfrei zu operieren.

Wie weit seid ihr bis heute mit eurer Idee gekommen?

Notified Bodies (Benannte Stellen)
Notified Bodies sind staatlich benannte und staatlich überwachte private Prüfstellen. In Deutschland ist dafür die ZLG, die Zentrale Prüfstelle für Gesundheitsschutz bei Arzneimitteln und Medizinprodukten zuständig.

Martin: Der Rucksack muss sich einer Zulassung unterziehen. Das heißt, Notified Body muss den Rucksack zulassen bevor dieser im Entwicklungsland zum Einsatz kommen kann. Notified Body ist eine Art TÜV für medizinische Geräte. Dabei muss unglaublich viel beachtet werden. Vor drei Jahren haben wir mit unserem Projekt angefangen und Ende nächsten Jahres ist unser Produkt marktreif. Demnach stehen wir gerade kurz vor Vollendung des Prototypen.

Das heißt, ihr konntet euer Produkt noch nicht vor Ort testen?

Martin: Nein, wir wollen dafür nächstes Jahr im Juni einen internationalen Feldtest durchführen. Mit dem Ziel, die Bedingungen vor Ort durch unseren Rucksack auch wirklich zu verbessern, haben wir unabhängig vom Feldtest mit vielen Ärzten aus Entwicklungsregionen gesprochen. Unter anderem auch mit einer Krankenschwester aus Ghana, um herauszufinden, welche Instrumente wirklich notwendig sind. Besonders wichtig ist es, vor der Planung den Bedarf zu ermitteln. Es bringt nichts, etwas zu entwickeln, was die Leute vor Ort nicht bedienen können. Auch Störungen einzelner Elemente müssen im Vorfeld ermittelt werden.

Um auf euer Produkt zurückzukommen. Uns interessiert, wie ihr auf die Idee an sich gekommen seid und wieso dieser Rucksack besonders innovativ ist?

Martin: Philipp und Raphael haben ursprünglich gemeinsam eine solare Meereswasserentsalzungsanlage entwickelt. Diese Anlage wurde zum Hauptbestandteil des Rucksacks. Als ich mit meinen wirtschaftlichen Kenntnissen ins Spiel gekommen bin, haben wir entschieden, auf Grundlage der Meereswasserentsalzungsanlage etwas Neues zu entwickeln. Verstärkt wurde dieser Gedanke durch eine Afrikareise. Raphael und Philipp wurde während der Reise bewusst, wie schlecht die medizinische Versorgung in afrikanischen Regionen ist. Ursprünglich war geplant, noch weitere Funktionen in den Rucksack zu integrieren, doch das hätte die Zulassung deutlich erschwert. Durch die Gespräche mit den Ärzten haben wir erfahren, wie verheerend die Situation vor Ort tatsächlich ist. Krankheiten wie AIDS, Tuberkulose und Co. verbreiten sich durch das unreine Operationsbesteck besonders schnell. Aber auch Keime, die durch unreines Operationsbesteck übertragen werden, haben verheerende Folgen für den Betroffenen.

Welche Ziele stehen in nächster Zeit auf der Agenda, sowohl kurz- als auch langfristig?

Martin: Ziel bis zum Ende dieses Jahres ist es, den Prototypen herzustellen. In den nächsten zwei bis vier Jahren wollen wir auch andere Produkte in der Medizintechnik auf den Markt bringen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Hierauf fokussieren sich nur wenige Leute und wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Ärzten vor Ort medizinische Geräte zur Verfügung zu stellen, die bei der Arbeit helfen und die dortige Situation verbessern. Gerade weil die Stromversorgung südlich der Sahara nur bei etwa 30 % liegt, braucht es hier Alternativen. Hier können wir die Sonne als regenerative Stromquelle nutzen.

Wie genau kommuniziert ihr mit eurer Zielgruppe, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln?

Martin: Wir sind zum Beispiel gemeinsam mit Flüchtlingen aus Eritrea die Piktogramme durchgegangen. Wichtig war, zu ermitteln ob diese leicht verständlich sind um den Rucksack bedienen zu können. Als die Idee dann feststand, haben wir uns schnell um Gespräche mit Ärzten aus Entwicklungsländern bemüht, um den dortigen Bedarf und die strukturellen Bedingungen zu ermitteln. Wir suchten Antworten auf die Frage, ob der Rucksack überhaupt benötigt wird. Außerdem haben wir bei kleineren Hilfsorganisationen nachgefragt und dabei hilfreichen Input bekommen.

 

Die Werkstatt von LifeShift.

Wie handhabt ihr die Vermarktung vor Ort, wenn ihr die Rucksäcke den Ärzten in den jeweiligen Entwicklungsländern nicht einfach verkaufen könnt?

Martin: Das der Nutzer nicht gleich der Kunde ist, stellt ganz richtig ein Problem dar. Wir nehmen erst einmal Kontakt mit Unternehmen, Vereinen, Privatpersonen und Verbänden auf, die sich sozial engagieren möchten. Dabei hoffen wir, dass man in 10-15 Jahren die Produkte dann auch vor Ort vertreiben kann. Bis dahin sind Regierungen im Fokus, die für eine bestimmte Region durch Ausschreibungen Gelder freisetzen. Doch für so ein junges Start-Up wie wir es sind, ist es unmöglich, Geräte vor Ort zu vermarkten. Deshalb planen wir die Platzierung durch Hilfsorganisationen. In der Praxis bedeutet das, dass Unternehmen, Privatpersonen und Stiftungen den Rucksack spenden und dieser dann durch eine Hilfsorganisation zum Einsatzort gebracht wird.

Könnt ihr dabei auch auf Wünsche eurer Zielgruppe, Nutzer und Kunden, eingehen?

Martin: Wir gehen insofern auf Kundenwünsche ein, als dass wir ein Portfolio von Projekten bereitstellen werden, die unsere Rucksäcke haben möchten. So kann sich der Kunde die Region, in die der Rucksack geschickt werden soll, aussuchen. Schwieriger ist es, die Wünsche des Nutzers zu erfüllen. Wir versuchen schon jetzt, die Erfahrungen von Akteuren vor Ort mit einfließen zu lassen. Dabei ist herausgekommen, dass die Wartung des Rucksacks ein großes Thema ist. Ein wartungsfreier Rucksack ist beinahe unmöglich, doch die Bedienung soll so einfach wie möglich ablaufen. Das Gerät hat keine komplizierten Displays, sondern lediglich ein Programm das durchläuft. Man möchte auf jeden Fall verhindern, den Nutzer zu überfordern.

Damit der Rucksack im Entwicklungsland eingesetzt werden kann, wird eine Zulassung benötigt. Vor welchen Herausforderungen steht ihr ?

Martin: Zum einen braucht es eine CE Zulassung in Europa. Bei medizinischen Geräten ist das noch einmal differenzierter, weil solche Geräte nicht nur helfen, sondern auch gefährden können. Auch in jedem afrikanischen Land braucht es gegebenfalls eine Zulassung. Das hängt davon ab, ob die europäische CE Zulassung ausreicht. Die Zulassung in den einzelnen afrikanischen Ländern kostet zusätzlich Geld.

Wie funktioniert euer Zusammenspiel innerhalb des Teams? Wie kann ich mir eure Feedbackkultur vorstellen?

Martin: Wir haben ein sensationell gutes Team. Dies liegt vor allem auch daran, dass unsere Wertvorstellungen identisch sind. Alle Teammitglieder sind sehr soziale und familiäre Menschen und dazu auch sehr bodenständig. Wären wir uns beispielsweise in finanziellen Fragen nicht einig, hätten wir andauernd Konflikte. Gerade in solchen Fragen haben wir trotz unterschiedlicher wirtschaftlicher und technischer Interessen einfach die gleiche Denke. Natürlich gibt es auch Konflikte. Wir haben jeden Montag Besprechungen und wenn es Bedarf gibt, kann jederzeit ein „Ankotzgespräch“ einberufen werden. Dieses „Ankotzgespräch“ wird ganz bewusst so genannt, denn hier wird wirklich ganz offen über alles gesprochen. Wichtig ist es, sich mit dem, was nicht gut gelaufen ist, gemeinsam auseinanderzusetzen.

Wie habt ist die Aufgabenverteilung innerhalb des Teams organisiert?

Martin: Raphael und Phillip sind Ingenieure und kümmern sich um das Produkt an sich, die Zulassung und den Einkauf. Ich als Wirtschaftswissenschaftler bin für Marketing, Vertrieb, Personal und Finanzen zuständig.

Welche Kompetenzen fehlen euch noch im Team, wenn ihr in Zukunft weitere Mitarbeiter einstellt?

Martin: Für mich ist Teamfähigkeit ganz entscheidend. Alles ist lernbar, aber das Team muss funktionieren. Dabei ist uns wichtig, dass wir gemeinsame Werte teilen. Wir möchten bodenständige, familiäre Mitarbeiter beschäftigen, die das Herz am rechten Fleck haben. Mich interessiert die Person an sich, die Denkweise, wie er mit dem verfügbaren Budget umgeht und ob er vielleicht schon einmal in einer WG gewohnt hat. Uns bringt kein Fachidiot was, der nicht ins Team passt.

Welche Rituale stärken euren Zusammenhalt ?

Martin: Sicherlich, wir fahren auch gemeinsam in Skiurlaub oder treffen uns abends. Auch wenn es vielleicht lustig klingt, führen wir eine Art Ehe. Wir verstehen uns einfach sehr gut und funktionieren an sich als Team. Bei uns steht fest, dass wir uns aufeinander verlassen können und alle gleichermaßen mit Herzblut dabei sind.

Habt ihr noch weitere Mitarbeiter, die euch unterstützen? Wenn ja, wie motiviert ihr sie? 

Martin: Beim Thema Unternehmensführung achten wir schon jetzt als Start-Up besonders auf Werte. Unter unseren Werten als Unternehmen verstehen wir Offenheit, Verantwortung, Respekt und Fortschritt. Diese Werte vermitteln wir auch unseren Mitarbeitern. Neben unserem Gründerteam haben wir noch zwei Mitarbeiter und zusätzlich zwei ehrenamtliche Berater. Dadurch kommen wir insgesamt auf sieben Beteiligte am Projekt LifeShift. Im Alltag versuchen wir, auf eine respektvolle Art und Weise zu verhandeln. Möglich ist es, dass wir in Zukunft schnell wachsen werden. Wenn es soweit ist, müssen wir das Team dann auch wirklich begeistern können. Als Gründer kann ich die Mitarbeiter nicht motivieren, sondern nur begeistern. Die Motivation muss der Mitarbeiter meiner Meinung nach von sich aus mitbringen. 

Das Gründerteam von LifeShift

Wie steht es um deine eigene Motivation in schlechten Zeiten?

Martin: Für mich ist das, was ich tue, genau das Richtige. LifeShift ist einfach unser Baby, das wächst. So ein Baby hat selbstverständlich auch mal Zahn- oder Bauchschmerzen oder es funktioniert einfach nicht so, wie es soll. Aber wenn man dieses große Ziel vor Augen hat, ist das für mich Motivation genug, um das dann auch durchzuziehen.

Wie denkst du über Work-Life-Balance?

Martin: Die Balance zwischen Arbeiten und Freizeit ist uns sehr wichtig. Außer Frage steht, dass wir viel arbeiten. Inzwischen haben wir allerdings feste Regeln eingeführt. Wir brauchen Kreativität für unsere Arbeit und Kreativität generiere ich nicht, wenn ich nur arbeite. Dafür müssen wir auch andere Dinge erleben und brauchen Zeit, diese dann auch zu verarbeiten.

Welche Regeln habt ihr aufgestellt?

Martin: Wir arbeiten täglich von Montag bis Freitag maximal 10,5 Stunden. Das Wochenende halten wir uns ganz bewusst frei. Als Gründer haben wir viel Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Eine Instanz über dem Gründer gibt es nicht, deshalb sind wir für uns selbst verantwortlich. Aber natürlich achten wir drei Gründer auch untereinander auf uns. Die Regeln helfen auch dabei, zu entscheiden, wann es Zeit für Freizeit wird.

Sehen das die zwei anderen Gründer genauso?

Martin: Ich gehe beispielsweise leidenschaftlich gerne auf die Jagd. Gelegentlich sagen mir Raphael und Philipp, ich solle mal wieder jagen gehen. Wenn ich jagen war, kann ich anschließend wieder gelassen und ruhig arbeiten. 

Arbeitet ihr Vollzeit an eurem Projekt?

Martin: Ja, es ist einfach nicht möglich, Medizingeräte im Nebenberuf zu entwickeln. Wir haben als Studenten mit dem Start-Up angefangen und haben dann auch teilweise schon unsere Masterarbeit über das Projekt geschrieben. Anschließend haben wir entschieden, in kein Anstellungsverhältnis zu gehen, sondern an der Idee weiterzuarbeiten.

Abgesehen von euer Crowdfunding Kampagne, vor einem Jahr, wie finanziert ihr euch? 

Martin: Wir haben ein kleines Existenzgründerstipendium für Hochschulabsolventen bekommen. Zusätzlich zur erfolgreichen Crowdfunding Kampagne kam dann noch finanzielle Unterstützung von einem Investor. Dieses Geld war auch deshalb so nötig, da es einfach sehr teuer ist, so ein technisches Gerät zu entwickeln. Wir versuchen, mit so wenig Geld wie möglich aus zu kommen. 

Wie steht es um die momentane Konkurrenz auf dem Markt?

Martin: Unser Rucksack ist so, wie er ist, einzigartig. Die Bestandteile des Rucksacks sind einzeln zu kaufen. Es ist möglich, sich eine Wasseraufbereitungsanlage, aber auch ein Desinfektions- und Sterilisationsgerät zu kaufen. Das Problem ist nur, dass jedes dieser Geräte ausschließlich mit Strom funktioniert. Deshalb müssten sie zusätzlich um ein Photovoltaikgerät ergänzt werden, um den nötigen Strom zu generieren. Wir haben all diese Komponenten in einem Gerät vereint. 

Sind große Konzerne bereits auf LifeShift zugekommen, um euch das Produkt abzukaufen?

Martin: Konkret ist noch keine Firma mit diesen Absichten auf uns zugekommen. Aber selbst wenn das irgendwann der Fall sein sollte, käme das derzeit für uns nicht in Frage. Wir möchten unsere Idee unter allen Umständen vorantreiben und damit auch festigen.

Unterschiedliche Druckknöpfe im Test.

Nachdem eure Crowdfunding Kampagne überaus erfolgreich war, seid ihr momentan schon dabei, die zweite Aktion zu planen. Was habt ihr aus der ersten Kampagne gelernt? Was gäbe es da noch zu verbessern?

Martin: Das Gefühl zu sehen, wie viele Leute sich beteiligen, war besonders bestärkend. Wir haben gelernt, gut zu planen und kurzfristig in die Umsetzungsphase zu gehen. Aber im Nachhinein wurde auch klar, dass wir noch mehr hätten machen können. Dafür war allerdings der Zeitrahmen zu knapp bemessen.

Habt ihr den Aufwand der Kampagne über- oder unterschätzt? 

Martin: Während der sechs Wochen hatten wir einiges zu tun, aber prinzipiell kann ich jedem Gründer empfehlen eine Crowdfunding Aktion zu starten. Und das obwohl wir den Arbeitsaufwand unterschätzt haben. In unserem Fall war die Herausforderung, dass wir den Rucksack zur Sterilisierung von Operationsbesteck nicht einfach verkaufen konnten. Hier haben wir mit Deuter einen entscheidenden Kooperationspartner gefunden. So kam es dann auch, dass wir Deuter Produkte mitvertrieben bzw. den Spendern als Dankeschön mitgegeben haben. Auch für die zweite Crowdfunding Kampagne planen wir solch eine Kooperation. Diesmal sind wir personell noch einmal etwas breiter aufgestellt und lassen uns für die Organisation mehr Zeit.

Wer waren eure weiteren Kooperationspartner während der Crowdfunding-Kampagne?

Martin: Die Social Entrepreneurship Akademie hat uns gemeinsam mit der Universität Kassel unterstützt. Aber auch Autodesk wurde zum Crowdfunding Partner. Seitdem stellt uns Autodesk 3D Softwares zur Verfügung. Diese sind zur Optimierung und Konstruktion des Rucksacks besonders hilfreich.

Nachdem ihr aktuell die zweite Crowdfunding-Kampagne plant, gehen wir davon aus, dass euch der Arbeitsaufwand für eine zweite Kampagne nicht abgeschreckt hat?

Martin: Auch wenn es viel Arbeit ist, zahlt sich solch eine Kampagne allein für das Geschäftsmodell aus. Wenn interessierte Unternehmen und soziale Verbände sehen können, wer uns schon unterstützt hat, ist das auf jeden Fall hilfreich. Wir sehen die zweite Kampagne auch deshalb als so wichtig an, um zu beweisen, dass unser Projekt keine Eintagsfliege ist. Außerdem entsteht so die optimale Möglichkeit, noch einmal zu überprüfen, ob unser Konzept überhaupt noch in die Zeit passt oder schon an Interesse verloren hat. Die Intelligenz der Crowd sollte man meines Erachtens auf keinen Fall unterschätzen. Durch die Intelligenz der Spender entstehen Multiplikatoren-Effekte und auch die Werteschätzung der Spender ist so bestärkend. Auch emotional war die Aktion besonders deshalb so spannend, weil man sich anfangs auch die Frage gestellt hat, ob das Ganze nicht auch floppen könnte. Die überaus positive Resonanz, die wir dann erhalten haben, hat uns neue Energie gegeben.

Für welche Zwecke macht ihr die zweite Crowdfunding Kampagne?

Martin: Diesmal geht es um einen Usability Test in Afrika. Technisch kann der Rucksack weitestgehend in Deutschland getestet werden. Doch uns interessiert, wie die Leute vor Ort mit dem Medizingerät umgehen. Im Einsatzort selbst können wir besser testen, ob der Rucksack richtig bedient wird oder ob einzelne Instrumente noch einmal angepasst werden müssen. So können wir beispielsweise auch sehen, wie der Nutzer mit dem Schmutzwasser umgeht. Möglicherweise könnte man noch einen Extrabehälter anbringen, um das Produkt noch zu optimieren. All das möchten wir vor Ort überprüfen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind solche Feinheiten noch leicht veränderbar. Nach der Zulassung gestaltet sich das schon etwas schwieriger.

Das Start-Ups scheitern ist nichts ungewöhnliches. Gibt es für den Fall der Fälle eine Exit-Strategie?

Martin: Natürlich kann es sein, dass unser Traum morgen zu Ende ist. Wir hatten auch mal eine schlechte Zeit, damals haben wir uns sechs Monate kein Gehalt ausbezahlt.

Auch das war möglich und uns wurde wieder bewusst, wie stark unser Team ist. In dieser Zeit hatten wir zwar teilweise unangenehme Gespräche, aber uns wurde wieder bewusst, dass wir gemeinsam durch dick und dünn gehen. Aber natürlich sind wir auch irgendwann Realisten. Wenn es nicht funktioniert, müssen wir etwas anders machen. Doch im Moment ist unser Blick zu 100 % auf das Projekt gerichtet. Wovor sollten wir Angst haben? Existenzängste? Geldsorgen? Natürlich kann das Projekt scheitern. Aber die gesammelten Erfahrungen und die gute Ausbildung geben uns keinen Grund zur Sorge. Wir haben Durchhaltevermögen bewiesen und wir haben alle gut studiert. Wenn uns später keine Firma haben möchte, dann weiß ich nicht, wer für die noch in Frage kommt.

Während der Entwicklungsphase stößt man immer wieder auf neue Fragezeichen. Wo liegt derzeit euer größter Bedarf?

Martin: Die Finanzierung ist natürlich ein großes Thema. Das steht außer Frage. Aber auch die Produktentwicklung und die anstehende Zulassung.

Bringt euer Unternehmen auch negative Begleiterscheinung mit sich?

Martin: In Hinsicht auf unser Projekt LifeShift fällt mir spontan keine negative Begleiterscheinung ein. Nachdem vor Ort akuter Ärztemangel herrscht, sind durch unsere Erfindung auch keine Arbeitsplätze gefährdet. In erster Linie bringt unser Projekt bis zum heutigen Stand nur positive Effekte und keine Nachteile für beteiligte Akteure.

Sozialunternehmertum – die Idee vom sozialen Wirtschaften erfreut sich gerade großer Aufmerksamkeit. Wie bewertest du diese Entwicklung?

Martin: Dass Sozialunternehmertum immer mehr Wertschätzung erfährt empfinde ich als eine positive Entwicklung. Vor allem, dass es immer mehr Leute gibt, die nicht in einem Unternehmen arbeiten möchten, sondern ihren Fokus lieber auf soziales Engagement richten und damit etwas machen, was sich nicht jeder traut. Die Frage ist aber, ob das ein Hype werden soll. Meiner Ansicht nach ist Social Entrepreneurship bei genauer Betrachtung immer noch eher eine Randerscheinung. Wir werden sehen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird.  

Abschließend interessiert uns noch, ob und wie ihr mit anderen Start-Ups kooperiert.

Martin: In technologischer Hinsicht können wir schlecht kooperieren, da unser Projekt sehr einzigartig ist. Aber im Rahmen des Gründerzentrums kooperieren wir in der Kommunikation. Hier hat man zwangsläufig mit den ganzen Start-Ups zu tun. Gute Kontakte sind auch entstanden, als ich 10 Monate im Social Impact Lab in Berlin war. Von den Erfahrungen anderer Gründer kann man ganz besonders profitieren.

 

 

 

 

 

Interview als PDF speichern

Interview teilen