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Social-Bee im Interview

Social-Bee ist die erste soziale Zeitarbeitsfirma mit dem Ziel der Arbeitsmarkt-Integration von Geflüchteten. Die Gründer haben mit uns darüber gesprochen.

Vera Pelzer Chris Eipert

Startup IntegrationSocial InnovationGesellschaft München

Wo setzt Social-Bee an?

Max: Momentan landen in Deutschland fast 80 Prozent aller Geflüchteten in der Langzeitarbeitslosigkeit. Die Menschen sind meistens extrem motiviert, oft klappt es aber nicht, weil viele Unternehmen Angst haben vor Verständigungsschwierigkeiten und übermäßigem bürokratischen Aufwand. Das ist das Gute  an unserem Konzept, da wir genau hier ansetzen. Wir sind selbst Arbeitgeber für Geflüchtete, wir kümmern uns um alle Personalangelegenheiten und haben gleichzeitig durch die Zeitarbeit ein Refinanzierungsmodell, womit wir unser Integrationskonzept bezahlen können.

Damit möchten wir vor allem geringqualifizierten Flüchtlingen eine Möglichkeit geben, Fuß zu fassen. Allerdings sind auch für alle anderen zu Beginn meistens nur niedrigqualifizierte Jobs erreichbar. Einmal auf dem Arbeitsmarkt angekommen, ist unser Ziel allerdings die Vermittlung in eine Anstellung auf der eigentlichen Qualifikationsstufe. Natürlich sind die Bildungswege nicht eins zu eins übertragbar, aber wir versuchen zumindest etwas im selben Bereich und mit der Chance, sich weiter zu qualifizieren, zu vermitteln. Das erreichen wir durch unser Integrationsprogramm. Bis jetzt hat es immer funktioniert. Uns gibt es jetzt 17 Monate und wir konnten bereits einige unsere ersten Angestellten in weiterführende Festanstellungen und Übernahmen vermitteln.

Wie genau begleitet ihr denn eure geflüchteten Arbeitnehmer?

Max: Unsere Mitarbeiter haben alle zwei Wochen ein Gespräch mit einem unserer Sozialpädagogen. Dazu kommen regelmäßige Sprachkurse und andere Personalentwicklungsmaßnahmen. Das Gesamtpaket kann dann für unsere Mitarbeiter, die ja alle Vollzeit arbeiten, insgesamt schon mal recht viel werden. Eine Herausforderung ist deshalb, unsere Integrationsmaßnahmen auch tatsächlich an den Mann zu bringen.

Wir bauen gerade ein Programm mit unterschiedlichen modularen Bausteinen auf, die wir dann je nach Bedarf anpassen. Geflüchteten ohne berufliche Vorbildung ermöglichen wir zum Beispiel Teilqualifikationen, wie einen Gabelstaplerschein oder eine EDV-Schulung für die Lagerlogistik. Das sind eigentlich nur kleine Qualifikationen, die aber die Jobaussichten erheblich verbessern. Deswegen reden wir immer vom Ziel einer Vermittlung nach Social-Bee in eine qualifizierte Festanstellung oder Ausbildung, also nicht nur in einfache Hilfstätigkeiten. Gegen Ende der Beschäftigung bei uns ist es unsere Aufgabe den Bewerbungsprozess bei Drittunternehmen zu begleiten, also zum Beispiel Stellenangebote zu finden und Empfehlungen zu schreiben.

Max ist einer der Gründer von Social-Bee.

Vor welchen Herausforderungen steht ihr außerdem?

Max: Herausfordernd sind die Themenfeldern des Asyl- und Arbeitsrechts, mit denen wir in unserer Arbeit mit Geflüchteten konfrontiert sind. In die Abläufe bei den Behörden mussten wir uns erst reinfinden, also: Was muss man machen? Wie muss das Dokument aussehen? Was ist überhaupt die richtige Reihenfolge? Wer ist der richtige Ansprechpartner? Zeitarbeit an sich ist schon komplex und ein sehr regulierter Markt, für den wir auch eine Lizenz benötigten. Wir hatten das Glück, dass wir ziemlich früh Pro Bono Anwälte bekommen haben, die das Projekt gut fanden und uns unterstützen wollten.

Zarah: Außerdem sind wir super schnell gewachsen, das ist auch eine Herausforderung. Bis vor einem Jahr saßen wir hier zu dritt und plötzlich haben wir die Verantwortung für viel mehr, teilen Aufgabenbereiche auf und geben immer mehr ab. Natürlich wird die Verantwortung für die Geflüchteten auch immer größer, je mehr wir einstellen. Da sind wir mit ganz vielschichtigen Problematiken konfrontiert, zum Beispiel haben wir aktuell zwei Abschiebungen. Da geht es plötzlich wieder um die Existenz, obwohl sie eigentlich schon an dem Punkt waren, aus der Arbeitslosigkeit zu kommen und sich ein neues Leben aufzubauen. Es ist nicht immer leicht, sich emotional abzugrenzen. Am schwierigsten ist das bei den Kandidaten, die ich selbst eingestellt habe, weil ich zu denen einen sehr persönlichen Bezug habe.

Zeitarbeit wird häufig negativ konnotiert. Wie seid ihr dazu gekommen, gerade eine Zeitarbeitsfirma zu gründen?

Zarah: Zeitarbeit ist nicht die erste Idee, die man hat, wenn man Geflüchtete integrieren möchte. Hätte mir jemand vor zwei oder drei Jahren gesagt, dass ich mal eine Zeitarbeitsfirma gründe, hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Für uns ist es allerdings ein sehr zielführendes Modell.

Max: Prinzipiell nennen wir uns eine Zeitarbeitsfirma, weil das alle verstehen, machen aber etwas anderes. Der größte Unterschied ist glaube ich, dass wir eine gGmbH sind, also gemeinwohlorientierte Arbeit leisten. Eine Zeitlang wollten wir uns Integrationsdienstleister nennen. So kann man am Markt aber keine Preise durchsetzen, weil die Kunden dann erwarten, dass alles kostenlos ist. Zeitarbeit versteht jedes Unternehmen, hat bestehende Budgets dafür und es ist klar, dass das Entleihen eines Mitarbeiters eine Dienstleistung ist und Geld kostet. Allerdings müssen unsere Kunden die Flexibilität aufgeben, für die sie eigentlich Zeitarbeiter nehmen würden. Wir machen keine Jobs, die nur zwei Tage dauern. Die Mindesteinsatzzeit unserer Mitarbeiter liegt bei drei Monaten und die durchschnittliche Überlassungsdauer liegt bei zehn Monaten, was in der Branche sehr unüblich ist. Andersherum verlangen andere Zeitarbeitsfirmen eine Provision, wenn Unternehmen einen Mitarbeiter fest übernehmen möchten. Die ist bei uns sehr gering. Uns unterscheidet hier einfach die Zielsetzung der Integration, die im Geschäftsablauf und in den Konditionen mit den Kunden verankert ist.

Das Team von Social-Bee.

Wie lebt es sich als Gründer?

Max: Das erste Jahr haben wir sicher bis zu 80 Stunden die Woche gearbeitet. Da war ein freier Samstag die Ausnahme. Wir arbeiten immer noch 50 bis 60 Stunden pro Woche, aber man muss sich irgendwann zurücknehmen. Keiner hat etwas davon, wenn man ständig erschöpft ist. Jetzt haben wir auch ein Team, auf das wir uns verlassen können, die Manpower merkt man sofort. Wir verstehen uns aber auf jeden Fall als Start-Up, also hier wird allgemein viel gearbeitet. Wer hier anfängt hat Lust, etwas zu erreichen und das Unternehmen aufzubauen.

Zarah: Für uns war von Anfang an klar, dass wir erstmal in Vorleistung gehen müssen. Wir haben privates Kapital aufgenommen über Freunde, Familie, sonstige Darlehen. Wir kommen beide aus der wirtschaftlichen Ecke und haben dadurch einen gewissen Start-Up-Spirit mitgebracht, eben in Vorleistung zu gehen und nicht darauf zu warten, dass andere einem Geld für eine nette Idee geben. Wir haben beide unsere Jobs gekündigt und uns wirklich reingekniet im ersten Jahr, ohne uns etwas auszahlen zu können. Das war natürlich ein Risiko, daher sind wir sehr froh, dass wir inzwischen Unterstützer gefunden haben und uns selbst und unserem Team eine Perspektive bieten können. Das war ein ganz wichtiger Wendepunkt für die Professionalisierung und um den Druck ein wenig rauszunehmen, seitdem geht es nur noch voran.

Und wohin geht es?

Zarah: Mittlerweile sind wir auf einem ganz guten Weg zu einer selbsttragenden Organisation. Bis wir uns komplett selber finanzieren können, wird es noch ein paar Monate dauern, aber wir kommen dem Ziel immer näher. Wir denken, dass das Konzept gerade jetzt gebraucht wird. Viele Flüchtlinge, die 2015 angekommen sind, kommen jetzt erst in den Arbeitsmarkt, weil die Sprachkurse auslaufen. Wir sprechen von einer Zielgruppe von geringqualifizierten Geflüchteten im arbeitsfähigen Alter von über einer Million über die nächsten Jahre. Also wir haben viel zu tun und glauben, dass wir mit Social-Bee tatsächlich etwas bewegen können.

Max: Wir stehen gerade extrem gut da. Durch den Aufbau unseres Teams erreichen wir immer mehr eine Ebene, auf welcher wir alles selber machen. Wir haben an vielen Stellen bereits fixe Prozesse und werden immer besser in dem, was wir tun. Das bekommen wir auch durch die positiven Rückmeldungen von außen gespiegelt. Und auch unsere Kunden auf Unternehmensseite sind sehr zufrieden und wollen die Zusammenarbeit ausweiten. Der Ausblick ist, dass wir nächstes Jahr in drei andere Städte gehen. Wir sind schon dabei, einen zweiten Standort in Rosenheim aufzubauen. Wir sind sehr offen und richten uns nach den Impulsen, die wir vom Markt bekommen.

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