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youvo im Interview

youvo vermittelt Projektarbeit zwischen Kreativen und sozialen Organisationen – analog und digital.

Vasiliki Mitropoulou, Severin Engelmann Severin Engelmann

Startup DesignCSR Berlin

Wir trafen Anne, Sebastian und Tobias von youvo in Berlin. Die Gründer des Social Startups youvo sprachen mit uns über ihr Kernziel des Online-Volunteering, die Arbeit mit Unternehmen und NGOs und über die Gründerszene in Berlin.

Wie sieht eure Community derzeit aus?

Anne: Momentan sind bei uns 1600 Kreative angemeldet und mehr als 100 Organisationen, die Projekte ausschreiben. Die Organisationen kennen wir durch die vielen Gespräche sehr gut. Mit der Community von Kreativen machen wir in der Regel Interviews. Wir organisieren auch Workshops, spätestens dort lernt man sich dann richtig kennen.

Wie selektiert ihr soziale Organisationen, die bei euch Projekte einstellen wollen?

Anne: In erster Linie suchen wir die Organisationen nach dem Potential des Social Impact aus. Kreativen ist es in der Regel sehr wichtig, genau zu wissen, für wen sie sich engagieren und wem ihr Engagement zu gute kommt. Dabei wird das Mindset der Organisation immer wichtiger, vor allem wie sehr sie die Arbeit der Ehrenamtlichen wertschätzen. Mit der Einstellung „Grafiker machen das ja eh immer umsonst“ fällt man durch das youvo-Raster. Es ist schwer, hierfür transparente Regeln aufzustellen. Wir versuchen offenzulegen, nach welchen Kriterien wir die Organisationen aussuchen. Da kommt aber immer auch noch sehr viel Menschliches dazu. Letztendlich ist unser Ziel, gemeinsam mit den sozialen Organisationen attraktive Engagement-Angebote für die Kreativen zu entwickeln.

Anne von youvo im Interview

Tobias: Wichtig ist, dass Kommunikation überhaupt dort stattfinden kann, wo keine Mittel dafür da sind. Das gilt vor allem für die Kern-Non-Profits, die sich sagen: „Wenn wir keine motivierten Kreativen über youvo finden, dann können wir Teile unserer Arbeit gar nicht machen.“ Vereine, NGOs oder Social Startups, die den Marktpreis nicht bezahlen können, sind somit herzlich willkommen, sich bei youvo anzumelden. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass der Sektor alle Budgets rausstreichen soll, weil es jetzt youvo gibt. Wir wollen das Gegenteil! Organisationen sind nach abgeschlossenen Projekten bisher fast immer begeistert gewesen und wertschätzen so die Arbeit der Kreativen umso mehr. Wenn anderen Organisationen bewusst wäre, was professionelles Design oder professionelle Pressearbeit oder Fotografie alles bewirken kann, dann würde das ab sofort auch in jedem finanziellen Antrag mit aufgenommen werden - und da wollen wir hin!

Habt ihr schon mal daran gedacht eine Art Handbuch für NGOs mit dem Thema „Was muss ich in der Arbeit mit Kreativen beachten?“ zu entwickeln?

Anne: Wir entwickeln aktuell einen neuen Prozess für die Website, indem es genau darum geht: Wie kann ich empathisch nachempfinden, warum die Leute sich engagieren wollen? Die Kreativen haben oft noch keine Erfahrung mit Ehrenamt und sehen das eben nicht als selbstverständlich an, wie Organisationen es vielleicht von anderen ehrenamtlich Engagierten gewöhnt sind. Dabei gäbe es viele Organisationen gar nicht ohne die Arbeit von Ehrenamtlichen! Aber mit unserer Zielgruppe haben wir eine Gruppe gefunden, die unter oft prekären Bedingungen Geld verdient und die daran gewöhnt ist, dass ihre Arbeit nicht sehr wertgeschätzt wird. Ihre Arbeit wird oft nicht als Arbeit angesehen, sondern als „Da malt der halt mal schnell was“. Und deshalb ist hierfür sicherlich sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig.

Wählt ihr die Kreativen auch nach konkreten Kriterien aus?

Sebastian: Nein, aber wir halten sie dazu an, ihre Profile vollständig auszufüllen und raten den Organisationen, sich bei der Auswahl ihrer Kreativen die Portfolios anzuschauen. Die Ansprüche der Organisationen an die Kreativen sind auch sehr unterschiedlich.

Tobias: Für Kreative ist es einfach wichtig, dass alles auf Augenhöhe stattfindet. Jeder ist ein Profi in seinem Bereich und so sollte man sich auch begegnen. Die Aufgabe von youvo ist es, diese Situation transparent zu machen und aufzuweichen. Das ist auch der große Vorteil für die Kreativen, denn der Kundenkontakt ist hier ganz anders als in der freien Wirtschaft, wo meist gar kein direkter Kontakt zu Kunden besteht. Wir hatten schon die Situation, dass Kunden vor Begeisterung über die Entwürfe der Kreativen Tränen in den Augen hatten! So was erlebst du in der freien Marktwirtschaft als Kreativer wohl nur sehr selten.

Sebastian: Eine wichtige Anlaufstelle sind für uns auch die Universitäten. Es ist an vielen Universitäten normal, während des Studiums für fiktive Projekte zu arbeiten, die keiner zu sehen bekommt. Ein anderes frustrierendes Phänomen ist, das große Konzerne den Unis sagen: „Entwickelt doch mal einen Employer Branding Film und die beste Idee bekommt 200 Euro“. Früher war es mal cool für Mercedes Benz was zu machen, aber mittlerweile haben die Studierenden in entsprechenden Studiengängen oft keine Lust mehr auf so etwas. Aber wenn ein kleiner innovativer Verein Hilfe braucht, macht man das eben gerne. In diese Richtung wollen wir auch auf jeden Fall mehr machen. Im besten Fall werden die kreativen Projekte dann auch in Form von Credit Points im Studium honoriert.

Wir kommen ja selber aus der Universität der Künste in Berlin und haben in unserem Studium sehr aufwendige Projekte gemacht mit sehr teuren Kameras und Beleuchtung. Letztendlich haben den Film nur meine Eltern gesehen. Und ich dachte mir immer, dass es cool wäre, wenn das ganze jetzt noch eine bessere Resonanz hätte.

Aber wir wollen nicht nur Studenten ansprechen, sondern eben auch Freelancer und Professionals, die nicht aus unserer Generation sind, die viel Erfahrung mitbringen und einfach Lust haben, sich zu engagieren.

Glaubt ihr, dass der digitalen Technologie Misstrauen entgegengebracht wird, was die Kooperationen erschwert?

Tobi: Ich glaube, vielen fehlt das Wissen, was im Zeitalter der Digitalisierung passiert oder was überhaupt notwendig ist, um eine Plattform zu bauen. Die ganzen Prozesse und Strukturen sind eigentlich unbekannt. Die Digitalisierung steht bei allen auf der Agenda, obwohl die Leute oft keine Ahnung haben.

Sebastian: Wir können uns da noch glücklich schätzen, denn abgeschlossene Projekte sind ja etwas greifbares, das man entsprechend digital darstellen kann. Es gibt sehr viele Social Startups deren Arbeit einfach nicht verstanden wird. Die haben es noch viel schwerer als wir. 

Wo seht ihr euch in 10 Jahren?

Anne: Das, was wir machen, ist sehr arbeitsintensiv und lässt sich gut im deutschsprachigen Raum machen, auch wenn wir noch weiter wachsen wollen. Wir würden aber die Plattform Menschen zur Verfügung stellen, die youvo mit den gleichen Regeln und Werten in anderen Ländern aufbauen wollen. Wir bekommen auch immer wieder Anfragen aus dem Ausland. Wenn sich da ein Team im Ausland findet, würden die unter CC Lizenz die Plattform gestellt bekommen. Wir werden youvo jetzt nicht sofort international und ganz großmachen können, denn der Betreuungsaufwand wird dann zu schnell unkontrollierbar. Es wird in dieser Qualität nicht voll automatisiert laufen können und Qualität kommt für uns einfach vor Quantität!

Tobias: Mich schreiben mittlerweile soziale Organisationen an, wenn sie einen Job im kreativen Bereich zu vergeben haben, was ich genial finde. Ich würde mich sehr freuen, wenn über diese ProBono-Schiene ein total neuer Jobmarkt entsteht! Wir verstehen youvo als Brücke zwischen der Kreativwirtschaft und dem sozialen Sektor. Uns ist es wichtig das wir in Zukunft die Vernetzung zwischen den beiden Lebenswelten weiter vorantreiben. Unser langfristiges Ziel ist es fähigkeitenbasiertes Engagement in der Kreativwirtschaft zu etablieren und Akteure wie Universitäten und Agenturen in diesen Prozess mit einzubinden.

Welche Tipps könnt ihr anderen Gründern mit auf dem Weg geben? Was würdet ihr nochmal so machen, was anders?

Anne: Ich finde den Austausch mit anderen, die eine ähnliche Idee haben, sehr wichtig. Es ist sehr viel wirkungsvoller wenn man sich zusammenschließt, Erfahrungen austauscht, anstatt alleine versucht das Rad neu zu erfinden.

youvo gäbe es zum Beispiel nicht, wenn wir uns nicht mit Leuten aus unserem Bereich ausgetauscht hätten und auch immer noch im Austausch sind. Im sozialen Sektor macht es keinen Sinn, Konkurrenten zu sehen, sondern man sollte überlegen, wo man Synergien schaffen kann.

Sebastian: Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir in der Universität dazu angeleitet worden sind, Forschung zu betreiben.  Es war sehr hilfreich für uns, unsere Idee zu präsentierten und direktes Feedback von Menschen aus der Sozial- und Kreativwirtschaft zu bekommen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, alles auszuprobieren und auch eine Onlineplattform offline zu testen. Weil alles, was im echten Leben nicht funktioniert, klappt online meistens auch nicht. Bevor wir Non-Profits und Kreative auf einer Plattform zusammengebracht haben, haben wir beide Gruppen in einen Raum gesteckt, beobachtet worüber sie reden, was für Probleme auftauchen usw. Ich habe auch selber einige Projekte als Kreativer betreut und gemerkt, wie viel in die Hose gehen kann.

Sebastian von youvo

Wie hat sich aus eurer Sicht die Social Entrepreneurhsip Szene in Berlin den letzten Jahren entwickelt?

Sebastian: Das kann man so pauschal nicht sagen. Schön ist, dass es grundsätzlich eine andere Form von Startups und Unternehmertum geben kann und dass es immer mehr Möglichkeiten gibt mit einer sozialen Tätigkeit Geld zu verdienen. Die Berliner Szene ist schon sehr groß – in meiner Heimatstadt Siegen wüsste ich nicht, ob ich das hätte umsetzen können. In Berlin gibt es einfach viele Ansprechpartner und Organisationen, die dir ein Büro stellen oder dir bei einem Bier erklären, was man alles machen kann. Wir brauchen immer noch mehr Verständnis dafür, über Soziales Geld zu verdienen. Manche Menschen sind immer noch überrascht wenn sie hören, dass wir an einem Finanzierungsmodell arbeiten, dass finde ich problematisch.

Anne: Wichtig dabei ist auch immer der Blick auf die Gesellschaft. In Leipzig ist die Linke Szene sehr stark und da hat es Social Entrepreneurship sehr viel schwerer. Dort gilt eher noch das Kredo „Wenn du Geld verdienst, machst du nichts soziales mehr“. Wie können wir in das System eindringen und es für einen guten Zweck nutzen? Das wäre für mich gutes Social Entrepreneurship. Oft wird das nur als Hype angesehen und nicht wirklich ernst genommen. Einerseits kapitalistisch zu denken und andererseits sozial zu handeln, das ist ein sehr schmaler Grad, da wird einem in Deutschland noch zusätzlich das Leben schwer gemacht. Ich bin da nicht ganz so optimistisch. Die Leute, die hier sitzen haben immer noch sehr viel schwerer zu kämpfen als die, die einfach so ein Unternehmen gründen, ohne sozialen Hintergrund. Ich sehe die Politik da noch mehr im Handlungszwang. Ich finde die Regierung verhält sich innovationsfeindlich. Wir  bewegen uns immer mehr in Richtung eines Amerikanischen Modells. Wenn man Social Entrepreneurship genauer betrachtet, finde ich die Entwicklungen in Deutschland aus einer gesellschaftlichen Perspektive sehr frustrierend.

Tobi: Wenn man ein Verein ist, gibt es gar nicht die Möglichkeit einen Investor rein zu holen. Da fehlt in Deutschland einfach die Agilität der Akteure, die dafür zuständig sind, solche Ideen zu fördern. Man sollte sich auch dem digitalen Wandel mehr öffnen. Wir werden immer nur als Intermediäre gesehen. Neue Ansätze sind schwer zu kommunizieren, da wird nicht gesagt: cool, das funktioniert und wir unterstützen das jetzt!

Anne: Wir müssen bei Stiftungsanträgen immer „Sonstiges“ ankreuzen. Aber „Sonstiges“ passt in keinen Stiftungszweck, obwohl wir eigentlich alle Initiativen mit unserem Projekt erreichen – wir schließen niemanden aus.

Danke für das Interview. Wollt ihr noch was loswerden?

Sebastian: Jeder, der sich angesprochen fühlt, ist willkommen. Auch Social Startups in der Gründungsphase. youvo zeigt, das Online Volunteering funktioniert – deshalb: macht mit!

Zudem würde ich jeden ermutigen, selber Ideen umzusetzen. Ich war nie der Typ, der sich selbst Social Entrepreneur nennen würde, aber es war ein wirklich großartiger Prozess und wir sind alle enorm daran gewachsen. Einfach ausprobieren, anderen Leuten davon erzählen und loslegen!

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