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Khala im Interview

Stylisch, bunt, fair – und bezahlbar

MaterialNachhaltigkeitProduktion

Das Münchner Start-Up Khala will mit Hilfe europäischer Schnitte und malawischer Stoffe die Wirtschaft vor Ort stärken und die Leute in Europa zum Nachdenken anregen. Wir haben mit Melanie über schwierige Momente beim Alleine-Gründen, faire Preise und die wahre Herkunft von afrikanischen Textilien gesprochen.

Du kommst eigentlich nicht aus der Modebranche, sondern hast Psychologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Hast du während des Studiums schon ans Gründen gedacht?

Melanie: Im vierten Semester meines Psychologie-Studiums wurde mir klar, dass ich nicht den therapeutischen Weg einschlagen möchte. Die Verbindung zur Wirtschaft lag für mich auf der Hand, da mir immer schon bewusst war, dass man in das System einsteigen muss, um neue Impulse zu setzen und dort etwas zu verändern.

Wie kam es, dass du damals nach Malawi gereist bist?

Melanie: Ich habe den österreichischen Ableger des Vereins Viva con Agua mitgegründet. Unser Projektland war Malawi und wir sind für die Besichtigung eines Trinkwasser- und Sanitäranlagenprojekts hingeflogen. Wir sind dort einer komplett anderen Welt begegnet. Als weiße Frau hat man eine ganz bestimmte Rolle und steht hierarchisch sehr weit oben – in dieser Position habe ich mich nicht wohl gefühlt. Ich wollte mit den Leuten auf Augenhöhe arbeiten, was schwierig ist, wenn du die Geldgeberin bist. Eine wirtschaftliche Kooperation einzugehen, erschien uns sinnvoll, da die Leute selber entscheiden können, was sie mit ihrem Geld machen. Das führt zu einer ganz anderen Dynamik. Mir war klar, dass es für mich keine Option war, einfach wieder nach Hause zu fliegen und die Sache abzuhaken. Der Aufenthalt hat etwas ausgelöst.

Und wusstest sofort, dass du Mode machen willst?

Melanie: Nicht direkt. Wir waren auf dem Stoffmarkt und begeistert von den Mustern und Farben – ganz anders als in Deutschland. So kam uns die Idee, die Stoffe zu verarbeiten und das Produkt in Europa zu verkaufen. Auf der einen Seite kann man auf diese Weise mit den Menschen vor Ort auf Augenhöhe arbeiten und gleichzeitig ein Bewusstsein für die Personen in den Produktionsländern bei uns schaffen. Einerseits  geht es uns um die Wertschätzung von handgenähter Kleidung, die fair, stylisch und gleichzeitig bezahlbar ist und andererseits wollen wir ein anderes Bild von Malawi als afrikanisches Land vermitteln. Wir sprechen sehr einseitig über afrikanische Länder. Vor allem sprechen wir immer nur von Afrika, was absurd ist, weil Afrika ein riesiger, diverser Kontinent ist und das wird auf ein Land reduziert. Es entsteht sofort die Assoziation mit Armut, Unterentwicklung und Problemen. Aber afrikanische Länder sind auf der anderen Seite auch reich an Kultur, Kunst und Traditionen, gerade im Bereich der Mode, nur wird darüber nie berichtet.

Gründerin Melanie Rödel.

Euer Internetauftritt wirkt sehr professionell, von den Fotos bis zu euren Posts. Machst du das alleine?

Melanie: Nein, ich war eigentlich nie besonders Social-Media-affin, sondern habe das eher abgelehnt. Als Start-Up funktioniert das aber nicht mehr. Du brauchst gezwungenermaßen ein Smartphone, Facebook und Instagram. In Malawi haben wir damals damit angefangen, Urlaubsbilder zu posten. Im Laufe der Zeit sind wir immer professioneller geworden. Hubi ist unser Medienprofi. Er hat den Videodreh geleitet, das Video geschnitten und kümmert sich nach wie vor um unseren Social Media Auftritt. Ein anderer Bekannter hat eine Filmproduktionsfirma und kam mit seinem Kameraequipment für den Videodreh vorbei. Bene hat angefangen unsere PR zu machen und die Texte zu schreiben. Ein Freund von mir ist professioneller Fotograf und hat die Produktbilder und Modefotos gemacht. Die Models sind aus unserem Freundeskreis. Es gibt viele einzelne Bereiche, die man gar nicht selber abdecken kann. Du brauchst Leute, die sich für die Sache begeistern, dich unterstützen und gleichzeitig kein Geld wollen. Mittlerweile sind wir ein richtiges Kollektiv – das Khala-Kollektiv.

Gab es einen Moment für dich, wo du alles hinschmeißen wolltest?

Melanie: Ja und ich habe diese Momente nach wie vor, da die Verantwortung allein bei mir liegt. Die anderen sind zwar alle dabei, aber ich treffe die wichtigen Entscheidungen alleine – wie beispielsweise strategische und kalkulatorische Angelegenheiten und trage dafür das Risiko. Manchmal zweifle ich daran, ob ich das alles schaffe, aber ich bleibe optimistisch.

In Malawi arbeitet ihr mit der Designerin Nellie George-Donga zusammen. Gab es da interkulturelle Spannungen?

Melanie: Nellie hat acht Jahre in London studiert und kennt dadurch Europa sehr gut. Sie wusste sofort, was gemeint ist, wenn es um Themen wie Qualitätsstandards ging. Nellie hat auf der einen Seite die europäische Perspektive und auf der anderen Seite auch die malawische. Das ist das, was wir wollen: eine Synergie schaffen zwischen verschiedenen Kulturen und Ländern. Nellie hat ihr eigenes Label und ich habe sie auf einer Reise kennengelernt, bei der ich gezielt nach Leuten gesucht habe, die mit uns arbeiten könnten. In ihrem Atelier hat sie bereits einige Schneider angestellt, die für sie arbeiten und wenn alles klappt, können wir noch mehr Arbeitsplätze schaffen.

Trotzdem wurde die erste Kollektion nicht von Nellie entworfen, sondern von dem Designerduo Piekfein. Wie kommt das?

Melanie: Die Idee ist, dass Khala eine Verbindung aus europäischen und malawischen Designs darstellt. Wir hatten zuvor noch keine Erfahrung mit Nellie und die erste Kollektion musste europatauglich sein. Deswegen haben wir uns eine deutsche Designerin mit ins Boot geholt. Sie hat die erste Kollektion mit ihrer Kollegin entworfen. In Zukunft soll sie mit Nellie zusammenarbeiten, idealerweise fliegt sie im Juli mit uns nach Malawi. Dann lernen sich die beiden kennen und können ihre Perspektiven auf Mode und Designs austauschen.

Nellie (li.) und Melanie (re.). Fotocredit: Hubert Mirlach

Wie sehen die Arbeitsbedingungen für die Leute vor Ort aus?

Melanie: Nellie bekommt ein sehr gutes Gehalt für malawische Verhältnisse – sie verdient im Monat das, was andere in einem Jahr verdienen. Und die Schneider bekommen das Dreifache vom monatlichen Durchschnittslohn. Dazu werden sie noch krankenversichert, bekommen Urlaubstage und sollen nicht mehr als  acht Stunden pro Tag arbeiten.

Slow Fashion
Den Begriff Slow Fashion prägte die englische Professorin Kate Fletcher, die, in Anlehnung an die Slow Food Bewegung, auf eine andere Art des Mode-Konsums pocht. Es wird mehr auf Qualität als Quantität geachtet. Die Kleidung soll nachhaltig sein, was auch eine Zweitnutzung miteinschließt. Die Nachfrage nach dieser Mode steigt stetig. 

Wie schafft ihr den Spagat zwischen fairen Arbeitsbedingungen und bezahlbarer Mode? Viele andere faire Marken sind um einiges teurer als eure Produkte.

Melanie: Wir haben damals mit Nellie darüber gesprochen, was für sie eine faire Bezahlung wäre. Sie hat uns ihren Lohn und den für die Schneider genannt und wir haben das so akzeptiert. Für unsere Verhältnisse hat das damals nach wenig geklungen, aber für Malawi ist das viel Geld. Daher können wir beispielsweise unsere Bomberjacke für 65 Euro verkaufen und verdienen trotzdem daran. Die anderen Hersteller haben sehr hohe Gewinnmargen. Noch kann ich nicht einschätzen, wie wir mit unseren Preisen zurechtkommen werden. Das Ziel ist schließlich aber auch Leute zu erreichen, die normalerweise nicht fair einkaufen. Wenn es zu teuer ist, erreicht man nur eine Nische. Wir würden gerne einen größeren Markt bedienen, damit sich das Slow-Fashion-Konzept generell etabliert.

Die Stoffe, die ihr verwendet, sind von einer Textilfabrik in Malawi. Viele der Stoffe in Afrika kommen aber mittlerweile aus China. Wie ist das bei euch?

Melanie: Das ist tatsächlich ein großes Problem, das mir vorher nicht bewusst war. Ich habe damals sehr viele Stoffe auf dem Markt gekauft. Die Verkäufer erklärten, das seien Stoffe aus Tansania und Sambia und ich dachte, dass wir mit diesen Nachbarländern kooperieren könnten. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass viele Stoffe aus China waren. Ursprünglich kommen die Stoffe sogar aus Holland. Die Holländer haben damals angefangen, diese Stoffe zu produzieren und nach Indonesien zu exportieren, da sie als Kolonialprodukt verkauft werden sollten. Die Indonesier haben diese jedoch nicht angenommen, stattdessen aber afrikanische Soldaten, die die Stoffe nach Afrika gebracht haben. Mittlerweile sind die Farben und Stoffe stark mit der Kultur verknüpft.

Khala ist Melanies Herzensprojekt.

Die Muster sind somit nicht ursprünglich afrikanisch, sondern holländisch? 

Melanie: Im Laufe der Zeit hat sich das verändert, aber nach wie vor sitzt einer der größten Stoffproduzenten in Holland. Die verkaufen zum Teil ihre Ware auch in afrikanischen Ländern, aber kaum in Malawi. In Malawi gibt es eher die billigen Imitate aus China, die schwer von den tansanischen oder sambischen Stoffen zu unterscheiden sind. Uns stellte sich daher die Frage: Wie können wir gewährleisten, dass die Stoffe wirklich aus Afrika sind? Glücklicherweise sind wir auf die einzige Textilfabrik in Malawi gestoßen, die diese Stoffe noch vor Ort produziert und sind mit ihnen eine Kooperation eingegangen.

Und woher bezieht ihr eure Baumwolle?

Melanie: Die Baumwolle, die für die nächste Stoffproduktion verwendet wird, kommt aus Indien. Malawi ist ein sehr kleines Land. Dementsprechend haben sie nicht viele Baumwollfelder und die Vorräte sind sehr schnell aufgebraucht. Für den Ausbau des  Baumwollanbaus und  vor allem des ökologischen Anbaus vor Ort müsste man viel Geld in die Struktur investieren. Das sind Investitionen, die wir noch nicht tätigen können und für die Malawier ist es momentan nicht attraktiv, etwas ökologisch anzubauen. Für Bio-Baumwolle existiert dort noch kein Markt. Längerfristig arbeiten wir aber daran. Jetzt konzentrieren wir uns erst mal auf die sozial-nachhaltigen Aspekte.

Bezahlt ihr nach der Kampagne alle, die daran mitgearbeitet haben, aus oder läuft das erst mal ehrenamtlich weiter?

Melanie: Die 15.000 Euro sind sehr knapp kalkuliert. Damit sind die Gehälter für die malawischen Arbeiter für das ganze Jahr abgedeckt und ein kleines Gehalt für Hubi, Bene und mich. Das meiste Geld fließt in die Produktion. Wenn es mehr wird, wollen wir in eine Herbst/Winterkollektion investieren, was langfristig gesehen mehr Arbeitsplätze in Malawi garantiert und zu guter Letzt wäre es schön, wenn wir etwas mehr Gehalt bekämen. Ich arbeite nebenher noch 20 Stunden pro Woche als Personalberaterin, Hubi arbeitet Vollzeit, das ist zeitlich gesehen zu viel neben Khala. Mein Wunsch wär es, meine ganze Energie und meine ganze Zeit in Khala stecken, da das mein Herzensprojekt ist.

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