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magdas HOTEL im Interview

Über innovative Designkonzepte, komplizierte Flüchtlingspolitik und gute Nachbarschaft.

Startup VerantwortungPersonIntegrationDesignGesellschaft Wien

Das magdas HOTEL gibt Geflüchteten das, was sie am meisten brauchen, um sich zu integrieren: einen Arbeitsplatz. Für sein besonderes Konzept hat das Wiener Social-Business den Hans Sauer Preis 2016 gewonnen. Am Rande der Preisverleihung sprachen wir mit Friedrich Passler und Christian Waldner von AllesWirdGut Architektur, den Generalplanern des magdas HOTELs. Dabei ging es um Upcycling, Flüchtlingspolitik und kreative Designideen. Außerdem verriet uns der Koch Elias Zenzmaier, warum er sogar sein eigenes Restaurant aufgegeben hat, um beim magdas anzufangen.

Friedrich, ihr wart die Generalplaner des magdas HOTELs. Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung eines solchen Projekts? 

Friedrich: Ein Social-Business verfolgt zwar einen sozialen Zweck, wird aber nicht finanziell gefördert, sondern muss sich wirtschaftlich selbst tragen. Das magdas steht also in direkter Konkurrenz zu normal betriebenen Hotels. Wir mussten deshalb mit sehr geringen Mitteln ein Qualitätsniveau erreichen, mit dem es sich am Markt behaupten kann. Um das zu schaffen, waren wir sehr stark auf Hilfe angewiesen und die kam von verschiedenen Seiten. Neben der klassischen Planungstätigkeit waren wir deshalb vor allem damit beschäftigt, diese Hilfe zu koordinieren.

Könnt ihr euch an eine Situation erinnern, in der ihr auf diese Hilfe angewiesen wart? 

Friedrich: Für das magdas haben wir hochwertige Betten gebraucht und die gibt es nicht im Caritas-Möbellager. Weil neue Betten aber sehr teuer sind, mussten wir Firmen finden, die uns Betten zu Sonderpreisen liefern, Tischlereien, die uns günstig Möbel bauen und Matratzenhersteller, die uns Matratzen schenken.

Christian Waldner und Friedrich Passler von AllesWirdGut Architektur (v.l.n.r.)

Das klingt so, als hättet ihr am Ende ein riesengroßes Sammelsurium an Möbeln gehabt. Wie macht man daraus ein Designkonzept? 

Friedrich: Das Designkonzept gab es bereits am Anfang. Wir haben versucht, unseren roten Faden durchzubekommen, wenn nötig, haben wir ihn leicht angepasst.

Uns war wichtig, dabei nicht in diesen „Kreativ-Kitsch“ abzurutschen – gerade ist es in Mode, Dinge zweckzuentfremden: Das Fahrrad wird zum Lampenschirm, die Türschnalle zur Klospülung und die Klospülung zur Türschnalle. Wir wollten dagegen etwas Zeitloses, Zurückhaltendes und Nichtmodisches schaffen, das fast nichts kosten durfte. Aus einer Türschnalle eine Klospülung zu bauen, ist aber verdammt teuer, weil es Handarbeit ist.

Christian: Beim Upcycling haben wir Flüchtlinge direkt eingebunden. Unsere Möbel haben wir nicht in Designwerkstätten produziert, sondern direkt vor Ort.  

Und wie hat diese Zusammenarbeit funktioniert? 

Christian: Das war sehr kooperativ: Die Caritas hat eine großartige Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt gemacht, deshalb war das magdas schon in aller Munde, bevor die Bauarbeiten begonnen haben. Viele Leute haben Spenden vorbeigebracht und ihre Fähigkeiten und Talente angeboten. Im gesamten Haus herrschte ein sehr guter Geist, dadurch ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstanden.

Aber von Seiten der Nachbarn und der rechtspopulistischen Partei FPÖ gab es erstmal Widerstand. 

Friedrich: Immer wenn irgendwo das Wort "Flüchtlinge" fällt, gibt es Anrainer, die sich daran stören. Über das magdas war anfangs auch die Bezirkspolitik nicht ganz glücklich. Durch viele tolle Aktionen entstand aber schnell eine fast euphorische Stimmung, die die öffentliche Meinung positiv beeinflusst hat.  

Und wie ist jetzt die Stimmung?

Elias: Wir sind in der Nachbarschaft gut angekommen, einige Leute aus der Umgebung arbeiten sogar ehrenamtlich bei uns. Indem wir die Türen öffnen, möchten wir das magdas als einen Ort der Begegnung und des Austauschs etablieren. Denn wenn Besucher und Mitarbeiter sich gegenseitig kennenlernen, bauen sie dadurch Vorurteile und Ängste ab.

Christian: Das Hotel wird auch für viele Auftritte genutzt – vom Caritas-Chef, dem Wiener Bürgermeister und sogar dem persönlichen Berater von Außenminister Sebastian Kurz. Das magdas ist ein Vorzeigeprojekt geworden, ein Ort, der für etwas steht.  

Links: Hotelzimmer im magdas (Foto: AllesWirdGut Architektur)
Rechts: Friedrich Passler von AllesWirdGut Architektur

Seid ihr durch eure Arbeit am magdas Flüchtlingsexperten geworden? 

Christian: Experten würde ich jetzt nicht sagen.  

Friedrich: Wir haben aber eine ganz neue und besondere Perspektive auf die Thematik erhalten. Wir hatten mit vielen Flüchtlingen direkt Kontakt und haben diese Leute so kennen- und schätzen gelernt.

Gerade im Entstehungsprozess dieses Hauses haben wir gemerkt, dass man diese Menschen nicht immer nur als Belastung sehen darf. Es stimmt zwar einerseits, dass es schwer ist, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, anderseits bringen aber viele dieser Leute Fähigkeiten mit ganz besonderem Potenzial mit. Neben den Klassikern wie Sprachen und dass sie anders kochen als wir, können sie Sachen, die bei uns komplett verschüttet gegangen sind. Von uns kann fast niemand mehr ein Radio reparieren, die können das alle.

Doch dieses Potenzial bleibt oft ungenutzt, weil die meisten Flüchtlinge in Österreich gar nicht arbeiten dürfen. 

Friedrich: Das ist noch immer ein großes Problem. Deshalb wurde das magdas gegründet: Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt sind, erhalten dort die Chance, in einen Job einzusteigen oder eine Ausbildung zu machen. 

Bei uns gab es einen besonders krassen Fall: Ein Mann musste zwölf Jahre lang auf einen positiven Asylbescheid warten und durfte deshalb die gesamte Zeit nicht arbeiten. Dabei hatte er perfekt Deutsch gelernt und versucht, sich bestmöglich zu integrieren. Nachdem er dann endlich seine Arbeitserlaubnis erhalten hatte, hat das magdas ihn eingestellt.

Macht dich das wütend, wenn du solche Geschichten hörst? 

Friedrich: Eigenartig finde ich das natürlich schon. In der Öffentlichkeit wird oft die Angst geschürt, dass mit den Flüchtlingen auch die Kriminalität steige. Aber wenn sie keine Möglichkeit haben zu arbeiten, wovon sollen sie dann leben? Der erste Schritt in die richtige Richtung ist es also, diesen Menschen zu ermöglichen, auf dem normalen Arbeitsmarkt zu bestehen.  

Was muss passieren, dass Politiker und die gesamte Bevölkerung verstehen, dass diese Menschen arbeiten müssen, um sich zu integrieren?

Friedrich: Das Thema ist natürlich sehr komplex. Man kann auch nicht einfach sagen: Kommt alle und arbeitet bei uns. In Österreich gibt es eine relativ hohe Arbeitslosenquote und es schaut nicht so aus, als ob sie so schnell sinken wird.

Die Befürchtungen, dass der Arbeitsmarkt noch stärker angespannt werden könnte und dass die Jobs für bereits hier ansässige Personen verloren gehen könnten, sind deshalb nicht von der Hand zu weisen. Ich kann nicht beurteilen, wie man das Problem wirklich lösen kann. Mir ist aber wichtig, dass der Wille dazu ganz klar sichtbar wird und da spüre ich aktuell keine Tendenzen.  

Elias: In der Tourismusbranche und in der Gastronomie gibt es gerade einen massiven Arbeitermangel. Auch deshalb haben wir uns entschieden, ein Hotel mit Restaurantbetrieb zu eröffnen.  

Aber anderseits ist der Markt hart umkämpft: Die Bettenauslastung in Wiener Hotels liegt im Schnitt bei ungefähr 60 Prozent. 

Elias: Wir haben zum Glück im vergangenen Jahr eine Auslastung von 55 Prozent erreicht. Das lag sicherlich auch an der Art des Projekts und an der starken Medienpräsenz. Es ist aber noch Luft nach oben. Wir spüren im zweiten Jahr, dass das Interesse noch größer ist und dass es noch mehr Anfragen gibt. Deswegen haben wir das Hotel im Jänner 2016 um zehn Zimmer erweitert.  

Elias, du bist gelernter Koch und hast dein eigenes Restaurant aufgegeben, um zum magdas zu wechseln. Warum hast du diesen Schritt gewagt? 

Elias: Mir war die Küche zu wenig, ich wollte mich weiterentwickeln. Der erste Schritt war eine Fortbildung zum Food & Beverage Manager. Weil mir wichtig war, dass meine tägliche Arbeit mehr Impact hat, als Leute mit Essen und Trinken glücklich zu machen, habe ich beim magdas angefangen.  

Links: Elias Zenzmaier, F&B Manager bei magdas HOTEL
Rechts: Die Hotellobby (Foto: AllesWirdGut Architektur)

In der Küche kann der Ton manchmal rau werden. Wie ist das bei euch? 

Elias: Rau würde ich nicht sagen. Unser Küchenchef kann sehr gut mit seinen Mitarbeitern umgehen und gibt verständliche Aufgabestellungen. Wir nehmen Rücksicht auf Sprachbarrieren und die besondere Situation unserer Mitarbeiter. Viele von ihnen kommen nicht aus der Tourismusbranche und haben keine Vorerfahrungen in diesem Bereich. Wir stehen deshalb vor der großen Herausforderung, diesen Menschen zu erklären, wie Gastronomie bei uns funktioniert und was genau wir von ihnen erwarten, denn im Ablauf unterscheiden wir uns nicht von anderen Hotelbetrieben. 

Ihr stellt dieselben Anforderungen wie andere Hotels, trotzdem gibt es bei euch größere Barrieren als anderswo. Wie kann das funktionieren? 

Elias: Indem wir Rücksicht auf die besondere Lage nehmen, in der sich unsere Mitarbeiter befinden. Damit der Hotelbetrieb aufrechterhalten werden kann, bedarf es etwas mehr an Betreuung. Im magdas gibt es deshalb eine Sozialberatung und die Mitarbeiter können sich mit ihren Problemen jederzeit an uns wenden.

Welche Probleme sind das? 

Elias: Viele unserer Mitarbeiter versuchen, ihre Familie nach Österreich zu holen. Das belastet sie natürlich sehr und macht es für sie schwer, der täglichen Arbeit nachzugehen. Deshalb unterstützen wir sie und versuchen, ihre Probleme zusammen mit ihnen zu lösen.  

Was können dir deine Mitarbeiter mit Fluchthintergrund geben?

Elias: Sie erweitern meinen kulinarischen Horizont und können mir deshalb viel beibringen. Ich war zum Beispiel noch nie in Syrien, wie unser syrischer Koch seine Gerichte herstellt und abschmeckt, ist deshalb für mich sehr spannend. Auch menschlich können sie uns viel geben.  

Friedrich: Das darf man aber nicht verherrlichen, nach dem Motto: Menschen aus aller Herren Länder kommen zusammen, sind froh und glücklich und lernen alle voneinander.

Es gibt auch die andere Seite. Viele der Mitarbeiter haben sehr harte Schicksale, es gibt kulturelle Differenzen. Manche tragen Fehden untereinander aus, die wir gar nicht kennen und erst recht nicht beurteilen können.

Aber trotzdem gelingt es dem magdas, die gesamte Struktur zusammenzuhalten. Das ist ein wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte.  

Und warum nehmt ihr diese Anstrengungen auf euch? 

Friedrich: Weil es Synergien gibt. Die Dankbarkeit, die sie uns entgegenbringen, weil sie so eine Chance bekommen haben, ist unbeschreiblich groß. Außerdem erfahren wir Dinge, Hintergründe und Geschichten, die wir vorher nicht kannten. Um diese Interaktion geht es uns. Wir wollen interagieren und integrieren und das magdas ist die Plattform dafür.  

Elias: Wir wollen unsere Mitarbeiter zu Profis machen. Unser Ziel ist es, sie so weit zu entwickeln, dass sie irgendwann in einem anderen Hotel oder Restaurant arbeiten können. Zwei ehemalige Mitarbeiter arbeiten bereits in anderen Häusern.

Das ist ein Unterschied zu anderen Betrieben: Während die versuchen, ihre besten Mitarbeiter zu halten, sind wir froh, wenn unsere Leute so gut sind, dass sie woanders arbeiten können. Das fordert uns natürlich jeden Tag. Wenn unsere besten Mitarbeiter gehen, kommen neue Leute nach, die noch nicht so gut sind und wir fangen wieder von vorne an.

Wurden bereits Mitarbeiter von euch abgeschoben? 

Elias: Zum Glück bisher nicht. 

Besteht die Gefahr? 

Elias: Es gibt einen Mitarbeiter, bei dem es nicht sicher ist, ob er dauerhaft in Österreich bleiben darf. Das macht für ihn die tägliche Arbeit natürlich schwer. Er hat bestimmte Auflagen, wir arbeiten aber mit ihm daran, dass er sie erfüllen kann.

Ein Hotelzimmer im magdas  (Foto: AllesWirdGut Architektur)

Würdet ihr euch freuen, wenn das Modell magdas Schule machen würde? 

Elias: Wir würden uns natürlich freuen, wenn auch andere Unternehmer unser Konzept aufgreifen würden. Wir sind auch gerne dazu bereit, potenzielle Nachahmer mit unseren Erfahrungen zu unterstützen.  

Friedrich: Tatsächlich sind die Voraussetzungen für Social-Businesses gerade gut, denn es liegt im Trend, soziales Engagement zu vermarkten. Wenn sich große Konzerne auf die Fahnen schreiben können, Gutes zu tun, dann ist das gut für ihr Image. In der Entstehungsphase des magdas haben sich viele Firmen engagiert. Samsung etwa hat Sachspenden gegeben, ein guter Teil der Wiener Belegschaft ist auch ins Hotel gekommen und hat alte Waschbecken geschruppt.  

Ist das dann nicht bloß Social Washing

Friedrich: Ich will das nicht verurteilen, weil der Effekt durchaus positiv ist.

Christian: Beim magdas zieht sich dieses Engagement durch den gesamten Prozess – von der Entstehung bis heute. Es fühlt sich nicht bloß aufgesetzt an, sondern authentisch, richtig und echt.  

Und wie vermarktet ihr das magdas?

Elias: Wie ein ganz normales Hotel. Das größte Kompliment an uns ist, wenn ein Hotelgast gar nicht merkt, dass etwas anders ist.

Friedrich: Das gesamte Marketing ist nicht darauf aufgebaut, dieses Hotel als Sozialprojekt ins Rampenlicht zu stellen. Absichtlich nicht. Der Idealfall ist, dass die Gäste keine Unterschiede merken, wenn es um Service und Qualität geht. Aber sie sollen es schon merken, wenn es um die Bereicherung geht, die das Team einbringt. Die Mitarbeiter des magdas sprechen zum Bespiel insgesamt 18 verschiedene Sprachen, das kann nicht jedes Hotel von sich behaupten. 

Christian: Bei den Gästen spürt man aber schon eine größere Toleranz und Ausgeglichenheit. Wenn man etwas länger warten muss als in anderen Cafés, wird man nicht so schnell unruhig. Deshalb ist es auch kein Problem, wenn nicht alles immer gleich so läuft, wie man es sich erwartet. 

Vielen Dank für das Interview!

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