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"Der soziale Stellenwert von Nachbarschaft ist viel zu gering"

Warum viele Menschen verlernt haben, Nachbarn zu sein, was ein gutes Miteinander ausmacht und wie nebenan.de kartographische Pionierarbeit leistet.

Startup GesellschaftInnovationNetzwerkVerantwortungUmfeld Berlin

Es klingt paradox. Die Menschen, die uns räumlich am nächsten sind, sind uns oft besonders fremd: unsere eigenen Nachbarn. Um das zu ändern, haben die drei Berliner Till Behnke, Christian Vollmann und Ina Brunk zusammen mit drei weiteren Mitstreitern die Onlineplattform nebenan.de entwickelt. Dort sollen aus Fremden wieder Nachbarn werden. Im Dezember 2015 ist nebenan.de gestartet, mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 1600 Nachbarschaften, die größten haben 650 Mitglieder.

Im Interview erzählt Ina, warum heute so viele Menschen verlernt haben, Nachbarn zu sein, was ein gutes Miteinander ausmacht und wie nebenan.de kartographische Pionierarbeit leistet.

Um sich kennenzulernen, nehmen Nachbarn den Umweg übers Internet. Das wirkt erst mal kontraintuitiv. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Ina: 2011 ist Christian innerhalb von Berlin umgezogen. Er war nicht neu in der Stadt – nur neu in seiner Nachbarschaft. Trotzdem fühlte er sich irgendwie fremd. Nach einem halben Jahr traf er noch immer Leute auf der Straße, die er noch nie gesehen hatte und fragte sich: Wohnt der jetzt nebenan? Ist das ein Tourist oder ist der nur für einen Monat hier? Doch statt zu fragen, lief er einfach weiter.

Irgendwann beschloss Christian, sich bei seinen Nachbarn vorzustellen. So wie man das früher gemacht hat. Er hat an 20 Türen geklingelt und dabei fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Er wurde zum Kaffeetrinken hereingebeten und blieb dann für ein Schwätzchen. Nun war der Kontakt da, Christian wollte ihn aber auch halten. Er ließ sich deshalb die E-Mail-Adressen seiner Nachbarn geben und baute in einer Nacht- und Nebelaktion ein kleines Onlinenetzwerk für seine Straße. Innerhalb kurzer Zeit waren 100 Nachbarn angemeldet. Christian dachte sich: Wenn das für meine Straße funktioniert, wieso sollte das nicht mit allen Nachbarschaften in Deutschland klappen? Bevor aus dieser Idee ein Startup wurde, dauerte es aber noch drei Jahre.

Ina Brunk, Mitgründerin von nebenan.de.

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ina: Christian kommt aus der klassischen Startup-Welt, wo es vor allem um Skalierung und Umsatz geht. 2011 kam er aber an einen Punkt in seinem Leben, wo ihm wirtschaftlicher Erfolg allein nicht mehr reichte. Sein nächstes Projekt sollte einen nachhaltigen Wert haben. Er hatte nun zwar diese Idee für eine bundesweite Nachbarschaftsplattform, ihm war aber klar, dass das Projekt so komplex werden würde, dass er für die Umsetzung Verstärkung braucht.

Till Behnke war schon damals ein gemeinsamer Freund von uns, und über Till habe ich schließlich Christian kennengelernt. Wir sprachen gemeinsam über Christians Idee und ich war sofort begeistert. Ich hatte mich vorher nicht viel mit Nachbarschaft beschäftigt, in dem Moment war das Problem dann plötzlich völlig offensichtlich.

Wieso war das so offensichtlich?

Ina: Ich bin in einem ganz kleinen Dorf aufgewachsen und weiß um den Wert von Nachbarschaft. Eigentlich. Ich bin aber schon sehr lange in Berlin und auch mehrmals umgezogen, mit meinen Nachbarn hatte ich fast keinen Kontakt. Als Christian von seinen Erfahrungen erzählte, wurde mir klar, dass es viele Menschen vielleicht verlernt haben, einfach mal zu klingeln und „Hallo“ zu sagen oder man sich schlicht nicht traut. Hier kann das Internet ein tolles Werkzeug sein, um diesen Impuls wieder aufzunehmen.

Wie funktioniert eure Plattform?

Ina: Um sich anzumelden, gibt ein Nutzer seine Straße und Hausnummer an und wird dann seiner Nachbarschaft zugeordnet. Das heißt unsere Nachbarschaften sind geografisch voneinander abgegrenzt und geschlossen gegenüber anderen Nachbarschaften. In diesem Umfeld können sich die Nachbarn begegnen, sich kennenlernen, sich gegenseitig etwas ausleihen, sich Empfehlungen geben und sich natürlich auch zu Treffen verabreden.

Wie engagierst du dich auf nebenan.de?

Ina: Ich hab gerade erst bei meiner Nachbarin Blumen gegossen, die zwei Wochen lang im Urlaub war. Der Klassiker. Jetzt haben wir ganz guten Kontakt. Vor ein paar Tagen war ich Äpfel pflücken und habe natürlich viel zu viele gepflückt. Da habe ich sie gefragt, ob sie welche haben möchte. So ein netter nachbarschaftlicher Austausch macht das Leben außerhalb der eigenen vier Wände einfach ein bisschen schöner.

Auf nebenan.de sollen aus Fremden Nachbarn werden. Was macht Nachbarschaft für dich aus?

Ina: Es gibt zwei Komponenten: Zum einen ist ein Nachbar jemand, der nicht weit von mir entfernt wohnt. In demselben Haus, derselben Straße oder demselben Viertel. Darüber hinaus teilen Nachbarn etwas Gemeinsames. Sie leben nicht bloß in derselben Umgebung, sondern sehen sie auch als das gemeinsame Zuhause an. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist aber leider über die Jahre verloren gegangen. Wir nisten uns in unseren eigenen vier Wänden ein und machen es uns meist nur dort schön. Von den Menschen, die ganz nah bei uns wohnen, bekommen wir meist nur wenig mit.

Warum, denkst du, haben wir verlernt, Nachbarn zu sein?

Ina: Weil unser Leben in den vergangenen Jahren eine immense Geschwindigkeit bekommen hat. Wir bleiben nicht mehr in unserem Heimatdorf, sondern wechseln andauernd unseren Wohnort. Jeder zehnte Deutsche ist 2015 umgezogen. Und dieser Trend geht über Landesgrenzen hinaus: Wir sind mittlerweile global präsent und können jederzeit überall sein, wenn wir wollen. Kein Wunder, dass wir dann den Kontakt zu unseren Nachbarn verlieren.

Ihr bezeichnet euch als Social-Business. Was macht euer Unternehmen sozial?

Ina: Nachbarschaft ist eine der wichtigsten sozialen Säulen in unserem Leben, trotzdem hat sie in unserer Gesellschaft einen viel zu geringen Stellenwert. Wir versuchen uns möglichst gut um Familie und Freunde zu kümmern und investieren wahnsinnig viel Zeit in unsere Karriere. Unsere Nachbarn kommen dabei oft zu kurz. Dabei sind sie mindestens genauso wichtig, denn in lebendigen Nachbarschaften können wir wieder zurück zu einem sozialeren und nachhaltigeren Miteinander finden. Wer teilt, braucht nicht pro Haus 15 Bohrmaschinen. Wer die ältere Dame von nebenan beim Einkaufen unterstützt, kann vielleicht dafür sorgen, dass sie noch nicht ins Altersheim muss. Wer seinen Nachbarn vertrauen kann, braucht keine Angst zu haben, dass sein Fahrrad aus dem Hof geklaut wird.

Für mich ist das tollste an Nachbarschaft, dass sich dort Menschen begegnen, die sonst nicht in Austausch miteinander gekommen wären. In anderen sozialen Netzwerken bin ich in meinen Filter-Bubbles, da haben alle dieselben Interessen, dasselbe Alter, dieselben Jobs. Nachbarschaften sind dagegen vielfältiger.

2015 ist nebenan.de gestartet.

Wie schafft ihr auf nebenan.de eine Vertrauensbasis zwischen den Nachbarn?

Ina: Das ist das Schöne an unserer Plattform. Der Impuls entsteht immer online, aber der Anschluss findet im echten Leben statt. Ich muss – wie immer im Internet – selbst entscheiden, welche Schritte ich wie gehe. Wie viel ich auf der Plattform von meinem Privatleben preisgebe, liegt dabei in meinem eigenen Ermessen. Um Vertrauen zu schaffen, arbeiten wir mit Klarnamen. Uns ist wichtig, dass sich die Nachbarn auf nebenan.de nicht als Mickey Mouse und Peter Pan begegnen, sondern mit ihren echten Namen, so wie sie auf dem Klingelschild stehen. Außerdem finden in vielen Nachbarschaften regelmäßige Treffen statt. Dort hat man also die Möglichkeit, sich zu ganz ungezwungen zu begegnen.

Euer Büro ist in Berlin. Woher wisst ihr, welche Nachbarschaften es in anderen Städten gibt?

Ina: Zum einen gibt es Nachbarschaften, die historisch gewachsen sind. Die findet man bei Wikipedia oder Google Maps. Das ist dann relativ einfach, aber eher die Ausnahme. Ein Großteil unserer Nachbarschaften ist crowdsourced entstanden, da leisten wir gemeinsam mit unseren Nutzern Pionierarbeit. Wenn sich ein Nachbar in einem für uns noch weißen Fleck anmeldet, fragen wir, wie die Nachbarschaft heißt und wie er sie zuschneiden würde. Außerdem haben wir mit der Zeit gelernt, was eine gute Größe ist. Nur eine Straße ist beispielsweise etwas wenig. Man braucht schon eine kritische Masse an Haushalten, damit eine Gemeinschaft entsteht, in der die Mitglieder das Gefühl haben, zusammen etwas bewegen zu können.

Ist das für den ersten Nachbarn nicht eine unglaubliche Hürde? Muss der nicht erst ewig mit euch hin- und herschreiben, bevor es losgeht?

Ina: Bisher haben wir überwiegend gutes Feedback bekommen. Zum einen ist die Startphase meist gar nicht so lang. Zum anderen investieren viele Menschen gerne diese Zeit, denn sie wünschen sich den nachbarschaftlichen Austausch und haben schon lange auf eine Plattform gewartet, auf der sie den initiieren können.

Nachdem der erste Schritt getan ist: Wie überzeugt ihr andere Nachbarn, sich auf nebenan.de anzumelden?

Ina: Am Anfang müssen wir in kurzer Zeit möglichst viele Nachbarn dazu bringen, sich die Plattform anzuschauen. Die Initiatoren der neuen Nachbarschaft können dafür bei uns eine Starthilfe anfordern. Wir kümmern uns dann um den Druck von Papiereinladungen für den Briefkasten, die der Nachbar dann selbst verteilt oder von uns verteilen lässt.

Investoren wie etwa der Medienkonzern Burda haben 5,5 Millionen Euro in euer Startup gesteckt. Steht ihr damit nicht unter einem großen Monetarisierungsdruck?

Ina: Zum Glück haben wir bisher relativ freie Hand. Unsere Investoren glauben an uns. Sie haben sich dazu bereit erklärt, uns die Zeit zu geben, die wir brauchen. Trotzdem ist uns bewusst: Wir müssen uns ab einem bestimmten Zeitpunkt refinanzieren. Bisher haben wir aber weder ein fertiges Monetarisierungsmodell in der Schublade, geschweige denn einen Zeitplan, wann wir damit loslegen. Wir wissen jedoch jetzt schon ganz konkret, dass es ein feines und für die Nachbarn relevantes Modell sein muss. Und das braucht Zeit.

Aber sicherlich habt ihr schon Ideen, oder?

Ina: Wir haben die Idee, lokalen Geschäften und Dienstleistern die Möglichkeit zu geben, sich auf unserer Plattform zu präsentieren und so wieder in direkten Kontakt zu ihrer relevantesten Zielgruppe zu kommen. Das heißt, wir wollen ihnen wahrscheinlich Profile zur Verfügung stellen, aber keine klassische Bannerwerbung von außen zuschalten. Diese Möglichkeit wäre dann aber wirklich nur Geschäften aus der Nachbarschaft vorbehalten.

Zum Schluss noch etwas Zwischenmenschliches: Gibt es denn schon ein nebenan.de-Pärchen?

Ina: Ach, da warte ich noch drauf. Aber wenn es passiert, mache ich eine Flasche Schampus auf!

Vielen Dank für das Interview!

 

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