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„Ich kenne niemanden, der so für Toiletten brennt, wie wir"

Fäkalien, Kot, Scheiße: für viele ein Tabuthema - außer für den Verein Non-Water Sanitation. Johann Angermann hat mit uns darüber gesprochen.

Caroline Deidenbach Johann Angermann

Initiative BildungGesundheit Berlin

Non-Water Sanitation e.V. Logo

Der Verein Non-Water Sanitation engagiert sich für eine Welt, in der Alle Zugang zu sauberen Toiletten und Trinkwasser haben. Sie bieten nachhaltige Sanitärlösungen, u.a. Trockentoiletten in Indien, um Gesundheit und Hygiene weltweit zu fördern.

Non-Water Sanitation e.V.

Vorsitzender: Sven Riesbeck; Stellvertreter: Thomas Jakel; 2. Stellvertreter: Kevin Kuhn; Beisitzer: Johann Angermann; Schatzmeister: Peter Engelmann

Telefon (Deutschland): +49 (0) 151 68 18 98 09

e.V.

2012

Eichborndamm 167 G55
13403 Berlin
Deutschland

kontakt@nonwatersanitation.de

Sanitärkrise
Immer noch sterben jährlich hunderttausende Kinder an vermeidbaren Durchfallerkrankungen. Zu den Millennium Development Goals der UN im Jahr 2000 gehörte auch, dass bis 2015 jeder Mensch den Zugang zu einer ordentliche sanitären Versorgung hat. 2017 lebten, laut UN, immer noch etwa 2,5 Millionen Menschen ohne ausreichende Sanitärversorgung.

Alles begann mit einer Fahrradtour von Berlin nach Indien. Der Grund? Mehr Toiletten. Klingt komisch – ist aber so. Denn das Sanitäre System  ist in der Krise. Laut der UN fehlt fast 2,5 Milliarden Menschen der Zugang zu einer ausreichenden sanitären Versorgung. Sie sind gezwungen ihr Geschäft in aller Öffentlichkeit, am Straßenrand, an Bahngleisen, im Feld oder am Fluss zu verrichten – die sogenannte Open Defication. Die Fäkalien gelangen so auch schnell in das Grundwasser und verbreiten Krankheiten. Gerade für Kinder endet so eine Durchfallerkrankung oft tödlich. Thomas Jakel und Johann Angermann haben unabhängig voneinander während ihrer Reisen nach Indien 2011 das Problem erkannt. Thomas ergriff dann die Initiative: Ein Fahrradtrip, fünf Monate lang bis nach Indien, um Gelder für Trockentoiletten zu sammeln und um auf das Thema aufmerksam zu machen.  Die Reise von Thomas, Johann, Erik Fährmann und Maushami Chetty war ein Erfolg und der Beginn von dem Verein Non-Water Sanitation. Johann hat die verschiedenen Aktionen und Stadien in den letzten Jahren mit der Kamera begleitet. Mit uns hat er darüber gesprochen, welche Ziele sie gerade verfolgen wie schwierig das Thema „Scheiße“ ist.

Was ist das grundsätzlich das Problem in Indien mit der „Open Defication“?

Johann: Ganz klar die Verbreitung von Krankheiten. Wenn die Menschen ins Feld raus gehen und einfach irgendwo ihr Geschäft verrichten, ist die Gefahr sehr groß, dass es ins Grundwasser sickert oder beim nächsten Regen in den Bach fließt, der in den Teich mündet, wo die eigenen Eltern oder der Nachbar seine Wäsche wäscht, die Kinder sich waschen und die Wasserbüffel zum Tränken gebracht werden. Oder auch der banale Fall, dass eine Fliege erst an dem einen Ort war und dann am nächsten. Das zu ändern ist ein ganzer Prozess. Toiletten bauen reicht nicht, sondern man muss es den Leuten erklären.

Die Fahrradtour 2012 nach Indien war der erste Schritt zum Verein Non-Water Sanitation.

Wie kommt das Thema in Deutschland an?

Johann: Toiletten bauen ist nicht das sexyste Charity Projekt, weil man auch eine Schule bauen oder einen Brunnen graben könnte, was sehr populär ist. Unser Thema ist viel schwieriger zu kommunizieren. Wer will schon Toiletten sehen? Vor allem: Wer will dreckige Toiletten sehen? Und wer will sich über das Thema Scheiße unterhalten? Daher haben wir das damals mit der Fahrradtour verknüpft – 10 000 Kilometer bis nach Indien – eine sportliche Leistung, ein Abenteuer. Die Versorgung mit Toiletten ist auch ein Teil der Millennium Goals, auch ein Grund, warum wir uns dafür entschieden haben. Andere sagen, dass wichtigste sei Bildung. Aber wenn du kranke Kinder hast, die wegen Bauchschmerzen nicht in die Schule gehen können, dann bringt es dir auch nichts, wenn du eine Schule baust.

Wie geht man in Indien mit dem Thema Open Defication um?

Johann: Mittlerweile bestraft der Staat die Open Defication. Das geht soweit, dass die Polizei oder öffentliche Vertreter dazu aufrufen, diese Betroffenen, die beim öffentlichen Stuhlgang erwischt wurden, bloßzustellen indem man mit Pfeifen oder mit einer Glocke auf sie zu rennt. Diese wird der Person dann teilweise sogar umgehängt. Das wird dann gefilmt und auf YouTube gestellt.

Und was macht die Regierung um das eigentliche Problem zu lösen, außer zu bestrafen?

Johann:  Als wir 2012 die Tour gemacht haben, hat der Premierminister Modi die Kampagne „Wash India“ ins Leben gerufen hat, worunter auch der Bau von Toiletten fällt. Und seitdem investiert die indische Regierung sehr stark in den Bau von Toiletten und es gibt einen regelrechten Wettkampf der großen Bauunternehmen. Da sind dann auch so skurrile Modelle dabei, die aus Asbest gebaut werden, weil Indien einer der größten Asbesthersteller weltweit ist. Außerdem muss der Toilettenbauer in Vorkasse gehen, das kann sich auch nicht jeder leisten.

Wie funktionieren die Toiletten?

Johann: Wir haben uns für das Thema Trockentoiletten entschieden. Die Region, in der wir arbeiten, Maharashtra, ist halbjährlich sehr trocken. Gerade im Hochsommer, von April an, gibt es manchmal kaum genug Trinkwasser, geschweige denn Wasser, um Fäkalien runter zu spülen. Es hat nicht jeder den Luxus wie wir in Europa, dass wir unsere Fäkalien mit Trinkwasser transportieren. Deswegen setzen wir uns für den Bau von Trockentoiletten in trockenen Regionen ein. Meistens sind das sogenannte Trocken-Trenntoiletten, da wird das Trockene von dem Flüssigen getrennt. Das sind sogenannte Hockpfannen, weil die Leute dabei hocken. Sie sind so konzipiert, dass in dieser Stellung automatisch das Flüssige nach vorne in einen Trichter geht und in der Mitte ist ein großes Loch. Hinten nochmal eine Pfanne, um sich sauber zu machen.

Die Trocken-Tenntoiletten von Non-Water Sanitation e.V. in Indien.

Da in Indien kein Toilettenpapier benutzt wird, brauchen sie dafür Wasser, aber nur etwa einen halben Liter. Die Toilette hat ein Zwei-Kammern-System. Zuerst gelangen die Fäkalien in die eine und nach sechs Monaten in die andere Kammer. In der Zwischenzeit kompostiert der Inhalt der Ersten und wenn die zweite voll ist, kann der entstandene Kompost aus der ersten benutzt werden. Voila, 100 Prozent sicheres Düngemittel. Ähnlich wie bei den Ecotoiletten, wirft man nach jedem Toilettengang Asche vom Kochen, trockenes Laub, Stroh oder Sand hinterher. In erster Linie saugt das alles die Feuchtigkeit auf und verhindert die Geruchsbildung. Gleichzeitig sorgt die Zusammensetzung für einen idealen Dünger. Die Kompostierung findet vor allem durch die Wärme statt und diese tötet gleichzeitig Bakterien und Krankheitserreger. Es gibt auch andere Lösungen. Wir sind ständig dabei neue Prototypen bauen zu lassen, um günstigere Lösungen zu bieten. Wir versuchen uns auf den jeweiligen Fall bestmöglich einzulassen. Weil wir nicht glauben, wie es die Regierung gerne hätte, eine Lösung für alle zu finden.

Gerade seit ihr dabei gemeinsam mit der Savitribai Phule Universität in Pune und 700 Studierenden Befragungen durchzuführen zum Thema sanitäre Versorgung. Wie läuft das bisher?

Johann: Die erste Phase im Distrikt von Pune haben wir schon abgeschlossen. Die Region Maharashtra ist fast so groß wie Deutschland und der Distrikt Pune hat etwa fünf Millionen Einwohner. In diesem Bereich haben wir die ersten Dörfer besucht und Umfragen zum Thema Hygienegewohnheiten gemacht. Jeweils 100 Haushalte pro Dorf, die wurden nach allen Künsten der Soziologie über ein Programm willkürlich ausgewählt. Die Fragen müssen natürlich vorsichtig gestellt werden, da die Leute auch Angst haben, dass man von der Regierung kommen könnte und sie somit bestraft werden.

Die Studierenden der Savitribai Phule Pune University vor dem Gemeindehaus eines Dorfes.

Kannst du hier schon Ergebnisse sagen?

Johann: Was man schon sagen kann ist, dass der Zugang zu Toiletten ganz stark davon abhängt, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Frauen profitieren am meisten von Toiletten. Gängige Praxis ist sonst, dass die Frauen bis zur Morgen- oder Abenddämmerung warten, um im Schutz der Dunkelheit auf die Felder zu gehen. Einige Männer nutzen das aus und warten bis die Frauen raus kommen. Ganz abgesehen von den Schlangen und wilden Tieren, die sonst noch da sind. Ein weiteres Thema ist hier die Menstruation. Wenn es in den Schulen keine Toiletten gibt, brechen Mädchen im Alter von 11 bis 13 sie ab, weil sie sich nicht zurückziehen können. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass Open Defication nicht davon abhängig ist, ob man sich eine Toilette leisten könnte. Denn manchmal haben die reichsten Familien in so einem Dorf, die mehrere Motorräder und eine Sattelitenschüssel haben, keine Toiletten. Vielleicht weil sie es schon immer so machen. Sie sagen dann: „Dann kann ich morgens raus gehen und gleich etwas Sport machen, eine Rauchen ohne dass es meine Frau merkt." Oder andere sagen, dass sie dann ihre Freunde treffen und sich von ihrem Tag erzählen.

Was passiert in der nächsten Phase?

Johann: Die erste war nur mit einer kleinen Gruppe von 30 Studierenden aus Pune, aber die Uni hat Colleges in ganz Maharashtra und daraus rekrutieren wir nun 700 Studierende. Die werden in Workshop eingelernt, worum es geht und wie sie die Fragen stellen. Sie arbeiten auch nicht mehr mit Zetteln, sondern mit einer App. Das geht dann über das Smartphone, da können sie dann einfach klicken und dann wird das alles getrackt. Die Befragungen laufen in Kleingruppen parallel ab, damit wir hoffentlich im Mai fertig sind und die Ergebnisse auswerten können. Der fertige Bericht wird dann mit einer Empfehlung von uns und von der Universität Pune an den Ministerpräsident übergeben. Wir hoffen, dass wir im Anschluss die Gelegenheit haben ganz viele Toiletten in der Nähe von Pune zu bauen, mit dem Geld von der Regierung. Das Geld dafür hätten sie.

Endlich können die Frauen auch tagsüber ohne Angst die Toiletten nutzen.

Was macht euer Team aus?

Johann: Ich kenne niemanden sonst, der so für Toiletten brennt. Für mich ist es grundsätzlich inspirierend mit den Jungs zusammen zu arbeiten. Es ist echt schön, Menschen zu kennen, die etwas aus tiefer Überzeugung und mit Liebe machen und nicht fürs Geld oder fürs Ego. Du baust keine Toiletten fürs Ego. Du machst es weil du davon überzeugt bist, dass es wichtig ist. Für alle, die dabei waren, als wir zum ersten Mal endlich in dieses Dorf geradelt sind, in dem wir die ersten Toiletten gebaut haben, und da dann mit den Familien zusammen gesessen sind, war das ein einschneidender Moment. Wir konnten nicht nach Hause gehen und weiter machen wie bisher

Was hat sich seit eurem ersten Projekt für euch verändert?

Johann: Ich denke, wir sind erwachsen geworden. Wir sind in Deutschland ein gemeinnütziger eingetragener Verein und in Indien auch ein Verein. Wir lassen uns von Stiftungen fördern und gehen nicht mehr bei Familie und Freunden hausieren. Wir bekommen auch sehr viel Unterstützung von der Universität in Pune. Nicht nur für die Studie, sondern wir bauen auch für die Uni und den größten Campus in Pune, Komposttoiletten eine Biogasanlage und einen Organic Garden. So bringen wir das Thema früher zu den Menschen und zeigen, wie es in der Praxis funktioniert. Wir sagen dann: Ihr wollt wissen, wie eine Trockentoilette funktioniert? Dann fahrt doch auf den Campus. Dann könnt ihr sehen, wie das von der Toilette, zum Kompost, zum Garten und zur Papaya wird.

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