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treibgut – Ist das Kunst oder kann das weg?

Holz, Metall und Neonröhren – vieles ist noch lange kein Müll und landet trotzdem im Container. Das es auch anders geht, zeigt eine Münchner Lagerinitiative.

Christoph Eipert Sebastian Preiss

Initiative LebenszyklusNachhaltigkeit München

treibgut Logo

treibgut ist eine Lagerinitiative: Ein Umschlagplatz für Materialien aller Art, die vor der Entsorgung abgefangen werden und vor allem für Kunst- und Kulturschaffende in München relevant sind.

treibgut

Boris Maximowitz & Jonaid Khodabakhshi

Boris Maximowitz & Jonaid Khodabakhshi /mail@treibgut-lager.de

non-kommerziell

2014

Schwere-Reiter-Straße 2
80637 München

Es ist gar nicht so kompliziert. Eines der größten ökologischen und somit gesellschaftlichen Probleme lässt sich mit nur einem einzigen Wort beschreiben: Müll. Der Grund dafür ist, dass es zu viel gibt. Allein in Deutschland kommt man jährlich auf über 400 Millionen Tonnen Unrat aller Art – vom Bauschutt bis zur Wurstverpackung. Um nicht in Müllbergen zu versinken wird daher fleißig gesammelt, gepresst, sortiert und recycelt, das ist sinnvoll und schützt die Umwelt. Doch ganz so einfach ist es nicht. Viele Stoffe und Materialen können aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht wiederverwendet werden und landen so zwangsläufig in den Flammen der Müllverbrennungsanlagen. Das ist besonders schade, da dieses Schicksal auch Materialien ereilt, deren Beschaffenheit mit dem Verständnis von Müll nur wenig zu tun haben. Dort landen sie meist trotzdem, da sie keinen neuen Abnehmer finden oder eine Wiederverwendung zu teuer und zu aufwendig ist.

So ein Umgang mit Materialien ist nicht nur schade, sondern geht auch anders. Das ist die Überzeugung von Boris Maximowitz und Jonaid Khodabakhshi. Die beiden Gründer der Münchener Initiative „treibgut“ wollten nicht weiter tatenlos zusehen, wie massenhaft Dinge weggeworfen werden, die wenig später vielleicht eine neue Bestimmung gefunden hätten und somit wieder in Umlauf gekommen wären. Dieses Bedürfnis etwas gegen dieses Müllproblem zu unternehmen, hat sich aus der Arbeit hinter den Kulissen der Kreativszene entwickelt.

Die Initiatoren von treibgut: Boris Maximowitz (links) und Jonaid Khodabakhshi (rechts)

Während der Umsetzung eigener Projekte und der Arbeit, unter anderem als Bühnenbauer, haben Boris und Jonaid immer wieder festgestellt, dass Unmengen hochwertiger Materialien auch beim Abbau von Bühnenbildern, Kunstinstallationen oder Ausstellungen einfach weggeworfen werden. Hochwertige Holzplatten, Vitrinen und Co. landen so einfach im Container, mit der Begründung des Mangels an genügend Lagerfläche. Diese Situation war letztlich der Start von treibgut, denn: wenn also Raummangel das größte Problem ist, warum dann nicht Materialien aus der Kreativszene vor der Entsorgung retten, indem man sie selber einsammelt, lagert, aufbereitet und zur Wiederverwendung in den Materialkreislauf zurückgeführt? Die Idee zur Lagerinitiative war geboren.

Das ist nun bereits mehr als drei Jahre her und aus der ursprünglichen Idee ist eine Initiative geworden, die sich in der kreativen Szene Münchens etabliert hat. Platz gefunden hat treibgut im „Kreativquartier“ – ein ehemaliges Militär- und Industriegelände, das heute eine Anlaufstelle für Künstler und Kulturschaffende ist. treibgut ist dort eine wichtige Adresse für kreative Köpfe geworden, denn in den Räumlichkeiten der Initiative lagert mittlerweile so einiges an Brauchbarem, was für neue Kunstprojekte verwendet werden kann. Die Initiative sieht sich dabei aber auf keinen Fall als Schnäppchenmarkt für gebrauchte Bühnenbilder oder als Secondhand-Baumarkt für Hobbybastler. Vielmehr soll treibgut Raum schaffen für den persönlichen Austausch und der Beratung sowie Vernetzung Kunst- und Kulturschaffender. Das macht treibgut auch zu einem Fördertool, denn: Leute kommen, man unterhält sich darüber, was man vorhat und wie man es lösen kann, wie man welches Material verbauen könnte. Ein Fördertool ist treibgut auch deshalb, da Materialen zu einem weitaus geringeren Preis weitergegeben werden, als es auf dem Markt üblich wäre. Gut für eine kreative Szene also, die – anders als die großen Namen und Bühnen – keine riesen Budgets zur Verfügung hat und sich so trotzdem notwendige Utensilien zur Umsetzung eigener Projekte besorgen kann. Die Initiative schafft so Freiräume, die eine künstlerische Entfaltung der kreativen Szene ermöglichen.

Oft landen gut erhaltene Materialien im Müllcontainer — treibgut will das ändern.

Das geht aber nur, wenn die eigenen Kosten so gering wie möglich gehalten werden. Wären die Kosten für Transport, Arbeitsaufwand und Lagerung zu hoch, wäre das am Ende auch der Preis für Endabnehmer und der Vorteil zu neuen Materialien wäre dahin. Konkret wird ein großer Teil der Kosten – wie die Mietkosten für das Lager –  durch einen öffentlichen Träger übernommen. So kann treibgut, mit kommunaler Unterstützung, Räume frei nutzen, die in einem Wirtschaftszentrum wie München sonst kaum zu bezahlen sind. Diese Unterstützung ist überlebenswichtig für eine Initiative, deren Erlöse allein noch nicht das Leben ihrer Gründer finanzieren kann. Gut und wichtig ist sie trotzdem. Denn treibgut ist vor allem ein soziales Projekt, das sich nicht auf einen einzigen Schwerpunkt festlegen will und ökologische sowie gesellschaftlichen Interessen verbindet. Als nicht-kommerzielle Initiative ist es dennoch schwer sich in einem Umfeld zu behaupten in dem Raummangel und Gentrifizierung schon längst keine Schlagwörter, sondern reale Bedrohungen für das Leben und seine Kultur in der Großstadt geworden sind.

Wie die Initiatoren auch in Zukunft weitermachen wollen, welche Hürde es zu meistern gilt und was es mit einer eigenen Ausstellung auf sich hat, gibt’s bald hier im relaio-Interview zum Nachlesen.

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