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„Unser Ziel ist es, dass es bald keine Einwegbecher mehr gibt.“

Ein Pfandsystem für Coffee-to-go-Becher für ganz Deutschland – das hat sich das Start-Up RECUP zur Aufgabe gemacht.

Startup NachhaltigkeitUmwelt München

RECUP, das sind Fabian und Florian – keine Grundschulfreunde oder Uni-Buddys, sondern bis zum Sommer 2016 zwei Fremde mit derselben Idee: Ein Pfandsystem für Coffee-to-go-Becher zu etablieren. In weniger als einem Jahr haben sie eine Testphase durchlaufen, neue Becher designt und viele Städte in Deutschland erobert. Florian hat mit uns über diese Zeit gesprochen.

Wie bist du eigentlich auf das Thema gekommen? War da zuerst die Idee oder der Wunsch etwas zu gründen?

Florian: Zuerst war da meine Freundin. Es gibt ja diese typische Durchhängephase, wenn du keine Lust mehr auf die Bachelorarbeit hast. Wir haben Kaffee getrunken und dann hat sie gemeint, dass wir doch mal etwas wirklich Sinnvolles machen sollten, wie beispielsweise ein Pfandsystem für Coffe-To-Go-Becher, um den ganzen Müll einfach abzuschaffen. Als ich zurück an der Uni war, ist es mir erst richtig bewusst geworden: Du machst drei Kaffeepausen am Tag und jedes Mal nimmst du einen Einwegbecher. Als ich angefangen habe, mich damit tiefer zu beschäftigen ist mir erst aufgefallen, wie riesig unser Müllproblem ist. Die deutsche Umwelthilfe hatte damals schon eine Studie zum Thema veröffentlicht, in der herauskam, dass 2,8 Milliarden Becher im Jahr weggeworfen werden. Dementsprechend viele Ressourcen werden verbraucht und das Pfandsystem war für uns die einzige logische Lösung. Wir denken nicht immer daran, unseren eigenen Becher mitzunehmen und wir erwarten auch nicht von jedem, dass er immer seinen Becher mit sich rumträgt, falls er mal spontan einen Kaffee möchte.

Was habt ihr denn im Vergleich zu ähnlichen Konzepten richtig gemacht? In Freiburg gibt es das ja auch. Aber dort funktioniert nicht so wirklich.

Florian: Wir waren zum richtigen Zeitpunkt bei den Ersten dabei, die überhaupt so etwas in Deutschland gemacht haben. Und wir sind komplett unabhängig von der Kaffeeszene. Deswegen will jeder mit uns arbeiten, weil wir keine große Firma hinter uns haben, wie Starbucks. Wir sind aber auch keine Stadt, die mit dem Zeigefinger sagt: „Ihr müsst jetzt ein Pfandsystem machen. Macht doch mal mit!" Da fehlt eben der Charme und wir sind somit ein bisschen „cooler“.
Von Anfang an war der Gedanke, dass es überall gleich und überregional  funktionieren muss, weil wir auch die Pendler erreichen wollten. Den Schritt hatte bisher niemand gemacht. Freiburg ist zwar sehr groß geworden: ungefähr hundert Cafés, die diesen Becher mal hatten oder auch noch haben. Aber es ist eben nur Freiburg. Insellösungen machen wenig Sinn. Denn die Pendler nehmen viel Kaffee mit und die gilt es auch zu erreichen. Zudem haben wir nicht lange überlegt. Wir haben schnell getestet und wir haben vor allem immer transparent über unsere Ideen geredet. Wir waren nicht typisch Deutsch und saßen erstmal grübelnd im Keller, aus Angst, dass es jemand klauen könnte. Wenn du mit den Leuten redest, kannst du immer nur gewinnen – das war unser Key Learning. So haben wir ein großes Netzwerk aufgebaut.

Florian ist Mitgründer von RECUP.

Wieso habt ihr euch für Rosenheim als Teststadt entschieden?

Florian: In Rosenheim ist alles relativ zentral und dadurch einfacher zu testen. Außerdem hatte ich den Vorteil aus Rosenheim zukommen und dass ich dort ein super Netzwerk hatte. Gleich zu Beginn war eine große Bäckerei dabei und als wir die hatten, haben alle gesagt: „Wenn der mitmacht, dann machen wir auch mit.“ Damit ging es in Rosenheim echt schnell. Im Enddefekt ist es eben ein Dorf, auch wenn das die Rosenheimer nicht gerne hören. Jeder kennt jeden. Bei 26 Standorten haben wir erst mal Schluss gemacht, weil wir gar nicht genug Becher hatten. Wir wollten schließlich auch lieferfähig bleiben.

Hattet ihr in der Testphase schon die Becher, die ihr jetzt benutzt?

Florian: Wir haben erst einmal geschaut, was es auf dem Markt gibt. Der erste Becher war vom gleichen Hersteller bei dem wir jetzt auch immer noch produzieren. Aber er war grau und schwarz und das Logo war nicht wirklich durchdacht. Beim Feedback kam dann raus, dass es eher an ein Fitnessgetränk oder eine IT-Firma erinnert. Wir hatten zwar schon den Namen, aber für die Testphase keinen hohen Designanspruch. Es musste alles schnell gehen: 5000 Becher bestellt, bedruckt und los.

Wie ist die Testphase gelaufen?

Florian: Wir haben gelernt, wie unterschiedlich Cafés und deren Besitzer ticken und wie viel man erklären muss. Es funktioniert, aber es ist auch kein Selbstläufer und die Cafés müssen auch dahinter stehen. Wenn der Kunde die Becher nicht sieht oder die Mitarbeiter automatisch zum Einwegbecher greifen, kann es nicht funktionieren. Sonst hat das Pilotprojekt erstaunlich gut geklappt. Nach sechs Wochen wollten wir aufhören, Ergebnisse auswerten, schauen, wie viele Becher verschwunden sind und uns das Feedback anhören. Da gab es Cafés, die meinten "Ne, von uns bekommt ihr die nicht zurück. Wir machen weiter." Dementsprechend haben wir es dann laufen lassen.

Was habt ihr nach der Testphase verändert?

Florian: Wir haben vor allem das Design der Becher verändert, damit sie mehr unseren Anforderungen entsprechen. Dazu gehörten zwei verschiedene Größen, ein mattes Äußeres, unten abgerundet und somit perfekt stapelbar – besser als bei Einwegbechern. Produziert wird im Allgäu, in Wangen, von einem mittelständischen Familienbetrieb.

Wie genau funktioniert euer Pfandsystem?

Florian: Die Cafés bestellen die Becher online. Dann werden sie verschickt und schon kann es losgehen. Ein Becher kostet einen Euro Pfand, den die Cafés bei uns hinterlegen. Es ist nur Pfand, das hinterlegt wird, welches wir auch aufheben müssen für den Fall, dass die Becher wieder zu uns zurückkommen. Der Becher wird dann direkt in dem Café, in dem er abgegeben wird, gespült. Jeden Becher zum Spülen zu schicken und wieder zurückzubringen wäre ökologisch nicht sinnvoll. Natürlich passiert es, dass sich Becher ungleichmäßig verteilen, aber deswegen organisieren wir die Umverteilung.

Was verdient ihr dabei?

Florian: Cafés zahlen bei uns eine monatliche Mitgliedsgebühr. Sie sind damit auch in der App gelistet - also kommen die Leute im besten Fall zwei Mal in den Laden, um den Becher zurück zu bringen. Wer schon mal da ist, kauft vielleicht auch noch eine Breze.

Die Becher von RECUP gibt es nun auch im Café gangungäbe in München.

Könnt ihr davon leben?

Florian: Nein. Von der Mitgliedgebühr können wir bisher noch nicht Leben. Das ist ein ganz klares Massengeschäft, wenn wir mal sehr viele Cafés haben, dann können wir uns tragen. Im Moment werden wir noch finanziert. Wir haben Geld bekommen von Privatinvestoren, sehr impactorientierten Menschen. Wir haben das große Glück gehabt, dass das alles Menschen sind, die uns sehr aktiv helfen, und mit ihrem Geld etwas Gutes tun wollen.

Wieso ist der Pappbecher weniger nachhaltig?

Florian: Es gibt noch viele, die denken: Der ist nur aus Pappe und kann recycelt werden. Aber das kann er eben nicht bzw. nur sehr schwer. Er ist beschichtet und wird dementsprechend so gut wie immer verbrannt. Das ist reine Ressourcenverschwendung. Es gibt zwar immer mehr biologisch abbaubare Becher, das ist dann ein anderer Kunststoff, der aber meist von der Abfallwirtschaft nicht erkannt wird. Der sieht aus, wie die anderen und wird somit auch verbrannt. Da haben wir vielleicht etwas weniger Erdöl verbraucht, aber ansonsten ist es genau dasselbe. Wir haben immer das Problem, dass beim Papier in der Lebensmittelindustrie kein hundertprozentig recyceltes Papier verwendet wird oder verwendet werden darf. Es werden also immer Bäume abgeholzt, um einen Kaffee zu trinken, der oft gar nicht schmeckt.

Was bewegt die Cafés dazu, bei euch mitzumachen?

Florian: Das ist ganz unterschiedlich. Den Meisten wird die Masse an Müll bewusst, die sie täglich produzieren, wenn sie sehen, wie hoch der Stapel an Pappbechern am Morgen noch war. Sie sehen dann vielleicht auch ihre Logos im oder neben dem Mülleimer. Früher waren die Becher einmal ein Statussymbol, jetzt aber schlechte Werbung. Viele schauen aber auch einfach aufs Geld.

Florian hackt gleich mal beim Besitzer vom Café gangungäbe nach, wie es mit den Bechern läuft.

Woraus bestehen eure Becher?

Florian: Aus Polypropylen, einem recyclebarem Kunststoff, der auch für Tupperware verwendet wird. Klar, wieder Plastik, aber noch gibt es keinen Biokunstoff oder etwas vergleichbares, das die gleichen Eigenschaften hat und sich gut verarbeiten lässt. Es muss recyclebar sein, damit es am Ende des Lebenszyklus nicht auch verbrannt wird, sondern noch mal wiederverwertet wird. Polypropylen ist bruchfest, hitzebeständig und lebensmittelecht und ohne Weichmacher oder andere Additive – das sind alles Eigenschaften, die bisher in keinem Biokunststoff zu finden sind. Sonst würden wir sofort umstellen. Die Cafés können uns kaputte Becher zurückgeben, dann können wir es direkt unserem Hersteller wiedergeben, aber auch bei den meisten Abfallwirtschaftsbetrieben wird er aussortiert und in einen gesonderten Kreislauf gegeben. 

Soll es in Zukunft Deckel geben?

Florian: Bisher werden die normalen Deckel benutzt, aber wir haben jetzt bald einen Mehrwegdeckel. Das gleiche Material, gut spülbar, Mehrweg und auch nicht so teuer. Uns ist bewusst, dass ein Deckel dazu gehört, aber es war leider nicht so leicht einen zu bauen, der gut sitzt und auslaufsicher ist. Viele verzichten bewusst auf den Deckel, aber beim Autofahren oder in der U-Bahn braucht man ihn, wenn man angerempelt wird oder bremsen muss.

Wollt ihr auch irgendwann international arbeiten?

Florian: Unser Ziel ist es, dass es bald keine Einwegbecher mehr gibt. Wir konzentrieren uns aber erst mal auf Deutschland, weil die Menschen hier Pfand auch verstehen. In anderen Ländern gibt es oft gar keine Pfandsysteme. Dementsprechend ist der Aufklärungsaufwand viel höher. Österreich oder Schweiz würden sicher auch gehen, aber da gibt es andere Tücken, wie die Währung und den Zoll in der Schweiz. Aber wenn wir es hier schaffen, wäre das schon etwas. Eins nach dem anderen.

Vielen Dank für das Interview!

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