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Talents4Good im Interview

Über gute Jobs, ungewöhnliche Lebensläufe und harte Entscheidungen.

Startup Co-workingGesellschaftNetzwerkPersonVerantwortung München

Talents4Good ist eine Personalberatungsagentur für gute Jobs. Das Startup vermittelt Menschen, die sich nach einer beruflichen Laufbahn mit Sinn sehnen, an Unternehmen und Organisationen, die ihnen eine solche Karriere bieten können.  Im Interview erzählt Mitgründerin Carola von Peinen, woran sie gute Bewerber erkennt, warum sie Gründerin geworden ist und was die bisher härteste Entscheidung ihrer Unternehmerinnen-Karriere war.

Auf eurer Webseite schreibt ihr: "Uns interessieren vor allem die Stellen im Lebenslauf, an denen andere Dienstleister aufhören zu lesen." – Welche Stellen sind das?

Carola: Irgendwas muss mein Interesse triggern. Das kann ein Spannungsfeld sein, ein Punkt, den ich gar nicht verstehe. Wenn etwa ein gelernter Erzieher plötzlich in den Finanzbereich wechseln möchte und ich mich frage: Warum hat diese Person ihren alten Job aufgegeben? Welche Werte und Motivationen stehen dahinter?

Dabei interessieren mich die persönlichen Beweggründe mehr als die Karriereentscheidungen. Auch Lücken im Lebenslauf finde ich interessant. Manche Menschen pausieren, um ihre Kinder zu erziehen, andere um Angehörige bis zum Tod zu pflegen. Über diese Stellen gehen die meisten Personaler einfach so hinweg, wir hingegen fragen die Bewerber gezielt, was sie zu dieser Entscheidung bewogen hat.

Auch in deinem Lebenslauf gab es eine Wende: Nach einem BWL-Studium mit Schwerpunkt auf Tourismus und einen paar Jahren bei einem klassischen Personaldienstleister hast du Talents4Good gegründet. Warum hast du diesen Schritt gewagt?

Carola: Ich hatte den Wunsch nach Veränderung. Nicht, weil mir mein Job keinen Spaß mehr gemacht hätte, sondern weil ich mich nach einer neuen Herausforderung sehnte. 2010 habe ich deshalb angefangen, mich nach einer Alternative umzuschauen. Mit meinem Wissen wollte ich ein nachhaltiges Unternehmen im Vertrieb, im Projektmanagement oder im Business Development unterstützen. Ich habe deshalb nach einem Personaldienstleister gesucht, der mich dorthin vermitteln kann. Doch den gab es nicht. Dann habe ich gedacht: Wenn es diesen Dienstleister nicht gibt, muss ich ihn selber gründen.

Über Kontakte habe ich dann meine beiden Mitgründer Anna Roth-Bunting und Marco Janezic kennengelernt. Wir haben ungefähr ein Jahr lang Pilotprojekte durchgeführt, um Wissen aufzubauen und auch zu prüfen, ob es für unsere Dienstleistung einen Bedarf bei Organisationen und Bewerbern gibt. Und den gab es! Zusammen haben wir dann einen Business-Plan ausgearbeitet und 2012 Talents4Good gegründet. 

Was ist für dich als Gründerin der größte Antrieb?

Carola: Ich möchte mit meiner Arbeit etwas gestalten und bin nicht der klassische Sozialmensch, der versucht, Probleme auf therapeutischem Weg zu lösen. Ich sehe mich eher als Unternehmerin. Ich bin auch keine verbitterte Kapitalismus-Gegnerin, ganz im Gegenteil: Ich finde die marktwirtschaftlichen Mechanismen nach wie vor wirksam und zielorientiert. Wenn man die Hebel richtig setzt, kann man in der Wirtschaft ganz viel bewegen und gestalten. Das passiert aber viel zu selten, weil unser System eine falsche Ausrichtung hat. Momentan läuft alles auf die Profitorientierung hinaus.

Was macht ihr Sozialunternehmer anders?

Carola: Uns geht es vor allem darum, dass unsere Arbeit einen sozialen Impact hat. Das ist aber nicht einfach, weil das in unserem Wirtschaftssystem noch nicht besonders honoriert wird. Oft ist es so: Je größer der Impact, desto weniger zahlungskräftig die Zielgruppe. Und das war auch für uns die größte Herausforderung – wir mussten ein Geschäftsmodell finden, bei dem die soziale Wirkung auf einem gleichen Level liegt wie die Profitorientierung. 

Und das hat von Beginn an funktioniert?

Carola: Im Großen und Ganzen schon. Das lag auch an Marco, der als mehrfacher Gründer die größte Erfahrung von uns dreien im Aufbau von Unternehmen hat. Er war bei Talents4Good zwar nie operativ tätig, hat uns aber immer wieder eingenordet und uns so vor Anfängerfehlern bewahrt: Am Anfang haben viele Leute tolle Ideen an uns herantragen. Am liebsten hätten wir die alle gleich umgesetzt, doch das wäre uns schnell über den Kopf gewachsen. Wir wollten nicht das klassische 24/7-Startup sein und uns in Überstunden stürzen.

Marco hat Anna und mir geholfen, uns auf das zu fokussieren, mit dem wir gerade Geld verdienen, also in diesen Situationen sehr profitorientiert zu denken. Und das macht ein Social Business meiner Ansicht nach aus: Social und Business miteinander zu vereinen. Den Sweet Spot zwischen diesen beiden Polen zu finden, ist eine große Herausforderung.

Carola von Peinen — Mitgründerin von Talents4Good.

Was ist euer Kerngeschäft?

Carola: Ganz klar die Personalvermittlung.  Das war uns am Anfang auch nicht klar – wir sind mit einer ganz anderen Idee an den Markt gegangen, doch die hat sich schnell als nicht umsetzbar erwiesen.

Was für eine Idee war das?

Carola: Unser Produkt hieß „Project4Good“. Wir wollten Mitarbeiter aus Wirtschaftsunternehmen für einen gewissen Zeitraum in Sozialunternehmen vermitteln, dabei sollte ein Know-how-Transfer entstehen: Wer als Controller sechs Monate lang für ein Social Business arbeitet, erfährt in dieser Zeit sehr viel über Unternehmertum. Er lernt, Risiken einzuschätzen und einzugehen und Entscheidungen auf Basis von teilweise echt vagen Informationen zu treffen. Kurz: Er lernt, in einem unsicheren Umfeld zu bestehen. Ein Umfeld, das ein Konzern nicht bieten kann, weil man dort abgesichert ist.

Bei Project4Good sollten die Mitarbeiter also Dinge lernen, die sie in klassischen Schulungen nicht lernen können, die sie aber zu besseren Managern machen – das war unsere Hypothese.

Warum hat das nicht funktioniert?

Carola: Weil wir den Unternehmen nicht Schwarz auf Weiß beweisen konnten, dass die Mitarbeiter dabei wirklich etwas lernen. Dazu hätten wir einen Partner gebraucht, der gemeinsam mit uns ein Pilotprojekt startet. Bis zu unserer selbstgesetzten Deadline haben wir aber leider niemanden gefunden.

Wann habt ihr die Reißleine gezogen?

Carola: Schon nach vier Monaten. Dieses Herzensprojekt nach so kurzer Zeit einfach fallenzulassen, war für uns einer der härtesten Momente. Doch es war die richtige Entscheidung: Es war wichtig, dass wir uns schnell auf die Personalvermittlung konzentriert haben, um dort die entsprechenden Umsätze zu generieren. Wenn wir Project4Good noch drei Monate länger durchgezogen hätten, wären wirklich ernsthafte finanziellen Probleme auf uns zugekommen.

Im Münchner Büro von Talents4Good.

Zurück zur Personalvermittlung: Welchen Mehrwert hat es für eure Auftraggeber, mit eurer Hilfe nach neuen Mitarbeitern suchen?

Carola: Wir begleiten den Suchprozess professionell und sorgen dafür, dass die Unternehmen Mitarbeiter finden, die am besten auf die ausgeschriebene Stelle passen. Das fängt schon vor der eigentlichen Personalsuche an. Gemeinsam mit unseren Kunden schärfen wir das Suchprofil. Das ist ein wichtiger Schritt, der häufig unterschätzt wird. Oft ist unseren Auftraggebern nicht genau klar, wen sie eigentlich suchen. Durch gezielte Fragen versuchen wir, das herauszufinden. Wir setzen uns dazu mit den internen Strukturen auseinander und führen Interviews mit allen Beteiligten. So finden wir heraus, in was für ein Arbeitsumfeld die Kandidaten kommen werden, ob die Zusammenarbeit dort bereits funktioniert oder ob es Konflikte gibt. Wir wollen wissen, welches Puzzlestück noch fehlt, um das Team komplett zu machen.

Was macht ein gutes Team aus? 

Carola: Das kommt ganz stark auf die Zielsetzung an – manchmal ist es gut, wenn ein Team möglichst vielfältig ist, in anderen Bereichen braucht man Homogenität. Denn Diversität bringt Potenziale, birgt aber auch viele Konflikte. Wenn ich etwa ein Call-Center-Team zusammenstelle, in dem jeder dieselbe Aufgabe hat, ist es gut, wenn die Mitglieder relativ homogen sind. Im Produktmanagement, Business-Development oder im Marketing brauche ich hingegen Mitarbeiter, die unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Nur so können sie gemeinsam innovative Ideen entwickeln. Gleichzeitig muss ich aufpassen, dass dabei kein kreatives Chaos entsteht und brauche einen Manager, der den Laden zusammenhält. Und das ist keine einfache Aufgabe.

Wie funktioniert euer Team? 

Carola: Wir sind zu siebt und sitzen halb in Berlin und halb in München. Doch obwohl wir auf zwei Standorte aufgeteilt sind, arbeiten wir super eng zusammen. Viele Projekte sind standortübergreifend, denn wir versuchen, Aufgaben nach Kompetenzen und Kapazitäten zu besetzen.

Unser Team ist sehr offen und kommt ohne starre Hierarchien aus, bei uns darf jeder mitreden. Bei anderen Personaldienstleistern sind nur die Geschäftsführer für den Vertrieb zuständig. Nur sie reden mit den Kunden, die restlichen Mitarbeiter arbeiten im Hintergrund. Bei uns bringt jeder sein spezifisches Know-how ein und begleitet den gesamten Bewerbungsprozess, damit hat auch jeder die Verantwortung.

Welches spezifische Know-how habt ihr?

Carola: Das betrifft viele unterschiedliche Themen, ich erkläre das mal einem Beispiel: Vielen unserer Kunden ist es wichtig, auch Führungspositionen gleichberechtigt mit Frauen zu besetzen. Tatsächlich ist das aber gar nicht so einfach, weil sich auf „normale“ Stellenausschreibungen für Leitungsfunktionen weniger Frauen bewerben.

Es gibt aber bestimmte Tricks und Formulierungen, um Stellenanzeigen für Frauen deutlich ansprechender zu gestalten. Das führt zu mehr Bewerbungen von Frauen – spannenderweise aber ohne dabei männliche Bewerbungen zu reduzieren!

Welche Formulierungen sprechen Frauen besonders an?

Carola: Das sind eher Begriffe wie Kooperation, Teamarbeit und Motivation als Durchsetzungsstärke oder Analysefähigkeit. Natürlich darf man bei der Optimierung nicht übertreiben, die Formulierungen müssen immer zum Jobprofil passen. Wer etwa einen Buchhalter sucht, sollte von den Bewerbern eine ausprägte Analysefähigkeit verlangen, egal ob sie männlich oder weiblich sind.

Carola im Interview.

Wenn ihr geeignete Bewerber gefunden habt, wie begleitet ihr den weiteren Prozess?

Carola: Wir machen eine Vorselektion, führen erste Interviews und stellen dem Kunden die besten drei bis fünf Kandidaten vor. Der führt dann Interviews und trifft schließlich die endgültige Entscheidung. Wir begleiten den gesamten Prozess jedoch weiterhin als Berater und sind bei den Gesprächen im Hintergrund mit dabei. Bei Bedarf machen wir kleine Bewerbertage, wo sich die Kandidaten bei verschiedenen Aufgaben beweisen müssen.

Was treibt eure Bewerber an?

Carola: Viele Menschen, die sich bei uns melden, sind mit ihrem aktuellen Job nicht zufrieden, denn sie möchten einen tieferen Sinn in dem finden, was sie tun. Sie suchen einen Beruf, mit dem sie der Gesellschaft etwas zurückgeben können. Wir helfen ihnen, diesen Beruf zu finden.

Nehmen sie dafür finanzielle Einbußen hin?

Carola: Die allermeisten. Oft haben unsere Kandidaten vorher in klassischen, gewinnorientierten Unternehmen gearbeitet und dort im Schnitt 30 Prozent mehr verdient. Wir haben sogar viele Bewerber, die bereit sind, ihr Gehalt zu halbieren.

Ist Social Entrepreneurship deiner Meinung nach ein Nischenphänomen oder siehst einen großen Trend hin zu mehr Sozialunternehmertum?

Carola: Definitiv! Social Entrepreneurship ist sehr attraktiv, besonders für junge Leute, weil es ein modernes Image hat und weil man dort neue Wege jenseits der festgefahrenen Muster gehen kann. Andererseits ist es noch immer echt schwierig, ein gutes Social-Business aufzubauen. Bei den meisten scheitert es an einem Geschäftsmodell, das sich selbst trägt. Aber trotzdem glaube ich: Social-Entrepreneurship ist ein Zukunftstrend.

Vielen Dank für das Interview!

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