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Digital Sozial

TEIL 5: Soziale Initiative im Silicon Valley

Severin Engelmann Viktor Hanacek

CSRDigitalSozial

Als ein Projekt der Hans Sauer Stiftung will die Inspirationsplattform relaio.de nachhaltige UnternehmerInnen informieren, fördern und zusammenbringen. Die Serie Digital Sozial beschäftigt sich dabei mit der Kernfrage, wie soziales Unternehmertum von den Vorteilen digitaler Möglichkeiten profitieren kann – und welche Grenzen es gibt.

Letzens hat es Reinhold Messner, der legendäre Extrembergsteiger und Abenteurer, mal wieder auf den Punkt gebracht. In einem seiner vielen philosophisch angehauchten Interviews meinte er, dass das Leben doch vollkommen absurd sei und sich einem diese Absurdität gerade beim Aufstieg eines Achttausenders offenbaren würde. Das Bergsteigen selbst – die hohe Luft, das Verschmelzen mit der Natur, die Freiheit – sei zwar absolut nutzlos für das Wohl einer Gesellschaft, aber für ihn, das Individuum, etwas radikal Sinnstiftendes.

Im Silicon Valley reichen ihnen achttausend Meter bei weitem nicht mehr. Hier gelten nur noch sogenannte „Moonshots“. Gemeint sind damit die technischen Errungenschaften, die sich mit der Gigantik des ersten Flugs zum Mond messen lassen können. Sebastian Thrun, Gründer von Google X, Gründer der Online-Universität Udacity sowie Entwickler des ersten selbstfahrenden Autos, ist selbst so ein „Moonshooter“. Auf seiner Zukunftsagenda befinden sich fliegende Autos, digitales Gedankenteilen und Menschen, die 200 Jahre alt werden sollen. „Why not? We will make the world a better place!“, sagt er. Das hört man im Valley sehr oft. Die großen Namen beschäftigen sich dort längst nicht mehr mit den logischen Rechenaufgaben der reinen Computertechnologie.  Suchmaschinen und soziale Netzwerke werden immer mehr von einer Konvergenz der Technologien aus verschiedenen Wissensbereichen abgelöst: Entwicklungen aus der Neurobiologie, der Nanotechnologie und dem Genetic Engineering treffen dabei gemeinsam auf Big Data. Irgendwie muss der unfassbare Reichtum ja auch reinvestiert werden. Und wie sieht es mit den philanthropischen, sozialen Aktivitäten der Giganten des Valleys aus? Bescheiden.

Google gründete 2006 die hauseigene Initiative Google.org und stellte ihr bis heute 15 Mitarbeiter zur Verfügung. Ein erstes Signal, klar, aber irgendwie ist kein anderer Gigant mitgegangen. Symbolisch dafür ist der Versuch von Facebooks FWD.us ­– noch nie gehört, oder? Zu FWD.us hat sich Zuckerberg nach jahrlangem Druck politischer Aktivisten mehr oder weniger überreden lassen. Facebook solle sich endlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung  bewusst werden und mehr als nur „Likes“ spenden. FWD.us versuchte sich mit dem Thema Immigration zu beschäftigen, aber anders als Facebook selbst, wurde aus FWD.us kein Moonshot. Viele Prominente der Tech-Szene, wie unter anderem auch Elon Musk, hatten früh ihre Unterstützung bekundet und sind dann relativ schnell wieder abgesprungen. Wie groß die Bereitschaft im Valley ist, gesellschaftliche Probleme anzugehen, lässt sich am Besten in der Antwort eines Apple Executives auf die Frage nach deren philanthropische Aktivitäten beschreiben: „We don’t have an obligation to solve America’s problems. Our only obligation is making the best product possible.“

Warum tuen sich die digitalen Tech-Giganten aus dem Silicon Valley mit gesellschaftlichen Projekten so schwer? Hierzu gibt es mindestens zwei Gründe: Erstens ist da die feste Überzeugung der Valley-Kultur, dass die Produkte selbst zum Wohle der Menschheit beitragen. Und zwar so ausreichend, dass Investitionen in andere soziale Projekte diesen Prozess nur behindern würden. Wiederholtes hin- und herwerfen des „We will make the world a better place!“-Credos machen diese Intentionen effektiv glaubwürdig, zumindest dort. Zweitens ist die Valley-Kultur schon immer von einem derartigen Wirtschaftsliberalismus geprägt, dass selbst ein minimaler Austausch mit politischen Institutionen bisher fast gänzlich verhindert wurde. Das Selbstverständnis zur Innovation, veräußert in Ausrufen wie „Disrupt!“ oder „Break things!“, ist aus Sicht des Valleys nicht vereinbar mit den langatmigen, bürokratischen Prozessen in Washington. 

Wahrscheinlich sind diese Moonshot-Projekte etwas extrem Sinnvolles – für die Giganten im Valley. Doch wie wertvoll und nützlich sind sie wirklich für die Zukunft unserer Gesellschaft?

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