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Digital Sozial

TEIL 6: Die Raspberry Pi Foundation - wie Kinder Programmieren lernen

Severin Engelmann William Felker

DigitalSozialBildung

Als ein Projekt der Hans Sauer Stiftung will die Inspirationsplattform relaio.de nachhaltige UnternehmerInnen informieren, fördern und zusammenbringen. Die Serie Digital Sozial beschäftigt sich dabei mit der Kernfrage, wie soziales Unternehmertum von den Vorteilen digitaler Möglichkeiten profitieren kann – und welche Grenzen es gibt.

Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade Ihr erstes Kind bekommen. Auf der Geburtsurkunde steht: 8. Juli 2016. In zwanzig Jahren, also im Jahr 2036, ist ihr Kind im erwachsenen Alter. Welche Kernkompetenz würden Sie Ihrem kleinen Bams wünschen, damit es in der hochkomplexen Zukunftswelt bestehen kann?

Da sich darüber nun ewig streiten ließe, nehme ich die (richtige) Antwort jetzt einfach vorweg: Programmieren. Man kann sich viele Szenarien und Richtungen vorstellen, in die sich die Welt in Zukunft entwickeln wird. Doch eines gilt als sicher: Sie wird noch technischer. Wenn die Mechanismen der Welt völlig unverständlich werden, dann kehren die Deutungsmöglichkeiten zurück zum Aberglauben, zu Mythen und zur Magie. Ein Weltbild also, das der Mehrheit der Bevölkerung des Hochmittelalters entspricht. Klar, ist das etwas hyperbolisch ausgedrückt, aber mal ehrlich, wie viel von dem, was ihr bald altmodisches Smartphone heutzutage so macht, verstehen Sie wirklich?

Ginge es nach dem britischen Informatiker Eben Upton würde jedes Kind von klein auf Programmieren lernen. Um diese Vision tatsächlich umzusetzen gründete er 2009 zusammen mit anderen Computervisionären die Raspberry Pi Foundation, eine Stiftung, die Kindern und Jugendlichen das Programmieren schmackhaft machen sollte. Wie wäre es mit ein paar attraktiven Workshops oder Projektwochen an Grundschulen, in denen die Kleinen mal ein paar Codes schreiben lernen können? Oder lieber gleich das Unterrichtsfach „Programmieren“ verpflichtend an allen Schulen anbieten? Gute Idee, aber der falsche Ansatz. Denn Upton und sein Team bemerkten schnell, dass das Problem die technische Entwicklung selbst ist. Die modernen Computer sind viel zu geschliffen und dadurch nicht geeignet, um als Experimentiergeräte bildungstauglich zu sein. Diese Hochkomplexen Geräte laden Kinder nicht gerade dazu ein, ihre Neugier an ihnen auszuleben (aus der Perspektive der Eltern heißt das: Sie sind zu teuer, um runterfallen und kaputtgehen zu dürfen).

Die Lösung: der Raspberry Pi („Himbeerkuchen“). Die Stiftung entschied sich selber einfache Computer zu entwickeln. Der Preis: nicht einmal 35 Dollar. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe davon, die sie Raspberry Pi 1,2,3, etc. nennen. Eine „Himbeere“ hat keinen Bildschirm, sie hat nicht einmal ein Gehäuse, sondern trägt einen einfachen Prozessor und ein paar Anschlüsse auf einer kreditkartengroßen Platine. Sprich, die Dinger laden zum Experimentieren ein und dürfen kaputtgehen. Upton meint, dass der Raspberry eigentlich jene vergangene Zeit repräsentiert, in der die Nutzung eines Computers noch die Programmierfähigkeiten seines Nutzers voraussetzte. Es ist in gewisser Weise ein Schritt zurück und gleichzeitig ein großer nach vorne: Der Raspberry hat mit den so gefälligen Geräten, die sich heute aus reiner Intuition bedienen lassen, nichts gemeinsam. Für Kinder wird er genau dadurch erst zu einem anspruchsvollen Spielzeug, mit dem sich kleine Motoren und Roboter steuern, Lichter an und aus schalten und Musikstücke programmieren lassen.

2015 war der Raspberry Pi der meistverkaufte Computer der Welt, insgesamt wurden bisher knapp neun Millionen Stück produziert. Das Silicon Valley staunt. Das Geld, das die Stiftung einnimmt fließt direkt in die Entwicklung von Bildungsprogrammen, die die Kinder an das Programmieren heranführen soll, also ihnen auch lehrt, dass Gerät aus der Hand zu legen. Denn Kinder sollen vor allem auch draußen spielen, in der „echten“ Welt Dinge manipulieren und erfassen und das am besten mit anderen Kindern zusammen. Die Raspberry Pi Foundation schafft es dadurch, ihre Verantwortung an einer Bildungsschnittstelle, zwischen Vorbereitung auf einen immer weiter laufenden Technikfortschritt und dem Erhalt einer natürlichen Entwicklung zum erwachsenen Menschen anzusiedeln. So geht Aufklärung.

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