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Digital Sozial

TEIL 8: Passen Humboldt und MOOCs zusammen?

Severin Engelmann Andrew_t8

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Bildung ist die Basis einer Gesellschaft. Sie durchlebt in Deutschland derzeit eine spannende Entwicklungsphase, die wir von relaio vertiefend aufgreifen möchten. Daher: Bildung ist im September Schwerpunkt bei relaio. Wir wollen wissen, wie sich Bildung in Deutschland verändert, welche Menschen diese Veränderung antreiben und was für Potentiale genutzt werden und welche ungenutzt bleiben. Viel Spaß damit!

Aus diesem Anlass fragt sich Digital Sozial diese Woche auch, ob sich die Digitalisierung der Bildung mit den Humboldt’schen Bildungsidealen vereinbaren lässt.

Wilhelm von Humboldt hatte sehr klare Vorstellungen, was gute Bildung sein sollte. Er wollte eine inklusive Bildung, die Menschen die Möglichkeit gibt, auch einfach mal auszuprobieren ohne dabei eine Ausrichtung beispielsweise für die Industrie realisieren zu müssen. Humboldt forderte die „Einheit der Person“, also einen autonomen Menschen, der eigene Wertvorstellungen in der Interaktion mit anderen Menschen artikulieren kann. Humboldt wollte die „Einheit des Wissens“, nach der Wissen nicht in den Grenzen eines Bereichs Schubladen-mäßig auf- und abgerufen werden, sondern als eine geformte Urteilskraft konkrete Zusammenhänge aufdecken sollte.  Er wollte die „Einheit der Gesellschaft“, in der die Bildung ermöglichen sollte, dass Teile der Gemeinschaft nicht abgehängt werden.

Digitale Technologie verändert Bildung. Vor kurzem erst haben wir über den Rasperry Pie berichtet, den meistverkauften Computer weltweit, der sich ausschließlich zum Programmieren lernen eignet – also eigentlich ein „Bildungstool“ darstellt. Aber was hätte Humboldt wohl zu der Entwicklung von sogenannten „Massive Open Online Courses“ (bekannt unter MOOCs) gesagt? Das sind tausende von Onlinekursen, die meist in einem interaktiven Videoformat von Universitäten weltweit angeboten werden – kostenlos! Studenten loggen sich zu Hause, oder wo auch immer sie gerade sind, ein und lernen dann am Computer die Inhalte aus den „echten“ Seminaren, die an den entsprechenden Universitäten eben auch gehalten werden. Ok, das hört sich jetzt aber wirklich sehr gut an. Das bedeutet ja, dass jeder der den Willen hat, etwas zu lernen und zusätzlich über eine Internetverbindung verfügt, Zugang zu den Inhalten der Kurse von Eliteuniversitäten aus aller Welt bekommt. Hervorragend!

Lasst uns das mal mit den Humboldt’schen Idealen plausibilisieren: „Einheit der Gesellschaft“ wäre hier gefördert, denn demokratischer kann Bildung kaum sein, wenn weder sozioökonomische noch soziokulturelle Faktoren den Eintritt in die Bildung verhindern. Von sieben Milliarden Menschen haben derzeit 3,450,538,341 Internet (Internetzuwachs live). Alleine im letzten Jahr „besuchten“ mehr als 35 Millionen Studierende auf der ganzen Welt einen MOOC. Die „Einheit des Wissens“ scheint dadurch auch gebongt, denn – hyperflexibel wie das System eben ist – kann ich heute mal den Kurs „Computational Neuroscience“ der Uni Washington ausprobieren, morgen mach ich dann mal „Einführung in die Soziologie“ in Princeton: mehr fächerübergreifendes Studieren geht nicht. Wäre da noch die „Einheit der Person“: Autonomie und Wertevorstellung in der Interaktion mit anderen Menschen. Da ließe sich nun wohl drüber streiten. MOOCs sind ein interaktives Medium, manche Aufgaben lassen sich nur in digitaler Gruppenarbeit erledigen. Aber ist das echte Interaktion, wenn sie in einer über-den-screen-vermittelten Kommunikation abläuft? Fraglich. Können junge Menschen durch MOOCs ihren sozialen Wertehorizont entwickeln oder erweitern? Genauso hoch wie die Anmeldungsraten vieler MOOCs sind auch deren Abbruchraten: die liegen bei etwa 90 Prozent, nur 10 Prozent machen einen Onlinekurs also fertig. Offline Bildung fördert die Entwicklung zu einer autonomen Person durch echte, soziale Interaktion deutlich besser: ich gehe unter anderem heute wieder zur Uni, weil ich weiß, dass meine Freunde auch dort sein werden.

Dennoch, hier entscheidet die individuelle Narrative: Für einen jungen Menschen ohne offline Bildungschancen sind die MOOCs eventuell ein Lebensgeschenk:  bei erfolgreichem Abschließen erhält man bei vielen Universitäten richtige Zertifikate, die allgemein immer mehr an Beachtung und Anerkennung erreichen. Für die, die schon offline Bildung genossen haben, ist es eventuell nicht mehr als eine nette Ergänzung.

 

 

 

 

 

 

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