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Digital Sozial

TEIL 3: Was bewirkt Slacktivism?

Severin Engelmann Yolanda Sun

DigitalSozialGesellschaft

Die ersten zwei Teile der Serie Digital Sozial dienen als Gedankenanstoß: Sie fragen nach den Bedingungen für echte Wertschöpfung, die aus sozialen Initiativen und Unternehmen digital entstehen kann. Der folgende dritte Teil beschäftigt sich mit dem Internetphänomen Slacktivism, das politischen wie sozialen Aktivismus online darstellt.

Meine Eltern gehören der 68er-Generation an. Aktivismus damals hieß: Auf die Straße gehen, oftmals tagelang für die Sache ausharren, öffentliche Dialoge führen und gerne auch mal die Konfrontation suchen. Und heute? Heute machen wir, die „Digital Natives“, die Welt ein Klickchen besser! Ja genau, ein Klickchen! Natürlich gehen Menschen immer noch auf die Straße. Andere bleiben aber lieber zu Hause und unterlegen ihren Facebook-Profilbildern diverse Symbole, um ihren Rückhalt für „die Sache“ zu kommunizieren: Sie zeigen Flagge in sozialen Netzwerken. Manche gehen auf die Straße und klicken, klar. Ob man das gut oder schlecht findet, sei dahin gestellt, Aktivismus findet jedenfalls immer mehr online statt und das nennt sich Slacktivism. Die Frage lautet, wie viel Impact wirklich hinter Slacktivism steckt, oder?

Hierzu müsste man nun die Ergebnisse einer empirischen Langzeitstudie liefern, die verschiedene Kampagnen untersucht und verglichen hat. Die gibt es (noch) nicht. Dafür aber jede Menge interessanter Beispiele, an denen sich das Potenzial von Slacktivism zumindest diskutieren lässt.

Beispiel Nummer 1: Kony 2012

 

Joseph Kony ist Rebellenführer der Terroristengruppe „Lord’s Resistance Army“ in Uganda. Ihm werden bis heute grausame Brutalitäten an der Bevölkerung Ugandas vorgeworfen.  Im Jahr 2012 produzierten ein paar clevere Regisseure und Produzenten aus den USA den Film Kony 2012. Im Kontext der ebenso betitelten Kampagne hatte der Film das Ziel, die Verhaftung Konys bis zum Ende des Jahres 2012 zu bewirken. Der Film wurde bis heute mehr als 100 Millionen mal auf YouTube angeschaut – er gilt als der erste „virale“ Internetbeitrag überhaupt. Passiert ist: Nichts.

 

Beispiel Nummer 2: The Stork Fountain Experiment (das Storchbrunnen-Experiment)

 

Die Kopenhagener lieben ihren Storchbrunnen. Anders Jorgensen, ein Psychologe der Universität Kopenhagen, wollte 2009 die verschiedenen Kommunikationsmuster innerhalb von Facebook-Gruppen erforschen. Er erstellte eine täuschend echte Gruppe: Die Seite sollte Kräfte gegen den (scheinbar) bevorstehenden Abriss des schönen Storchenbrunnens mobilisieren. Der Abriss stand aber nie zur Debatte. Die Verwunderung von Jorgensen war groß, als seine Gruppe trotzdem mehr als 27.000 Mitglieder nach gerade einmal 14 Tagen verbuchen konnte.

 

Was zeigen uns diese beiden Beispiele? Es ist wahnsinnig leicht, sein Like für etwas herzugeben, die Anstrengung, die es dafür bedarf, ist annähernd null.

Das macht die Menschen nicht fauler oder weniger interessiert an sozialen oder politischen Themen. Aber es hat einen entscheidenden Effekt: Die Menschen machen sich viel weniger Gedanken, für was sie ihr Like hergeben. Beide oben aufgeführten Kampagnen waren sehr gut vermarktet – vor allem Kony 2012. Wenn eine Kampagne dann auch noch ihre Resonanz in den sozialen Netzwerken findet, wird ohne jegliche kritische Hinterfragung geklickt.

Der Vorteil von Slacktivism: Soziale und politische Probleme können viel effektiver kommuniziert werden (Wie kommen soziale Probleme in die Welt). Die Unterstützung kann online überhaupt erst mobilisiert werden, um offline die nötigen Impulse zu setzen. Online und offline sind im besten Fall dann keine Gegensätze, sondern komplementäre Plattformen.

Es gilt: Erst denken, dann klicken!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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