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Digital Sozial

TEIL 4: Internetsucht – wie soziale Unternehmen helfen

Severin Engelmann Samuel Zeller

GesellschaftDigitalSozialPerson

Als ein Projekt der Hans Sauer Stiftung will die Inspirationsplattform relaio.de nachhaltige UnternehmerInnen informieren, fördern und zusammenbringen. Die Serie Digital Sozial beschäftigt sich dabei mit der Kernfrage, wie soziales Unternehmertum von den Vorteilen digitaler Möglichkeiten profitieren kann – und welche Grenzen es gibt.

Im Jahr 1775 erklärte der deutsche Arzt und Philosoph Melchior Weikard – zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin – einen Mangel an Aufmerksamkeit zu einer „echten“ Krankheit. Seine Therapievorschläge hatten es in sich: „Man trinke täglich mehrere Gläser saure Milch mit eingerührtem Stahlpulver!“ Zusätzlich empfiehl er stundenlanges Pferdereiten.  Im Europa der Aufklärung, das die Vernunft als Weg zur Wahrheit beschwor, galt abgelenktes Denken und Verhalten als korrosive Kraft, die Zivilisation und soziale Ordnung zerstören würde.

Ganz so schlimm ist es vielleicht nicht gekommen und das, obwohl das Zeitalter der Digitalität auch das Zeitalter der Ablenkung ist. 75 Textnachrichten erreichen einen amerikanischen Teenager im Durchschnitt am Tag. Das bedeutet, 75 mal am Tag die Aufmerksamkeit auf das Handy zu verlegen. Das ist keineswegs eine triviale Angelegenheit, schließlich müssen diese Nachrichten auch „gemanaged“, also gelesen, interpretiert und letztendlich darauf reagiert werden. Hinzu kommen achteinhalb Stunden, die im Durchschnitt täglich vor einen Bildschirm verbracht werden. „Selber Schuld!“, könnte man da jetzt natürlich entgegenbringen, „Lass dich halt nicht dauernd ablenken!“. Blöd nur, dass wir alle an dem leiden, was Amerikaner bereits als „FOMO“ bezeichnen: die „Fear of missing out“, also die Angst den sozialen Anschluss zu verpassen.

Internetsucht gilt als ein konditioniertes Verhalten, man trainiert es sich also mehr oder weniger unbewusst an. Ähnlich wie bei einem Spielautomaten, löst ein zufälliges Belohnungssystem das Anpassen an die Dynamik des Mediums aus. Zufällig, weil man immer davon ausgehen könnte, das man wieder neue, (scheinbar) wichtige Nachrichten erhalten hat. Der Blick auf das Display wird dann immer belohnt, denn die Systeme schalten pausenlos neue Informationen und versuchen diese so personalisiert wie möglich darzustellen. Übermittelt werden die Informationen bunt, grell, anziehend. Oft ähnelt das Internet einem Besuch in Las Vegas.

Es ist nicht verwunderlich, dass immer mehr Unternehmen mit technologischen Dienstleistungen versuchen, den Informationsfluss digitaler Prozesse mit den Möglichkeiten menschlicher Informationsaufnahme zu vereinen. Apps wie Adblocker, SelfControl oder Cold Turkey sind beliebt, genau weil sie uns spezifische Informationen nicht anzeigen, weil sie den Zugang zum Internet zeitlich begrenzen und weil sie Informationen in kleinere Einheiten zusammenfassen. Selten werden diese Unternehmen heute als soziale Unternehmen verstanden. Im Zeitalter der Ablenkung sollten wir das überdenken, genau weil sie uns etwas sehr Wichtiges zurückeben: Die Möglichkeit, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wertvoll für uns sind. 

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