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EU-Förderleitfaden – Tipps und Tricks für Sozialunternehmer

Support beim Gründen gibt es zuhauf. Ein Mitspieler wird jedoch oft vergessen – die Europäische Union. Schade, denn zu holen gibt es dort so einiges.

Christoph Eipert

Gründen

Das Ziel ist klar: mit der eigenen Geschäftsidee Lösungen für gesellschaftliche Probleme finden, um so die Gesellschaft und Umwelt in denen wir leben, nachhaltig und positiv zu verändern. Die Ambitionen vieler Sozialunternehmer soziale Verantwortung mit unternehmerischem Denken zu verbinden, sind dabei oftmals hochgesteckt. Genauso so hoch sind auch die Hürden auf dem Weg hin zum erfolgreichen Sozialunternehmen. Vor allem in frühen Phasen der Unternehmensgründung kämpfen Social Start-Ups mit Herausforderungen, wie zum Beispiel der Erstellung einer erfolgreichen Finanzierungsstrategie.

Ganz gleich wo die nötigen Finanzierungsmittel herkommen – sei es aus Bankdarlehen, Risikokapitalfonds oder Spenden – sie haben einen Haken: Es gibt zu wenige. Das zeigt sich in verschiedenen repräsentativen Studien. Dort liegen Bankkredite oder Kapitalbeteiligungen auf den hinteren Plätzen im Ranking der Finanzierungsmöglichkeiten von Social Start-Ups. Ein wesentlicher Grund dafür ist die geringe Risikobereitschaft vieler Bankhäuser. So haben es Start-Ups schwer an externe Finanzierungen heranzukommen, da ihnen die üblichen und für z.B. eine Kreditfinanzierung notwendigen Sicherheiten fehlen und der Markterfolg neuartiger Ideen noch nicht abschätzbar ist. Als Folge finanziert sich der Großteil der Start-Ups in Deutschland und Europa mit privat erspartem oder geliehenem Geld aus dem Freundes- und Familienkreis oder aus bereits erzielten Einnahmen. Im Allgemeinen beklagt sich die europäische Gründerszene – und so auch Sozialunternehmer –  über einen Mangel an ausreichenden Fördermitteln.

Eine helfende, öffentliche Hand

Was die Gründerfinanzierung angeht, scheint die europäische Förderlandschaft zunächst eher einer Zwickmühle als einer echten Förderstruktur zu gleichen. Denn einerseits reichen die eigenen Finanzmittel kaum aus, um angemessen Forschung und Entwicklung zu betreiben, auf der anderen Seite sind die großen Geldgeber nicht bereit Risiken einzugehen, um Start-Ups zu fördern. Was also tun? Welche Alternativen gibt es? Eine Alternative, die die Lücke zwischen der vorhandenen und erforderlichen Finanzierungsmitteln minimieren kann, ist die öffentliche Gründerförderung. Das diese Art der Förderung an Bedeutung gewinnt, wird dadurch sichtbar, dass Europas Start-Ups mit zunehmend mehr Kapital aus dem öffentlichen Sektor gefördert werden und der öffentliche Sektor, als Funding-Quelle in Europa vor den privaten Geldgebern rangiert.

Im Ranking der Finanzierungsquellen für Start-Ups rangieren öffentliche Einrichtungen bereits vor privaten Geldgebern (Quelle: ESM2016)

Diese Entwicklung wird zudem von der Europäischen Union (EU) angetrieben. So hat die europäische Kommission als ausführendes Organ der EU festgestellt, dass europäisches Unternehmertum einen wesentlichen Teil zur Wettbewerbsfähigkeit Europas beiträgt, gleichzeitig viele Jobs hervorbringt und somit eine Lebensgrundlage für viele Menschen schafft. Entstanden sind aus diesen Gedanken mehrere – auch für soziale Unternehmer relevante – Aktionspläne wie der Entrepreneurship 2020 Action Plan oder der European Action Plan for the Social Economy and Social Enterprises. Wesentliche Absichten dieser Pläne sind:

  • Erleichterung des Zugangs zu privaten und öffentlichen Finanzierungsmitteln sowie öffentlichen Fonds.
  • Verstärkung der Sichtbarkeit, Vernetzung und Professionalisierung von Sozialunternehmen.
  • Verbesserung des rechtlichen Umfelds und die Ausarbeitung, einer auf das Sozialunternehmertum abgestimmten, Rechtsgrundlage.
  • Verstärkung der unternehmerischen Bildung zur Förderung des Wachstums und der Gründung von Unternehmen an Hochschulen.
  • Zugang zu Zielgruppen wie Migranten, Arbeitslosen und junge Menschen.

Letztlich soll der Unternehmergeist in Europa neu entfacht werden. Für Sozialunternehmer dürften die daraus entstandenen Programme, Initiativen und Projekte besonders interessant sein, denn sie bieten eine Reihe an Fördermöglichkeiten, die neben Finanzierungsoptionen – nicht minder wichtige – Fördertools zum Wissenstransfer und zur Vernetzung zwischen Sozialunternehmern in ganz Europa bieten. Um diese zu nutzen, sollten vorher aber ein paar Fragen und Schritte bedacht werden. 

Um als europäisches Start-Up durchzustarten, sollten Gründen drei wichtige Schritte beachten.

 

Schritt 1: Das eigene Potential kennen

Ein Blick ins Förderangebot der EU kann sich also lohnen, aber Achtung! Hat man erstmal seine Recherche gestartet, kann diese durch eine Menge an Abkürzungen, Paragraphen und Sprachbarrieren schnell in Frust und Verzweiflung enden. Um das zu vermeiden, ist es sinnvoll, vorher zu überprüfen, ob die eigenen Pläne mit denen des jeweiligen Förderprogrammes zusammenpassen und ob im Falle eines Matches, die Anforderungen zur Förderung vom eigenen Vorhaben erfüllt werden. Das grenzt die Suche sinnvoll ein und erspart Gründern viel Zeit. Beantwortet werden, sollten dabei die folgenden drei Fragen:

Bin ich sozial? Grundsätzlich sollten Unternehmen um die Voraussetzung für EU-Fördermittel für Sozialunternehmen zu erfüllen auch wirklich als solche operieren. Um als Sozialunternehmer und Social Enterprise wahrgenommen zu werden, müssen nach dem Verständnis der EU, die folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Sozialunternehmer verfolgen in erster Linie soziale Ziele.
  • Ziel wirtschaftlichen Handelns ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Erreichung eines größtmöglichen Social Impacts durch innovative Produkte und Dienstleistungen.
  • Durch wirtschaftliches Handeln sollen gemeinnützige Ziele erreicht werden.
  • Gewinne werden zur Gemeinnützigkeit reinvestiert.
  • Soziale Zielsetzungen werden auch im Unternehmen gelebt.
  • Es sind genügend Kompetenzen zur Erreichung von sozioökonomischen und politischen Zielsetzungen vorhanden.

Bin ich förderfähig? Decken sich diese Punkte mit den Vorstellungen des eigenen Projekts, ist das ein gutes Zeichen, förderberechtigt zu sein. Eines sollte aber klar sein: nicht alle Sozialunternehmen sind innovativ, nicht alle sozialen Entrepreneure führen soziale Unternehmen und anders herum. Ob man sozial handelt, muss zudem an etwas Anderem gemessen werden –  dem konkreten Projektvorhaben. Bevor es mit der Recherche nach dem richtigen Förderprogramm losgeht, sollten daher noch die folgenden Fragen zum eigenen Projekt beantwortet werden:

  • Verfolge ich eine kreative, innovative und nachhaltige Idee?
  • Passt mein Vorhaben zu dem Thema und Zielen des jeweiligen Förderprogramms?
  • Kann ich die Förderkriterien erfüllen?
  • Kann mein Vorhaben zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen?
  • Sind die Ziele meines Vorhabens realistisch und finanzierbar?

Bin ich europäisch? Zur Lösung gesellschaftlicher Problemstellungen soll ein europaüberspannendes Gründernetzwerk geschaffen werden. Gründer sollten sich gut überlegen, ob sie genügend Kapazitäten besitzen, um in so einem Netzwerk handeln zu können. Ob man das Zeug zum europäischen Start-Up hat, lässt sich online und einfach im Selbstbewertungs-Tool der EU -Fundraising-Association beantworten. Hier wird zunächst die eigene Situation abgefragt, analysiert und bewertet, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Junge Sozialunternehmer können so Strategien zur eigenen Europäisierung entwickeln. Weitere Infos zu operativen Themen wie Steuern und Arbeitsschutz gibt es hier.

Mit einem Selbstanalyse-Tool können Gründer herausfinden ob und wie ihr Star-Up fit für Europa ist
Mit einem Selbstbewertungs-Tool können Unternehmer herausfinden ob ihr Start-Up fit für Europa ist.  

Schritt 2: Recherchieren und bewerben

Sind die eigenen Potentiale ermittelt und die Ansprüche festgelegt, können diese mit denen der EU-Strukturfonds- und Aktionsprogramme abgeglichen werden. Ein guter Startpunkt zur eigenen Recherche ist der online verfügbare ONE STOP SHOP der EU-geförderten Initiative Startup Europe. Die Online Plattform bietet Start-ups den Zugang zu allen wesentlichen Informationen zum Gründen innerhalb von EU-Programmen. Darunter befindet sich auch eine Übersicht zu verfügbaren europäische Fördertools. Für Sozialunternehmer lohnt sich ein Blick auf die folgenden drei:

Horizon’s 2020 SME Instrument: Das Rahmenprogramm Horizon 2020 will zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, indem es mit einer Vielfalt an Fördermaßnahmen eine wissens- und innovationsgestützte Gesellschaft aufbaut. Zur Förderung der europäischen Gründerlandschaft dient dabei das Horizon 2020 SME Instrument, dass für Start-Ups nach dem Kriterienkatalog der Europäische Union für SME’s konzipiert ist.

Die Förderung unterteilt sich in drei Phasen, von denen die ersten zwei direkt gefördert werden.

 

Wo bewerben?

  • Start-Ups können laufend Anträge für themenorientierte Ausschreibungen stellen.
  • Anträge umfassen einen ersten Businessplan und müssen über die jeweilige Ausschreibung (Call for Proposal) eingereicht werden.

Die Förderung durch das SME-Instrument ist also durchaus lohnenswert, aber insgesamt sehr aufwendig. Um den Durchblick nicht zu verlieren, können Antragsteller Unterstützung online oder persönlich anfordern.

COSME: Das Förderprogramm will die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittelgroßer Unternehmen stärken, indem es einen besseren Zugang zu Finanzen und Beratungsleistungen liefert.

Wie wird gefördert?

Gefördert wird indirekt durch die Bereitstellung von Garantiefazilitäten. Im Klartext heißt das: die EU garantiert gegenüber der kreditgebenden Bank die Rückzahlung einer Kreditsumme, auch wenn ein Start-up selbst nicht über genügend Sicherheiten oder Eigenkapital verfügt. Gefördert wird bis zu einer Höhe von maximal 100.000 Euro, solange gegebene Förderungsbedingungen eingehalten werden.

Wo bewerben?

Die so von der EU ermöglichten Kredite können über sogenannte Finanzintermediäre abgerufen werden. Solche „Vermittler“ sind in Deutschland die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Alfa Förderbank Bayern und Die Deutschen Bürgschaftsbanken.

Struktur und Investmentfonds: Auch die Europäische Investitionsbank (EIB) hat mit der Initiative InnovFin – EU-Mittel für Innovationen ein Fördertool für Gründer geschaffen. Auch hier wird mit der Vergabe von Garantiefazilitäten einen vereinfachten Zugang zu finanziellen Mitteln gewährt. Finanziert mit Geldern des Programms Horizon 2020, soll damit die Innovationskraft und somit die Wettbewerbsfähigkeit der EU wieder gestärkt werden.

Wie wird gefördert?

Kleine und mittelständische Unternehmen erhalten, abhängig von der vergebenden Kreditanstalt, eine Fördersumme von mindestens 25.000 Euro bis zu maximal fünf Millionen Euro (in Ausnahmen bis zu 7,5 Millionen Euro).

Wo bewerben?

  • Die Beantragung eines Darlehens muss über einer Kreditanstalt des Landes erfolgen indem das Sozialunternehmen sesshaft ist.
  • Information zu Kreditgeber und Kondition gibt es hier.
  • Persönliche Hilfe und Beratung bieten lokale Niederlassungen des European Enterprise Network

Ist einmal das passende Förderprogramm gefunden, kommt es nun auf die richtige Bewerbung an. Um Gelder von EU-Aktions- und Förderprogrammen zu erhalten, erfordern diese die Stellung eines Projektantrages mit Hilfe des online zugänglichen Participant Portal der EU. Von der Begründung des Projektvorhabens bis zur Budgetplanung gibt es in so einem Projektantragsverfahren einiges zu beachten. Eine ausführliche Auflistung mit Tipps und Tricks gibt es im online Handbuch der EU und hier.

Start-Ups sollten sich zudem nicht davor scheuen, zusätzliche Beratungshilfe in Anspruch zu nehmen. Das erspart zum einen Zeit und minimiert die Fehlerquote bei der Antragerstellung. Ein wichtiger und hilfreicher Ansprechpartner vor Ort sind die Nationalen Kontaktstellen des Horizont-Förderprogramms. Dort gibt es umfangreiche Infos und Dokumente zur Antragstellung sowie Kontakt zu persönlichen Ansprechpartnern. Zudem lohnt sich ein Blick in die mitfinanzierten Programme, die mit Hilfe des Europäischen Sozialfonds (ESF) realisiert werden. Infos zu den Finanzierungsangeboten gibt’s hier.

Schritt 3: In Verbindung bleiben

Ist von Gründungsförderung die Rede, wird ein wichtiger Schritt oft vergessen: das Netzwerken.Ein Grund warum es sich lohnt, sich mit den verschiedenen Akteuren der europäischen und sozialen Gründerwelt zu verbinden, ist der Austausch von Erfahrungen. Das hilft, mögliche Stolpersteine schon im Voraus zu erkennen und zu vermeiden. Dafür liefert die EU-geförderte Social Innovation Community umfangreiche Erfahrungsberichte von Sozialunternehmern aus ganz Europa. Zudem werden wichtige Information zu Gründungs- und Sozialthemen im Allgemeinen bereitgestellt.

Wer netzwerkt, erhöht zudem seine Chancen in Kontakt mit zukünftigen Investoren zu kommen und kann auch so finanzielle Fördermittel generieren. Wichtige Anlaufstellen dafür sind Netzwerke wie EUREKA, STARTUP EUROPE und Digitalsocial. Solche Plattformen sind zudem wichtige Nachrichtenlieferanten für Ausschreibungen und Gründerwettbewerbe, die letztlich auch die eine oder andere Fördersumme bereitstellen. Zu guter Letzt findet man dort auch eine Vielzahl nicht monetärer Fördermittel in Form von Webinaren, Accelerator Programmen, Coachings und vielem mehr. Jetzt muss man eigentlich nur noch gründen.

Infarm — Gärten für die Großstadt

Europäische Gründerförderung soll dort ansetzen, wo aktuelle gesellschaftliche und ökologische Probleme auftauchen, um die Entwicklung von Lösungen zu deren Beseitigung voranzutreiben. Ein Start-Up dem das zugetraut wird und das Gelder aus dem EU-Aktionsprogramm Horizon2020 bekommen hat, ist Infarm. Das Berliner Start-Up dessen Namen sich aus der Abkürzung von „Indoor Farming“ ergibt, will einen Beitrag zur Entwicklung hin zu einer lokalen und transparenten Nahrungsmittelproduktion leisten. Dafür baut und entwickelt es sogenannte Farm-Module. Diese Gewächsboxen gibt es in verschiedenen Größen und Formen und ermöglichen den Anbau von Gemüsekulturen innerhalb geschlossener Gebäude. Nachhaltiges Potential besitzt dieses Projekt deshalb, da es auch in engen, urbanen Räumen oder in Gebieten mit einer hohen Umweltbelastung, den Anbau von Nahrung ermöglicht. Somit kann das Vorhaben zu einer besseren, gesünderen und gerechteren Nahrungsmittelversorgung beitragen.

Was die Förderung und Umsetzung einer europäischen Gründerlandschaft angeht, gibt es aber durchaus noch Verbesserungspotentiale. So benötigt die Beantragung und Gewährung europäischer Fördergelder oftmals viel Zeit – Zeit die viele Start-Ups nicht haben. Auch das Projekt Kitchen on the Run erklärte im relaio-Interview, dass eine EU-Förderung für sie nicht in Frage kam, da so an eine schnelle Umsetzung des Projekts nicht zu denken war. Das Projekt das mit einem Küchencontainer durch Europa reißt, bringt Einheimische und Flüchtlinge beim gemeinsamen Kochen und Essen zusammen, baut so Vorurteile ab und zeigt, dass soziale Projekte und Initiativen Lösungen auf soziale Probleme in Europa aber durchaus liefern können. 

Wie es um die europäische Gründerlandschaft steht und welchen Herausforderungen sie sich stellen muss, erfährst du im relaio-Artikel über Start-Up Europa.

Quellen
 

 

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