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Khala Kolumna - Über die Höhen und Tiefen einer Start-Up-Gründung

Folge 1: Das neue Atelier

Benedikt Habermann Benedikt Habermann

DesignGründen

Im Juli 2017 hat das Start-Up Khala die Crowdfunding-Kampagne für ihre Slow-Fashion-Mode erfolgreich abgeschlossen. Daraufhin hätte eigentlich die Produktion in Malawi anlaufen sollen. Doch so einfach war es nicht. Es gab Probleme mit dem Stofflieferanten und die Zusammenarbeit mit der Designerin in Malawi musste beendet werden. Dadurch ging auch das Atelier für die Produktion verloren. Doch davon ließen sich Mel, Bene und Hubi nicht unterkriegen. Was sie alles erleben – vor allem in Malawi vor Ort – erzählt Bene von Khala ab sofort regelmäßig.

Ich muss mich kurz fassen. Seit vier Wochen sind Melanie und ich bereits in Malawis Hauptstadt Lilongwe. Es wäre einfacher, ein Buch über unsere Erlebnisse in dieser Zeit zu schreiben, als das alles in ein paar hundert Sätzen zusammenzufassen. Aber durch das Schreiben von Büchern ist, soweit ich weiß, noch niemand reich und berühmt geworden. Das Beste wird wohl sein, sich auf eine Episode zu beschränken.
„Sieben Uhr vierundfünfzig. Das schaffen wir nie.“ Wir begannen zu rennen. In unserer Unterkunft hatte es vorhin wieder keinen Strom gegeben, darum hatten wir keinen Kaffee machen können und das Haus ungedopt verlassen müssen. Zur Feier des Tages hatte ich mich schick gemacht, also ein Hemd angezogen. Auch Mel hatte sich rausgeputzt. Den Chitenje-Rock aus unserem Sortiment trug sie in Kombination mit einer weißen Bluse. Während wir nun durch die staubige Morgenhitze Lilongwes schnauften, um nicht zu spät zu unserem Termin zu kommen, bildeten sich dunkle Flecken auf unseren Outfits. Für acht hatten wir einen Termin bei George. Als wir ihn eine Woche zuvor in seinem Herrenhaus aufgesucht hatten, hatten wir uns um eine Viertelstunde verspätet.

Im Hinblick auf die Erfahrungen, die wir zuvor mit dem malawischen Verständnis von Pünktlichkeit gemacht hatten, hatte ich gedacht, das wäre voll im Rahmen. Doch George belehrte uns eines besseren. Vor seiner Pensionierung war er Politiker gewesen und hatte während seiner jahrzehntelangen Karriere einige preußische Tugenden verinnerlicht. Er war der erste Malawier, den wir kennenlernten, für den Zeit ein Thema ist. Unsere Verspätung damals hatte ihn erzürnt. Uns hingegen hatte es einigermaßen verwundert, dass wir es nun waren, die sich eine Predigt über Zeitmanagement anhörten. In den vorangegangenen Wochen nämlich, waren wir mit unseren Mitarbeitern immer ungeduldiger geworden und hatten bereits gemutmaßt, dass unser Anspruch, bei einem vereinbarten Termin weniger als eine Dreiviertelstunde warten zu müssen, etwas sehr Deutsches sei.

In Malawi herrscht ein anderes Verständnis für Zeit als in Deutschland.

Das Verständnis von Zeit und Pünktlichkeit ist in Malawi tendenziell ein anderes. Man unterscheidet zwischen der Zeit, die die Uhr anzeigt und der „malawischen Zeit“, die einem sehr subjektiven Empfinden unterliegt. Die meisten Menschen haben hier genug Zeit. Man muss nicht sparsam mit ihr umgehen – anders als in den Industriestaaten, wo Zeit knapp und gleich Geld ist. Weil wir Georges Zeitverständnis nun kannten, rannten wir. Mel verfluchte ihre Schuhe. Erstaunte Blicke der Frauen, die am Straßenrand Bananen und Teigtaschen verkauften, wanderten uns hinterher. Wir waren so um Georges Gunst bemüht, weil er etwas hatte, das wir haben wollten: einen wunderschönen Raum mit großen Fenstern, die viel Licht hinein lassen und den Blick auf ein bisschen Grün im Garten gewähren. Der Raum befindet sich in einem Seitenflügel von Georges großem Haus und wir wollten ihn anmieten, um unsere Manufaktur dort einzurichten. Zu einem guten Preis, versteht sich.

Wir hatten zuvor einige Schwierigkeiten gehabt, einen geeigneten Raum zu finden. Grundsätzlich gibt es in Lilongwe genügend verfügbare Immobilien. Aber die Ansprüche an unseren Produktionsstandort stellten sich als nicht so leicht zu befriedigen heraus. Dazu muss man wissen, dass Lilongwe in verschiedene Bezirke aufgeteilt ist, die Areas. Die Verteilung der Areas stellt die Krönung des für Außenstehende undurchschaubaren Chaos dieser Stadt dar. Ein Bekannter brachte es vor Kurzem auf den Punkt, als er sagte, Lilongwe sei, als hätte man es aus einer Flasche geschüttelt. Area 1 ist neben Area 8, dann kommt Area 2. Neben Area 2 findet man tatsächlich Area 3, aber direkt daneben schon wieder Area 46. Das muss man halt so hinnehmen. Als Standort für unsere Manufaktur kamen allerdings nur bestimmte Areas in Frage. Es gibt die Reichen-Areas, die konnten wir uns nicht leisten. Es gibt Areas, die sind für unser Projekt zu gefährlich. Andere Areas sind für uns oder unser Team zu umständlich zu erreichen. Von den Areas, die grundsätzlich in Frage kamen, mussten wir einige ausschließen, weil die Stromversorgung dort zu oft zusammenbricht. Ein Problem, das in so gut wie allen Areas zum Alltag gehört.

Um es kurz zu machen: von den über fünfzig Areas in Lilongwe blieben genau vier übrig, in denen wir nach einem Raum für unsere Werkstatt suchen konnten. Das Internet ist hier bei der Immobiliensuche keine große Hilfe. In Malawi läuft alles über Connections. Wir hatten mehrere Bekannte auf die Suche nach Räumlichkeiten angesetzt. Einige von ihnen tauchten daraufhin unter. Ein anderer Kontakt, mit dem wir eine Woche lang hin- und hergeschrieben hatten, stellte sich als eine vollkommen andere Person, als erwartet, heraus. Schließlich entschieden wir uns für eine andere Strategie und engagierten einen Makler. Wir hatten unseren Makler als den Koch eines Backpacker Hostels kennengelernt. Es ist hier nicht ungewöhnlich, dass man mehrere Jobs hat. Die Leute müssen schauen, wo sie bleiben. Leider konnte auch der makelnde Koch keine befriedigenden Räume für uns ausfindig machen. Bis auf einen: Georges Raum.

Das neue Khala-Atelier.

Wir wollten diesen Raum unbedingt haben. Wir schleppten uns die letzten Meter in Georges Büro. Nichts anmerken lassen. Zufrieden streckte uns der betagte Mann sein Handy entgegen. 08:03 Uhr stand auf dem Display. „You worked on your time management“, triumphierte er. Die Verhandlungen der folgenden zwei Stunden gaben uns keine Möglichkeit, zu verschnaufen. Zumindest trocknete unsere Kleidung in dieser Zeit. Die Strapazen lohnten sich letztendlich. Wir konnten uns mit George einigen und einige Tage später damit beginnen, unsere Manufaktur einzurichten. Scheinbar hatte Einstein recht: Zeit und Raum stehen in Relation zueinander

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