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Khala Kolumna - Über die Höhen und Tiefen einer Start-Up-Gründung

Folge 4: Das Haus, das verrückt macht

Benedikt Habermann

DesignGründen

Im Juli 2017 hat das Start-Up Khala die Crowdfunding-Kampagne für ihre Slow-Fashion-Mode erfolgreich abgeschlossen. Daraufhin hätte eigentlich die Produktion in Malawi anlaufen sollen. Doch so einfach war es nicht. Es gab Probleme mit dem Stofflieferanten und die Zusammenarbeit mit der Designerin in Malawi musste beendet werden. Dadurch ging auch das Atelier für die Produktion verloren. Doch davon ließen sich Mel, Bene und Hubi nicht unterkriegen. Was sie alles erleben – vor allem in Malawi vor Ort – erzählt Bene von Khala ab sofort regelmäßig.

So ein Unternehmen gründet man nicht alle Tage. Khala ist nach diversen anderen Projekten unser erstes ernst zu nehmendes Start-Up. Vieles ist für uns neu. Die meisten Prozesse, die sich aus der Kontinente übergreifenden Zusammenarbeit mit unseren Schneidern ergeben, sind uns zunächst völlig unbekannt. Oft kommen unterschiedliche Herangehensweisen an eine neue Herausforderung in Frage und erst durch Trial and Error stellt sich die für uns richtige heraus. So bildet sich Stück für Stück die Basis für den späteren Erfolg. Das ist einerseits strapaziös, andererseits wird es auch nie langweilig; Khala ist ein einziges großes Abenteuer. Wir lernen täglich dazu, erleben tausend erste Male.

Zu den ersten Malen, die wir in den vergangenen Wochen erlebten, gehört die erste Überführung frisch gefertigter Kleidungsstücke von Malawi nach Deutschland. Da unsere kleine Manufaktur noch nicht genug produziert, um einen Schiffscontainer zu füllen, hatten wir beschlossen, den Transport der Ware mit einem malawischen Luftfrachtunternehmen abzuwickeln.

Im  Dezember,  als  ich  mich  in  Malawi  aufhielt,  war  ich  mit  Patrick,  unserem  malawischen Projektkoordinator, zum Flughafen eine halbe Stunde außerhalb Lilongwes gefahren. Der Anlass unseres Ausflugs war, den künftigen Ablauf des Versendens zu simulieren und Näheres über die gesetzlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen herauszufinden. Wir wurden damals sehr nett empfangen. Die gesamte Führungsriege des Frachtunternehmens legte ihre Arbeit nieder, um sich unser Projekt vorstellen zu lassen. Auch für sie war es ein erstes Mal, mit Deutschen Geschäfte zu machen. Patrick und ich bekamen die Informationen, die wir haben wollten, ein Mittagessen oben drauf, und fuhren nach einigen Stunden zufrieden zurück. Nach dieser Generalprobe lag es zwei Monate später an Patrick, denselben Prozess noch einmal zu durchlaufen. Diesmal mit tatsächlicher Ware im Gepäck.

Nachdem uns der einzige verfügbare Kartonhersteller Malawis unter einer Abnahmemenge von 1000  Stück  nicht  hatte  beliefern  wollen,  musste  sich  Patrick  zunächst  anderweitig  nach Verpackungsmaterial umsehen. Pappkartons sind in Lilongwe gar nicht so einfach zu bekommen.

Endlich ist die Bomberjacke von Khala verpackt.

Also klapperte Patrick verschiedene Geschäfte in der Stadt ab und kaufte zusammen, was er kriegen konnte. Die so zusammen gesammelten Kartons packte er bis zum Rand mit Jacken, Röcken und den anderen Khala-Teilen, die unser Team in den vorangegangenen Wochen geschneidert hatte. Endlich fuhr er damit zum Flughafen, von wo aus die Pakete die Reise nach Europa antreten sollten.

So  unkompliziert,  wie  uns  der  Versandprozess  im  Dezember  am  Konferenztisch  des Frachtunternehmens geschildert wurde, gestaltete er sich dann freilich nicht. Patrick wurde von den Frachtarbeitern zu den Zöllnern verwiesen und wieder zurück. Plötzlich fehlten Dokumente, von denen nie zuvor die Rede gewesen war und die unseren Recherchen zufolge auch gar nicht nötig waren für die Einfuhr nach Deutschland. Die Leute am Flughafen redeten Patrick aber ein, dass unsere Pakete vom deutschen Zoll verbrannt werden würden, würde man die geforderten Formulare nicht mitschicken. Und der malawische Zoll verlangte Geld für seine Arbeit, welches Patrick nicht dabei hatte. Nach langem Hin und Her, zähen Verhandlungen und tausend Sprachnachrichten, die zwischen Malawi und Deutschland durch den Äther wanderten, durften sich unsere Pakete zwei Tage später in die Lüfte erheben. Patrick war fix und fertig. Wir auch.

Das Bangen war damit aber nicht vorbei. Wenn bei dieser ersten Lieferung etwas nicht klappen sollte, eines der Pakete verloren gehen würde, dann könnten wir den Laden dicht machen. Wir würden  nicht  genug  Geld  haben,  die  Kleidungsstücke  noch  einmal  zu  produzieren.  Und  der deutsche Zoll, der verbrennt doch nicht wirklich einfach so Sachen, wenn Dokumente fehlen, oder?

Falschinformationen  von Angestellten,  undurchsichtige  Prozesse,  Hilfe  verweigernde  Beamte, unvorhergesehene  Mehrkosten  –  das  Bewerkstelligen  verwaltungstechnischer  Formalitäten  in diesem Staat kostet einen ungemein viel Zeit und Nerven. Warum macht man es uns nur so schwer? Wir sind doch die Guten.

Drei Tage später bekamen wir einen Anruf. Vier Pakete lägen für uns am Flughafen München und warteten darauf, abgeholt zu werden. Yeah.

Die Pakete sind da — aber nicht so einfach zu bekommen.

Mel  hatte  im  Vorhinein  mehrmals  mit  dem  deutschen  Zoll  telefoniert  und  die  Konditionen abgeklärt. Eine Einfuhranmeldung für die Kleidungsstücke sei nicht nötig, da unsere Ware unter dem dafür relevanten Mindestwert liege. Voll Vorfreude fuhren wir zum Flughafen und hielten dort gut gelaunt ein Pläuschchen mit den Frachtarbeitern, während sie unsere Pakete ausfindig machten. Nach wenigen Minuten war alles abgehandelt. „Ihr könnt die Pakete gleich mitnehmen,“ unterwies man uns, „sobald der Zoll eure Einfuhranmeldung bestätigt hat.

Na toll.

Wer schon einmal Asterix erobert Rom gesehen hat und sich an die Szene mit dem    Passierschein A38 im „Haus das Verrückte macht“ erinnert, kann den nächsten Absatz getrost überspringen. Das Pendant zum Passierschein A38 ist in unserer Geschichte das sogenannte Einheitspapier 0737.

Aber von vorne: Gespannt, was nun wieder auf uns zukommen würde, verließen wir das Büro des Luftfrachtunternehmens und begaben uns ins Haus, das Verrückte macht. Der erste Zöllner, dem wir unser Anliegen vortrugen, pampte uns in feinster Beamtenmanier an, dass man zur gewerblichen Einfuhr von Waren selbstverständlich eine Zollanmeldung brauche. Das, was man Mel am Telefon erzählt hatte, sei Unsinn. Wir hätten die Anmeldung im Voraus im Internet machen müssen. Es gebe noch  die  Möglichkeit,  die  Einfuhr  vor  Ort  anzumelden.  Dafür  müssten  wir  das  sogenannte Einheitspapier 0737 ausfüllen. Vergnügt riet uns der Zöllner aber davon ab. Es sei unmöglich das Einheitspapier 0737 zu verstehen. Alternativ, schlug er uns vor, könnten wir eine der im Haus ansässigen Speditionen mit unserer Einfuhranmeldung beauftragen. Wir stapften hinauf ins nächste Stockwerk, wo wir uns von einer Spedition zur nächsten verweisen ließen, bis uns schließlich eine Firma das Angebot machte,  die Einfuhranmeldung für  uns zu  übernehmen. „Das  würde dann zwischen 100 und 150 Euro kosten,“ informierte man uns. „Oh. Da müssen wir uns kurz beraten,“ entgegneten wir und dachten: „Auf keinen Fall. Soviel Kohle haben wir nicht übrig. Die dümmsten Menschen der Welt sind wir nun auch nicht. Füllen wir diesen popeligen Passierschein eben händisch aus.“

Wir stapften wieder zurück zu unserem Zöllner. Der zeigte sich höchst eingeschnappt darüber, dass wir  es,  entgegen  seiner  Empfehlung,  nun  doch  selbst  probieren  wollten,  das  Einheitspapier auszufüllen.

– „Ich sag's Ihnen, es ist ausgeschlossen, das Formular beim ersten Mal richtig auszufüllen!“

– „Dann geben Sie uns am besten gleich zwei.“

Unser Kampfgeist war geweckt.

Wir  setzten  uns  an  einen  Tisch  und  beugten  uns  über  die Aufgabe,  die  sich  die  deutsche Zollverwaltung da für uns ausgedacht hatte. Das giftig grüne Formular bestand aus lediglich einer DinA4-Seite, zwei Durchschläge hefteten ihm an und... häh? Was? Ok, keine Ahnung, was die da von uns wollen. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Wir tragen das Wissen der Menschheit in unseren Hosentaschen herum. Irgendwer da Draußen wird sein Knowhow zum Einheitspapier 0737 sicherlich irgendwann einmal im Internet kundgetan haben. Wir griffen nach unseren Handys.

Während es draußen dunkler wurde und sich die Batterieanzeigen auf unseren Spiderappdisplays von grün zu rot verfärbten, brüteten wir über den blanken Kästchen der Einfuhranmeldung. Wir fanden heraus, dass es ein Merkblatt zu unserem einseitigen Formular gab. Unser Zöllner konnte uns  dieses  Merkblatt  mit  der  griffigen  Bezeichnung  GZD-Z  3455-2016.00006-DV.A.2 (201700249692)  leider nicht aushändigen: „Das gibt es nur noch online.“ Nach kurzem Suchen fanden wir das passende PDF. Es hatte 192 Seiten.

Nachdem wir innerhalb von zwei Stunden etwa drei Zeilen des Einheitspapiers 0737 vervollständigt hatten, kapitulierten wir vor dieser bürokratischen Ausgeburt des Teufels. Bei einem revitalisierenden Kaffee in der Zollkantine beschlossen wir, in die nächstgelegene Stadt zu  meinem  Bruder  zu  fahren  und  an  seinem  Laptop  die  Einfuhranmeldung  über  das menschenfreundlichere Onlineformular zu erledigen.

Weitere  zweieinhalb  Stunden  später  betraten  wir  erneut  das  Haus,  das  Verrückte  macht,  die ausgefüllte Einfuhranmeldung ausgedruckt in der Hand. Glücklicherweise hatte in der Zwischenzeit ein Schichtwechsel stattgefunden. Ein frischer Sachbearbeiter besah gutmütig unsere Dokumente, korrigierte mit uns, was wir falsch ausgefüllt hatten, setzte schließlich den Stempel des Zolls darauf und schickte uns zurück zu dem Frachtunternehmen, bei dem unsere Odyssee sieben Stunden zuvor begonnen hatte.

Endlich können die Pakete eingeladen werden.

Vier  Pakete  karrte  man  dort  heran.  Sie  hatten  unterschiedliche  Größen.  Leichte  Lädierungen zeugten von ihrem Tausende Kilometer langen Weg durch die Lüfte. Auf einer der Schachteln prangte das Logo einer Cornflakes-Marke – Patrick hatte bei seiner Suche nach Kartons keine Option ausgelassen. Wir luden ein und verließen den Flughafen so schnell wie möglich.

Falschinformationen  von Angestellten,  undurchsichtige  Prozesse,  Hilfe  verweigernde  Beamte, unvorhergesehene  Mehrkosten  –  das  Bewerkstelligen  verwaltungstechnischer  Formalitäten  in diesem Staat kostet einen ungemein viel Zeit und Nerven. Warum macht man es uns nur so schwer? Wir sind doch die Guten.

Wieder zu Hause öffneten wir unsere Cornflakes-Schachteln. Die Kleidungsstücke, die vor fünf Tagen Malawi verlassen hatten, sahen super aus. Unsere Leute hatten gute Arbeit geleistet. Darauf stießen wir erst einmal an. Die Strapazen auf dem Flughafen waren schnell vergessen. Wir hatten wieder eine Lektion gelernt, eine Herausforderung bewältigt und wichtige Grundlagen geschaffen. Und das Beste: von jetzt an würde es nur noch bergauf gehen. Wer einmal das Einheitspapier 0737 vor sich liegen hatte, hat das Schlimmste hinter sich. Oder?

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