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Khala Kolumna - Über die Höhen und Tiefen einer Start-Up-Gründung

Folge 6: Über Sommer, Mut und mehr

Benedikt Habermann Benedikt Habermann

DesignGründen

Im Juli 2017 hat das Start-Up Khala die Crowdfunding-Kampagne für ihre Slow-Fashion-Mode erfolgreich abgeschlossen. Daraufhin hätte eigentlich die Produktion in Malawi anlaufen sollen. Doch so einfach war es nicht. Es gab Probleme mit dem Stofflieferanten und die Zusammenarbeit mit der Designerin in Malawi musste beendet werden. Dadurch ging auch das Atelier für die Produktion verloren. Doch davon ließen sich Mel, Bene und Hubi nicht unterkriegen. Was sie alles erleben – vor allem in Malawi vor Ort – erzählt Bene von Khala hier bei uns.

“Ganz schön mutig, was ihr macht,” sagte das Mädchen mit dem netten Lächeln und dem halbvollen Plastikbecher, den sie in der Hand hielt. Mit der anderen Hand skippte sie sich gerade durch die verschiedenen Modelle unserer Bomberjacken, die an einer Kleiderstange baumelten. Von der nahe gelegenen Bühne wummerten Bässe zu uns herüber und die Sonne beschien wohlwollend das Festivaltreiben der Münchner Afrika Tage, auf denen wir uns befanden.

Der Sommer war seit Langem hier und zeigte, was er konnte. Die lähmende Hitze hatte auch den Betrieb bei Khala gedrosselt. Urlaube wollten gemacht werden, Reisen unternommen, Open Airs besucht, Seen bebadet und die sonderbar zahlreichen warmen Tage in diesem Jahr genutzt werden. In Anbetracht all dieser Optionen und der harten Arbeit der vorangegangenen Monate, rückte unser Business bisweilen ein wenig in den Hintergrund. Die Verkaufserlöse unseres Online Shops genügten, um den laufenden Betrieb in Malawi zu finanzieren. Vom Hustle am Anfang des Jahres hatten wir uns weitgehend verabschiedet. Wir mussten nicht mehr um Spenden werben oder eigene Gelder zuschießen. Khala trug sich selbst. Um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren, hatten wir allerdings noch Jobs nebenher. Die machten zwar Spaß, gleichzeitig kosteten sie wertvolle Stunden und trugen dazu bei, dass unsere Zeiteinteilung manchen Tages zu Lasten des eigenen Unternehmens ausfiel.

Bei Khala selbst nahmen Verwaltungsarbeiten sehr viel Raum ein, allem voran die Koordinierung und Planung der Produktion in Malawi. Hinzu kamen Inventuren, Einkäufe, Besuche beim Zollamt, Vorträge, Fotoshootings, die leidige Buchhaltung und dergleichen mehr. Vertrieb und Marketing hatten wir hingegen etwas schleifen lassen.

So dauerte es nicht lange und die trügerische Sicherheit konstanter Absatzzahlen, in der wir uns selbstzufrieden gewähnt hatten, war plötzlich wieder passé. Geschluckt vom Sommerloch. Immer weniger Bestellungen kamen über unseren Online Shop rein. In der Postannahmestelle des kleinen Kiosks, wo ich alle paar Tage ein paar Päckchen über die Theke geschoben hatte, musste mich die Angestellte, die so angenehm unkonventionell das Porto berechnet, wohl schon vermissen.

Es galt also, über neue Vertriebswege die Verkäufe anzukurbeln. Soweit es sich zeitlich einrichten ließ, brachten Mel und ich daher auf Festivals unsere Ware unters Volk.

Während also von der unweit entfernten Bühne die Bässe zu unserem Stand wummerten und die Sonne wohlwollend das Festivaltreiben beschien, hatten wir dem Mädchen mit dem halbvollen Plastikbecher jede Menge Fragen zu Khala beantwortet. Etwa über die Bedeutungen des Wortes Khala in Chichewa, der Nationalsprache Malawis. Dass es so viel heiße wie sein, sich hinsetzen, bleiben, relaxen. Dass das zumindest ein gängiges Deutsch-Chichewa-Wörterbuch behaupte. Und dass wir mittlerweile herausgefunden hatten, dass khala auch Holzkohle heißt. Das Mädel hatte sanftmütig gelächelt und weiter Fragen gestellt. Und dann sagte sie, dass es so mutig sei, was wir machen. Irgendwann leerte sie ihr Getränk, probierte ein paar Sachen an und kaufte schließlich eine Jacke.

Der Khala-Alltag.

Ich war indessen nachdenklich geworden. Ist es mutig, was wir machen? Ich erinnerte mich daran, wie ich den Khala-Stand einige Tage zuvor montiert hatte. Es war einer der vergessenen Regentage in diesem Jahr gewesen. Unter dem Dach eines halbaufgebauten Bierzeltes hatte ich die einzelnen Module des Standes frühmorgens zusammen geschraubt und, übertönt vom auf mich prasselnden Regen, laut fluchend nach draußen auf den uns zugeteilten Stellplatz getragen, wo ich sie, von einer Plane bedeckt, abgestellt hatte. Vollkommen durchnässt radelte ich danach in die andere Arbeit, meine Erwerbstätigkeit. Mutig kam ich mir dabei nicht vor. Höchstens fragte ich mich, warum ich mir das Ganze antue.

Das Mädchen auf dem Festival war nicht die erste, die unser Tun als mutig bezeichnet hatte. Aber was wirkt auf die Leute so mutig?

Ist es mutig, dass wir uns die Zeit nehmen für Khala? Dass wir so viele unwiederbringbare Stunden investieren? Oder, dass wir nicht in die Rentenkasse einzahlen? Dass wir Geld investiert haben? Dass wir Verantwortung für eine Hand voll Menschen in Malawi tragen, die auf ihre Löhne angewiesen sind? Dass wir ohne wirkliche Erfahrung ein internationales Unternehmen aufbauen? Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht. Und dass Mel bald wieder für ein halbes Jahr nach Malawi geht, ist das auch mutig?

Uns selbst kommt das alles gar nicht so mutig vor. Und würden wir es nicht spüren, wenn es Mut wäre? Was ist Mut überhaupt? Weil ich mir schwer tat, zu einer Definition zu kommen, begab ich mich auf Recherchereise ins Internet. Dort  erfuhr ich, Mut sei die “Fähigkeit, in einer riskanten Situation seine Angst zu überwinden”. Hmmm. Ängste müssen wir höchstens überwinden, wenn wir irgendwo einen Vortrag halten müssen. Die nächste Definition nannte Mut die “Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält”. Da lag der Hund schon eher begraben. Allerdings erwarten wir keine Nachteile. Auch wenn wir scheitern sollten, was soll denn schon passieren?

Schwierig also, das mit dem Mut. Dass wir uns mit Khala keiner leichten Aufgabe stellen und dass wir aus der Reihe tanzen, ist uns klar. Einen kleinen Dachschaden braucht man wohl. Aber Mut? Sind denn alle anderen feige, weil sie kein Modelabel in Afrika gründen?

Eine akzeptable Antwort darauf, warum viele uns für mutig halten, fand ich schließlich in einem alten Lied der Beginner. Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph Rollo May wird darin zitiert: “Das Gegenteil von Mut in unserer Gesellschaft ist nicht Feigheit, sondern Anpassung.”

Aha!

Was in dem Beginner-Song keinen Platz gefunden hatte, war der Anfang des Zitats: “Viele Leute fühlen sich machtlos, etwas wirksames mit ihrem Leben anzustellen. Es erfordert Mut, neue Wege zu gehen, aber für viele ist Konformität bequemer.”

Wenn dieser Rollo recht hatte, dann ist es wohl doch mutig, was wir mit Khala machen. Wir müssen ständig unsere Komfortzone verlassen; oft stoßen wir an unsere eigenen Grenzen, wenn wir etwa Dinge tun müssen, die wir nicht können oder in Situationen geworfen werden, die uns überfordern. In der Rolle derer, die etwas anders machen als der Rest, sind wir in der Position, unser unstetes Leben zu rechtfertigen. Und sollten wir eines Tages doch scheitern, haben es alle bereits besser gewusst.

Insofern ist es auch vollkommen nachvollziehbar, warum viele Menschen ihre Träume verblassen lassen, nicht ausbrechen, ungeliebten Jobs nachgehen und letztlich womöglich in der gesellschaftlichen Konformität landen: den Mut aufzubringen, dagegen zu rebellieren, ist harte Arbeit.

Das soll nicht selbstgefällig klingen. Wir kommen uns trotzdem nicht mutig vor. Für uns ist es schlicht nicht denkbar, in irgendeinem Angestelltenverhältnis zu einer Wirtschaft ohne Ideale beizutragen. Unser Ausweg ist, mit Khala selbst etwas zu schaffen, wohinter wir stehen können.

Wir sind nicht die einzigen, die sich diesen Stress geben. Über viele Umwege hatte mich meine Recherche zu Mut auf eine Website geführt, die mich stutzig machte. Was ich dort las, klang ein wenig nach Bizarro-World: Es gibt ein faires Modelabel, das mit seinem kleinen Team in Malawi aus Chitenje-Stoffen Kleidung herstellt, unter anderem Bomberjacken. Der Name des Labels: Khama. Die Marke wurde vor einigen Jahren von einer Engländerin gegründet, hat einen sozialen Hintergrund und fußt auf der Idee, dass Handel eine nachhaltigere Veränderung erzielen kann, als Spendengelder.

Gerne hätte ich den Leuten von Khama ein paar Fragen gestellt, leider antwortete mir niemand auf meine Mails. Ich kann mir denken warum: vermutlich sind sie beschäftigt mit Verwaltungsarbeiten, der Koordinierung und Planung der Produktion in Malawi, Inventuren, Einkäufen, Besuchen beim Zollamt, Fotoshootings, der leidigen Buchhaltung und so weiter.

Was ‘Khama’ bedeutet, bekam ich aber auch so heraus. Es ist Chichewa und heißt soviel wie harte Arbeit. Würde uns irgendwie auch besser stehen als Kohle und Relaxen.

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