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Die Kultur des Scheiterns in der Schule

Scheitern in der Schule - eigentlich kein Drama - aber gesellschaftlich nicht akzeptiert

BildungGesellschaft

Scheitern in der Schule? Ein schwieriges Thema! Ambitionierte Eltern treffen in Eltern-Sprechstunden auf genervte Lehrer. Einem Kind, dass in der Schule „scheitert“, weil es nicht die besten Noten hat, Ärger macht oder besonders hibbelig ist, wird dort schnell eine rabenschwarze Zukunft vorausgesagt. Mütter und Väter suchen verzweifelt nach Erklärungen, denken sofort, sie hätten in ihrer Rolle als fördernde und zugleich liebevolle Eltern versagt. Unverzüglich werden Institute aufgesucht, um die Kinder auf Matheschwächen, Legasthenie, ADHS oder sonst irgendwelche Mängel zu untersuchen. Tragische Szenen spielen sich ab: weinende Eltern neben Kindern, die nicht mehr in die Schule wollen. Vielleicht helfen Pillen, um die Krankheit zu heilen oder sollte man das Kind lieber sofort an einer Privatschule anmelden? Diese gut gemeinten Maßnahmen machen die Situation aber oft noch schlimmer — und die Kinder leiden am meisten!

Ist Scheitern immer nur schlecht? Klar, im ersten Moment verunsichern schlechte Noten in der Schule. Denn die, so wird es den Kindern eingebläut, entscheiden über den künftigen Erfolg im Leben. Man ist sich einig: Wer scheitert, der ist blöd und den anderen Schülern „ein bisschen hinterher“. Dieses starre Gedankenmuster kann gefährliche Folgen haben. Besonders für Kinder, deren Qualitäten nicht unbedingt in den vorgegebenen Hauptfächern liegen: Sie sind frustriert, demotiviert und eingeschüchtert. Hier läuft etwas falsch. Es wird Zeit für eine „Kultur des Scheiterns“ an Schulen! Eine Schulform, die es zulässt, dass Kinder nicht unentwegt funktionierende Lernmaschinen sind, sondern auch individuelle junge Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen.

Geschichten des Versagens in der Schulzeit können die meisten erzählen. Es handelt sich nicht um ein seltenes Phänomen, das ausschließlich bei Kindern vorkommt, die es sowieso schon schwer haben. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich schon in der Grundschule Mathematik komplett abgeschafft – trotzdem hat mich mein persönliches Hass-Fach bis zum Abitur verfolgt. In der elften Klasse wurde ein ganz besonderes Mathe-Genie unser neuer Lehrer. Ein Tüftler und Denker, dem es große Freude machte, schon gleich morgens eine ganz besonders komplizierte Aufgabe an die Tafel zu schreiben. Dabei musste er jedes Mal kurz inne halten und überlegen, ob etwas so Schweres für uns überhaupt noch machbar wäre. Aber natürlich war es das – man wächst ja bekanntlich nur an besonders großen Herausforderungen. Voller Vorfreude rieb sich das Mathe-Genie die Hände und setzte sich gemeinsam mit den Überfliegern der Klasse an einen Tisch, um nach einer Stunde harter Arbeit das korrekte Ergebnis zu feiern. Voller Triumpf schrieb das Siegerteam die Lösung an die Tafel.

Für uns Normalsterbliche wurde die Mathestunde zur Kaffeestunde. Wir waren uns einig, dass wir einfach zu blöd waren. Als wir einmal doch zumindest ein Teilergebnis richtig hatten, war das für uns schon ein Grund zu feiern. Mit mehr als düsteren Aussichten kam ich also in die Abiturklasse. Es hieß, ich könne mich auf das Schlimmste einstellen. Um diese Defizite aufzuholen, müsse ich gleich nochmal in der siebten Klasse anfangen.

Zu meinem Glück bekamen wir in diesem Jahr einen neuen Mathe-Lehrer. In diesem Jahr hatte ich erstaunliche Erkenntnisse. Dieses Unding an Analysis und Stochastik funktioniert nach einem erstaunlich logischen und immer wiederkehrenden Schema. Anders als das Mathe-Genie im Vorjahr, suchte der Mathe-Realist nach simplen, eingängigen Aufgaben und war beim Erklären sogar etwas witzig.

Tatsächlich fand ich mich nur kurze Zeit später voller Motivation in einem Kampf um die beste Mathenote der Klasse. Aus dieser Erkenntnis habe ich viel gelernt: Es geht nicht darum, wie herausfordernd eine Aufgabe ist, sondern mit welcher Motivation und Überzeugung ich mich ihr stelle.

Scheitern ist gesellschaftlich nicht erwünscht

Starke Persönlichkeiten waren selten das Produkt auswendig gelernter Bücher. Neurowissenschaftler haben bestätigt, was viele schon lange geahnt haben: Es kommt nicht unbedingt auf die Unterrichtsqualität und Methodik der Wissensvermittlung an. Entscheidend ist, die Schüler zu begeistern und ihre Lust am Lernen zu wecken. Angst und Schweißausbrüche bewirken das Gegenteil: innere Resignation.

Schulkinder, die scheitern, landen nicht zwangsläufig auf der Straße. Nur weil der Übertritt nach der vierten Grundschulklasse nicht geschafft ist, schließt das in Deutschland nicht grundsätzlich das Abitur aus. Über vielerlei Umwege wird es im Prinzip jedem Kind möglich, auch später noch studieren zu können. Aber es ist nicht unbedingt der leichte Weg.

Prinzipiell ist Bildung ein freies Gut, auch wenn die Herkunft und der Rückhalt der Familie ebenfalls eine Rolle spielen. Dass Kinder auch mal während ihrer Schulzeit scheitern, ist eigentlich kein Drama. Und trotzdem sucht man in deutschen Schulen vergeblich nach einer „Kultur des Scheiterns“. Gesellschaftlich ist das Scheitern während der Schullaufbahn nicht erwünscht. Ganz im Gegenteil: Mit hochgezogenen Augenbrauen wird gefragt, woran es gelegen hat. Sobald eine Klasse wiederholt werden musste oder eine nicht erklärbare Lücke im Lebenslauf zu finden ist, scheint der Bewerber nicht stressresistent oder klug genug zu sein. Erst nach unzähligen Bewährungsproben und Rechtfertigungen scheint ein Ausbrechen aus der Kategorie „Schulversager“ möglich. Dabei sollte jeder die Erfahrung machen dürfen — egal ob künftiger Handwerker, Friseur oder Akademiker — in dem was er macht, Anerkennung zu erfahren.

Wir brauchen eine neue Kultur der Anerkennung

Scheitern sollte gerade nicht mit Versagen gleichgesetzt werden. Entscheidend ist, dass Schülerinnen und Schüler in Situationen, in denen sie Selbstzweifel plagen, Unerstützung und Wertschätzung erhalten. Denn über die Kultur des Scheiterns hinaus brauchen wir an Schulen eine neue Kultur der Anerkennung. Wertschätzung und Ermutigung bestärken Kinder in ihrem Gefühl, trotzdem auf dem richtigen Weg zu sein. Schulen sollten Orte sein, die jedem Kind auf eine respektvolle Art und Weise das Gefühl vermitteln, in seinem Können Anerkennung zu finden. Und dieses Können darf vielseitig sein. Diese Wertschätzung gemeinsam mit einer neuen Lernkultur, die es zulässt, den Unterricht neu zu erfahren, kann Kinder dazu ermutigen, über sich selbst hinauszuwachsen. Die Chancen steigen, im Vergleich zum sturen Auswendiglernen, dass sich so nach und nach Wissen aufbaut, das nicht nach der nächsten Klausur vergessen ist.

Es sollte das Ziel sein, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, wo seine Stärken liegen. Das fördert Selbstvertrauen und hilft dabei, einen Lebensentwurf zu finden, der glücklich macht. Rückschläge auf dem Weg zum richtigen Zukunftsmodell sind nicht auszuschließen. Aber auch Enttäuschungen können Erkenntnisse zur Folge haben, die zeigen, was im Leben wirklich wichtig ist. Dabei sollten es die Pädagogen in der Schule sein, die die Kinder in ihren Rückschlägen nicht allein lassen, sondern ihnen mögliche Weg aufzeigen und sie in ihrem Schaffen bestärken.

Im Silicon Valley gehört es mittlerweile zum guten Ton, mindestens einmal gescheitert zu sein, bevor man ein wirklich erfolgreiches Unternehmen gründet. Aber warum nur in elitären Startup-Kreisen? Auch in Schulen brauchen wir eine Kultur des Scheiterns.

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