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Wie lang leben eigentlich Produkte?

Mit dem Leitbild der Kreislaufwirtschaft die Lebensdauer von Produkten verlängern.

LebenszyklusDesign

Unter dem Begriff Lebenszyklus werden zwei inhaltlich verschiedene Konzepte gefasst. Im klassischen Lebenszyklusansatz wird davon ausgegangen, dass ein Produkt nach der Einführung mehrere Phasen der Nachfrage durchläuft bis es letztendlich vom Markt verschwindet. Die Kreislaufwirtschaft (Cradle to Cradle) erklärt, welche Stufen ein Produkt von der Rohstoffgewinnung bis zur Nutzung und darüber hinaus durchläuft. Da diese beiden Konzepte sich zeitlich überlagern, bzw. die Nachfrage eines Produkts ein Bestandteil des breiter gefassten Verständnis eines Lebenszyklus ist, werden im Folgenden beide erläutert.

Klassischer Lebenszyklus: von der Markteinführung bis zur Elimination

Die zeitliche Entwicklung des Absatzes eines Produkts kann in charakteristische Phasen unterteilt werden, die zu einem Verständnis über die Herausforderungen innerhalb der verschiedenen Phasen beitragen. Der idealtypische Verlauf der Nachfrage gleicht einer S-Kurve und spiegelt vier Phasen wieder. Da externe Faktoren, wie zum Beispiel Testergebnisse, technische Innovation oder Wertewandel den Kurvenverlauf beeinflussen können, verläuft die Nachfrage in der Realität aber selten exakt nach diesem Verlauf. Trotzdem zeigt die Kurve eine grobe Struktur auf, die den Einsatz phasenspezifischer Strategien und Maßnahmen ermöglicht.

  • Die erste Phase des Lebenszyklus stellt die Markteinführung dar, die von einer relativ geringen Nachfrage und einer geringen Produktionsstückzahl geprägt ist. Vertriebsstrukturen werden allmählich aufgebaut, Preisstrategien festgelegt und Marketingaktivitäten stehen im Vordergrund.
  • In der darauffolgenden Wachstumsphase steigt der Bekanntheitsgrad und das Produkt kann sich durch steigende Umsätze und erhöhte Nachfrage am Markt durchsetzen. Obwohl vermehrt Konkurrenten mit Substitutionsprodukten in den Markt eintreten, kann von bestehenden Produktions-und Vertriebswegen profitiert werden.
  • In der Reifephase sind Nachfrage und Umsatz auf dem Höhepunkt. Skaleneffekte werden ausgenutzt und erste Produktvariationen entstehen.
  • Die letzte Phase beschreibt eine Sättigung des Marktes. Die Dichte an Konkurrenten lässt die Nachfrage stagnieren und zurückgehen. Daraufhin wird das Produkt entweder vom Markt genommen oder durch Modifizierungen so verändert, dass ein neuer Lebenszyklus angestoßen wird.

Der Verkauf und die reine Nutzungszeit eines Produkts sind eine wichtige Betrachtungsmöglichkeit des Lebenszyklus. So werden auch für die Bestimmung der ökologischen Auswirkungen eines Produkts häufig die Daten der Nutzungszeit eines Produkts herangezogen. Beispiele hierfür sind die Energieeffizienz einer Waschmaschine in ihrer Nutzung oder ein Elektroauto.

Life-Cycle Thinking und Cradle to Grave

Der Verkauf und die Nutzung eines Produkts stellen aber nur einen Abschnitt im Leben eines Produktes dar. Der holistische Ansatz Life-Cycle Thinking geht darüber hinaus, indem Personen und Unternehmen darauf aufmerksam gemacht werden soll, welchen Einfluss der Konsum eines Produkts auf die Umwelt nicht nur zeitlich punktuell, sondern über die gesamte Lebensdauer hat. Es werden somit die Phasen Rohstoffgewinnung, Materialverarbeitung, Transport, Vertrieb, Konsum und Entsorgung mit in die Betrachtung eingeschlossen. Dies wird häufig als Cradle to Grave Prinzip, also „von der Wiege bis zum Grab“ beschrieben.

Immer mehr Produkte werden unter dem Deckmantel „energieeffizient“ oder „ressourcenschonend“ angeboten. Diese Angaben beschränken sich aber meistens nur auf die reine Nutzungsphase. Die wenigsten wissen, dass sich hierbei die ökologischen und sozialen Auswirkungen oft nur auf einen anderen Abschnitt im Lebenszyklus verschieben. So wird für die Verarbeitung neuartiger Materialien, wie zum Beispiel Karbon für elektrische Autos, mehr Wasser und Energie verbraucht. Im Klartext: weniger Ressourcenverbrauch in der Nutzung, mehr Ressourcenverbrauch in der Herstellung. Bei der Reduzierung von ökologischen Auswirkungen müssen somit nicht nur der direkte Ressourcen- und Energiebedarf berücksichtig werden, der durch die Benutzung des Produkts entsteht, sondern auch der indirekte Energiebedarf. Diese sogenannte „Graue Energie“ bezeichnet die Energiemenge für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung und wird beim Verkauf meistens weder angegeben noch vom Kunden bedacht. Besonders hohe Mengen dieser „Grauen Energie“ sammeln sich am Anfang der Kette, bei der Ressourcengewinnung. In Zeiten, in denen Produkte um die halbe Welt geschifft und geflogen werden um letztendlich in einem Supermarktregal zu landen, sind natürlich auch im Bereich Logistik und Transport hohe Auswirkungen zu erkennen. Eine gängige Methode zur ökologischen Produktbewertung nach diesem Verständnis des Lebenszyklus ist die Ökobilanz.

Der Artikel von Zeumer, John und Hartwig (2009) zu dem Thema „Nachhaltiger Materialeinsatz – Graue Energie im Lebenszyklus“ in der Zeitschrift Detail Green zeigt graue Energie am Beispiel Bauwesen/Architektur auf.

Am Ende der Nutzungsphase landen die Produkte dann auf einer Mülldeponie, auf der sich von kaputten Möbeln über elektronischen Schrott bis hin zu Verpackungen alles finden lässt. Ein Friedhof für Produkte, die nicht mehr gebraucht werden. Ein Ansatz, der diesen Friedhof vermeiden möchte, indem der Lebenszyklus über die Entsorgung hinausgeht verlängert wird, ist das Cradle to Crade Prinzip.

Cradle to Cradle ®

Folgendes Szenario: der Toaster geht kaputt. Die Frage ist, was nun? Früher hieß es reparieren und zusammenflicken. Aber wo und zu welchem Preis kann man heutzutage solche Geräte reparieren lassen, wenn man selber kein Experte ist? Da ist es meistens kostengünstiger und weniger aufwändig, einfach einen neuen Toaster zu kaufen und den alten zu entsorgen. Schade natürlich, wenn eigentlich nur ein kleines Kabel hätte erneuert werden müssen und die Rohstoffe in dem Toaster an sich wertvoll sind. Der alte Toaster landet also auf dem Friedhof der Produkte und hat keine Verwendung mehr.

Die Frage ist hierbei, wie dem Dilemma einer Wegwerfgesellschaft in Zeiten von stetigem Ressourcenmangel entgegengewirkt werden kann. Genau dies versuchen die Entwickler William McDonough und Michael Braungart mit ihrem Konzept Cradle to Cradle (C2C). Cradle to Cradle, in Deutsch übersetzt „von der Wiege zur Wiege“ ist die Vision einer abfallfreien Wirtschaft, in der alle Stoffe in den Kreislauf zurückgeführt werden und somit ein geschlossenes Lebenszyklusmodell entsteht. Es wird hierbei in zwei verschiedene Kreisläufe unterschieden: Dinge, die verschleißen und verrotten sollen so produziert werden, dass sie in das biologische System zurückgehen und somit zu Erde und Kompost werden. Produkte, die nicht verbraucht werden können, wie zum Beispiel der Toaster, werden so hergestellt, dass sie in technische Systeme zurückgehen und weitere Verwendung finden. Ein sehr interessantes Interview mit Michael Braungart über die Notwendigkeit des Cradle-to-Cradle Prinzips gibt einen ersten Einblick.

Die Cradle to Cradle Kreisläufe, EPEA GmbH 2009.

Um Produktdesigner und Entrepreneure bei der Umsetzung dieses Konzepts zu unterstützen wurde das Cradle to Cradle Products Innovation Institute mit dem Zertifizierungssystem Cradle to Cradle Certified™ Product Standard gegründet. Das Institut unterstützt bei der Erlangung der Zertifizierung und dient als Informations- und Austauschplattform. Die EPEA Internationale Umweltforschung GmbH bietet zudem Materialbewertungen, Zertifizierungen, Workshops und Trainings an.

Der in Deutschland aktive, gemeinnützige Verein Cradle to Cradle e.V. regt mit Vorträgen, Workshops, Diskussionen und Kongressen zu dem Thema an und gibt einen vertieften Einblick.

Quellen​
 

 

Ein möglicher Ansatz zur Umsetzung alternativer Entsorgungsmöglichkeiten verläuft nach folgenden 7 Punkten, die als essenziell für nachhaltige Entwicklung gesehen werden.

  1. Reducing (Reduzierung)
  2. Reusing (Wiederverwendung)
  3. Recycling (Wiederverwertung)
  4. Recovering (Wiederherstellung)
  5. Rethinking (Umdenken)
  6. Renovation (Erneuerung)
  7. Regulation (Regulierung)

Laut McDonough und Braungart ist die Reduktion der Ressourcen zwar ein wichtiger Punkt zur Erreichung von Ökoeffizienz, trotzdem wird der Raubbau dadurch nicht aufgehoben, sondern nur verlangsamt. Bei der Wiederverwendung werden toxische Substanzen nur verschoben und Recycling bedeutet häufig nur downcycling: die Qualität eines Materials wird über die Zeit verschlechtert, indem es mit anderen Materialen gemischt wird. Dies führt nicht automatisch zu Umweltverträglichkeit. Im Sinne des C2C Prinzips bedeutet Recycling, dass ein Material ohne Qualitätsverlust immer wieder für dasselbe Produkt wiederverwendet werden kann, weil es sich um reine Materialien, wie zum Beispiel reine Kunststoffe oder pures Holz handelt. Natürlich ist diese Sicht des cradle-to-cradle Ansatzes idealisiert und wirkt auf den ersten Blick utopisch, eine schrittweise Annäherung kann jedoch die ökologischen Auswirkungen drastisch verringern.

Zuallererst ist es hilfreich typische, allgemein bekannte Übeltäter zu identifizieren, mit denen Produkte werben, wie zum Beispiel die Aufschrift „phosphatfrei“ oder „bleifrei“. Nur weil diese Stoffe nicht in einem Produkt enthalten sind, heißt es nicht zwangsläufig, dass das Produkt gut ist. Oft ist zu wenig über alternativ verwendete Ersatzstoffe bekannt. Deshalb ist es sinnvoll, sich über seine Materialien intensiv zu informieren und eine Liste zu erstellen, auf der alle Materialien aufgeführt werden, die besonders schädlich sind und sofort eliminiert werden sollen. Eine weitere Liste zu problematischen Materialien, die aber nicht dringend ausgetauscht werden müssen oder noch sehr schwer substituierbar sind, und ein positive Liste von Substanzen, die als gesund oder sicher definiert werden, helfen einen Überblick über zukünftige Handlungsfelder zu bekommen. Im nächsten Schritt geht es darum, die positive Liste zu aktivieren und biologische und technische Zyklen zu erstellen.

Braungart schlägt vor, dass Produkte an den Hersteller zurückgegeben werden sollen, der das Produkt in seine Rohstoffe zerlegt und wiederverwendet. Im Gegenzug erhält der Kunde eine Art Prämie oder Bonus für das Zurückgeben. Im übertragenen Sinn wird somit nicht mehr das Produkt an sich an den Kunden verkauft, sondern nur dessen Nutzung.

Eine weitere Möglichkeit Materialien wieder in den Kreislauf zu bringen ist über „up-cycling. Dabei werden scheinbar ausgediente Produkte und Materialien zu neuem Leben erweckt, indem sie einen neuen Verwendungszweck erhalten. Ein Beispiel hierfür sind die aus alten Lastwagenhüllen entworfenen Taschenunikate des schweizer Labels Freitag.

Cradle-to-cradle Zertifizierung

Wer sich für den Cradle to Cradle Ansatz entscheidet, kann sich zudem Gedanken über eine Cradle-to-Cradle Zertifizierung machen. Wesentlicher Unterschied zu anderen Umwelt-Zertifizierungen liegt in der ganzheitlichen Bewertung von Produkten und Herstellungsprozessen. So konzentriert sich der Standard auf die Verwendung sicherer und gesunder Materialien und Rohstoffe, den sorgfältigen Umgang mit Wasser und Energie, die Rohstoffwiederverwendung und soziale Verantwortung. Eine ausführliche Beschreibung, was die Zertifizierung beinhaltet und wie sie erlangt werden kann ist auf der Seite von omnicert Umweltgutachter zu finden. Auch auf der Homepage des Cradle to Cradle Products Innovation Institute werden die fünf Kategorien, nach denen ein Produkt bewertet wird erklärt. 

Wenige wissen, dass beim Altpapierrecycling nur der Zellstoff wiedergewonnen werden kann. Übrig bleiben Abfallprodukte wie Farben, Lacke und Füllstoffe. Dieser toxische Schlamm wird durch Verbrennung oder Verwendung in der Betonindustrie mit unbekannten Auswirkungen in den Kreislauf der Natur zurückgeführt. Dem österreichische Kommunikationshaus gugler ist es gelungen, Druckprodukte nach dem cradle-to-cradle® Prinzip zu entwickeln, so dass alle Stoffe nach ihrer Lebensdauer vollständig in den biologischen Kreislauf zurückfließen. So können die Komponenten im späteren Leben zu sicheren Lebensmittelverpackungen oder zu Toilettenpapier ohne Klärschlamm werden. Durch dieses Verfahren haben sie eine wichtige Grundlage für Phosphor-Recycling geschaffen.

Mit den Worten von gugler:

 

Sauberes Drucken hat für uns eine doppelte Bedeutung. Nicht nur das Druckerzeugnis selbst muss umweltschonend sein, auch auf dem Weg dahin sollen möglichst wenige Ressourcen verbraucht werden.

 
 

In einem animierten Video zeigt gugler „wie die Natur drucken würde“:

 

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