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Grün statt grau!

Auch in der Lieferkette hat das Thema Nachhaltigkeit Einzug gehalten. Warum ist das für Entrepreneure relevant?

ProduktionVerantwortungTransparenz

Missstände in der Produktion und Herstellung

Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden in Zulieferbetrieben sind in den letzten Jahren in die Höhe geschossen. 70-stündige Arbeitszeiten pro Woche bei miserablen Arbeitsbedingungen und einem Billiglohn sind die traurige Wahrheit vieler Arbeiter, die Massenkleidung in Nähereien in Bangladesch herstellen oder in einer der vielen Zulieferbetrieben für Elektronikgeräte arbeiten. Ein Lieferkettenmanagement, das soziale und ökologische Kriterien integriert, gewinnt daher immer stärker an Aufmerksamkeit und Bedeutung. Auch für kleinere Unternehmen gibt es eine Vielzahl an Instrumenten und Leitfäden, welche die Umsetzung einer nachhaltigen und verantwortungsbewussten Lieferkette vereinfachen.

Was bedeutet Lieferkettenmanagement?

Lieferkettenmanagement umfasst vom Rohstofflieferanten bis zum Endkunden alle Beschaffungs-, Produktions-, Lager- und Transportaktivitäten eines Unternehmens. Es werden zwei Arten von Lieferanten unterschieden. Zum einen Direktlieferanten, die ein Unternehmen mit Waren und Dienstleistungen versorgen (sogenannte First-Tier Lieferantenbeziehung), zum anderen Sublieferanten, die in Bezug auf ihre Entfernung zum Endproduzenten mit dem Grad 2-tier, 3-tier usw. beschrieben werden. Je nach Art und Umfang des Produkts ergeben sich somit unterschiedlich lange „Ketten“, die letztendlich ein Netzwerk bilden.

Daraus abgeleitet geht es bei dem Management von Lieferketten um das Planen, Gestalten und Optimieren aller Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette. Die Koordination und Harmonisierung von Abläufen zwischen den verschiedenen Wertschöpfungsstufen ist somit wichtiger Bestandteil des Lieferkettenmanagements. Neben der primären Versorgungsfunktion sind auch die Themen Entsorgung und Recycling für das Management von Bedeutung.

Warum ist Nachhaltigkeit im Lieferantenmanagement wichtig?

In der Wirtschaft wächst die Erkenntnis, dass Unternehmen soziale und ökologische Herausforderungen entlang der Wertschöpfungskette nur in Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten lösen können. So haben auch zahlreiche Enthüllungen von unwürdigen Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben Forderungen laut werden lassen, dass Unternehmen mehr Verantwortung für die Produktion und Herstellung der eigenen Produkte übernehmen müssen.

Externe Anforderungen verschiedener Stakeholder (NGOs, Shareholdern oder politische Entscheidungsträgers), aber auch der Trend zu einem nachhaltigen Konsumverhalten üben zunehmend Druck auf Unternehmen aus und weisen auf die Notwendigkeit hin, sich als Unternehmer mit dem Thema Nachhaltigkeit im Lieferantennetzwerk auseinanderzusetzen. In Zeiten globalen, intensiven Wettbewerbs zeigt sich, dass eine nachhaltig ausgerichtete Lieferantenstrategie einen kompetitiven Wettbewerbsvorteil bedeutet und neue Absatzmöglichkeiten generiert. Unternehmen, die Transparenz in ihrer Lieferkette aufweisen, werden zudem in Unternehmensrankings und von Konsumenten besser bewertet, so dass es sich auch aus wirtschaftlicher Perspektive lohnt, seine Lieferkette zu kontrollieren. Einsparungen durch effizientere Ressourcennutzung, Imageverbesserungen und langlebige gute Lieferbeziehungen sind weitere positive Effekte eines durch- und bedachten Liefernetzwerks.

Nachhaltiges Lieferkettenmanagement (Sustainable Supply Chain Management) geht somit über den rein ökonomischen Fokus des konventionellen Lieferkettenmanagements hinaus und betrachtet die gesamte Wertschöpfungskette unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte.

Was sind grundlegende Standards und Anforderungen eines nachhaltigen Lieferkettenmanagement?

Ziel eines nachhaltigen Lieferkettenmanagements ist es, Unternehmen zu der freiwilligen Verpflichtung zu motivieren, Sozial-und Umweltstandards in ihrer Lieferkette zu verankern und ihre Einhaltung zu überprüfen.

Grundlage für die Integration und Umsetzung von Sozialstandards entlang der Lieferkette bilden die weltweit gültigen Mindeststandards, die sogenannten Kernarbeitsnormen der internationalen Arbeitsorganisation der Vereinigten Nationen (ILO). Einen Rahmen für die Umsetzung unternehmerischer Verantwortung in Bezug auf Wirtschaft und Menschenrechte geben zudem die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Festgesetzte Richtlinien zum Gesundheits- und Sicherheitsschutz am Arbeitsplatz sind ein weiteres Beispiel für Sozialstandards.

Im Bereich der relevanten Umweltstandards sind vor allem die Umweltmanagementnorm ISO 14001 und die EMAS-Verordnung als bekannteste Umweltmanagementsysteme zu nennen. Vorgaben dieser Normen sind zum Beispiel die schriftliche Festlegung einer betrieblichen Umweltpolitik und konkreter Umweltziele oder die Einhaltung des geltenden Umweltrechts. Umweltverträgliche Produktionsverfahren oder Cleaner Production Technologien können diese Standards erweitern.

Anbei eine gute Übersicht vom United National Global Compact über Themenfelder, die in einem Verhaltenskodex abgedeckt werden sollten:

United Nations Global Compact.
Quellen
 
 

Ein maßgeblicher Vorteil von Gründern gegenüber eingesessenen Unternehmen ist es, dass sie ihr Lieferantennetzwerk von Null aufbauen können und noch keine Abhängigkeitsverhältnisse vorliegen. Zudem ist zu Beginn einer Unternehmung die Anzahl an Lieferanten meist begrenzt. Daher macht es als Unternehmensgründer Sinn, bereits bei der Vorauswahl von Lieferanten auf deren Produktionsstandards zu achten und somit Nachhaltigkeit von Beginn an als Bestandteil des Lieferkettenmanagements zu integrieren.

Folgende zwei Leitfäden geben einen guten Einstieg in die Integration von Nachhaltigkeit in die Lieferkette:

1. ECONSENSE (2013): Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten: Orientierungshilfe für Unternehmen.

Dieser Leitfaden orientiert sich inhaltlich stark an den ILO Prinzipien des UN Global Compact und den OECD Leitfäden. Er gibt einen Überblick über die zentralen Aspekte unternehmerischer Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten. Dabei unterscheidet er in thematische Kategorien wie Ökologie, Soziales& Menschenrechte und Governance sowie in prozessbezogene Kategorien wie Management-Prozesse und Monitoring.

Econsense Leitfaden

2. UN Global Compact (2012): Nachhaltigkeit in der Lieferkette: Ein praktischer Leitfaden zur kontinuierlichen Verbesserung.

Die Mission des UN Global Compact ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Vereinten Nationen, der Wirtschaft und gesellschaftlichen Gruppen zu stärken und nachhaltiges Wachstum zu fördern. Der umfassende Leitfaden bietet praktische Hinweise für den Aufbau einer auf den Werten und Grundsätzen des Global Compact beruhenden nachhaltigen Lieferkette.

Wie sehen die einzelnen Schritte in einem nachhaltigen Lieferkettenmanagement aus?

Erster Schritt: Ausgangslage erfassen und Lieferkette abbilden

Im ersten Schritt ist es wichtig, sich Gedanken über die eigene Lieferkette und somit die individuelle Ausgangslage zu machen. Welche Produkt- und Leistungsgruppen werde ich in meinem Unternehmen haben? Welche Materialien werden gebraucht und woher können diese bezogen werden? Hierfür ist es hilfreich, sein potenzielles Liefernetzwerk abzubilden und zu jeder Stufe Informationen über Themen wie Menschrechte, Arbeitsnormen und Umweltstandards zu sammeln. Auch ein Vergleich mit Wettbewerbern kann zusätzlich wichtige Erkenntnisse über die Lieferkette bringen und Anregungen für ein mögliches Nachhaltigkeitsprogramm geben.

Eine breite Auswahl an Indizes und Karten zu sozialen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Themen findet man bei Maplecroft. Auch werden dort speziell für das Supply Chain Management verschiedene Tools angeboten. Zwar ist eine Registrierung Voraussetzung, jedoch ist eine kostenlose 7-tägige trial Version kostenlos verfügbar.

Weitere interessante Indizes und Länderinformationen, die helfen einen ersten Eindruck über die eigene Lieferkette zu bekommen sind hier zu finden:

Resilienz
Resilienz bedeutet die Widerstandsfähigkeit und somit die Toleranz eines Systems gegenüber Störungen. 

Zweiter Schritt: Strategie definieren und Lieferanten auswählen

Im folgenden Schritt wird eine Nachhaltigkeitsstrategie für die eigene Lieferkette formuliert. Hierfür werden Nachhaltigkeitserwartungen in eindeutigen Richtlinien festgehalten. Diese festen Regelungen dienen später als Orientierung für Lieferanten und Mitarbeiter.

Ein erstes Tool ist die Erstellung eines Verhaltenskodex, auch code of conduct genannt. Hierbei wird der Lieferant dazu verpflichtet, sich an den erstellten Verhaltenskodex zu halten. Alternativ kann der Lieferant auch einen eigenen Verhaltenskodex formulieren, der inhaltlich die gleichen Themen abdeckt.

Nach erfolgreicher Formulierung und Einigung über die Strategie folgt die Lieferantenauswahl. Diese basiert in der Regel auf Kriterien wie Preis, Qualität und Lieferkonditionen. In einem nachhaltigen Lieferkettenmanagement gilt Nachhaltigkeit als zusätzliches oder sogar ausschlaggebendes Auswahlkriterium. Um eine aktuelle Einschätzung über die Nachhaltigkeitsbestrebungen eines Lieferanten zu bekommen, werden Lieferanten häufig gebeten einen Nachhaltigkeitsfragebogen auszufüllen und diesen mit Nachweisen zu versehen. Dieser Nachhaltigkeitsfragebogen hat den Zweck, einen Überblick über die Aufstellung des Lieferanten zu verschiedenen Sozial- und Umweltthemen zu bekommen. Da die Gültigkeit des Vertrags zwischen den Parteien an die Korrektheit der Angaben gekoppelt ist und Aussagen mit Belegen versehen werden müssen, kommt es selten zu bewusst falschen Angaben seitens der Lieferanten.

Generell heißt das natürlich nicht, dass ein Lieferant nur aufgrund fehlender nachweisbarer Nachhaltigkeitsaktivitäten nicht als Zulieferer in Frage kommt. Vielmehr bedeutet es, dass noch Handlungsbedarf besteht. In einer solchen Austauschbeziehung, die sich für beide Seiten lohnen und lange fortbestehen soll, geht es darum, gemeinsam mit dem Lieferanten Lösungen zu erarbeiten und ihnen verantwortungsvolles Handeln zu ermöglichen. Es ist jedoch sinnvoll, sich vor Vertragsabschluss das Versprechen geben zu lassen, dass fehlende Standards nachgeholt werden, entsprechende Managementsysteme eingeführt werden und das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam angepackt wird. Zudem ist es – je nach Produkt oder Dienstleistung- ratsam, mit lokalen Zulieferern zusammenzuarbeiten, da die Kommunikation einfacher zu gestalten ist und sich die Produktionsstandards auf einem bekannten Niveau befinden.

Dritter Schritt: Lieferantenmanagement

Nach der Lieferantenauswahl ist ein fortlaufendes Management der Lieferkette notwendig. So können interne und externe Schulungen zu einem gemeinsamen Verständnis von Nachhaltigkeit beitragen und Lieferanten in ihrem Handeln unterstützen. Inhaltlich behandeln diese Schulungen entweder generell das Thema Nachhaltigkeit in der Produktion oder auch konkrete Sozial- und Umweltmanagementsysteme. Zudem gibt es bei der Einführung von Managementsystemen auch Online-Kurse und diverse Checklisten, welche die Ein- und Durchführung der Systeme erleichtern, wie zum Beispiel die Checkliste ISO 14001 oder die Checkliste SA8000.

Eine weitere Maßnahme sind Zertifizierungen. Mit ihrer Hilfe soll die Einhaltung bestimmter Anforderungen nachgewiesen und ein universeller Standard erreicht werden. Auch wenn es mittlerweile eine schier unüberschaubare Anzahl an Zertifizierungen gibt, so bieten sie Lieferanten doch die Möglichkeit, relativ einfach Nachhaltigkeitsaktivitäten in ihr Unternehmen zu integrieren und sich diese bescheinigen zu lassen. Darüber hinaus bieten sie den Vorteil, Glaubwürdigkeit und Transparenz zu vermitteln, was auch für die externe Nachhaltigkeitskommunikation und Marketing förderlich ist. Kleine Betriebe sehen in Zertifizierungen jedoch häufig einen unverhältnismäßig hohen Arbeits- und Kostenaufwand. In diesen Fällen können individuelle Vereinbarungen und Kooperationen die bessere Alternative sein.

Anbei einige der wichtigsten anerkannten Zertifizierungsstandards:

  • Social Accountability 8000 (SA8000): Der internationale Prüf- und Zertifizierungsstandard der Organisation Social Accountability International (SAI) umfasst die Mindestanforderungen an Sozialstandards im gesamten Unternehmen.
  • ISO 140001: Die Zertifizierung legt weltweit anerkannte Anforderungen an ein Umweltmanagmentsystem fest und erfolgt durch akkreditierte Zertifizierer.
  • EMAS Verordnung: Das freiwillige Instrument der Europäischen Union unterstützt Unternehmen dabei, ihre Umweltleistung kontinuierlich zu verbessern.
  • Forest Stewardship Council (FSC): FSC ist eine Zertifizierung für eine verantwortungsbewusste und nachhaltige Forstwirtschaft. 
  • Fairtrade: DAS Gütesiegel für fairen Handel von der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO). 

Vierter Schritt: Monitoring von Lieferanten

Seien es individuelle Produktionsvereinbarungen, Verhaltenskodexe oder Zertifizierungen  - nach Vertragsabschluss ist die Überprüfung der Einhaltung der Standards ein wichtiger Bestandteil eines guten Lieferkettenmanagements. Hierzu gibt es verschiedene interne und externe Monitoring-Tools.

Bei externen Audits wird an der Produktionsstätte vor Ort der Ist-Stand ermittelt, mit dem vereinbarten Soll-Stand verglichen und Handlungsempfehlungen ausgeprochen. Dadurch soll die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards gewährleistet und Verbesserungspotenziale erkannt werden. Es gibt weltweit Dienstleister, die solche Audits durchführen. Hierbei sollte man sich jedoch darüber bewusst sein, dass diese meist mit hohen Kosten verbunden sind.

Die Nachhaltigkeitsaktivitäten mit Hilfe eines Nachhaltigkeitsfragebogens zu erfassen ist eine kostengünstigere Alternative. Durch aktuelle schriftliche Nachweise zu den einzelnen Angaben können diese nachvollzogen und überprüft werden. Um die Einhaltung der Standards und die Gültigkeit der Nachweise (z.B. Zertifizierungen)  zu gewährleisten ist ein kontinuierliches Monitoring zu empfehlen.

Fair und Smart?! Das Fairphone vereint beides und ist somit weltweit das erste Smartphone, das unter fairen Bedingungen und so ökologisch vertretbar wie möglich hergestellt wird. Den Gründern war klar, dass es unmöglich ist, die gängige Herstellung eines Smartphones grundlegend zu verändern. Daher arbeiten sie Schritt für Schritt an einer immer „nachhaltigeren“ Lieferkette.

Dabei sind für Fairphone auch die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ein wichtiger Aspekt. Das Unternehmen befürwortet die Richtlinien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und fordert von seinen Zulieferern faire Löhne, akzeptable Arbeitszeiten und ein Mitbestimmungsrecht für Arbeiter. Die im Fairphone verwendeten Metalle stammen weitgehend aus nachweislich konfliktfreien Minen. So kann das Unternehmen für seine zweite Version des Smartphones bereits weitgehend fair-trade Beziehungen für die Rohstoffe Zinn, Tantal, Kupfer, Wolfram und Gold vorweisen. Zudem beruht das Design für das neue Fairphone2 auf Langlebigkeit und leichter Reparierbarkeit. 

Dieses Beispiel verdeutlicht, wie ein Start-Up Nachhaltigkeit erfolgreich in sein Lieferkettenmanagement integriert und die faire Herstellung des Produkts als Unique Selling Proposition (USP) nutzt. Mit mittlerweile mehr als 60.000 verkauften Smartphones ist das Unternehmen äußerst erfolgreich in den hart umkämpften Markt eingetreten.

Folgendes Video zeigt einen Besuch von Fairphone in afrikanischen Mienen, in denen Zinn, Tantal und Wolfram abgebaut werden:


 

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