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OBACHT // Eine Kuh macht Muh – viele Kühe machen Mühe

Was man über den niedrigen Milchpreis und seine Konsequenzen wissen muss

Barbara Lersch Jairo Alzate

UmweltGesellschaftVerantwortungErnährung

Unter dem Schlagwort OBACHT setzt sich relaio mit tagesaktuellen, sozialen und nachhaltigen Themen auseinander. Dabei sensibilisieren wir für das jeweilige Thema, unsere Beiträge und Inhalte in aktuelle Kontexte setzen und Möglichkeiten oder Lösungen aufzeigen, wie man bestimmte Dinge bewusster und anders machen kann – als Entrepreneur aber auch als Verbraucher.

Alle großen Tageszeitungen haben seitenlang darüber geschrieben, (Milch-)Bauern haben ihren Kuhmist medienwirksam vor Discountmärkten platziert und trotzdem ist noch nicht bei jedem Milchbubi oder jeder Eiscreme-Prinzessin angekommen, warum der Milchpreis so niedrig ist, welche Auswirkungen die momentanen Milchpreise auf uns haben und was wir dagegen tun können. Wir haben uns dem Thema kurz und knapp angenommen.

Status Quo: Wenn man möchte, erhält man momentan in jedem gängigen Discounter einen Liter Milch für weniger als 50 Cent. Dieses Geld geht natürlich, wie man sich denken kann, nicht direkt an den Bauern, sondern da bedienen sich noch der Discounter selbst, der Lieferant und zudem müssen Verpackung und Abfüllung bezahlt werden. Am Ende bleiben ca. 25 Cent für den Bauern übrig.

Eine „moderne“ Kuh gibt am Tag zwischen 20 und 40 Liter Milch, ein kleiner Milchviehbetrieb, so wie wir ihn uns wünschen bzw. wie wir ihn aus der Käse-Werbung kennen, hat ca. 60 Milchkühe. Da kann man sich schnell ausrechnen, wieviel der Bauer zur Verfügung hat, um seine Kühe zu ernähren, seinen Stall und Traktor in Ordnung zu halten und die Pacht für seine Felder zu bezahlen. Gegessen hat er selber dann aber noch nichts und seine Eltern, die auch Landwirte gewesen sind, die er auch versorgen muss, auch nicht. Dabei vergessen wir schnell, dass der Bauer oft um 5.00 Uhr aufsteht, um in den Stall zu gehen und auch nicht vor 19.00 Uhr Feierabend macht. Milchbauer sein ist momentan nicht nur ein mieses Geschäft, sondern vor allem ein Minusgeschäft: Die Produktionskosten von einen Kilo Milch belaufen sich im Schnitt auf ca. 43 Cent. 
Fast fünf Prozent der deutschen Milchbauern haben in den vergangenen Monaten bereits den Betrieb eingestellt, um nicht zu sagen: aufgegeben.

Entwicklung des Milchpreises seit Januar 2014

 

Warum ist der Milchpreis so niedrig?

Ursache für den niedrigen Milchpreis ist paradoxerweise eine Überproduktion. Seit April 2015 dürfen Bauern wieder ohne Grenzen melken und Milch produzieren – das war die vergangenen 31 Jahre nicht so, da die Produktionsmenge von der EU limitiert wurde. Grund für die Aufhebung des Limits war die Schätzung, dass die Nachfrage an Milchexport steigen würde, vor allem durch die steigende Nachfrage in Asien – diese Vorhersage ist aber leider nicht eingetroffen. Überproduktion bedeutet eine Preissenkung auf dem Markt und eine Preissenkung bedeutet weniger Geld für die Bauern – ein Teufelskreis. So lange zu viel billige Milch auf dem Markt ist, wird auch weiterhin zu viel produziert werden. 

Warum betrifft mich das? 

  • Sein wir doch mal ehrlich: Wir trinken alle gerne Biomilch. Aber Biomilch ist nur dann echte Biomilch, wenn sie aus der Region kommt. Was haben wir davon, wenn die Kühe der Milch, die wir trinken, glücklich waren, aber beim Transport in unseren Kühlschrank tonnenweise CO2 erzeugt wurde? Deshalb sollten wir unsere Milchbauern unterstützen – denn wer wirklich bio will, sollte auch auf die Herkunft der Produkt achten. Wir sollten vermeiden, dass unsere Milch aus Russland oder Neuseeland in Form von Milchpuler nach Deutschland geflogen wird. Mehr zum Thema Bio(-Siegel) findet ihr im Artikel „Bio drauf — aber auch drin?“.
     
  • Urlaub auf dem Bauernhof – der Traum einer jeden Stadtfamilie. Die Landwirtschaft ist ein jahrhundertealtes Kulturgut, was es zu pflegen gilt, genau wie die Gedichte von Goethe, das Schloss Neuschwanstein oder die Tradition des Bierbrauens. Was wäre ein Ausflug aufs Land ohne Kühe auf Weiden, ohne Bauernhäuser und ohne Dörfer? Das wäre schlichtweg undenkbar!
     
  • Wir haben es alle schon erlebt: Das Brot vom Bäcker neben an schmeckt einfach besser als das vom Disountbäcker. Wenn der Milchpreis weiter sinkt, werden kleine Bauern verschwinden und die Nachfrage wird durch globale Ketten gesättigt. Artenvielfalt wird vor allem durch Kleinbetriebe gewährleistet. Mehr zum Thema Verlust der Biodiversität findet ihr in unserem Artikel über Ökologische Megatrends.
     
  • Oft wird behauptet, dass große Betriebe keinen Wert auf artgerechte Tierhaltung lägen — das Gegenteil ist allerdings der Fall. Innovative, neu erbaute Höfe bieten den Kühen meist ideale Bedingungen. Jedoch bedeutet so ein Hof auch eine riesige Investition. Diese Bauern, die in den vergangenen Jahren in neuste Technologien investiert haben und trotz vieler Tiere sehr gute Bedingungen bieten, können ihre Kredite nicht mehr bedienen und gehen pleite. Alte Betriebe mit teils schlechten Standards, aber dafür schuldenfrei, überleben diese Krise eher. 
     




     
  • Bauern sind gute Arbeitgeber und tun somit aktiv etwas gegen die Landflucht. Sie sind sehr wichtig für die geografischen Strukturen in Deutschland. Wer also will, dass sein Heimatort oder sogar Dorf erhalten bleibt, sollte entweder zurückkehren und seinen Teil dazu beitragen oder zumindest die lokalen Strukturen weiterhin unterstützen. Sonst ist auch bald der Ausflug in die Gefilde der Kindheit Geschichte.

Was kann ich tun?

Auch beim Discounter gibt es Verpackungen, auf denen uns „glückliche“ Kühe anlächeln oder ein Schriftzug, der ein lokales Produkt verspricht. Das ist aber kein Garant dafür, dass tatsächlich mehr Geld beim Milchbauern ankommt. Jedoch gibt es Möglichkeiten, die Bauern bei unserem täglichen Einkauf zu unterstützen:

Es gibt lokale Molkereien, die ihre Bauern fair bezahlen und deren Milch für uns ohne Aufwand zu kaufen ist, wie z.B. die Molkerei Berchtesgadener Land. Das Unternehmen ist als Genossenschaft organisiert und somit sind die Eigentümer die Bauern selbst.

Man zahlt mehr für Milch, Käse und Joghurt aus Berchtesgaden als für Molkreiprodukte im Discounter - das ist klar. Dafür kann man hier sicher sein, dass die Bauern fair bezahlt und behandelt werden und man die Kühe bei der nächsten Wanderung im Münchner Umland auf der Wiese treffen könnte. Seit Jahren zahlt die Molkerei den höchsten Erzeugerpreis in ganz Deutschland und das an alle 1800 teilnehmende Milchbauern. Und man weiß, wo die Milch herkommt: aus dem Berchtesgadener Land. Also ab jetzt beim Einkaufen immer Ausschau halten nach den grünen Verpackungen, denn hier ist nicht nur grün drauf, sondern auch grün drin. 

Ein weiterer Weg, Milch direkt vom Erzeuger zu kaufen und nicht über den Discounter oder die Molkerei zu gehen sind die „Milchzapfstellen“. Dort können Städter frische Milch in eigene Flaschen füllen und müssen dafür nicht auf den Hof des Erzeugers fahren. Man trifft sich eben in der Mitte an einer Milchtankstelle – meist am Stadtrand. Davon profitieren alle: Der Bauer, weil er seine Milch selbst vermarkten kann und der Konsument, weil er nicht mehr zahlt als im Laden. Außerdem weiß er, wo sein Produkt herkommt und dass es ganz bestimmt frisch ist. HIER geht es zu den Anbietern und einen Übersichtskarte, wo ihr Milchtankstellen finden könnt.
Mehr zum Thema Direktvertrieb findet ihr in unserem Artikel „Fair gehandelt: Soziale Siegel und Zertifizierungen“.

Langfristig wird es leider nicht reichen, wenn wir alle mehr auf die Milchprodukte achten, die wir kaufen. Sondern eigentlich muss die EU wieder ein Produktionslimit einführen, damit die Überproduktion gestoppt wird und wieder anständige Preise auf dem Markt gezahlt werden können. Das wäre auch ganz im Sinne der Kühe und ihrer Gesundheit – aber bis dahin können wir zumindest anfangen, den Schaden möglichst klein zu halten und uns wieder über den eigentlichen Wert unserer Lebensmittel bewusst zu werden.

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