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Bio drauf, aber auch drin?

Immer mehr Produkte und Waren werden mit Siegeln gekennzeichnet. Was genau steht hinter den Ökozertifikaten?

TransparenzVerantwortungStandards

Was bedeutet Ökozertifizierung?

Nach ISO Norm 9001 handelt es sich bei einer Zertifizierung um ein Verfahren zum Nachweis der Einhaltung bestimmter Anforderungen. Die Anforderungen in unserem speziellen Fall sind ökologischer Natur. Bei der Ökozertifizierung, auch Ökosiegel genannt, handelt es sich also um den Nachweis der Einhaltung bestimmter ökologischer Kriterien. Dabei kann es sich um biologischen Anbau von Pflanzen oder die nachhaltige Tierzucht handeln, um nur zwei Beispiele zu nennen. Entscheidend ist dabei, dass klar formulierte Ziele vorliegen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die regelmäßige Kontrolle, ob diese Zielvorgaben auch eingehalten werden.

Warum Ökosiegel?

Ökozertifizierung kann Vertrauen schaffen und ein bestimmtes, meist positiv konnotiertes Marken- und Produktimage aufbauen. Es gibt diverse Gründe weshalb Verbraucher immer mehr auf Produkte mit Ökosiegel zurückgreifen. Darunter fallen Qualität, Gesundheit, Geschmack sowie Tier- und Umweltschutz. Nicht zu vergessen ist dabei allerdings auch die gesellschaftliche Komponente, die beim Kauf biologisch oder ökologisch erzeugter Produkten eine bedeutende Rolle spielt. Bioprodukte zu kaufen ist immer mehr auch ein Statement für einen nachhaltigen und bewussten Lebensstil, geläufig unter dem Begriff Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability)

 

Auch die Erzeuger von ökologischen Produkten ziehen nicht nur einen ideellen Wert aus dieser Art der Produktion. Die häufig höheren Preise der Bioprodukte werden bis zu einem gewissen Maße auch auf den Erzeuger umgelegt. Das grundlegende Ziel des ökologischen Anbaus ist es zu fairen Bedingungen für Mensch und Natur und somit nachhaltig zu produzieren.

 

Was sind die Kriterien für die Vergabe?

Rechtliche Grundlage für die Vergabe von Öko- oder Biosiegeln ist die EU-Öko-Verordnung. Jedes mit dem rechtlich geschützten Begriff „Bio“ gekennzeichnete Produkt muss die in dieser Verordnung aufgeführten Mindestanforderungen erfüllen. Grundsätzlich kann in der EU zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Siegeln unterschieden werden.

Die staatlichen Siegel, wie zum Beispiel das Biosiegel der europäischen Union müssen mindestens folgende Anforderungen erfüllen:

  • Höchstens 0,9% gentechnisch verändertes Material
  • Mindestens 95% der Inhaltsstoffe müssen aus ökologischem Anbau stammen.

Die nicht-staatlichen Siegel wie Demeter oder Naturland setzen sich selbst freiwillig höhere Standards. Auch für diese gelten die Mindestanforderungen der EU-Öko-Verordnung. Darüber hinaus können sich die Verbände eigene Ziele und Richtlinien setzen. Bei Demeter, Naturland und einigen weiteren privaten Siegeln stammen 100% der Erzeugnisse aus ökologischem Anbau. Des Weiteren sind genetisch veränderte Materialien hier komplett verboten.

Grundsätze für die Vergabe eines Ökosiegels sind Transparenz, Unabhängigkeit und Nachvollziehbarkeit. Die zugrunde liegenden Ansprüche an ein Produkt müssen für den Verbraucher öffentlich zugängig sein. Der Ablauf von Kontrollen und die Herkunft von Produkten müssen transparent und für jeden nachvollziehbar sein. Deshalb gilt für jedes Ökoprodukt, dass auf der Verpackung eine Codenummer angegeben sein muss, über welche der Verbraucher im Internet weitere Informationen zu Kontrollen, Herkunft oder ähnlichem aufrufen kann. Ein Kernpunkt der Ökozertifizierung ist die bereits angesprochene Kontrolle der Anbaumethoden und allem was damit zusammenhängt. Auch alle zugelieferten Stoffe und Transporte werden überprüft.

An dieser Stelle darf eine Anmerkung zum Thema Kontrollen nicht fehlen. In der Theorie klingt das ausgearbeitete Kontrollsystem der EU gut und zuverlässig. Aufnahmen von Biohöfen, auf denen Puten oder Schweine in verwahrlostem Zustand leben müssen — wie sie häufiger von Natur- und Tierschutz Vereinigungen veröffentlicht werden — sind zum Glück jedoch die eindeutige Ausnahme. Die absolute Mehrzahl der Bio- und Ökoproduzenten halten sich an die vorgeschrieben Standards. Zu bemängeln bleiben allerdings die zu geringen Ressourcen, die für die Kontrolle aufgewendet werden. Beispielsweise sind im Freistaat Bayern derzeit (Januar 2015) etwa 400 Lebensmittelkontrolleure im Einsatz. Diese sind allerdings für alle Betriebe und nicht nur für den ökologischen Anbau zuständig. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Quantität der Kontrollen noch zu wünschen übrig lässt.

An dieser Stelle soll auch das transatlantische Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP) erwähnt werden. Dieses stellt eine nicht unerhebliche Gefahr für das Aufweichen europäischer Bio- und Ökostandards dar. Für Interessierte empfiehlt sich folgender Artikel.

 

Das weite Feld der Ökosiegel

Traditionell denken wir bei Bio- oder Ökosiegeln an Lebensmittel. Doch Ökozertifizierung ist weitaus mehr als das. Der Bundesverband „Die Verbraucherinitiative e.V.“ bietet auf seiner Internetseite label-online.de Informationen zu 600 verschiedenen Ökozertifizierungen. Verschiedenste Label und Siegel beschäftigen sich nicht nur mit Bio-Anbau oder ökologischer Landwirtschaft, sondern auch mit Fair Trade Produkten, nachhaltig hergestellten Möbeln oder naturverträglich produzierten Technikartikeln. Vom Bio-Rindfleisch über die Fair Trade Banane, recycelten Computerteilen bis hin zum biologisch abbaubaren Toilettenpapier ist hier alles vertreten.

 

Die wichtigsten Siegel

Wie bereits erwähnt kann zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Ökozertifizierungen unterschieden werden. Zunächst soll auf die staatlichen Siegel eingegangen werden:

Die Grundlage für die Vergabe und die Mindestanforderungen sind wie erwähnt in der EU-Öko-Verordnung geregelt. Daher sind die Standards innerhalb der EU  die gleichen.

Die zwei wichtigsten Siegel in Deutschland sind das deutsche staatliche Biosiegel und das Biosiegel der europäischen Union. Seit dem 1. Juli 2012 ist das EU-Siegel auf allen entsprechenden Produkten vorgeschrieben. Wegen der eingeschränkten Bekanntheit des Biossiegels der EU wird das deutsche Biosiegel freiwillig meist ebenfalls mit abgedruckt.

In Deutschland gibt es neben den staatlichen Zertifikaten eine Fülle an nicht-staatlichen Verbänden, die ihre eigenen Siegel führen. Auf drei wird hier genauer eingegangen:

 

Demeter:

Bereits 1932 wird der Demeter-Wirtschaftsverbund gegründet. Demeter verfolgt den Ansatz der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, die auf Impulse von Rudolf Steiner (Waldorfpädagogik und anthroposophische Heilweise) zurückgeht. In Deutschland wirtschaften rund 1.450 Landwirte mit über 70.000 Hektar Fläche biologisch-dynamisch nach Demeter Standards.

 

Naturland:

Naturland hat sich dem ökologischen Landbau verschrieben und ist mit über 43.000 Landwirten einer der größten ökologischen Anbauverbände weltweit. In Deutschland bewirtschafteten 2013 2.616 Naturland-Betriebe eine Fläche von etwa 140.000 Hektar. Für Interessierte bietet diese Infobroschüre informativen Inhalt.

 

Fair Trade:

Fair Trade hat sich die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zum Ziel gesetzt. Produkte mit dem Fair Trade Siegel sichern den Kleinbauernfamilien existenzsichernde Preise und den lohnabhängigen Beschäftigten auf Plantagen, Blumenfarmen oder Teegärten bessere Arbeitsbedingungen. Fair Trade versucht dadurch den Handel mit exotischen Produkten für alle Beteiligten zum profitablen Geschäft zu machen.

 

Auf Wikipedia ist ein übersichtlicher und zur groben Information gut geeigneter Vergleich der Mindestanforderungen verschiedener Siegel vorhanden. Wer sich genauer informieren möchte kann auf den Internetseiten oder auch in den Geschäftsstellen der einzelnen Verbände genaueres erfahren.

Bekanntheitsgrad & Vertrauen beim Verbraucher

Es ist nicht einfach eine wissenschaftlich fundierte Aussage über den Bekanntheitsgrad der einzelnen Siegel zu treffen. In unzähligen Umfragen und Erhebungen ergeben sich immer wieder abweichende Ergebnisse, jedoch zeigen viele Umfragen tendenziell ähnliche Ergebnisse auf. Laut einer 2013 erhobenen Studie der Universität Göttingen kennen über 70% der deutschen Verbraucher das deutsche Biosiegel. Im Vergleich dazu ist das Biosiegel der EU nur 5% bekannt. Andere Studien sprechen gar von über 90% Bekanntheit des deutschen Siegels. Hierbei wird deutlich, weshalb in Deutschland beide staatlichen Siegel nebeneinander abgedruckt werden. Der Bekanntheitsgrad der nicht-staatlichen Siegel liegt deutlich niedriger. Auch etablierte Siegel wie Demeter oder der Blaue Engel schaffen kaum mehr als 20-30% Bekanntheit. Noch schlechter fallen die Zahlen bei dem Wissen über die Inhalte einzelner Siegel aus. Nur sehr wenige Menschen haben demnach wirklich Ahnung wofür das entsprechende Siegel jeweils steht. Daraus resultiert auch das relativ niedrige Vertrauen der Verbraucher in die Siegel. Beim Vertrauen haben die verbandlichen Siegel in allen gängigen Umfragen die Nase gegenüber den staatlichen Siegeln leicht vorne. Festzuhalten bleibt, dass die meisten Ökozertifikate immer noch ein Bekanntheitsproblem haben. Außerdem sollte das Wissen der Bevölkerung über die Inhalte und Anforderungen der einzelnen Siegel deutlich gesteigert werden. Durch Werbung, Kampagnen und Informationsveranstaltung kann hier viel Licht ins Dunkel gebracht werden. Denn klar ist: steigende Bekanntheit und höheres Vertrauen in die Ökozertifikate führen zu vermehrtem Kauf solcher Produkte. Und ein starker und fairer Öko-Markt ist nicht nur gut für unsere Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für uns Menschen.

Quellen
 

 

Siegel-Check

Die Siegel-Check App des Naturschutzbund Deutschland (NABU) e.V. kann helfen im Dschungel der Ökozertifizierung den Überblick zu behalten. Man kann entweder gezielt in der Galerie Informationen über die gängigsten Siegel in Deutschland nachlesen oder man macht einfach ein Foto eines unbekannten Siegels und bekommt dann Informationen über dieses angezeigt. Gleichzeitig hat die App auch ein Bewertungsschema, das von Grün: Empfehlenswert über Gelb: Gut bis Rot: Nicht empfehlenswert reicht. Die Bewertungen geben dabei die Meinung des NABU wieder. Diese nette, kleine App kann als praktischer Helfer dazu beitragen, genau die Produkte zu kaufen, deren Herstellung oder Anbau man für richtig hält.

 

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