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Scheitern ist schön

Nicht jedes Startup feiert eine Erfolgsgeschichte – Scheitern gehört mehr zum Gründen dazu als der Erfolg.

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Nur jeder zehnte Gründer ist langfristig erfolgreich

Das Ende gehört zu Projekten meist dazu wie der Anfang auch. Euphorie und Enttäuschung liegen oft sehr nahe beieinander, vor allem bei der Gründung eines Startups. Kleine Erfolge sind schnell gefeiert, Missstände lassen sich wiederrum gut ignorieren und das so lange, bis man nicht mehr darüber hinweg sehen kann.  Nichtsdestotrotz ist die „Kultur des Scheiterns“ immer noch ein schwieriges Thema, obwohl wir alle davon profitieren könnten, wenn wir mehr darüber sprechen würden.

Im Schnitt werden mehr als 70 Prozent der deutschen Startups nicht älter als 2,8 Jahre. Das impliziert, dass drei Viertel der Gründungen scheitern. 88 Prozent aller Startups werden nicht älter als fünf Jahre. Nur jeder zehnte Gründer feiert also langfristigen Erfolg mit seinem Unternehmen. Und trotzdem werden fast nur die Erfolgsgeschichten gefeiert und publiziert – über das Scheitern fällt es Gründern schwer zu berichten, und der Presse fehlt das Interesse am Thema. Zu Unrecht. Denn Scheitern ist wichtig und gehört, die Zahlen belegen das, mehr zum Gründen dazu als der Erfolg.

Es gibt viele Gründe zu scheitern

Es ist nicht einfach sich von einer Idee zu trennen, die grundsätzlich realisierbar und erfolgsversprechend ist. Doch Gründe zu scheitern gibt es viele. Oft gibt es nicht den einen Grund sondern verschiedene scheinbar kleine Faktoren potenzieren sich. Letztendlich lassen sich aber Gründe finden, die hauptsächlich für das Scheitern einer Unternehmung verantwortlich sind.

Viele Gründer zum Beispiel entwickeln Produkte für Märkte und Zielgruppen, die es gar nicht gibt. Oft stürzen sich die Teams begeistert in die Entwicklung eines Produkts, ohne zu wissen, ob es dafür überhaupt einen Markt oder ein Käufer für ihr spezifisches Produkt gibt. Die Entwicklung im stillen Kämmerlein zusammen mit Menschen, die auch für das Projekt oder Produkt brennen, ist meist einfacher, als sich der Realität zu stellen, potenzielle Nutzer zu befragen und negatives Feedback zu erhalten. Aber letztendlich wird kein Startup ohne Markt funktionieren. Meist wird das erst erkannt, wenn schon längst viel Geld und Zeit in die Entwicklung eines Produkts geflossen ist, welches nie am Endkunden getestet wurde. Dieses Problem kann aber frühzeitig angegangen werden, indem man den Nutzer von  Anfang an in die Entwicklung eines Produktes einbindet. (Lesetipp: der Nutzer als Mit-Produzent) 

Ein gutes Beispiel für ein Unternehmen, dass sich diese Herausforderungen zu Herzen genommen hat ist youvo, eine Online-Plattform die Kreative und gemeinnützige Organisationen zusammen bringt. Sie steckten viel Energie in die Analyse des Marktes und die Bedarfsermittlung beider Zielgruppen. Im Interview mit relaio erzählen sie, wie sie das gemacht haben

Break Even
Der Break-Even beschreibt den Punkt, an dem ein Unternehmen genauso viele Einnahmen wie Ausgaben hat.Hier den Inhalt einfügen


Auch finanzielle Probleme sorgen oft dafür, dass Startups frühzeitig aufgeben. Geschäftsmodelle werden falsch kalkuliert oder es fehlt einfach an der nötigen Anschubfinanzierung, um das erste wichtige Jahr zu überstehen. Unternehmen brauchen Zeit, sich zu etablieren und bevor man den Break Even Point erreicht, gilt es durchzuhalten – eben auch finanziell. Gerade bei Social Businesses ist es anfangs schwierig, eine funktionierende Finanzierungsstruktur aufzubauen. Dabei können dann Partner oder Förderer wie Ashoka oder die Social Entrepreneurship Akademie helfen. Auch Crowdfunding gehört immer öfter zu einem beliebten Tool, die ersten, schwierigen Monate zu überstehen (Lesetipp: Crowdfunding).

Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt für das Scheitern von Startups ist das Team.  Ein Viertel aller gescheiterten Startups, geben auf, weil sie Probleme im Team haben. Oft wird zu wenig Zeit mit der Auswahl des Gründerteams verbracht und es wird keine „Teamkultur“ gelebt wie zum Beispiel in Form von Feedbackrunden oder Teambuilding-Events. Die Gründung eines Unternehmens kostet Kraft und Nerven, wenn man keine „Streitkultur“ pflegt, ist der große Knall oft vorprogrammiert. Deshalb sollte man sein Team pflegen und motivieren, denn es ist letztendlich das wichtigste Kapital eines jeden Startups. (Lesetipp: Teamwork: Besser im Team arbeiten.) 

Dazu kommen die bereits erwähnten, kleineren Gründe wie falsche Prioritätensetzung, mangelndes Detailwissen der Branche oder des eigenen Produkts sowie falsche Kalkulationen und ungenaue Businesspläne.

Aber was lässt sich tun, wenn das eigene Unternehmen nicht mehr zu retten ist?

Wichtig ist, dass man nicht den Kopf in den Sand steckt und über sein Scheitern schweigt. Denn aus Fehlern lernt man. Das mag wie eine billige Floskel klingen, doch in ihr steckt viel Wahres. Viele erfolgreiche Gründer sind mehrfach gescheitert, bevor sie ein erfolgreiches Business gegründet haben. So zum Beispiel die Gründer von MyMuesli, dem Bio-Müsli welches man sich im Internet aus Bio-Zutaten selber zusammenstellen kann und mittlerweile zu den erfolgreichsten Startup-Geschichten Deutschlands zählt. Die drei Gründer haben ihr Können und das Team zunächst an einer vollautomatischen Videothek in ihrer Studentenstadt Passau getestet, bevor sie das Fach wechselten und sich fortan erfolgreich mit Rosinen und Hafer anstatt mit DVDs und Automaten beschäftigten.

 Zudem sollte  man sein Scheitern akzeptieren und nicht zu lange darüber nachdenken was man falsch gemacht hat, sondern neue Projekte mit dem gelernten Wissen anzugehen. Jedes Scheitern hat viele positive Seiten – wenn es auch nur bedeutet, mal wieder richtig in den Urlaub fahren zu können.

Andy Goldstein, Mitgründer der „Social Entrepreneurship Akademie“ sagt in einem Interview:

 

„Failure will find you.“

Andy Goldstein, Social Entrepreneurship Akademie
 

Und da hat er recht: Vor dem Scheitern kann man sich nur bedingt schützen – deshalb sollte man keine Angst davor haben, früher oder später trifft es uns alle. Wie wir damit umgehen, ist wiederrum jedem selbst überlassen.

FuckUp Nights

Ein konstruktiver Umgang mit dem Thema „Scheitern“ sind die sogenannten „Fuckup Nights“. Das Veranstaltungs-Format wurde 2012 in Mexiko erfunden. An diesen Abenden werden gescheiterte Gründer auf eine Bühne gestellt, meist ist diese auch kein unbekanntes Terrain.  Erzählt werden  dann Geschichten aus ihren gescheiterten Businesses, die aus vielen verschiedenen, manchmal naheliegenden, oft amüsanten oder auch völlig unerwarteten Gründen  aufgegeben wurden. So ein öffentlicher Auftritt und die brutale Konfrontation mit dem eigenen Scheitern in der Öffentlichkeit kann therapeutische Wirkung haben. Man ist unter sich, stößt auf Verständnis, erntet Aufmerksamkeit und netzwerkt – um für das nächste Projekt Partner zu finden. Die klare Botschaft der FuckUp Nights: Wer scheitert ist kein Verlierer, sondern ein Gewinner! So ernten die meisten Redner schallenden Beifall für ihre Beiträge. Denn eigentlich gilt das Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und der hat auch nichts zu erzählen!

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