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Start-Up-Europa – Mehr als nur eine Idee

Der EU-Staatenverbund hat sich zu einer Plattform für Social Entrepreneure entwickelt und steht trotzdem immer mehr in der Kritik. Ganz fair ist das nicht

Christoph Eipert

GesellschaftNetzwerkSocial Innovation

 
Die Europäische Union (EU) ist ein politischer und wirtschaftlicher Zusammenschluss von momentan 28 europäischen Staaten demokratischer Orientierung. Hervorgegangen ist sie aus den Bemühungen, nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges, eine gemeinsame wirtschaftliche Zusammenarbeit zu etablieren. Ihre heutige Form begründet sich vor allem auf Vorgänger wie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). 

London, Stockholm, Paris und Berlin: Dies sind nur einige Namen aus einer Reihe von Städten innerhalb der Europäischen Union. Dort generieren pitchen und vernetzen tagtäglich Start-Ups ihre Ideen, Erfindungen und Innovationen. Ob an Spree oder Seine, dass junge Unternehmen ihr wirtschaftliches Handeln nicht mehr nur auf ihr Heimatland beschränken, sondern immer mehr von einem starken Europa profitieren, hat verschiedene Gründe.

 

Grenzenlose Freiheit

Innerhalb der Europäischen Union genießen Start-Ups weitreichende, wirtschaftliche Freiheiten, wie der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Im Klartext bedeutet das: Europäische Start-Ups können auch außerhalb ihres Heimatlandes die Vorzüge eines weitgehend einheitlichen und freien europäischen Binnenmarktes nutzen. Dabei haben sie Zugang zu über 500 Millionen Konsumenten ohne störende und kostenintensive Zölle – dank offener Grenzen. Wenn ein Start-Up das gesuchte Berufsprofil im eigenen Land nicht findet, lässt sich das richtige Teammitglied vielleicht in einem anderen EU-Mitgliedsstaat aufspüren und einstellen. Dass Unternehmensgründer diese Freiheiten immer stärker nutzen, zeigt der European Startup Monitor: eine Studie zur Start-Up-Kultur in Europa und Israel. Dort gaben mehr als die Hälfte der 2.500 befragten Start-Ups — auch aus den Bereichen Bildung und Green Technology — an, dass sie einen immer größer werdenden Teil ihrer Erlöse nicht in ihrem Heimatmarkt, sondern im europäischer Ausland erzielen. Solch eine Europäisierung von Businessmodellen wird gestützt von einem einheitlichen, europäischen Rechts- und Standardisierungssystem, das helfen soll, Kosten zu reduzieren, den Markt mit seinen Produkten zu schützen und deren Innovationskraft zu stärken.

Die Sternenflagge im Gegenwind

Ein gemeinsamer Markt mit all seinen Vorteilen scheint die richtige Antwort auf eine immer stärker globalisierte und vernetzte Welt zu sein. Erst zu Beginn des Jahres 2017 feierten viele Europäer den 60. Jahrestag der römischen Verträge, ein Reglement, das nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für das Europa, was hier heute kennen, legte. Aber es gibt nicht nur Grund zu feiern: Schon lange wird beklagt, dass die EU mehr und mehr zu einem aufgeblasenen Bürokratiemonster verkommt, das sich überwiegend Aufgaben wie dem Verbot von krummen Gurken widmet. Zudem werden immer radikalere Stimmen laut – und das mit massiven Konsequenzen. Als im Jahr 2016 eine knappe Mehrheit der Briten für einen Ausstieg aus der EU stimmte, wurde erstmals klar, wie gefährdet das Projekt Europa ist. Überall machen Europa-Gegner Lärm und fordern die Rückkehr zu einer nationalistischen Weltvorstellung: so etwa Marie-Le Pen in Frankreich, Victor Orbán in Ungarn oder Björn Höcke in Deutschland. Für Start-Ups würden die dort geforderten Pläne, wie die Schließung von Grenzen und Universitäten, vor allem nur eine Minderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit bedeuten.

Zölle und Ausfuhrsteuern würden der internationalen Wettbewerbsfähigkeit junger Unternehmen schaden. Genauer gesagt, schadet das letztendlich dem Umsatz von Start-Ups aus kleineren EU-Mitgliedsstaaten wie Finnland, Ungarn oder Österreich. Diese können – im Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland – nicht auf große Inlandsmärkte zurückgreifen und sind somit auf eine Europäisierung ihrer Absatzmärkte angewiesen. Spitzenreiter in diesem Feld ist Österreich, dessen Start-Ups erzielten 2016 rund 40 Prozent ihrer Erlöse im europäischen Ausland.

Aber nicht nur die Schließung von Grenzen bedroht die europäische Start-Up Szene. Fast wäre mit der Schließung der Budapester Central European University eine wichtige europäische Institution zur Vermittlung und Vernetzung von unternehmerischen Wissen einfach weggefallen. Etwa zehn Prozent der europäischen Start-Ups haben einen universitären Hintergrund. Das zeigt, wie wichtig akademischer Austausch und Vernetzung für das Thema Entrepreneurship sind.

Hinterm Horizont geht’s weiter

Die Europäische Kommission übernimmt innerhalb der Europäischen Union die Rolle der Exekutive. Ihr Aufgabenbereich lässt sich mit dem einzelner Nationalregierungen vergleichen. 

Sicher, auch das Projekt Europa kann und soll sich bestehender Kritik nicht entziehen, doch eine europäische Gemeinschaft lohnt sich – auch für soziale Unternehmensgründer. So gibt es immer mehr öffentliche europäische Gründerinitiativen, die vor allem eines bieten: Fördermittel. Die Europäische Kommission will in ihrer aktuellen Förderperiode bis zum Jahr 2020 vor allem soziale Innovationen fördern, da sie deren Lösungspotenzial für gesellschaftliche Probleme erkannt hat. Dafür sollen rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen in einem Europa überspannenden Netzwerk gestärkt und gründergerecht ausgebaut werden. Ein wichtiger Schritt dazu ist das Förderprogramm Horizon 2020. Damit soll eine wissens- und innovationsbegeisterte Gesellschaft befördert werden, die die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärkt und gesellschaftliche Herausforderungen löst.

Um diese Ziele in die Realität umzusetzen, gibt die Europäische Union eine Menge Geld aus. Von dem insgesamt 80 Milliarden Euro schweren Förderbudget gehen etwa 2,8 Milliarden Euro über das Teilprogram SME-Instrument an kleine und Mittelgroße Unternehmen – inklusive Start-Ups – was eine direkte Förderung ermöglicht. Bewerben können sich Projekte mit Sitz in der EU, mit weniger als 50 Millionen Euro Jahresumsatz und weniger als 250 Mitarbeiten. Für viele junge Start-Ups dürften diese Kriterien kein Problem sein. Konkret zu holen gibt es einiges: Erfüllt ein Social-Start-Up die quantitativen Anforderungen und liefert mit seinem Projekt einen glaubhaften Lösungsansatz zu gesellschaftlichen Herausforderungen – wie dem demografischen Wandel, nachhaltiger Energie oder intelligenter Mobilität – kann es mit einer Förderung von einer halben Million bis zu zweieinhalb Millionen Euro rechnen und das mit einer regelmäßigen Förderquote von 70 Prozent.

 

Unterstützung kommt meist indirekt

Mit sogenannten Strukturfonds beinhaltet die Gründerförderung der Europäischen Union einen weiteren Finanzierungszweig. Sie sind Sammelbegriff verschiedener Instrumente zur Schaffung sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit in Europa. Zur Subventionierung von Projekten mit sozialem Impact kommen der Europäische Sozialfond (ESF) und der Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ins Spiel. Ihre Ziele sind etwa die Schaffung von beruflicher Chancengleichheit, die Förderung von Projekten zur Verbesserung der wirtschaftlicher Produktivität und die Reduzierung von CO2-Emmissionen – die Fördermöglichkeiten sind also vielfältig. Im Gegensatz zu Horizon 2020 stehen die Mittel aus diesen Geldtöpfen jedoch nicht direkt zur Verfügung. Vielmehr funktionieren sie nach dem Prinzip der Kofinanzierung, was heißt, dass eine Förderung mit europäischen Mitteln nur zusammen mit Fördermitteln und Programmen auf nationaler Ebene eines EU-Mitgliedsstaates erfolgen kann. Hierzulande ist daraus eine Vielzahl von Projekten entstanden, die insgesamt bis 2020 mit einem Gesamtbudget von rund 7,5 Milliarden Euro finanziert werden. Social Entrepreneure können so, mit Hilfe europäischer Fördergelder, umwelt-, arbeitsmarkt- und bildungsbezogene Projekte finanzieren.

Mezzaninkapital stellt im rechtlichen Sinne eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital dar. Der Begriff „Mezzanin“ leitet sich von dem italienischen Wort „mezzo“ für „halb“ ab und führt auf die Kombination beider Kapitalarten zurück. (Quelle: BMWi)

Gelder aus dem europäischen Sozialfond fließen zudem in die Finanzierung von sogenannten Mikromezzaninfonds. Zielgruppe dieses Finanzierungstools sind in erster Linie Sozialunternehmen. Unternehmen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründet werden, ausbilden oder von Menschen mit Migrationshintergrund geführt werden, werden besonders berücksichtigt. Gefördert wird mit maximal 50.000 Euro über eine Laufzeit von zehn Jahren, wovon bis zu 35.000 Euro in der Gründungsphase gewährt werden und Rückzahlung erst ab dem siebten Förderjahr erfolgen muss.

Europa – Erfolgsprojekt oder missglückte Idee?

Wäre Europa ein Mensch, dann wäre sie oder er ein echtes Verwandlungstalent: Was früher ein Flickenteppich aus unzähligen Kleinstaaten war, ein Schauplatz für Krieg, Elend und Verbrechen, ist mittlerweile — nach langer Teilung in Ost und West — zu einer demokratischen Staatengemeinschaft herangewachsen. Doch an den Rändern der Idee Europa fängt es an zu bröckeln und die dadurch entstandenen Risse reichen mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Scheinbar selbstverständliche Privilegien, wie die Freiheit zu reisen, zu arbeiten und zu leben, wo man will, sind große Errungenschaften der Europäischen Union. Sie scheinen jedoch momentan so bedroht wie nie zuvor. Die Gründe dafür sind vielfältig – sei es die Meinungsmache demokratiefeindlicher Stimmen aus Politik und Gesellschaft oder der Frust über Bürokratie und mangelnder Bürgernähe. In einer Demokratie, auch in einer europäischen, muss gestritten, diskutiert und verhandelt werden, damit sie am Leben bleibt. Funktionieren kann sie nur im Dialog, im Miteinander – dass hohe Grenzmauern und Ignoranz dafür hinderlich sind, liegt nahe.

Bei der Betrachtung Europas durch die Social-Entrepreneurship-Brille wird klar, dass es auf den ersten Blick nicht so einfach ist, herauszufinden, welche Fördermöglichkeiten es gibt und welche davon die richtigen für das eigene Start-Up sind. Schaut man aber etwas genauer hin, lässt sich eine Vielfalt an geeigneten Fördermöglichkeiten finden. Zusätzlich können Sozialunternehmer auf Wissen einer immer größer werdenden europäischen Social Entrepreneurship-Community zugreifen und sich in zahlreichen Netzwerken austauschen – ja sogar an öffentlich geförderten Austauschprogrammen, speziell für Entrepreneure, wie dem Erasmus for Young Entrepreneurs Programme, teilnehmen. Man darf denken was man will, nach einer missglückten Idee klingt das nicht.

Welche Fragen und Schritte du beachten musst, um EU-Fördermittel für dein eigenes Start-Up zu bekommen und wer bereits davon profitiert hat, erfährst du in Kürze im relaio-EU-Gründerleitfaden!

 

Quellen
 
 

 

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