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Klischees über Roboter

Wie wir die Robotik wahrnehmen und warum

Sylvester Tremmel Alex Knight

SchwerpunktMenschMaschineGesellschaft

Das Wort „Roboter“ kann sehr unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Menschen blicken auf verschiedene Erfahrungen zurück und assoziieren dementsprechend unterschiedliche Emotionen mit allem Möglichen. Aber bei Robotern kommt noch etwas hinzu, ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft ist sehr ambivalent und reicht vom nützlichen Helfer zum gefährlichen Mörder. Am einen Ende des Spektrums steht der Terminator, eine fast unaufhaltsame Killermaschine von hoher Intelligenz und Tücke, die kaum von Menschen zu unterscheiden ist. Am anderen Ende ist der Staubsaugerroboter des Nachbarn, ein rollendes Etwas ohne jede Ähnlichkeit zum Menschen, das von jeder Türschwelle aufgehalten wird und dessen Intelligenz nur mit Mühe dazu reicht das Zimmer halbwegs staubfrei zu bekommen. Irgendwo dazwischen ist WALL-E, der kastenförmige Müllroboter, dessen Intelligenz nicht unbedingt bahnbrechend ist, aber definitiv für ein tiefes emotionales Erleben ausreicht, und dessen Äußeres zumindest soweit menschlich ist, dass wir Mimik und Gestik interpretieren können. Der Terminator, WALL-E und ein Staubsaugerroboter sind also nicht nur ganz unterschiedlich in ihrem Gefahrenpotential, sie sind auch überhaupt sehr verschiedene Dinge. 

Was ist das also, ein Roboter? 

Das Wort „Roboter“ stammt aus dem Theaterstück R.U.R. (für Rossumovi Univerzální Roboti, Rossum’s Universal Robots) von Karel Čapek aus dem Jahre 1921. In R.U.R. sind „Roboter“ künstliche Menschen, deren billige Arbeitskraft gesellschaftlichen Wohlstand ermöglicht. Der versierte Sciencefiction-Leser weiß, was in solch einem Szenario in der Regel geschieht: Die Maschinen sind irgendwann nicht mehr willens für Menschen zu arbeiten und revoltieren. Ebendas geschieht auch in R.U.R. — lange bevor es zum Sciencefiction-Klischee wurde. Die Roboter lehnen sich gegen die Menschheit auf und haben sie schnell bis auf eine kleine Gruppe und dann einen einzelnen Menschen dezimiert.

R.U.R. ist ein schönes Beispiel davon, wie Roboter häufig in Literatur und Film dargestellt werden: Einerseits sind sie ein Ausweg aus dem täglichen Joch, ein Versprechen der Utopie arbeitsfreien Lebens und damit im Wortsinne die Personifikation einer technischen Antwort auf soziale Probleme. Andererseits sind Roboter eine große Gefahr, der sich die Menschheit mehr und mehr ausliefert und die unausweichlich ihr Verderben sein wird. Vor diesem Hintergrund — Roboter als Herolde von Utopie und Dystopie zugleich — ist es wenig verwunderlich, dass sie ambivalente Emotionen hervorrufen.

Hinzu kommt, dass echte Roboter in der Gesellschaft wenig verbreitet sind. Zwar werden seit Jahrzehnten Roboter in der industriellen Fertigung eingesetzt, aber diese Roboter sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar und treten nicht in Interaktion mit ihr. Sogar von menschlichen Arbeitern in der gleichen Fertigung sind sie in der Regel isoliert — auch wenn sich das in letzter Zeit wandelt und die physischen und virtuellen Zäune um die Industrieroboter abgebaut werden. Der Durchschnittsbürger hat trotzdem keinen bis minimalen Kontakt mit realen Robotern und bildet seine Meinung über Roboter daher nahezu zwangsläufig auf Basis fiktionaler Darstellungen. Das bringt eine Reihe von Problemen mit sich.

Robotik und Fiktion

Fiktionale Darstellungen tendieren ganz allgemein zur Polarisierung. Spannungsbögen lassen sich einfacher aufbauen in einem Spannungsfeld zwischen Gut und Böse, Mensch und Maschine, Natur und Technik, etc. Solche aus erzählerischen Überlegungen gewählten Extreme können, wenn sie ausreichend häufig sind, vom Publikum als der Normalfall, oder zumindest als realistische Optionen, fehlinterpretiert werden. Viele Leute fürchten sich beispielsweise davor sich einem verunfallten Auto zu nähern (und möglicherweise festsitzenden Insassen zu helfen), in der Annahme das Fahrzeug könnte explodieren. Diese Möglichkeit, deren Eintritt sehr unwahrscheinlich ist, wird als plausibel fehlinterpretiert, weil in Filmen verunfallte Fahrzeuge sehr häufig explodieren und zwar fast immer mit einer massiven Detonation. Der Effekt wird abgemildert durch die normale tagtägliche Erfahrung mit Autos, die in aller Regel nicht explodieren, ist aber dennoch problematisch. Im Fall von Robotern gibt es kaum alltägliche Erfahrungen, die die fiktionalen Extreme als solche enttarnen könnten.

Roboter: beliebt in fiktiven Erzählungen

Eine weiterer, dem Spannungsbogen geschuldeter, Effekt ist, dass die fiktionale Darstellung von Robotern sich selten um die realen Fähigkeiten von Robotern heutzutage schert: Roboter mit übermenschlichen oder zumindest sehr menschenähnlichen Fähigkeiten sind sehr viel interessantere Objekte, die interessantere Geschichten ermöglichen. So ein Fokus ist nicht nur ein verständlicher Hilfsgriff des Autors, er kann auch darüber hinaus sinnvoll sein, weil er zum Beispiel ermöglicht gesellschaftliche und/oder moralische Probleme vorherzusehen und präventiv zu diskutieren. Dennoch hat so ein Fokus auch den Effekt, dass viele Menschen unrealistische Vorstellungen davon haben wozu reale Roboter aktuell fähig sind und wohin die Entwicklung kurz- und mittelfristig laufen kann.

Drittens unterliegen fiktionale Darstellungen von Robotern einem selbstverstärkenden Effekt. Weil sie Hauptquelle für Eindrücke von Robotern sind, formen sie die Erwartungen, die das Publikum an Roboter hat. Andererseits sollen (die meisten) fiktionalen Werke kommerziell erfolgreich sein und müssen daher, zu einem gewissen Grad den Erwartungen des Publikums entsprechen — ein Zirkelschluss. (Bücher oder Filme die radikal mit den Erwartungen ihres Publikums brechen, mögen sich im Laufe der Zeit als Meilensteine ihres Genres erweisen, sie sind aber selten kommerziell erfolgreich bevor sie das tun.) Die Folge ist, dass fiktionale Darstellungen von Robotern dazu tendieren klischeehaft zu sein. Das schränkt wiederum die gesellschaftliche Wahrnehmung von Robotern ein, weil sie um solche Klischees kreist und Entwicklungen außerhalb davon übersehen werden.

Das prävalente Klischee für „Roboter“ ist wohl ein humanoides Äußeres, also Roboter die ein erkennbar menschliches Aussehen haben, zwei Arme, zwei Beine, Torso, Kopf. Diese Art Roboter ist auch in fiktionalen Werken maßgeblich. Ausnahmen gibt es zwar durchaus, aber nur selten wird davon soweit abgewichen, dass keine Analogien zum menschlichen Körper mehr bestehen: WALL-E, zum Beispiel, hat zwar keine Beine, aber er hat Arme, Hände und zwei Kettenlaufwerke zur Fortbewegung, die er sehr wie Füße benutzt — einschließlich gelegentlichen Trippelschritten und dem ‚Ausziehen‘ seiner Raupenketten vor dem Schlafengehen. Solche Analogien sind auch in der Wahrnehmung von realen Robotern maßgeblich: Industrieroboter werden häufig als „Roboterarme“ bezeichnet, weil sie einem einzelnen Arm ähneln und insbesondere auch funktional nahekommen. Unter anderem deshalb wird aber kaum jemand Mitleid mit den Industrierobotern einer Fertigungsstraße haben, ob ihrer drögen Existenz — sie sind ja nur Arme, bloße Extremitäten ohne eigenes Wesen. WALL-E hingegen hat man schnell im Verdacht einsam zu sein, gerade weil er eine ähnlich dröge Arbeit verrichtet. Er ist eben ein ganzer Roboter und nicht nur ein Roboterarm. (Zum Glück hat WALL-E eine treue Kakerlake zum Freund gegen die Einsamkeit.)

WALL-E

Roboter bei denen solche Analogien nicht mehr oder kaum noch möglich sind, werden aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung als Roboter oft ganz ausgeklammert. Autonome Fahrzeuge als „Roboterwagen“ zu bezeichnen ist fast schon anachronistisch, so selten wird die Verbindung noch gezogen. Es ist kaum möglich eine Definition von „Roboter“ zu geben die ‚typische‘ Roboter einschließt aber autonome Fahrzeuge außen vor lässt; weil diese Fahrzeuge aber keinerlei humanoide Züge aufweisen, werden sie trotzdem kaum als Roboter wahrgenommen.

Emotionen

Es gibt ein weiteres, sehr dominantes Klischee, das Robotern anhaftet: ihre Künstlichkeit. Roboter werden normalerweise als eine spezielle Art von Maschine angesehen und ‚erben‘ die Klischees die Maschinen anhaften. Sie sind aus Metall, präzise und unnachgiebig; sie sind also kalt und tot, sowohl physisch wie psychisch. Folgerichtig haben viele fiktionalen Roboter auch große Mühe mit (menschlichen) Emotionen, die ihnen entweder ganz verschlossen bleiben oder die sie nur simulieren, nicht aber ‚wirklich‘ empfinden können — was immer das sein mag. Auch dieses Klischee ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Robotern wirksam. In der immer wieder aufkommenden Diskussion um Roboter in der Altenpflege ist ein verbreitetes Argument gegen den Einsatz, dass Roboter keine menschliche Wärme ausstrahlen würden. Es wäre demnach falsch eine genuin humanitäre Aufgabe an inhärent inhumane Maschinen auszulagern. Häufig involviert das Argument auch noch einen zweiten Schritt: Selbst wenn Roboter menschliche Wärme ausstrahlen würden bzw. die Betroffenen das so wahrnehmen würden (zum Beispiel bei Demenzerkrankungen ist das durchaus denkbar), so wäre das sogar noch schlimmer, weil die Roboter ja nichtsdestotrotz kalte Maschinen blieben. Eine humanitäre Aufgabe würde dann nicht nur an inhumane Akteure abgegeben, sondern zusätzlich würden die Betroffenen darüber hinters Licht geführt werden. Interessanterweise entsprechen die Roboter in R.U.R. diesem Klischee nicht. Sie sind nicht mechanisch-elektronisch konstruiert, sondern biologisch gezüchtet. Zusammen mit ihrem humanoiden Äußeren macht sie das Menschen zum Verwechseln ähnlich aber nicht gleich, was zu interessanten individualpsychologischen Effekten führt. Der interessierte Leser sei auf Masahiro Moris „Uncanny Valley“ und die zahllose Literatur dazu verwiesen. 

Kulturelle Unterschiede: Japans Shintō-Glaube

Klischees wie die genannten wirken in vermutlich jeder Gesellschaft — es sind aber nicht in jeder Gesellschaft die gleichen Klischees. Das beliebteste Beispiel dazu ist Japan, eine Nation die typischerweise als ‚roboterverrückt‘ gesehen wird, zum Beispiel weil der Einsatz von Robotern in Altenheimen oder Schulen als relativ unproblematisch gesehen wird. Japaner sind aber weder verrückt noch übermäßig roboteraffin. Ganz im Gegenteil beurteilen Japaner in vielen Aspekten Roboter sogar kritischer als Mitglieder westlicher Gesellschaften. Letzteres ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass reale Roboter in Japan verbreiteter sind als zum Beispiel in Deutschland. Der durchschnittliche Japaner ist dadurch eher in der Lage die Klischees, die fiktionalen Robotern anhaften, als Klischees zu erkennen und die oben beschrieben Effekte fiktionaler Darstellungen können weniger zum Tragen kommen. So bewerten Japaner zum Beispiel sowohl die potentielle als auch die in einer Interaktion wahrgenommene Intelligenz eines Roboters geringer als Australier, weil ihr Bild von Robotern weniger von Terminator und WALL-E bestimmt ist und mehr von Staubsaugerrobotern. Japaner sind aber nicht nur in der Lage fiktionale Klischees besser zu erkennen, ihre Gesellschaft pflegt auch andere reale Klischees: Die oben beschriebe Künstlichkeit von Robotern wird in Japan anders gesehen: Ganz allgemein können im japanischen Shintō-Glauben materielle Dinge ‚beseelt‘ sein. Auch steht das Künstliche nicht im Gegensatz zum Natürlichen, sondern kann es ergänzen oder sogar verbessern. Wenn Japaner also kein Problem mit Robotern in der Altenpflege haben, dann liegt das nicht daran, dass es ihnen recht und billig wäre ihre Großeltern ‚kalten‘ Maschinen auszuliefern, sondern daran, dass sie die entsprechenden Roboter nicht als kalte Maschinen sehen. 

Allgemein ist gesellschaftliche (und individuelle) Wahrnehmung immer von Klischees beeinflusst. Das ist nicht per se schlecht und ohnehin nicht vermeidbar. Problematisch sind Klischees die sich verselbstständigen und nicht mehr als Klischees wahrgenommen werden.

Japanischer Shintō-Glaube: Alle Dinge haben eine Seele.

Bei Robotern droht diese Gefahr besonders, weil reale Roboter immer noch wenig verbreitet und Erfahrungen mit ihnen so selten sind, dass sie kaum als Korrektiv für fiktional verstärkte Klischees wirken können. Ingenieure und Designer sind daher gut beraten sich mit diesen fiktionalen Klischees auseinanderzusetzen um mit den Erwartungen der Gesellschaft nicht zu sehr zu brechen. Je weiter Roboter in den Alltag eindringen, desto interessanter wird die Darstellung ‚realistischer‘ Roboter auch für fiktionale Werke — sie könnten dann auch in andere Genres als Sciencefiction vordringen. Bis dahin kann der Blick auf andere Kulturen helfen die eigenen Klischees als solche zu erkennen und die eigenen Überzeugungen und Annahmen zu hinterfragen.

 

Über den Autor:
Sylvester Tremmel hat Informatik und Philosophie studiert, mit Ausflügen in die Psychologie. Er interessiert sich für die Philosophie des Geistes, künstliche Intelligenz und die Schnittstelle zwischen Philosophie und Informatik. Zurzeit ist er viel in Südostasien und promoviert im Themenfeld „soziale, interkulturelle Robotik“ an der Technischen Universität München.
Quellen
  • Čapek, Karel. R.U.R. Übersetzt von David Wyllie. Wildside Press, 1921.
  • Sandoval, Eduardo Benitez, Omar Mubin, und Mohammad Obaid. „Human Robot Interaction and Fiction: A Contradiction“. In Social Robotics, herausgegeben von Michael Beetz, Benjamin Johnston, und Mary-Anne Williams, 54–63. Lecture Notes in Artificial Intelligence. Switzerland: Springer International Publishing, 2014.
  • Mori, Masahiro. „The Uncanny Valley“. Übersetzt von Karl MacDorman und Norri Kageki. IEEE Robotics & Automation Magazine 19, Nr. 2 (6. Juni 2012): 98–100.
  • Haring, Kerstin Sophie, David Silvera-Tawil, Yoshio Matsumoto, Mari Velonaki, und Katsumi Watanabe. „Perception of an Android Robot in Japan and Australia: A Cross-Cultural Comparison“. In Social Robotics, herausgegeben von Michael Beetz, Benjamin Johnston, und Mary-Anne Williams, 166–175. Lecture Notes in Artificial Intelligence. Switzerland: Springer International Publishing, 2014.
  • Kaplan, Frédéric. „Who Is Afraid of the Humanoid? Investigating Cultural Differences in the Acceptance of Robots“. International Journal of Humanoid Robotics 1, Nr. 3 (2004): 465–480.
 

 

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