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fairafric im Interview

Die Nachfrage nach Kakaobohnen steigt weltweit, die Bauern in Afrika bleiben aber arm. Das Start-Up fairafric möchte das ändern.

Startup NachhaltigkeitVerantwortung München

fairafric, das sind der Gründer Hendrik Reimers und, seit Anfang des Jahres, Marc Schiff-Francois. Die beiden sind von Software und Fahrrad in eine komplett neue Branche gewechselt: die Schokoladenproduktion. Doch nicht irgendeine, sondern eine faire Produktion von Schokolade direkt in Ghana. Wir haben mit ihnen über Ghana, Preispolitik und die Fairness von Fairtrade gesprochen.

Wie kommt es, dass du vom Software-Start-Up ausgerechnet auf die Idee gekommen bist, Schokolade in Afrika zu produzieren?

Hendrik: Irgendwann habe ich mich dafür interessiert, warum die ärmsten Länder der Welt so arm sind – und die sind fast alle in Afrika. Mich hat vor allem dieses Ausbeuterische interessiert. Das ist komplett verrückt, in was für Zuständen die Menschen vor Ort leben, die uns unser schönes Leben ermöglichen. Egal ob bei Kakaobohnen, Kaffeebohnen, Nüssen, Gold, Diamanten oder anderen Bodenschätzen, die wir aus Afrika importieren. Warum ist das überhaupt möglich? Es hat natürlich sehr viel politische Komponenten, die ich niemals ändern werden kann. Aber vielleicht kann ich einen kleinen Teil verbessern, indem ich den Leuten vor Ort helfe. Ganz abgesehen davon ist die Landschaft wunderschön und die Leute sind unfassbar nett.

Waren die Leute nicht misstrauisch?

Hendrik: Klar gibt es eine Menge Misstrauen. Sie sind sehr interessiert, wenn ich von meinem Konzept erzähle, aber auch skeptisch. Das klingt fast zu gut um wahr zu sein. Von solchen Deals haben sie schon oft gehört und dann war es doch nicht so toll. Deswegen arbeiten wir mit Partnern vor Ort zusammen, alles Ghanaer. Das ist mir total wichtig. Wir wollen ihnen unser Wissen vermitteln und einen Marktzugang bieten. Langfristig wollen wir ihnen ermöglichen, die ganze Produktion selber zu machen.

Wie ist die wirtschaftliche Lage in Ghana?

Hendrik:  Ghana zählt zu den 50 ärmsten Länder der Welt. 2002 sind sie in eine zollbefreite Ländergruppe gekommen, die halb fertige Erzeugnisse zollfrei in die EU einführen dürfen. Das ist nicht nur positiv, da sie wiederum keine Zölle auf europäische Waren erheben dürfen. Somit darf das Tiefkühlgeflügel aus Europa nicht mit Zöllen belegt werden. Dieses Geflügel überschwemmt dann als Billigware den ghanaischen Markt und deswegen gehen dort viele Hühnerfarmer Pleite. Aber das Positive an der Zollbefreiung ist, dass es mittlerweile etwa neun oder zehn Kakaovermahler vor Ort gibt, die den Kakao mahlen und als Kakaomasse und als Kakaobutter in die EU exportieren. Und der ghanaische Staat unterstützt das, indem er einen Teil der Ernte zu einem 20-Prozent-Rabatt zum Weltmarktpreis an diese Vermahler vor Ort verkauft.

Marc (li.) und Hendrik (re.) haben viele Unterstützer.

Wieso braucht es fairafric, reicht Fairtrade nicht aus?

Hendrik: Auch wenn ein Produkt ein Fairtrade-Siegel trägt, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Bauern vor Ort mehr Geld bekommen. Eine Fairtrade-Schokolade, die bei Lidl 55 Cent kostet, hat beispielsweise nur den Kakao zertifiziert, doch die Leute vor dem Supermarkregal glauben, dass sie etwas Gutes tun und zahlen dann auch oft mehr dafür. Im Endeffekt kommt für eine durchschnittliche Tafel Schokolade bei einer solchen Zertifizierung im Schnitt unter einem Cent mehr in Afrika an, im Vergleich zu konventioneller Schokolade. An den vorherrschenden Strukturen ändert sich nichts. Die Industrie in Deutschland bekommt den Löwenanteil von dem Kaufpreis einer Tafel. Für Afrika bleiben unter zehn Prozent übrig. Das ändern wir nicht, indem wir ein Siegel draufklatschen. Die Wertschöpfung muss woanders passieren. Und dann ändert sich auch etwas in den Ländern. Das ist schwer, den Käufern verständlich zu machen. Wir können ja auch nicht losgehen und den fairen Handel kritisieren, da brennen Leute seit Jahrzehnten für.

Marc: Ein Siegel bedeutet ganz viel, da stecken die Leute Vertrauen rein. Doch oft hält es nicht das, das es verspricht. Wir haben deshalb ganz bewusst gegen ein Siegel entschieden. Unsere Geschichte braucht ein paar Worte und wir hoffen, das Vertrauen unserer Kunden durch Transparenz und die anstehende Anerkennung des Weltladen-Dachverbands zu gewinnen.

Wie funktioniert denn das Geschäft mit den Kakaobohnen in Ghana?

Hendrik: Ghana hat ein ganz spezielles System. Jede Kakaobohne, die dort wächst, gehört dem Staat. Das, was der Kakaobauer dafür bekommt, ist eine Art Finderlohn. Der Staat setzt zwei Mal im Jahr einen Preis fest. Es werden kostenlose Setzlinge von der Regierung bereitgestellt, die sehr stabil sind, sehr schnell Erträge bringen und die Bauern bekommen über ein zentrales Monitoring sehr schnell Informationen darüber, ob sich irgendwelche Krankheiten sich in der Gegend ausbreiten. Es ist ein sehr robustes System. Es hat den Vorteil, dass Bauern nicht ausgebeutet werden können, weil man keine andere Preise zahlen darf als die, die vereinbart wurden. Das wird auch streng kontrolliert. Der große Nachteil an dem System ist, dass ich nicht zu meinem Lieblingskakaobauern gehen und nur von ihm Bohnen beziehen kann.

Der Preis für Kakaobohnen ist gerade sehr niedrig, die Nachfrage steigt aber. Wer macht die Preispolitik?

Hendrik: Die großen Einkäufer diktieren den Preis und das ist weder transparent, noch fair. Die Regierungen haben da kein Mitspracherecht. Die ghanaische Regierung setzt den Preis für die Bauern fest, abhängig vom Weltmarktpreis. Das führt dazu, dass viele Kakaobauern sich und ihre Familie nicht mehr versorgen können und nach Europa flüchten.

Die Gründer Hendrik (li.) und Marc (re.) im Weltladen München.

Wie sorgt ihr dafür, dass mehr Geld bei den Bauern ankommt?

Wir arbeiten mit einer Kakaobauern-Kooperative zusammen. Zu der gehören 1400 Bauern, die in den letzten zehn Jahren eine Bio-Zertifizierung gemacht haben. Um die Lebenssituation der Bauern zu verbessern, hat der Gründer mit der Regierung eine Sondergenehmigung ausgehandelt. Jetzt kann für zertifizierte Ware eine extra Prämie bezahlt werden.

Aber wer bekommt diese Prämien, wenn die Bohnen immer gleich viel kosten müssen?

Hendrik: Wenn ich zertifizierten Kakao kaufe, dann bekommt die Kooperative eine Prämie von 600 US-Dollar, nicht der Bauer. Die Kooperativen dürfen das gar nicht an die Bauern weitergeben, weil sie dann den Preismechanismus aushebeln würden. Sie können es aber in soziale Projekte stecken und bauen dann oft Schulen. Doch es fehlen gut ausgebildete Lehrer. Viele sprechen nur gebrochen Englisch, obwohl das eigentlich die Unterrichtssprache ist.

Was macht ihr anders als Fairtrade?

Hendrik: Fairtrade zahlt eine Prämie von 200 US-Dollar pro Tonne, wir zahlen 600. Mit einem Großteil des Geldes wird neuen Bauern ermöglicht, in das Bio-Zertifizierungsprojekt einzusteigen. Drei Jahre bekommen die Bauern dann ein Training, lernen, wie sie ihre Farm besser managen und so ihre Erträge enorm steigern können. Zu jedem Kakaobaum, der neu angebaut wird, wird außerdem Plantain dazu gepflanzt. Die koexistieren sehr gut und das Plantain ist eine extra Einnahme für die Bauern, unabhängig vom Kakao. Diese Investition wäre für die Bauern alleine unmöglich. Die fairen Bio-Kakaobohnen bleiben dann im Land und werden vor Ort zur fertigen Schokolade verarbeitet. Dadurch bleibt das Vielfache an Einkommen in Ghana, im Vergleich zum reinen Export der Bohnen zu fairen oder konventionellen Preisen. fairafric ist daher fairer als Fairtrade, weil mehr Wertschöpfung in dem Land besteht, wo der Kakao wächst.

Wie habt ihr die optimale Mischung für eure Schokolade gefunden?

Hendrik: Bei einer Zartbitterschokolade gibt es gar nicht so viel Variablen – 70, 80, 90 Prozent bedeutet, dass der Rest Zucker ist. Da nimmt man eigentlich immer den besten Rohrzucker, den man bekommen kann. Die Kakaobohnen setzen sich aus einem Teil Kakaomasse und Kakaobutter zusammen. In manchen Ländern hat die Kakaobohne nicht ganz so viel Kakaobutteranteil, in Ghana ist es halb-halb. Getestet haben wir unsere Schokolade dann auf der Straße und im Freundeskreis.

Und wer liefert euch dann den Zucker?  

Hendrik: Wir kaufen den Zucker in Paraguay von einer Kooperative, biozertifiziert und Fairtrade. Er geht dann über Deutschland, zusammen mit Verpackungsmaterial und bio-zertifiziertem Milchpulver, das es vor Ort nicht gibt, im Container nach Ghana.

Gemeinschaftliches Verpacken der fairafric-Schokolade in Ghana. Fotocredit: fairafric

Habt ihr externe Investoren?

Hendrik: Das Problem ist, dass unser Impact in Afrika ist, also bekommen wir hier von Stiftungen zum Beispiel keine Unterstützung. Business Angels, da ist man wieder im Privatwirtschaftlichen, die wollen nach sechs oder sieben Jahren einen Exit machen, das wollen wir nicht. Strategische Investoren wären für uns wertvoll – mit Schokoladenwissen,  einem Marktzugang beispielsweise in England oder mit Erfahrungen im internationalen Lebensmittelhandel.

Also habt ihr euch für Crowdfunding entschieden und mittlerweile schon die zweite Kampagne bei Kickstarter erfolgreich abgeschlossen – was muss man dabei besonders beachten?

Hendrik: Crowdfunding funktioniert nur, wenn man die ersten 20 Prozent aus dem eigenen Netzwerk mitbringt. Denn keiner unterstützt ein Projekt, dass nicht mal Freunde und Familie unterstützen. Wenn du die ersten 20 Prozent hast, dann kommen die ersten Externen. Geldtechnisch kommt am meisten aus Deutschland, aber die Fans kommen mehrheitlich aus den USA, die sind wirklich bereit zu helfen und dort sind Crowdfunding und Kickstarter stärker etabliert. Und die Sache ist ja die: Unsere Geschichte ist gut, aber die Schokolade, die schmeckt auch noch!

Vielen Dank für das Interview!

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