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piqd im Interview

Vom Experten empfohlener Onlinejournalismus

JournalismusDigitalSozialGesellschaft München

piqd möchte einen Gegenentwurf zur Reichweiten-optimierten Berichterstattung im Internet liefern. Die Macher bieten eine Online-Programmzeitung an, in denen die Artikel von ausgewiesenen Experten empfohlen werden. Wir haben mit Co-Gründer und Geschäftsführer Marcus von Jordan über die Krise im Journalismus, den Aufbau eines Expertennetzwerks und unseren Umgang mit Technologie gesprochen.
 

relaio: Piqd will die monopolistischen Informationsdistributionsstrukturen aufbrechen. Das klingt erstmal nach Protest. Ab wann kam bei euch der Zeitpunkt, an dem ihr gesagt habt: „Mensch, wir machen jetzt was“?

Marcus von Jordan: Konrad Schwingenstein, Haupterbe des Süddeutsche Zeitung Verlags, gründete gerade die August Schwingenstein Stiftung und hat mich von da an mit reingezogen. Auch piqd ist aus der Dynamik der Stiftung heraus entstanden, ist allerdings eine eigene GmbH. Wir wollen gegenüber den amerikanischen Distributionsmonopolisten eine Alternative aufrechterhalten. Wir haben uns dann öfter zusammengesetzt und uns gedanklich erarbeitet, wie wir so eine alternative Plattform programmieren und gestalten würden. Daraus ist das Social Business piqd entstanden, das als Antwort auf die sozialen Medien betrachtet werden kann, speziell auf Facebook. Wir bilden uns nicht ein mit Facebook konkurrieren zu können. Aber wir wollten etwas machen, was sich dieser Aufmerksamkeitsökonomie entzieht, ohne algorithmische Logik und ohne quantitative Reichweitenmessung. Wir wollten einen Raum haben, in dem Menschen ihren Kopf benutzen, um journalistische Beiträge zu kuratieren und in dem sie frei davon sind, dass daraus Likes, Shares und schnelle Klicks generiert werden müssen. Auf Facebook erzeugen jene Dinge eine große Reichweite, deren Intention sofort erkennbar ist. Also muss auch guter Content so hingeschnitzt werden, dass er für jeden als ganz schwarz oder ganz weiß, als ganz fröhlich oder ganz traurig erkennbar ist. Da ist kein Platz für Grauzonen, für Fragezeichen, für Fehler machen. Darin sehen wir eine toxische Dynamik, die auch von Facebook vielleicht nicht gewollt ist, aber die als eine massenhafte Degeneration unserer Gesellschaft sichtbar geworden ist. Wir trainieren uns unsere Kompromissfähigkeit ab, wenn wir uns ausschließlich auf diese Art informieren. Da ist kein Platz mehr für die eigentliche Debatte.

Relaio: Ihr betrachtet also Informationsbeschaffung als gesellschaftliches Problem?

Marcus von Jordan: Unbedingt! Aber das war sie wohl auch schon immer, denn wir sind nicht herabgestiegen von dem Berg der Glückseligkeit. Die alte Medienlandschaft war mitnichten divers, sondern männerlastig und national geprägt. Presse hatte auch vor der digitalen Realität ihre Abhängigkeiten und Tendenzen, sowohl im öffentlich-rechtlichen Bereich, in dem es politische Abhängigkeit gibt als auch im privaten Bereich, in dem es wirtschaftliche Abhängigkeiten gibt, zum Beispiel von Werbekunden. Im Internet verstärken sich frühere Probleme viel mehr. Es gibt keine perfekte Lösung, nicht einmal eine perfekte Vision davon wie Informationsbeschaffung funktionieren sollte. Es gibt nur Annäherung durch die inspirierte journalistische Arbeit vieler und durch Quellenvielfalt.

piqd Geschäftsführer Marcus von Jordan 

Relaio: Wie schätzt du den Stand des deutschen Journalismus allgemein ein?

Marcus von Jordan: Letztendlich ist die Gefahr, dass aus einer journalistischen Vertriebskriese auch eine inhaltliche Krise werden kann, weil diese sich auf die Qualität des Journalismus durchschlägt. Aber wir klagen auf einem extrem hohen Niveau. Wir haben immer noch eine ganz gute privatwirtschaftliche Situation und wir haben dieses riesige acht Milliarden Pfund der Öffentlich-rechtlichen. Ich höre immer noch Bayern 2. Die Möglichkeiten, sich in Deutschland hintergründig, nischig und umsonst zu informieren, sind immer noch vollkommen sensationell und vermutlich ziemlich einzigartig auf der Welt. Journalisten müssen verstehen, dass die Krise eigentlich keine journalistische Krise sondern es die Aufgabe ihrer Manager oder der Politik ist, diese Krise zu lösen. Trotzdem sollten sie selbstkritisch sein und versuchen, nach den Kriterien, die schon vor vierzig Jahren galten, wieder bessere Journalisten zu sein. Und ich habe den pauschalen Vorwurf an den deutschen Journalismus, dass er zu etabliert ist und verlernt hat, unsolidarisch zu sein. Der einzelne Journalist sollte seiner eigenen Meinung gegenüber zutiefst unsolidarisch sein. Ich glaube dabei nicht an die große Steuerung von einer Systempresse – Lügenpresse gibt es in Deutschland nicht, nur eine Lückenpresse. Ohne das parteipolitisch zu meinen, Journalismus müsste wieder etwas linker werden. Im Sinne von auf der Suche nach der Alternative sein anstatt bestehende Privilegien zu schützen. Kein Establishment absichern, sondern das Ganze im Auge behalten und hinterfragen.

Relaio: Ihr habt mittlerweile mehr als 100 aktive Kuratorinnen. Wie seid ihr an diesen Pool von Journalisten gekommen? Hattet ihr schon immer dieses Netzwerk oder schreibt ihr Bewerbungen aus?

Marcus von Jordan: Im Wesentlichen durch harte Arbeit – wir haben sie gesucht. Die Kuratorinnen und Kuratoren sind piqd und nur wenn die motiviert sind, funktioniert piqd auch. Wir bezahlen, wenn auch nicht wirklich viel, also müssen die KuratorInnen inspiriert und motiviert sein. Frederik Fischer ist unser Chefredakteur, den ich für das Projekt an Land geholt habe und der vorher Krautreporter war. Er hatte dadurch schon ein großes Netzwerk, ich selbst hatte aus meinen Vorprojekten schon ein Netzwerk und wir haben dort die Leute gefragt, die uns geeignet erscheinen und haben uns auf Empfehlung von denen dann wiederum weiter gehangelt. Wir sind damit aber überhaupt nicht fertig! Auch wenn wir jetzt schon relativ viele sind, sind wir noch nicht zufrieden. Man kann immer noch spannendere und interessantere Menschen finden, die mitmachen.

Relaio: habt ihr bestimmte Kriterien, nach denen ihr eure KuratorInnen aussucht?

Marcus von Jordan: Es gibt kein Kriterienhandbuch, aber es ist uns relativ klar, nach was wir suchen und zwar in der folgenden Reihenfolge: erstens müssen es Menschen sein, die zu bestimmten Themen offensichtlich eine gewisse Ahnung haben – aus welchen Gründen auch immer. Die Leute müssen sicherlich einen breiten digitalen Medienkonsum zu diesem Thema haben. Wir brauchen daher Leute, die das am Besten sowieso  schon im Rahmen ihrer anderen Tätigkeiten machen. Zum Beispiel den Politiker und Piqer Jimmy Schulz, der gezwungenermaßen schon sehr viel liest, weil er die digitale Kompetenz bei der FDP sein will. Das zweite Kriterium ist, piqer müssen schreiben können. Sie müssen den Leserinnen klar machen können, warum der Content, den sie vorstellen, guter Content ist. Dann kommen noch andere Kriterien dazu, wie Diversity oder Community. Es wäre ganz cool, wenn die Leute schon eine Community haben, die sie dann auf piqd auch mitbringen können. Und das schauen wir uns alles an. Mittlerweile bewerben sich viele initiativ. Die nehmen wir aber ganz selten, weil wir meist reagieren. Wir merken zum Beispiel, der Kanal „Politik und Netz“ ist super, aber es fehlt uns noch jemand, der eine soziologische Perspektive auf dieses Thema hat. Ja und dann gehen wir los und kucken, aber dass gerade jemand kommt, wenn wir so eine Perspektive haben wollen, ist eher selten.

Relaio: Was müssen die piqer genau leisten?

Marcus von Jordan: Die meisten sind gehalten, sechs piqs im Monat zu verfassen. Grundsätzlich zahlen wir 50 Euro für einen piq und deckeln das bei fast allen auf 300 Euro pro Monat. Mit ein paar Ausnahmen. In der Regel verdienen die piqer also für sechs Artikel pro Monat etwa 300 Euro. Wenn sie mehr machen, dann dürfen sie das, aber wir bezahlen sie nicht dafür. Dann gibt es auch Kuratoren, die sind so begeistert von piqd, die empfehlen Inhalte ohne Bezahlung. piqd ist aktuell eine normale GmbH, wir haben derzeit ein paar hundert zahlende Nutzer. Noch wehren wir uns Marketing-Kunden mit einzubeziehen, sondern wir hoffen auf unabhängige Finanzierer, die sich Konrad Schwingenstein zur Seite stellen und sagen: „Wir brauchen so eine Plattform für guten journalistischen Content. Von Journalisten, die neutral sind, denen überhaupt keiner in die Suppe spuckt.“

Im Gespräch mit der relaio Redaktion

Relaio: piqd ist also tatsächlich ein Trotzprojekt. Heißt das dann nicht auch im Umkehrschluss, ihr denkt, der Einzelne könne sich bei den dominanten Informationsdynamiken nur noch fehl informieren?

Marcus von Jordan: Absolut. In einer Informationsdistributionsstruktur, in der immer der lauteste und schrillste gehört wird, ist es nicht möglich, sich gesund zu informieren. Die Analogie mit der Biobewegung ist nicht so schlecht. Das ist auch typisch für Menschen: sie fangen erst an sich zu fragen, wie etwas hergestellt wird, wenn es davon zu viel gibt. Für uns bei piqd gilt: „Du bist, was du isst“ genauso wie „Du bist, was du liest“. Was du dir intellektuell zuführst wird dich verändern. Wir sind jetzt in einer Situation des Überflusses an Information und jetzt fangen die Menschen an, sich zu überlegen, wie sie sich intellektuell ernähren. Dafür braucht es mündige Bürger, die die Fähigkeit besitzen, sich eine starke Meinung zu bilden. Es kommt aber auf die Fähigkeit an, zwischen den Zeilen zu lesen. Man braucht gute Abwehrkräfte gegen positive, negative, kommerzielle, wie auch immer, Manipulation. Dafür ist der diverse Journalismus absolut unverzichtbar.
 

Relaio: Nun treibt die Globalisierung die „Datafication“ vieler Lebenskontexte weiter voran. Das wird auch piqd nicht aufhalten können. Wie sollen wir mit diesem datentechnologischen Druck, der ja vor allem aus der USA kommt, allgemein umgehen?

Marcus von Jordan: Ich wünsche mir wieder einen selbstbewussteren Umgang mit den Technologien. Wir sollten hier die Vorzeichen umdrehen. Wir haben jetzt 15 Jahre gemacht, was ging, weil wir es konnten. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem wir uns emanzipieren müssen, wo wir in eine Art digitale Konsolidierungsphase eintreten sollten. Wir müssen uns jetzt mal wieder fragen, nach welchen Parametern wir Technologie beurteilen. Nutzt eine bestimmte neue Technologie uns etwas? Bringt sie uns irgendwie weiter? Ich habe die Hoffnung, dass das nicht nur aus der Gutmenschlichkeit oder aus höherem intellektuellem Gedankengut entstehen muss, sondern einfach weil schlechte Technologie kein gutes Geschäft ist! Denn es gibt eine Komponente in dem Spiel, die verändert sich fast nicht oder nur unmerklich langsam. Und das ist der User, das sind die Menschen. Die haben dieses Tempo nicht und können es auch nicht aufnehmen, das heißt, es wird irgendwann ein schlechtes Geschäft. Dieser Ansatz ist mit Nichten technologiefeindlich – das wird gerne unterstellt. Er ist im Gegenteil besonders die Verantwortung von Menschen wie mir, die digitale Technologie lieben und weiter an die neuen Möglichkeiten glauben.

Für den Journalismus heißt das meiner Ansicht nach keinesfalls weniger Technologie, sondern es heißt weniger Markt. Es ist offensichtlich, dass im Digitalen die Chancen für einen besseren, schnelleren, vielschichtigeren und unmittelbareren Journalismus liegen. Nur gibt es nahezu keine Erkenntnisse für eine erfolgreiche Finanzierung.  Das macht Druck auf die Qualität und bremst die aktive Gestaltung neuer Strukturen, also auch die Nutzung neuer Technologie. „Information“ ist aber keine beliebige Ware. Informationen haben gesellschaftliche Implikation, deswegen gibt es die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland und strenge publizistische Gesetzgebung. Information und ihre Distribution brauchen gesellschaftliche Pflege und politische Garantien für eine gesunde Entwicklung auch neben dem Kapitalmarkt. Wichtig genug sind sie allemal.

Die Schwingenstein-Stiftung bringt die verschiedenen Player an einen Tisch in der Hoffnung, dass sie aufhören sich gegenseitig zu belauern und anfangen konstruktiv ihren neuen Markt zu gestalten und die entsprechenden Rahmenbedingungen bei der Politik einzufordern. 

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