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Upcycling

Wirklich nachhaltig oder doch nur ein Modetrend?

Melina Gentner Ryan Mc Guire

DesignGesellschaftLebenszyklusUmwelt

Aus etwas Altem wird etwas Neues.  Aus etwas Kaputtem, etwas Funktionierendes. Aus über Generationen vererbten Lieblingsstücken völlig neue Wertgegenstände. Was auf den ersten Blick aussieht, als wäre der Müllplatz der einzig wahre künftige Ort, könnte vielleicht doch noch zu einem unverhofften Schmuckstück werden. Einfach mal die Lebensdauer von dem ganzen Schrott, den wir über die Jahre und Jahrzehnte produziert haben und weiterhin produzieren, verlängern. Es klingt so einfach. Natürlich steckt hinter der Idee, Dinge lieber nochmal genauer anzuschauen, statt sie zu ersetzen, doch mehr Arbeit, als nur ein motivierter Blick.

Upcycling geht im Vergleich zur Restauration von Dingen noch einen Schritt weiter. Entscheidend ist, dass der vermeintliche Abfall zu etwas Neuem, Höherwertigem verarbeitet wird. Also kreativ einen neuen Zweck in einem Gegenstand erkennen. So werden beispielsweise aus LKW-Planen Taschen und Handyhüllen. Fahrradfelgen werden zu hippen Lampen umfunktioniert. Das Ergebnis hat mit seiner ursprünglichen Nutzung häufig nicht mehr viel gemein. Schön ist, dass so auch ganz neue Einrichtungsstile - quasi eine Art neue Mode entsteht. Die nachhaltige Zweckentfremdung von Gegenständen findet sich in vielfältigen Themengebieten und Größenordnungen wieder. Während Modedesigner ihre Kleidungsstücke gegebenenfalls nur um kleine Applikationen für das gewisse Extra verfeinern, werden in der Architektur ganze Häuser aus gepresstem Plastik gebaut oder Hausfassaden aus Abfallprodukten der Industrie gefertigt.

Hinter Upcycling versteckt sich im Endeffekt eine Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs leben die Industrienationen im aufstrebenden Überfluss. Die westliche Welt lebt die Utopie – alles steht immer und überall zur Verfügung. Jahrzehntelang galt: aus alt macht neu ist knauserig und sparen an der falschen Stelle. Wer was auf sich hält, der kauft es neu. So lassen sich auch jährlich 100.000 Tonnen Textilabfall allein in Deutschland erklären. Durch die Abhängigkeit der Wirtschaft vom maßlosen Konsum ist es auch gar nicht gewollt, dass Dinge repariert oder sogar noch weiter verbessert werden können. Im besten Fall gehen die gekauften Geräte so schnell wie möglich kaputt, damit sie wieder neu gekauft werden müssen. Upcycling durchbricht aber nicht nur diesen Kreislauf des Wegwerfens, es veredelt Müll auf eine kluge Art und Weise, findet sich schlussendlich aber auch in einem Nischenmarkt wieder. 

100 000 Tonnen Textilabfall kommen jährlich in Deutschland zusammen. © Vasiliki Mitropoulou

 

Es machen sich aber nicht nur Konsumenten durch ihr Kaufverhalten und Hersteller durch die Art der Produktion zu Treibern der Wegwerfgesellschaft. Jedes Produkt hat einen Lebenszyklus, dessen Ursprung schon viel früher beginnt:

Das Design – der Produktursprung und Beginn des Lebenslaufs eines Objekts

In allem steckt Design. Alles was wir an Gebrauchsobjekten besitzen, ob Küchengeräte, sämtliche Verpackungsmaterialien, das Haus in dem wir wohnen, die Technik, die das Haus bewohnbar macht, wurde gestaltet oder befindet sich in einem immerwährenden Gestaltungsprozess. Verbraucher bemerken gar nicht, dass Designern und Konstrukteuren in unserer komplexen Welt ein hohes Maß an Verantwortung zugesprochen wird. Meistens ist den Designern diese Verantwortung nicht einmal selbst bewusst.

Von dem „wie“ Objekte gestaltet werden hängt ab, ob das Produkt effizient und somit energiesparend oder sogar energieproduzierend arbeitet. Aber auch, ob es irgendwann einmal auf dem Sondermüll landet, verbrannt wird oder wiederverwertet werden kann. Nachhaltiges Design bezieht sich auf den gesamten Produktlebenszyklus. Schon im Gestaltungsprozess wird entschieden, ob einzelne Materialien wiederverwertet oder sogar dem ganzen Produkt nach seiner Gebrauchsphase eine neue Aufgabe zugeschrieben werden kann. Entscheidend wird das gute Design somit unteranderem dafür, wie viele Ressourcen künftig eingespart werden können, wenn sie heute sinnvoll eingesetzt werden. Das klingt abstrakt. Im Endeffekt handelt es sich um eine gesteigerte Form des Upcyclings: Cradle to Cradle. Während es im Upcycling vorsätzlich darum geht, aus Müll ein Objekt mit höherwertigem Sinn zu produzieren, versteht sich das Prinzip des Cradle to Cradle darin, erst gar keinen Müll mehr zu verursachen, indem die Objekte „von der Wiege zur Wiege“ immer weiter verwertet werden. Das Design soll so konzipiert werden, dass sich der Gegenstand leicht und einfach zerlegen lässt, um es wieder für den gleichen oder aber auch für völlig neue Zwecke verwenden zu können. Demnach könnten es die Designer sein, die Anstöße setzen, für eine Wirtschaft, die zwar nicht auf Konsum verzichtet, aber nach rohstoff- und energieschonenden Prämissen funktioniert.

Von der Konstruktion hängt ab, ob die Produktbestandteile anschließend wiederverwendet werden können. 

Kritikpunkt. Ist Upcycling wirklich nachhaltig oder doch nur ein [Mode]-Trend für Individualisten?

Auf der Suche nach Designern und Kleinbetrieben, die schicke Upcycling-Produkte gestalten und vertreiben, finden sich vor allem Luxusprodukte im Hochpreissegment. Sämtliche Designermöbel wie Sessel, die aus alten, zusammengebundenen Lappen bestehen oder Stühle, die aus Elementen kaputter Tische gebaut wurden, kosten teilweise mehrere tausend Euro. Ähnlich wie im Designermöbelladen lassen sich diese serienmäßig online kaufen. Aber auch im Modebereich findet sich einiges, beispielsweise edle Abendkleider, die mit kleinen Elementen, wie Ziffernblättern alter Filmstreifen verfeinert sind, werden zu scheinbar nachhaltigen Kleidungsstücken. Explizit als Premium-Produkt ausgewiesen. Im kleineren Preissegment findet sich nur wenig. Vielleicht noch Schallplatten, die zu Uhren wurden. Doch auch hierbei handelt es sich um Konsumartikel, die ein netter Hingucker in der Wohnung sein können, aber keinesfalls unseren Umgang mit Gebrauchsgegenständen verändern. Im Gegenteil, bei einigen Designer fragt man sich, ob es nicht einfach verkaufsfördernd ist, wenn man eine schicke Upcycling-Geschichte rund um das Produkt erzählen kann. Eine Handtasche aus U-Bahn Sitzbezügen der Heimatstadt bleibt einem einfach eher im Kopf, als wenn sie aus konventioneller Baumwolle hergestellt wird. Es stellt sich die Frage, ob Upcycling ein kluger Trend für Individualisten mit viel Zeit und Geld ist oder aber eine wirkliche Möglichkeit der Widerverwertung darstellt, altes „cool“ und langlebig werden zu lassen. Fest steht, dass Upcycling realistisch betrachtet großflächig nicht wirklich ressourcensparend ist, sondern eher eine Art des Umdenkens in der Gesellschaft zur Folge haben kann. Sozusagen eine Art Werbung, die dazu anspornen soll, Dinge genauer anzuschauen, bevor man sie wegschmeißt. 

Ein Beispiel, wie Upcycling in der Realität aussehen kann

In der Theorie klingt das alles schön und gut, aber wie sieht ein erfolgreiches Projekt in der Wirklichkeit aus? Größtenteils handelt es sich um Sozialunternehmen und Designer in Nischenmärkten.  Ein Social Startup aus der Upcycling-Szene nennt sich „Ruffboards“ und ist im schönen Wien beheimatet.

Mit dem Wunsch, zu erfahren, wie ihre geliebten Longboards hergestellt werden, reiste das Ruffboard-Gründerteam vor ein paar Jahren in die USA. Mit dem Ergebnis: Es war zwar nicht herauszufinden, wie die Hersteller in der Produktion vorgehen, aber durch die Reise wurde klar, dass sie, wenn sie auf fair hergestellten Longboards durch die Stadt skaten wollten, diese einfach selbst herstellen müssen. Im Entwicklungsprozess wurde besonderes Augenmerk auf eine umweltfreundliche Herstellung gelegt. Auf der Suche nach dem richtigen Longboard-Grundmaterial fiel die Entscheidung auf alte, abgenutzte Snowboards. Diese eignen sich ideal durch ihre Sandwichbauweise. Um die Longboards nach abgelaufener Lebensdauer wieder rückbauen zu können, ist es dem Ruffboard-Team besonders wichtig, bei der Herstellung so wenig zusätzliche Materialien zu verwenden, wie nur irgendwie möglich. Ständig wird Ausschau nach ausgedienten Snowboards gehalten, um jedes Jahr wieder neue Modelle produzieren zu können. Jedes Longboard ist ein Einzelstück. Unterschiedliche Designs und Konstruktionen mit Name wie „freche Sopherl“ machen das Longboard individuell und besonders.

Dabei geht es dem Ruffboard-Team in erster Linie um einen originellen Appell an die Wegwerfgesellschaft, die ihrer Meinung nach Gebrauchsgüter nicht mehr genügend zu schätzen weiß. Authentisch macht sich das junge Sozialunternehmen durch eine Kooperation mit dem Wiener Verein „Neustart“. Seither werden die Upcycling-Longboards sozial-fair in einer von Ex-Häftlingen betriebenen Tischlerei direkt in der österreichischen Hauptstadt hergestellt.  

 

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