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„Den Konsumenten miteinzubeziehen ist der richtige Ansatz“

Regionale Lebensmittel mit Bio-Siegel sind für viele Portemonnaies zu teuer. Ökoesel – Münchens erster Mitgliederladen- beweist, dass das nicht sein muss.

Christoph Eipert & Caroline Deidenbach Caroline Deidenbach

Startup NachhaltigkeitGesellschaft München

In einem Mitgliederladen werden einfache Kunden zu einer solidarischen Gemeinschaft und tragen so zu einer besseren Versorgung durch nachhaltige Lebensmitteln bei. Hannes Schmidt sowie Konstantin und Katharina Deininger haben mit „Ökoesel“ dieses Konzept nach München geholt und sprechen über Hürden, Ziele und auf was es bei einer guten Lebensmittelversorgung ankommt.

Mitgliederladen
Bei einem Mitgliederladen handelt es sich um ein Ladenkonzept, bei dem Konsumenten durch einen regelmäßigen, finanziellen Beitrag Mitglieder einer Konsumgemeinschaft werden. Ziel ist es mit dem Laden verbundene Kosten zu finanzieren und im Gegenzug günstigere Preise der angebotenen Waren zu erhalten.  

Wie genau ist Ökoesel entstanden? 

Hannes: Während meines Studiums in Marburg war ich selbst Mitglied in so einem Laden. Zum Ende meines Soziologiestudiums habe ich mich mit Stadtsoziologie beschäftigt – also was für Räume es in der Stadt gibt und wie sie genutzt werden. In diesem Kontext fand ich das Konzept des Mitgliederladens immer interessanter, weil dort ein Raum entsteht, indem die Mitglieder einfach Mitglieder sind und nicht nur Konsumenten, an denen man etwas verdienen kann. Darüber habe ich auch meine Bachelorarbeit geschrieben. Später haben wir uns dann gefragt: „Warum gibt es das in so vielen anderen Städte, aber hier nicht?“

Habt ihr eine Erklärung dafür?

Hannes: Ich denke es gibt einige Faktoren, wie zum Beispiel die Immobiliensituation in München. Für so ein Konzept benötigt man zu Beginn günstige Mietfläche, weil man nicht von heute auf morgen ein paar hundert Mitglieder zusammen bekommt, die das Ganze finanzieren.

Wie stemmt ihre die Arbeit im Hintergrund? Habt ihr Lieferanten oder bewältigt ihr alles in Eigenregie?

Hannes: Am Anfang sind wir zu ein paar Erzeugern aufs Land gefahren, weil wir gedacht haben, dass wir keinen Großhandel brauchen und alles selber machen können. Wir sind aber sehr schnell darauf gekommen, dass es ziemlich viel Arbeit ist, für eine Kiste Zwiebeln zum einem und für die Kiste Karotten zum nächsten Erzeuger zu fahren. Das lohnt sich nicht. Die Erzeuger haben immer total positiv von Tagwerk gesprochen, wo sie selbst Mitglied sind. Das hat uns letztlich dorthin geführt. Damit haben wir ein gutes Gefühl, denn wir merken, dort gelten die ursprünglichen Ideale nach wie vor.

Hannes Schmidt und Katharina Deininger

Regional, ökologisch und solidarisch: Das alles ist wahrscheinlich nicht immer zu vereinen. Was sind da die größten Abstriche, die ihr machen müsst?

Hannes: Es ist immer eine zwiespältige Situation. Manche Mitglieder wollen Avocados, aber die gibt es gerade nicht aus Spanien, sondern nur von Übersee – klar, mit solchen Wünschen ist man konfrontiert. Alles was es regional gibt, beziehen wir auch aus der Region, aber wir werden im Oktober nicht nur Wurzelgemüse und Kraut anbieten, sondern auch andere Ware. Wir versuchen uns aber wenigstens auf den europäischen Kontinent zu beschränken. Das klappt ganz gut, da es dann beispielswiese die Orangen aus Spanien und Italien gibt und dass immer noch näher ist, als Äpfel aus Argentinien.

Konstantin: Gerade in Italien gibt es mittlerweile auch Labels wie Naturland, Demeter und Bioland. Die haben freiwillige, strengere Richtlinien, die immer mehr implementiert werden. Aber diese Abwägung zwischen Vielfalt und Nachhaltigkeit ist auch nicht so einfach. CO2-Emissionen sind nicht der einzige Faktor, den man da bedenken muss. Aus Übersee haben wir eigentlich nur Bananen und Ingwer – aus Fairtrade-Initiativen. Gerade da ist der Fairtrade-Gedanke fast wichtiger, als der Biogedanke. Aber das ist alles gar nicht so festgeschrieben. Bei uns gibt es beispielsweise keine Flugware aus Thailand, wie etwa Mangos.

Wie reagieren die Mitglieder, wenn sie etwas wollen, dass es aber nicht gibt?

Katharina: Man kann sagen, dass unsere Mitglieder dafür meist Verständnis haben. Die sind mit dem, was wir verfügbar haben, zufrieden. Sie fragen vielleicht mal nach Avocados und wir sagen dann, dass die gerade von zu weit angeliefert werden müssten und wir sie deshalb nicht bestellen. Das ist aber kein Problem und wird nicht als negativ angesehen.

Konstantin: Das ist das Schöne an einem Raum, wo man die Mitglieder kennt und ins Gespräch kommt. Dann kann man so etwas erklären. Die Leute finden das gut und vertrauen uns.

Andere Bio-Supermärkte haben ja auch mit der Idee vom regionalen, nachhaltigen Produktangebot begonnen, mussten dann, weil sie gewachsen sind, Kompromisse eingehen. Seht ihr auch bei euch die Gefahr?

Hannes: Es gibt meiner Meinung schon Unterschiede zwischen Bio-Supermärkten, und herkömmlichen Supermärkten. Aber auch sie fahren eben das konventionelle Modell, sich über die Gewinnspannen zu finanzieren. Sie sind teurer, aber die Betriebskosten sind auch höher, die Ladenfläche ist größer, sie müssen Personal bezahlen und Werbung machen. Ich würde niemals auf die Idee kommen zu sagen, dass die dortigen Preise nicht gerechtfertigt sind.

Unternehmen kommen in der Regel aus wirtschaftlichen Gründen von den selbst gesetzten Idealen ab. Von diesen Zwängen lösen wir uns aber durch unsere Art der Finanzierung. Deswegen sehe ich die Gefahr bei uns nicht. Es gibt keinen Grund davon abzukommen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Mitgliederladen und einem Supermarkt?

Hannes: Das besondere bei uns ist, dass unsere Finanzierung unabhängig vom Produktverkauf bereits steht. Wir versuchen also niemandem etwas aufzudrängen, sondern möchten einfach eine wirklich gute Versorgung bieten. Der Raum wird damit weniger durchrationalisiert und das ist sehr angenehm. Außerdem beziehen wir unsere Mitglieder mehr in die Organisation der Nahversorgung ein. Im normalen Supermarkt kannst du alles kaufen, aber du weißt nicht so richtig, woher es kommt. Unser Sortiment ist recht klein, wir haben sogar noch viel kleiner angefangen – mit nur einem Regal. Wir sagen aber auch immer zu unseren Mitgliedern, dass sie sich Sachen wünschen können und wir schauen zusammen nach, was es beim Großhändler gibt. Ich glaube dadurch entsteht bei den Mitgliedern auch mehr das Gefühl und das Wissen, über das was hinter den Produkten im Regal steckt.

Würdet ihr es befürworten, dass es eure Vision ist, einen Systemwandel zu bewirken?

Konstantin: Das wäre schon mein Ansatzpunkt. Wenn ich für mich persönlich spreche, glaube ich auch, dass nur solche kleinen Projekte einen Systemwandel vorantreiben können. Ob es aber langfristig ein Modell wäre, was für alle gut ist, was alle annehmen würden, das kann ich nicht sagen, das wird sich zeigen.

Hannes: Es geht schon darum sich als gutes Beispiel zu präsentieren. Wir haben auch hier in München gemerkt, dass es wahnsinnig viele Leute gibt, die von so einem Konzept noch nie etwas gehört haben. Man kann zeigen, dass auch in dem Wirtschaftssystem, in dem wir uns bewegen, Dinge anders und besser gemacht werden können.

Konstantin Deininger

Konstantin: Den Konsumenten miteinzubeziehen ist auf jeden Fall der richtige Ansatz – die Leute sind einfach näher dran. Was in Zukunft noch mehr dazu gehören muss, wäre mehr Aufklärung und Bildungsangebote. Wir waren mit unseren Mitgliedern bei dem Erzeuger, von dem wir unsere Eier verkaufen. Die Mitglieder verstehen dann, warum die Preise entsprechend hoch sind. Da sind sonst Konsumenten und Erzeuger im Normalfall maximal voneinander entfernt. Solange diese Distanz bleibt, wird es auch immer noch den Discounter geben, weil sich der Konsument nicht verantwortlich fühlt, das ist die Problematik. Da kann ein Mitgliederladen extrem viel bewirken. Aber es gibt natürlich die Leute, die hören „bio“ und haben innerlich schon eine Barrikade aufgebaut, die wird auch der Mitgliederladen nicht überzeugen. Leider. Also das Potenzial ist groß, aber man darf es nicht überbewerten.

Wie seid ihr zu der Ladenfläche gekommen? Und wie ist die Reaktion der Leute?

Konstantin: Die Ladenfläche gehört unserer Familie. Wir hatten das Glück, dass der Keller hier renoviert werden musste. So kamen wir dazu. Wir waren nicht sicher, ob das Konzept angenommen wird oder nicht und wollten mit möglichst wenig Risiko und Kapital starten. Daher haben wir die Familie mit ins Boot geholt.

Die Reaktionen sind sehr gut. Am ersten Versorgungstag war sogar schon die Süddeutsche Zeitung da. Wir hatten ja als Lieferdienst angefangen und am Anfang schon eine gute Handvoll an Mitgliedern.

Wie viele Mitglieder habt ihr jetzt?

Hannes: Etwa 42 Haushalte und da hängen über 100 Personen dran. Wir haben momentan nur Montag und Freitag geöffnet, aber die Tage sind immer richtig voll. Ich fange um halb acht morgens an und abends um halb acht gehen wir wieder. Dann hat man zwischendrin noch mit der Webseite zu tun und Bestellungen beim Großhandel zu machen.

Konstantin: Bald wird das auch eine Vollzeitstelle werden. Die größte Herausforderung ist, dass alles mit dem Studium unter einen Hut zu bringen.

Wer sind eure Mitglieder?

Konstantin: Wir haben auch Studenten und andere Mitglieder die nicht viel Geld haben und trotzdem mit guten Lebensmitteln versorgt werden wollen. Es gibt aber auch Mitglieder, die in keiner Weise auf die Ersparnis angewiesen wären. Die locker auch im Feinkostladen einkaufen könnten, aber das Konzept gut finden. Neben dem ganzen Mitgliedergedanken und der Nachhaltigkeit, freuen sich viele Leute, dass man die Möglichkeit hat, sich etwas zu unterhalten. Das hat diesen alten Tante-Emma-Laden-Charakter: man tauscht sich aus und lernt sich kennen. Das ist, was die Leute zusätzlich schätzen. Der neue Laden soll auch diesen gemütlichen Aspekt beibehalten, mit einer Sitzecke, in der man Tee und Kaffee oder eine Kleinigkeit zu Essen bekommt – kein Gastro-Konzept, aber ein Nachbarschaft-Begegnungskonzept.

Könnt ihr davon schon leben?

Hannes: Das Konzept ist so angelegt, dass zu den laufenden Kosten auch die Lohnkosten dazu gehören. Zu einer fairen Nahversorgung gehört auch, dass die Menschen, die dafür ihre Zeit opfern, anständig entlohnt werden. Momentan ist das noch nicht so. Wir sind jetzt soweit, dass wir nach einer Fläche suchen, die wir finanzieren können. Löhne sind aber momentan noch nicht drin.

Konstantin: Das Ziel ist einen Laden zu haben, der fünf Tage die Woche geöffnet hat und das mit einem Vollsortiment. 

Tim Mälzer
Tim Mälzer ist ein Koch, Unternehmer und Buchautor der mit verschiedenen TV-Formaten zum Thema Kochen und Ernährung öffentliche Bekanntheit erlangt hat. 

Das wollt ihr alleine durch die Mitgliedsbeiträge schaffen?

Konstantin: Dass das funktioniert zeigen die Beispiele anderer Mitgliederläden weltweit. Aktuell ist der größte Kostenfaktor eine Kaution für die Ladenmiete und natürlich die ganze Einrichtung. Allein eine Kasse kostet über 3.000 Euro. Solche Dinge sollen über Crowdfunding finanziert werden. Die Mitglieder sind auf jeden Fall daran interessiert. Tim Mälzer war bei uns zu Gast und hat, mit seiner Crew, bei uns gefilmt. Wir hoffen, dass wir so Aufmersamkeit erzeugen können und es Investitionen geben wird.

Mit einer neuen Lagerfläche will das Team von Ökoesel auch in Zukunft nachhaltige Lebensmittel anbieten. 

Wie sieht die Zukunft bei euch aus?

Hannes: Momentan sind wir ja auf der Suche nach einer Ladenfläche, da müssen wir jetzt etwas finden. Wenn das soweit ist, sehe ich allem anderem sehr optimistisch entgegen.

Konstantin: Das ist eben die große Herausforderung in München: es sollte möglichst ums Eck und dazu bezahlbar sein. Die Idee ist aber auch, dass der Laden nicht Top-Down von uns als Geschäftsführer geführt wird, sondern dass es beispielswiese mehrere Geschäftsführer in Teilzeit geben wird. Das wäre auch eine Möglichkeit für die Zukunft den Laden als Kollektiv zu führen.

Hannes: Es gäbe auch die Möglichkeit einer Genossenschaft. Jetzt sind wir eine GbR.

Konstantin: Eine Genossenschaft ist aber relativ schwierig zu gründen. Dann ist es nicht mehr so einfach mit den Mitgliedsbeiträgen, aber es wäre eine Idee. Das Konzept soll aber mal unabhängig von den Leuten stehen, das ist nicht an Personen gebunden.

Hannes: Wir würden uns freuen, wenn weitere Projekte dieser Art hier entstehen würden.

Was die Mitliederbeiträge so solidarisch macht und wie der Ökoesel nach München gekommen ist, gibt’s hier zum Nachlesen!

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