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Gesellschaftliche Megatrends

Wie demografischer Wandel, Globalisierung, Migration und Konnektivität Zukunftsmärkte treiben.

Isabel Oostvogel

VerantwortungUmfeld

Bedeutung für Unternehmen

Um Produkte oder Dienstleistungen am Markt etablieren zu können, ist es hilfreich zu wissen, welche Trends im gesellschaftlichen Umfeld vorliegen und wie sich diese entwickeln können. Sowohl gegenwärtige Strömungen als auch zukünftige Entwicklungen sollten Teil des Betriebswissens sein um stets auf Veränderungen vorbereitet zu sein. Vor allem im Bereich des Ecopreneurship bzw. Social Entrepreneurship und folglich der gesellschaftlichen und ökologischen Mehrwertschaffung sind folgende Fragen relevant: Wie wird sich die Gesellschaft weiterentwickeln? Mit welchen Trends werde ich als Unternehmer konfrontiert? Bin ich auf den Wandel vorbereitet?

Bedeutend ist somit nicht nur das systematische Beobachten des Marktes. Auch weitentfernte Zukunftstrends, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln werden, sind zentral. Entwicklungen, die sich laut Forschungen in den nächsten 30 Jahren oder mehr ergeben werden, werden Megatrends genannt. Diese langfristigen Entwicklungen werden sich massiv auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt auswirken -und das in der Regel weltweit. Ihre Wirkungsbereiche erstrecken sich somit auf eine Vielzahl von Regionen und Akteuren. Ein Grundverständnis über diese Treiber kann Unternehmer dabei unterstützen, das Unternehmen frühzeitig auf Veränderungen vorzubereiten und den Ansprüchen entsprechend zu gestalten. Letztendlich treiben Megatrends Zukunftsmärkte, die durch innovatives und unternehmerisches Handeln angestrebt werden.

Im Folgenden werden vier zentrale, gesellschaftliche Megatrends erläutert.

1. Demografischer Wandel

Fertilität, Mortalität und Migration
Fertilität bezeichnet die Zahl der Lebendgeburten von Frauen. Die Geburtenfähigkeit ist von zahlreichen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen und umweltspezifischen Bedingungen beeinflusst. Unter Mortalität versteht man die Sterblichkeit und somit die Lebenserwartungen in einer Gesellschaft. Ursachen und Zeitpunkt des Sterbens hängen mit vom medizinischen und sozialen Entwicklungsstand der Gesellschaft ab. Migration umfasst alle Ein- und Auswanderungen in einer Region und ist im starken Ausmaß abhängig von den dort vorliegenden politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Fertilität, Mortalität und Migration bestimmen die Bevölkerungsstruktur. Global gesehen lässt sich bei weitem nicht von einem einheitlichen demografischen Entwicklungsvorgang sprechen: Ein sehr heterogenes Bevölkerungsbild mit verschiedenen Entwicklungstendenzen zwischen den Kontinenten ist bestimmend. Eine weltweite Bevölkerungszunahme zeichnet sich ab, so dass bis 2050 mit rund 9,1 Mrd. Einwohnern gerechnet wird. Dabei verschieben sich geographisch die Bevölkerungsanteile massiv. Grund dafür ist der Bevölkerungsanstieg in asiatischen und afrikanischen Ländern. Lag der Anteil Afrikas an der Weltbevölkerung im Jahr 2000 bei 13,4%, wird damit gerechnet, dass dieser bis 2050 auf 21,3% ansteigt. Auch Asien bleibt weiterhin stark am Bevölkerungswachstum beteiligt.

In Europa zeichnet sich der gegenläufige Trend ab: Lag der Gesamtanteil an der weltweiten Bevölkerung im Jahr 2000 trotz starker Abnahme noch bei 12%, ist für das Jahr 2050 ein Anteil von 7,2% vorhergesagt. Dieser Bevölkerungsrückgang gilt auch in Deutschland: Von heute rund 82 Millionen Einwohnern wird die Bevölkerung Deutschlands nach verschiedenen Prognosen bis zum Jahr 2030 auf rund 77 Millionen schrumpfen. Sinkende Geburtenzahlen können dabei nicht durch die steigende Lebenserwartung der Menschen ausgeglichen werden, obwohl der Anteil der älteren Generation im Verhältnis zum Anteil der Neugeburten stetig wächst. Waren 2008 noch 16,8 Millionen Menschen in Deutschland älter als 65, so werden es in 2020 18,6 Millionen und in 2060 rund 22 Millionen sein. Dies bringt erhebliche politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen mit sich.

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2011): Demographischer Wandel in Deutschland

 

2. Globalisierung

Die grenzüberschreitende Vernetzung und Abhängigkeit unterschiedlichster Akteure nimmt immer stärker zu, internationale Transporte werden immer schneller vollzogen. Der internationale Handel im Sinne des Austauschs von Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften und der damit einhergehende internationale Wettbewerb werden sich weiter beschleunigen. Neben der wirtschaftlichen Dimension spielt vor allem der Informationsaustausch eine zentrale Rolle.  

Der überstaatliche Wettbewerb verstärkt sich und neue Herausforderungen hinsichtlich der Zusammenarbeit entstehen. Ungleichheiten zwischen aber auch Differenzen innerhalb der Länder und ihre Auswirkungen vergrößern sich. Diese Tendenzen sind vor allem bedingt durch die globale Wirtschaft, den damit verbundenen Arbeitsplatzbedingungen und Löhnen.

Gemeinsam mit dem global wachsenden Bildungsniveau und einer globalen Mittelklasse ist ein Strukturwandel zu erkennen - eine neue Ordnung entsteht. Der Einfluss der sogenannten BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) am Markt steigt. Das Verhältnis der drei Zentren, dem europäischen (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien), dem amerikanischen (Kanada, Mexiko, USA) sowie dem asiatischen Quadrat (China, Indien, Japan, Korea) war bis 2010 relativ stabil, wird sich jedoch laut Prognosen in den folgenden Jahren immer stärker in Richtung der asiatischen Gebiete verlagern. So werden Länder wie China und Indien ihre Wirtschaftsleistung erhöhen, die übrigen G8-Staaten überholen und immer stärker den Takt der globalisierten Märkte bestimmen. Westliche Länder müssen dabei mit einer Machtabnahme rechnen. Während die Vernetzung Deutschlands mit Europa und der Welt zunimmt, so steigen auch die daraus resultierenden Herausforderungen und Abhängigkeiten. 

Kharas, H. (2010). The emerging middle class in developing countries
OECD Development Centre.

 

3. Migration

­Mit den beschriebenen demografischen Veränderungen sind auch weltweite Ab- und Zuwanderungen (Migration) von zentraler Bedeutung. Diese Wanderungen lassen sich in internationale und nationale Migration unterteilen. Die Zukunft ist somit sowohl geprägt von Wanderungen zwischen den Staaten, als auch von Binnenwanderungen.

Der prozentuale Anteil der internationalen Migranten hat sich stark verändert und wird auch zukünftig neue Entwicklungen erfahren. Lagen früher Länder wie Asien an der Spritze der Zuwanderungsgebiete, befindet sich inzwischen mehr als ein Drittel aller Migranten in Europa. Mit der in Europa vorherrschenden Bevölkerungsabnahme geht ein Arbeitskräftemangel einher, der das Erwerbspotenzial verringert. Um der Arbeitsnachfrage, dem Bedarf an Pflegepersonal und dem Wirtschaftswachstum standzuhalten und somit das Sozialsystem weiterhin finanzieren zu können, ist die Aufnahme von Migranten sowohl heute also auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil der deutschen Wirtschaft. In europäischen Gebieten mangelt es an Fachkräften, in umliegenden bevölkerungsreichen Regionen befinden sich zahlreiche Ingenieure, Wissenschaftler und qualifizierte Arbeitskräfte. Eine bessere wirtschaftliche Aussicht fördert deren Zuwanderung nach Deutschland. Nur so ist es möglich, einen Ausgleich hinsichtlich der sinkenden Zahl der jüngeren Bevölkerung bei zunehmender Zahl der Älteren zu schaffen.

Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel treten auch landesintern neue Herausforderungen auf: neben den globalen Migrationsbewegungen findet eine Entvölkerung bestimmter Landteile statt. So zeichnet sich die interne Migration stark durch Urbanisierung aus, d.h. ein großer Teil der Bevölkerung wird sich zukünftig in den städtischen Ballungszentren aufhalten und leben. 

Neben der starken Zunahme der Arbeitsmigration nimmt auch die politisch oder ökologisch bedingte Migration, die sogenannten Flüchtlingsmigration weiter zu. Kriege, Vertreibung, religiöse oder politische Verfolgungen liegen dieser meist zugrunde. Diese Zunahme spiegelt sich auch in der steigenden Anzahl an Projekten wieder, die sich für eine bessere Integration von Flüchtlingen stark machen. So zum Beispiel Cucula, ein Unternehmen von und für Flüchtlinge, das ein Versuchsmodell für Ausbildungsmöglichkeiten für Flüchtlinge anbietet und gemeinsam mit ihnen Designermöbel herstellt.

4. Konnektivität

Auch die Formen des Austauschs und der Kommunikation werden sich verändern und weiterentwickeln und dadurch die Gesellschaft stärker miteinander vernetzen. Das Internet gewinnt dabei als Hauptmedium der Information und Kommunikation an Bedeutung. Gemeinsam mit dem Ausbau digitaler Medien wird eine globale Wissens- und Informationsgesellschaft gefördert. Herausforderungen wie Ökologie, Demografie, Gesundheit, Bildung spielen innerhalb dessen eine zentrale Rolle.

Laut Studien werden in den folgenden zehn Jahren 95% der Bevölkerung in Deutschland/Europa und USA die Dienste des Internets als festen Bestandteil des Alltags integriert haben. Im Jahr 2035 ist bereits mit einer weltweiten Internetnutzung von 75% der Gesamtbevölkerung zu rechnen. Die bisherige digitale Spaltung wie Zugangsoptionen und Breitbandangebote werden immer stärker behoben.

Das weltweite Zusammenarbeiten mit Hilfe moderner Kommunikationsmedien wird den Alltag von Menschen prägen und die Mensch-Maschine-Interaktion verändern. Adaptive technologische Hilfsmittel, die automatisiert in verschiedensten Bereichen Unterstützung leisten sowie digitale intelligente Alltagsassistenz werden den Alltag bestimmen. Ein Beispiel hierfür ist der Mindreader-Helm, der dazu in der Lage ist, Gedanken zu erfassen und in einem Mindmapverfahren digital festzuhalten. Oder digitale Assistenten, die Autos, Autobahnen, Kameras, Medikamente, Smartphones und Körpertemperaturen auf ganz neue Art und Weise miteinander vernetzen. So sind gesellschaftliche Megatrends im Wechselspiel mit technologischen Megatrends zu sehen. Diese neuen Formen der IKT-Infrastrukturen (Informations- und Kommunikationstechnologien) beeinflussen  Wirtschaft und Politik wie auch die Gesellschaft allgemein. 

Quellen
 

 

Bei der Entwicklung einer Idee und der Gründung eines Unternehmens ist es wichtig, verschiedene gesellschaftliche Megatrends und deren Auswirkungen zu bedenken. Was sind Strömungen unserer Zeit und wie kann man sich richtig über diese informieren? Wie unsere Gesellschaft in 50 Jahren aussieht ist schwer – wenn nicht sogar unmöglich – exakt zu prognostizieren, vor allem da unterschiedliche Zukunftstrends vorhergesagt werden. Trotzdem können sie als Inspirationsquelle für neue Idee dienen und dabei helfen, ein Unternehmen „zukunftsfähig“ zu machen. Zudem können Probleme und Handlungsfelder, die durch die Trends aufkommen,  Ausgangspunkte für eine Unternehmung darstellen.

Verschiedene Zukunftsforscher und Institute sind als Orientierung zu erwähnen:

Zum einen das Zukunftsinstitut des Inhabers Matthias Horx, das sich seit vielen Jahren mit der Forschung verschiedener Megatrends beschäftigt. Zusätzlich zu diversen Publikationen werden u.a. Workshops zum Umgang mit verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen angeboten.

Zudem gibt es differenzierte Delphi-Studien, die dabei unterstützen, zukünftige Ereignisse, Trends und technische Entwicklungen einzuschätzen. Als Instrument zur Voraussage technischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen dienen unter anderem mehrstufige Befragungen von Experten aus verschiedener Fachbereichen.
Eine Beispielstudie lautet: Nationaler IT-Gipfel: Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Informations- und Kommunikationstechnologien und Medien

Auch die Dienste und Informationen des international tätigen Beratungsunternehmens Z.punk geben hilfreiche Einblicke in unternehmerische Zukunftsforschung. Z.punkt bietet Hilfestellung, indem Trends in die Praxis unternehmerischen Managements übersetzt werden. 

Auch das IZT Institut für Zukunftsstadien und Technologiebewertung ist zu nennen. Zu den Aufgabenfeldern des IZT zählen verschiedene Forschungsprojekte, das Erstellen von Gutachten sowie die Beratung der Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Chancen und Risiken neuer Technologien, deren Entwicklung, Gestaltung und Innovationsförderung hinsichtlich des notwendigen Strukturwandels werden aufgezeigt.  Das IZT analysiert und entwickelt Lösungsstrategien für eine zukunftsorientierte Entwicklung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, sowie der Lebensqualität. 

Ähnlich wie das Schweizer Projekt der Senior Design Factory, hat sich MyOma als Social Startup das Ziel gesetzt, älter werdende Generationen zu integrieren und deren Wissen und Know-How im handwerklichen Bereich am Leben zu erhalten. MyOma bietet älteren Damen die Möglichkeit ihre Lebenserfahrung, Hobbies und ihr Wissen zu nutzen und gleichzeitig ihre Rente etwas aufzubessern. So vertreibt MyOma als online Label von älteren Damen selbstgestrickte Mützen, Schals und sonstige Accessoires. Einerseits wird der Nachfrage der jüngeren Generationen nach hochwertige Accessoires begegnet und andererseits bleiben bzw. werden „die Omas“ aktiv in der Gesellschaft integriert. Wichtig ist dem Sozialunternehmen nicht nur, dass ältere Menschen Unterstützung erhalten, sondern auch dass eine funktionierende Gemeinschaft entsteht. Demografische Entwicklungen zeigen, dass unsere Gesellschaft in Zukunft durch immer mehr ältere Menschen geprägt ist. Dieser Generation soll eine Stimme gegeben und eine sinnvolle Aufgabe auch im Rentenalter geboten werden. Die erzielten Gewinne können die Rentenbeiträge der Damen etwas aufstocken, so dass MyOma auch einen nachhaltigen wirtschaftlichen Beitrag zur Integration älterer Generationen leistet.


 

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