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Ein bisschen mehr Chance bitte! – Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommen

12. Juni 2019 By

Chancengleichheit darf nicht nur ein Phrase sein, sondern muss gelebt werden. Damit das klappt, wird immer wieder ein bedingungsloses Grundeinkommen gefordert. Doch das ist eine ziemlich anspruchsvolle Idee.

Man kann es ruhig angehen oder richtig krachen lassen. Die Tage können am Schreibtisch vorbeiziehen oder im Zechenschacht nicht einmal zum Vorschein kommen. Egal jedoch wie das eigene Leben auch aussieht, eines haben wohl alle gemeinsam: sie sind voll von Entscheidungen. Einige davon sind einfach, andere riskant und gewiss mitunter schon längst überfällig. Ins Gewicht fallen dürften wohl auch gerade diejenigen, bei denen es um die Weichenstellung zur eigenen und gelungenen Selbstverwirklichung geht. Ganz konkret heißt es dann: Abitur oder nicht? Die Lehre zur Klavierbauerin machen oder doch die Bürokarriere durchziehen? Oder warum nicht gleich den alten, schnöden Job an den Nagel hängen und mit dem eigenen Café endlich das machen, was schon immer der eigene Traum wahr? Ja, warum eigentlich nicht? Die Antwort kommt prompt: Weil es oft nicht ums Wollen, sondern ums Können geht. So braucht es zur Café-Gründung oder zum nachgeholten Bildungsabschluss meist ein gewisses Finanzpolster, das aber viele nicht haben. Und so bleibt alles wie es ist und eine Entscheidung nicht mehr als ein unerfüllbarer Wunsch. So ein Dilemma wollen viele Menschen zur Recht nicht hinnehmen und haben sich deswegen Gedanken gemacht, wie es auch anders funktionieren könnte. Eines der bekanntesten Ergebnisse solcher Überlegungen  ist das bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee dahinter ist einfach, stellt aber das gewohnte System aus Sozialstaat und Arbeit ziemlich auf den Kopf.

Gerechtigkeit als Gleichheit

Ganz grundsätzlich würde dabei jede Bürgerin und jeder Bürger eines Landes eine bestimmte und regelmäßige Geldsumme vom Staat ausgezahlt bekommen, die jedem wiederum zur freien Verfügung steht. Keine Bedingungen und keine Unterschiede also. Dabei geht es natürlich nicht bloß um ein paar Euro pro Monat, sondern soll der Betrag des Grundeinkommens so hoch sein, dass eine ganzwertige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oder zumindest die Chance dazu, möglich ist. Ohne jetzt gleich den geistigen Taschenrechner anzuwerfen, könnte das bedeuten, dass Armut und Obdachlosigkeit ein für alle Mal der Vergangenheit angehören und der Mensch seine Abhängigkeit von der Lohnarbeit ein Stück weit aufgeben kann. Zumindest dürfte es ziemlich schwer sein Menschen auszubeuten, die nicht jeden einzelnen Euro zweimal umdrehen müssen und sich somit in einer besseren Verhandlungsposition befinden. Die Selbstbestimmung rückt also in den Mittelpunkt. Das bedeutet in beruflicher Hinsicht auch, dass man es sich leisten kann die Dinge zu verfolgen, die den eigenen Zielen und Wünschen entsprechen. Denn wer sich Aufgrund seiner Herkunft sich die Privat-Uni nicht leisten konnte, kann es jetzt vielleicht. Eine Andere kann durch den Rückgriff auf ihr Grundeinkommen vielleicht ihre Arbeitsstunden reduzieren und sich endlich den Plänen der eigenen Unternehmensgründung widmen. Man muss also nicht Karl Marx heißen, um zu verstehen, dass ein Grundeinkommen dazu dienen kann, Menschen aus einem Abhängigkeitsverhältnis zu befreien, in dem sie nicht das bekommen, was ihnen eigentlich zusteht.

Beim bedingungslosen Grundeinkommen scheiden sich die Geister. Aber warum eigentlich? (c) DIW Berlin, Wochenbericht 15/2019

Bleibt nur die Frage: Warum gibt es hierzulande kein Grundeinkommen, wenn dessen Vorteile doch so klar auf der Hand liegen? Die typischen Antworten auf diese Frage klingen meistens  ungefähr so: Das Grundeinkommen könne unmöglich öffentlich finanziert werden! Oder: In einem Sozialstaat wie Deutschland braucht es gar keine Mittel wie das des bedingungslosen Grundeinkommens!

Die Finnen machen es ein bisschen vor

Aber stimmt das? Nicht ganz – das beweist ein Blick über die eigenen Ländergrenzen hinaus. So testete Finnland in einem zweijährigen Experiment, 2017 und 2018, ob sich mithilfe eines bedingungslosen Grundeinkommens vorhandene soziale Sicherungsmechanismen verschlanken lassen und das bedingungslose Grundeinkommen möglicherweise ein geeignetes Mittel darstellt, den geänderten Arbeitsbedingungen im Informationszeitalter zu begegnen. Letztlich versprach man sich mehr Jobanreize zu schaffen, unnötige Bürokratie zu reduzieren und vor allem eine Kultur des Experimentierens zu etablieren.  Dafür bekamen 2.000 arbeitslose Personen im Alter zwischen 28 und 57 Jahren monatlich 560 Euro ausgezahlt, was ungefähr der Summe des ohnehin ausgezahlten Arbeitslosengeld in Finnland entspricht. Zugegeben, eigentlich handelt es sich hier eher um ein bedingungsloses Arbeitslosengeld als um ein Grundeinkommen. Aber noch eine weitere Erkenntnis ist entscheidend: Laut einer offiziellen und vorläufigen Auswertung der Daten, hatten die Personen  mit bedingungslosen Grundeinkommen zwar keine größeren oder geringeren  Chancen auf dem Arbeitsmarkt als die Personen ohne Grundeinkommen, aber – und das ist vielleicht viel wichtiger – sie waren glücklicher. Der Auswertung zu Folge war das allgemeine Wohlbefinden der Personen mit Grundeinkommen deutlich besser als bei den Personen ohne. So wiesen erstere in der Testphase deutlich weniger gesundheitliche Probleme auf, hatten weniger Stress und waren deutlich zuversichtlicher über die eigene Zukunft und die eigene Fähigkeit auf gesellschaftliche Probleme einwirken zu können.

Die Chancen auf dem finnischen Arbeitsmarkt konnte das bedingungslose Grundeinkommen kaum erhöhen, dafür aber das Wohlbefinden der Testpersonen. Quelle: The basic income experiment 2017–2018 in Finland: Preliminary results

1:0 für das Grundeinkommen also, oder doch nicht? So einfach ist es leider nicht. Denn mag das finnische Experiment bisher zwar einzigartig und vielversprechend sein, sagt es über die flächendeckende Umsetzung in einem ganzen Land nur wenig aus. So bleibt auch weiterhin das stärkste Argument gegen das Grundeinkommen die damit verbundene Unsicherheit. Niemand weiß, wie sich eine landesweite Umsetzung auf die sozialen Sicherungsnetze auswirken wird. Denn ein Grundeinkommen ist nur dann möglich, wenn es durch vorherige Wirtschaftsleistungen finanziert werden kann und wer kann schon versichern, dass Menschen nicht nur auf der faulen Haut liegen, sobald sie über ein Grundeinkommen verfügen? Zugegeben, so ein Gegenargument ist ganz schön schief. Denn lässt sich wirklich ein derart negatives Bild vom Menschen zeichnen? Und sind Arbeitsverhältnisse, die auf Ausbeutung beruhen in ihren Auswirkungen nicht sogar gefährlicher?  

Eine zu einfache Rechnung

Aber Unsicherheit hin oder her – am Ende kann sich das bedingungslose Grundeinkommen eh kein Land der Welt so richtig leisten. Diese Argument hört man oft und es existiert in den verschiedensten Varianten. Die Rechnung dabei ist immer die gleiche: In Deutschland leben rund 83 Millionen Bürger*innen, davon erhält jede*r im Monat 1.000 Euro. Das macht monatlich 83 Milliarden- und jährlich rund eine Billionen Euro, die der Staat ausgebeben müsste. Geld das er nicht hat, so die Gegner. Denn dieser Summe stünden nur rund 356 Milliarden Euro Budget aus dem Bundeshaushalt gegenüber – unmöglich also ein bedingungsloses Grundeinkommen zu finanzieren. Solche Rechnungen haben aber einen ausgemachten Schönheitsfehler. Hierbei wird nämlich vergessen, dass der Staat jährlich weitaus mehr für Sozialleistungen ausgeben kann, als die sogenannte Rechnung suggerieren will. So kommen zu den, für Sozialausgaben veranschlagten und steuerfinanzierten Anteil des Bundeshaushalts – im übrigen rund 181 Milliarden Euro –  aktuell noch rund 965 Milliarden Euro an Ausgaben aus den Sozialversicherungssystemen, etwa für Rente und Kindergeld, dazu. Klar, dieser Anteil kommt nur zustande, sofern er aus erarbeitenden Löhnen oder Unternehmensgewinnen eingefordert werden kann. Ganz grundsätzlich scheint es aber doch möglich zu sein, die notwendigen finanziellen Summen für ein bedingungsloses Grundeinkommen aufzubringen.

Modelle, die beschreiben, wie aus diesen Geldern ein Grundeinkommen bedingungslos ausgezahlt werden kann und gleichzeitig niemand deshalb unnötig mehr belastet wird, gibt es dabei zuhauf. Ob die sich wirklich umsetzen lassen, muss wahrscheinlich an anderer Stelle entschieden werden, ganz unrealistisch erscheint es jedoch nicht.

Der Bundeshaushalt wird oft benutzt. um gegen das bedingungslose Grundeinkommen zu wettern. Das Problem dabei: die Rechnung geht nicht ganz auf. Quelle: Bundesministerium der Finanzen

Der ungerechte Wolf im sozialen Schafspelz?  

Ein Grundeinkommen ist also grundsätzlich möglich aber nicht ganz bedingungslos. Denn die Beiträge, aus denen es sich ergibt, müssen schlichtweg erarbeitet werden. Aber noch eine ganze andere Frage drängt sich auf: Braucht ein Gesellschaft überhaupt ein bedingungsloses Grundeinkommen um sozial gerecht zu sein, schließlich leben wir doch in einem intakten Sozialstaat? Befürworter des Grundeinkommens würden jetzt argumentieren, dass damit die Bürokratie in einem Sozialstaat verschlankt werden würde und somit ein Menge Geld eingespart werden kann. Aber für was eigentlich?  Für eines schon mal nicht: mehr Gerechtigkeit. Klar, so ein bedingungsloses Grundeinkommen hat den großen Vorteil, dass es sich nicht um gesellschaftlichen Status und Ansehen schert – jeden also gleichbehandelt. Leider kommt jetzt doch eine großes Aber: Chancengleichheit garantiert diese blinde Verteilung von Geldern noch lange nicht.

Das bedingungslose Grundeinkommen will mehr Gerechtigkeit schaffen – genau daran könnte es jedoch scheitern.

Denn Menschen sind verschieden und brauchen manchmal mehr Unterstützung als andere, um die gleichen Chancen zu erhalten, wie diejenigen, die vielleicht bessere Startbedingungen im Leben haben. Chancengleichheit heißt dann, dass Ungleiches verschieden behandelt werden muss, um letztlich wieder Gleich zu sein. Zumindest dann, wenn es um die faire Verteilung von Chancen geht. Beim bedingungslosen Grundeinkommensrechner leuchtet spätestens jetzt die Alarmglocke hellrot auf, denn jedem 1.000 Euro im Monat auszuzahlen und dann noch bedarfsgerecht Transferleistungen obendrauf zu legen, scheint ein ziemlich ehrgeiziges Vorhaben zu sein, vielleicht zu ehrgeizig. Selbst wenn etwa Steuererhöhungen eine Finanzierung stemmen könnten, wäre es immer noch ziemlich schwer Menschen in Pflegeberufen samt Schichtdienst zu erklären, warum sie mehr Steuern zahlen sollen, damit auch der letzte Multimillionär seine 1.000 Euro im Monat bekommt. Vielleicht liegt hier ja der größte Widerspruch im bedingungslosen Grundeinkommen: Es will mehr Gerechtigkeit, fordert sie aber zugleich ziemlich heraus. Vielleicht wäre es wichtiger die eigentlichen Probleme direkt anzugehen, indem man für faire Mindestlöhne kämpft und Geld gerechter von oben nach unten weitergibt. Und hey! Vielleicht gibt es auch einen goldenen Mittelweg, auf dem man sich mehr trauen kann und darf; auf dem die richtigen Weichen für ein bisschen mehr Chancen fair und gerecht gestellt werden – wir werden ihn finden müssen.


// Lesetipp

  • The basic income experiment 2017–2018 in Finland. Preliminary results 
  • Die Struktur des Bundeshaushalts 

 

Wo geht die Reise hin, relaio?

12. April 2019 By

relaio entwickelt sich weiter und wird die Onlineplattform für gesellschaftlichen Wandel.

relaio verändert sich und erscheint jetzt nicht nur in neuem Design, sondern stellt sich auch inhaltlich breiter auf. Bisher war nachhaltiges Unternehmertum das Hauptaugenmerk von relaio: Soziale Innovationen und nachhaltige Produkte, die eine Alternative zu gegenwärtigen Konsum- und Lebensweisen bieten und Aufmerksamkeit für Probleme und gesellschaftliche Missstände schaffen. Doch oft können sie nur einen kleinen Beitrag dazu leisten, das dahinterliegende Problem zu lösen. Nachhaltige Innovationen verbreiten sich in der Gesellschaft oft nicht weit genug, um sich als echter Gegenentwurf zu etablieren und alte, nicht nachhaltige Praktiken werden nicht abgelegt – die Probleme bleiben bestehen. Auch viele Gründer*innen, die eine Menge Herzblut in ihre Projekte stecken und den persönlichen Profit dahinter weit zurückstellen, stehen vor dieser Herausforderung. Ein gutes Beispiel hierfür sind Einwegkaffeebecher. Obwohl es nachhaltigere Alternativen gibt, nämlich den eigenen Becher mitzubringen oder Pfandsysteme mit Mehrwegbechern, ändert sich wenig an der Menge der weggeworfenen und schwer recyclebaren to-go Becher. Auch gehen die nachhaltigen Komponenten der Innovation oft in bestehenden technischen und ökonomischen Dynamiken unter: Produkte, die die Welt ein Stück besser machen sollen, gekauft aus den besten Absichten, mögen vielleicht ökologischer oder sozialer sein als konventionelle Massenware. Aber im bestehenden Wirtschaftssystem werden sie meist genauso nur konsumiert. Dies geschieht zum Beispiel oft mit nachhaltig und fair produzierten Klamotten, die dann genau wie die Fast Fashion nach einer Saison im Schrank hängen bleiben. Dabei hätten viele Innovationen sehr wohl das Potential, etwas zu ändern und Probleme nachhaltig zu lösen. Doch dafür müssten sich gewisse gesellschaftliche Grundvoraussetzungen ändern.

Warum brauchen wir gesellschaftlichen Wandel?

Das mag auf den ersten Blick zwar nicht als die oberste Priorität erscheinen, besonders wenn es sich um ökologische Probleme handelt, die vermeintlich nach einer technischen Herangehensweise verlangen. So wie das zum Beispiel CO2-Emissionen sind, die scheinbar gut durch Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden können. Um zu verstehen, warum gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind, ist deshalb zunächst ein Blick zurück hilfreich. Wir befinden uns gerade in einem Epochenwechsel, dem Beginn des Anthropozäns, in dem die Menschheit erstmals in ihrer Geschichte dabei ist, globale geoökologische Prozesse selbst zu beeinflussen, während sie zuvor einseitig der Beeinflussung durch die natürliche Umwelt unterworfen war. Zwei große Transformationen haben die Menschheit dorthin geführt, wo sie jetzt ist: die neolithische Revolution und die industrielle Revolution. Der Wandel zur Agrargesellschaft und schließlich zur Industriegesellschaft hat die menschliche Existenz zunehmend von den Begrenzungen der Natur emanzipiert und weiten Teilen der Menschheit ein Leben jenseits des bloßen Überlebens ermöglicht. Diese beiden großen Umbrüche waren weitgehend ungesteuerte Ergebnisse evolutionären Wandels, in denen neue technologische und ökonomische Möglichkeiten den Takt vorgaben – mit weitreichenden Folgen für die Gesellschaft. Im Kontext der industriellen Revolution kam es zu einem Prozess, den der ungarisch-österreichische Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi bereits 1944 als „Die große Transformation“ bezeichnet hat. Damit bezeichnete er die stetig fortschreitende Verselbstständigung und Entbettung des Wirtschaftssystems gegenüber der Gesellschaft und den Regeln des sozialen Zusammenlebens. Dadurch, dass Geld, Arbeit und Boden als Waren kapitalistisch in Wert gesetzt und am Markt gehandelt werden, sind sie traditionellen sozialen Kontrollmechanismen entzogen. Die stetig voranschreitende technologische und wirtschaftliche Entwicklung wurde so mit einer wachsenden sozialen Ungleichheit und einem individuellen Gewinnstreben ohne Rücksicht auf den Rest der Gesellschaft oder die Umwelt verbunden. Die zeitgleich entstehenden Nationalstaaten haben es dabei nicht geschafft, diese Entwurzelung abzudämpfen, sondern eher sogar aktiv vorangetrieben, so dass am Ende dieser Entwicklung eine Marktgesellschaft steht, in der Wirtschafts- und Konsumweisen weltweit soziale und ökologische Probleme verursachen, aber nicht dem Wohl der Menschheit dienen. Dies bedeutet mitnichten, dass früher alles besser gewesen wäre oder es frühere soziale Kontrollmechanismen geschafft hätten, soziale Gerechtigkeit für die Bevölkerung zu bringen, aber sie hielten die Kräfte des Marktes im Griff. Um eine Wende in Richtung Nachhaltigkeit zu erzielen, ist es daher notwendig, die Leitidee in den Vordergrund zu stellen, ein gutes Leben für die gesamte Weltbevölkerung zu organisieren. Dazu müssten Wirtschaft und Technologie wieder in einen gesellschaftlichen Ordnungsrahmen eingebettet werden, der es aber ermöglicht, soziale Gerechtigkeit zu schaffen und einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben.

 

relaio ist ein Projekt der Hans Sauer Stiftung

Doch wie kann eine Gesellschaft aussehen, die ein gerechtes Leben für alle schafft und dabei die Belastungsgrenzen unseres Planeten achtet? Welche Werte, Praktiken und Technologien müssen sich ändern, damit wir die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, nachhaltig gestalten können? Und wer sind die Akteure, die dazu beitragen können, dass sich in unserer Gesellschaft ein Wandel in Richtung Nachhaltigkeit im ganzheitlichen Sinne vollzieht? relaio möchte mit der Erweiterung des Themenfeldes dazu beitragen, Antworten auf diese Fragen zu finden und einen gesellschaftlichen Wandel aktiv vorantreiben. Dazu vermitteln wir auf unserer Plattform nicht nur Wissen über gesellschaftliche Transformationen und Nachhaltigkeit, sondern liefern unter anderem auch Ansätze, wie Wohnen oder Bildung in Zukunft aussehen könnte, setzen uns mit alternativen Wirtschaftsweisen auseinander oder diskutieren politische Konzepte und demographische Entwicklungen. Außerdem stellen wir Akteure vor, die aktiv Gesellschaftlichen Wandel vorantreiben und zeigen Möglichkeiten, wie man selbst Wandel mitgestalten kann.

Betreiber und Initiator von relaio ist die Hans Sauer Stiftung, die im Jahr 1989 von dem Erfinder und Unternehmer Hans Sauer gegründet wurde. Die weitgehend operativ arbeitende Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, gezielt technische und soziale Innovationen zu fördern, ethische, ökologische und interkulturelle Fragestellungen in den Innovationsprozess zu integrieren und die Entwicklung von Kompetenzen für verantwortungsbewusstes Denken und Handeln zu fördern. Hans Sauer war der Meinung, dass Innovationen generell aus einer sozialen und ethischen Motivation heraus entstehen sollten und dabei von spürbaren gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen sein sollen. relaio will mit seiner inhaltlichen Entwicklung dieser Sichtweise Rechnung tragen.


(c) Alle Bilder Sebastian Preiß

Slow Fashion – Langlebig und zeitlos

4. Februar 2019 By

Die Slow Fashion-Bewegung will, dass auch im Bereich Mode ein Umdenken stattfindet: Weg vom Konsumieren, hin zur nachhaltigen Wertschätzung.

Jährlich kaufen die Deutschen im Durchschnitt 60 neue Bekleidungsteile – 20 Prozent der Kleidung, die wir besitzen, tragen wir überhaupt nicht und den Rest nur etwa vier Mal, bevor wir sie entsorgen. In wenigen Bereichen des Lebens kann sich der Mensch so offensichtlich individuell darstellen, wie mit dem, was er am Leibe trägt. Hinzu kommt, dass sich Trends immer wieder verändern, genauso wie der eigene Geschmack im Laufe der Zeit. Bis zu zwölf Kollektionen bringen Modelables jährlich raus. Damit wollen sie beim Kunden das Bedürfnis nach „mehr“ wecken: Oft mit Erfolg. Doch woher diese Kleidung eigentlich kommt, die wir so oft viel zu günstig und deshalb vor allem auf Kosten anderer konsumieren, das wurde sich lange nicht gefragt. Doch spätestens seit dem Fabrikunglück 2013 in Bangladesch in einer Textilfabrik, bei dem 1.135 Menschen starben und 2.438 verletzt wurden, interessieren sich mehr Menschen für die Herkunft und die Herstellungsbedingungen ihrer Kleidung. Ein Thema, das auch Andrew Morgan in seinem Dokumentarfilm „The True Cost“ behandelt“.

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Nach diesem Vorfall in Bangladesch, schlossen sich verschiedene internationale Gewerkschaftsdachverbände, wie UNI Global Union IndustriALL, und Nichtregierungsorganisationen, wie die Kampagne für Saubere Kleidung, zusammen und verfassten ein Abkommen, das bessere Arbeitsbedingungen, unabhängige Kontrollen und bessere Bezahlung für die Arbeiter in Bangladesch veranschlagte. Diese Richtlinien mussten innerhalb 45 Tage nach der Unterschrift umgesetzte werden. Zu den Unterzeichnern gehören auch H&M, Benetton, Aldi Süd, Tchibo und Mango. Doch auch wenn das erste Schritte waren, so änderte dies jedoch nichts an der Verkaufsstrategie der Firmen, die weiterhin ihre „Fast Fashion“ vorantreiben, anstatt auf einen nachhaltigeren Konsum mit mehr Qualität zu setzen. Dies soll jetzt jedoch mit einer neuen Art der Mode, der Slow Fashion, auch in der breiten Masse ankommen.

Bewusstsein schaffen

Geprägt hat den Begriff die Forscherin und Autorin des Buches „Sustainable Fashion and Textiles: Design Journeys“ Kate Fletcher. 2010 gründete die Professorin am Centre for Sustainable Fashion des London College of Fashion das Unternehmen Slow Fashion Consultancy, welches durch unterschiedliche Kampagnen auf nachhaltigen Konsum aufmerksam machen will. Grundgedanken ihres Slow-Fashion-Begriffs sind die Wiederverwendbarkeit, die Reduzierung und das Recycling von Textilien. Doch was unter Slow Fashion verstanden wird, ist sehr unterschiedlich. Für die einen ist es wichtig, dass vor allem im eigenen Land, also regional, hergestellt wird. Andere wiederum legen viel Wert auf die Langlebigkeit des Produkts und dessen Qualität, auch wenn es sich beispielsweise nicht immer um Bio-Baumwolle handelt. Das Ideal wäre wohl alle folgenden Kriterien unter einen Hut zu bringen:

  1. Langlebigkeit: Slow Fashion hat eine kurze Produktionskette, ist keine Saisonware und ist hochwertig verarbeitet. Die Langlebigkeit führt automatisch dazu, dass Ressourcen geschont werden und die Umwelt somit weniger belastet wird.
  2. Gesamtbild: Slow Fashion, das ist nicht nur das T-Shirt oder der Rock, sondern auch das ganze Drumherum. Die Arbeitsbedingungen, das soziale Gefüge der Arbeiter, das Material, die Lieferwege und die Geschichte, die dahinter steckt und sozusagen durch die Mode erzählt wird.
  3. Diversität: Slow Fashion ist nicht nur das nachhaltige Modelabel mit dem Öko-Zertifikat, Slow Fashion ist auch der Flohmarkt, der Tausch von Klamotten mit der besten Freundin, das Leihen von einem Kleid für einen besonderen Anlass oder das Upcycling von Klamotten, die man dadurch wieder aufwerten kann.
  4. Bewusstsein: Slow Fashion ist vor allem das Bewusstsein, was hinter der Produktion von Mode steckt und sich wirklich zu fragen, was man braucht und was nicht. Also nicht nur zu kaufen, sondern sich bewusst Fragen zu stellen und Verantwortung für seinen eigenen Konsum und seine Auswirkungen zu übernehmen.

Noch verbinden viele Leute faire, ökologische Mode mit einem eher unmodernen Still und mit höheren Preisen. Mittlerweile gibt es jedoch viele stylische Klamotten und Accessoires, die gut aussehen und zudem noch länger halten, als die Saisonware der Modeketten. Preislich sind sie natürlich noch gehoben, doch geht es bei der Slow Fashion schließlich auch darum, dass man nur ein T-Shirt und nicht drei kauft. Labels und Geschäfte, die Slow Fashion verkaufen sind unter anderem  Armedangels, Hess Natur, ThokkThokk und  Nudie Jeans. Viele Ideen in diesem Bereich sind aber auch erst im Entstehen und werden durch Crowdfunding- Kampagnen voran gebracht. Wie auch das Modelabel Khala.

Die Mode von Khala ist bunt, modern und nachhaltig. (c) Caroline Deidenbach

Entstanden ist die Idee zu Khala relativ spontan, als Gründerin Melanie Rödel mit Viva con Agua für ein Brunnenprojekt in Malawi war. Erst ist der Entstehungsphase stellte sie fest, wie kompliziert die Produktion von Mode ist, vor allem wenn sie nachhaltig und ökologisch sein soll. Das Start-Up verbindet europäische Schnitte mit malawischen Stoffen – zu bezahlbaren Preisen. Für sie ist der erste Schritt die soziale Nachhaltigkeit vor Ort in Malawi zu fördern. Das bedeutet am Ende faire Bezahlung, Urlaubstage und eine Krankenversicherung für die Schneider vor Ort. Zukünftige Schritte wären dann auch die Produktion von Bio-Baumwolle und eine nachhaltige Lieferkette. Über die Weiterentwicklung ihrer Geschäfte berichten die Macher von Khala übrigens auch auf relaio in ihrer Kolumne.

Die Kleidung ist für viele nachhaltige Modelables ein Weg die Informationen über Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit unter die Menschen in Europa zu bringen, in der Hoffnung, dass sich ihre Kunden mit dem Thema auseinandersetzen. Kritisch kann man dabei natürlich sehen, dass wieder etwas konsumiert wird – also Ressourcen verbraucht werden und damit eigentlich wieder nur der klassische Markt bedient wird. Doch genauso muss bedacht werden, dass sich, vielleicht auch nur im Kleinen, vor Ort etwas ändert, wenn beispielsweise ein malawischer Schneider mit dem Geld seine Kinder auf die Schule schicken kann. Nicht zu vergessen, wenn wenigsten ein Teil der Kunden anfängt sich Gedanken über den eigenen Konsum zu machen und diesen zu reduzieren, dann hat schon Wirkung gezeigt.

Nachhaltiger Materialeinsatz

7. Dezember 2018 By

Über das wahre Gewicht eines Handys und was man bei dem Einsatz von Ressourcen beachten sollte

Plastiktüten sind schlecht. Baumwollbeutel sind besser. Oder etwa nicht? Eigentlich scheint es so einfach zu sein, doch leider ist es etwas komplizierter. Denn alles, was wir nutzen, ob nun eine Dienstleistung oder ein Produkt, verbraucht Ressourcen. Wie viele, das ist auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich. Wie viel Wasser wurde verwendet? Wie viel Energie wurde verbraucht? Wie viele Tonnen Erde wurden umgewälzt? Das sind alles Fragen, die es bei einem nachhaltigen Einsatz von Materialen zu beantworten gilt.

Radikale Dematerialisierung

Bereits 1983 wurde von den Vereinten Nationen eine Kommission für Umwelt und Entwicklung eingerichtet, die 1987 ein Konzept zur „langfristigen umweltverträglichen Ressourcennutzung“ vorstellte. An der Umsetzung hapert es bis heute. Ein bedeutender Wissenschaftler, der sich mit dem Einsatz und der Verschwendung von Ressourcen auseinandergesetzt hat, ist Friedrich Schmidt-Bleek. Er stellte 1991 seine Theorie der radikalen Dematerialisierung um den Faktor 10 vor, die Ressourceneffizenz auf Dauer erheblich verbessern sollte. Problematisch sind die Stoffströme, die immer dann entstehen, wenn etwas produziert wird. Bisher wurde aber dem Input weniger Aufmerksamkeit zuteil als dem Output, also weniger bei der Herstellung als bei dem Abfall und den Emissionen und deren Auswirkungen auf die Umwelt. Der Input bei der Kohle-Gewinnung wäre zum Beispiel der Abraum, also Sand und Lehm, der bei der Gewinnung der Kohle bewegt werden muss. Der Output wiederum wären die Emissionen der Kohlekraftwerke. Die Folgen dieser massiven Bewegungen von Ressourcen sind bereits sichtbar: Ozonloch, Klimawandel, Bodenerosion.  Diese Stoffströme müssen laut Schmidt-Bleek radikal reduziert werden – und zwar beim Eingang, nicht beim Ausgang. Für diese Dematerialisierung braucht es nach Schmidt-Bleeks Berechnungen den Faktor 10.

Ökologischer Rucksack

Um zu verstehen, wie viel Ressourcen ein Produkt oder eine Dienstleitung kostet, hat Schmidt-Bleek 1994 den Begriff des Ökologischen Rucksacks eingeführt. Dieser zeigt, wie viel Gewicht durch die Herstellung, Nutzung und Entsorgung von Ressourcen anfallen.

Wie schwer ist ein Handy?

Um das Gewicht des ökologischen Rucksacks eines Produkts auszurechnen, zum Beispiel von einem Handy, hat Schmidt-Bleek das Maß MIPS (Material-Input pro Einheit Service) eingeführt. Auch beim Ecodesign hat man sich mit ähnlichen Fragen auseinandergesetzt.

MIPS – die Berechnung eines Lebenszyklus

MIPS berechnet nicht nur das Gewicht des Ökologischen Rucksacks, sondern den gesamten Lebenszyklus eines Produkts, von der Herstellung, über die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Für den Material-Input (MI) gibt es fünf verschiedene Kategorien (abiotische Rohmaterialien, biotische Rohmaterialien, Landbewegungen durch Land- und Forstwirtschaft,  Wasser, Luft). Die Maßeinheiten des Ökologischen Rucksacks sind Gramm, Kilogramm und Tonne. Service (S) hingegen hat keine Dimension und definiert sich nach der Leistung des spezifischen Gutes. Ein durchschnittliches Handy wiegt beispielsweise 0,08 Kilogramm. Für die Produktion braucht es unter anderem viele unterschiedliche Rohstoffe aus der ganzen Welt und somit ergibt sich ein ziemlich hoher Material-Input-Faktor. Ein Deutscher wechselt durchschnittlich alle 18 bis 24 Monate sein Smartphone – somit hält sich die Dauer der Serviceleistung S auch in Grenzen. Am Ende bringt das kleine Gerät ein stolzes Gewicht von 75,3 Kilogramm auf seinen Ökologischen Rucksack.

Checkliste von Schmidt-Bleek

Ein Auszug aus der Checkliste von Schmidt-Bleek

  • Welche Materialien tragen die leichtesten ökologischen Rucksäcke?
  • Ist die Materialzusammensetzung so einfach wie möglich?
  • Wie können (bei kurzlebigen Produkten von weniger als 20 Jahren Lebensdauer) Verbundstoffe vermieden werden und Langlebigkeit anstreben/erhöhen
  • Sind Ersatzteile langfristig verfügbar?
  • Kann das Design so ausgelegt werden, dass das Produkt, nachdem es seinen ursprünglichen Zweck erfüllt hat, ganz oder teilweise für mögliche weitere Nutzungen eingesetzt werden? (Kaskadennutzung)
  • Wie können begleitende Produktanleitungen auf Papier vermieden werden? (Papier hat einen Rucksack von 15 für abiotische Rohmaterialien)

Weitere Oberpunkte der Checkliste sind

  • Abfall vermeiden oder minimieren
  • Transportaufwand verringern
  • Fragen an den Lieferanten (Materialaufwand, Energieaufwand, Entstehung von Abfall, Transportaufwand, Vermeidung von Gefahrenstoffen, Nutzungsintensität)
  • Achtung bei konfliktbeladenen Rohstoffen

Die Kritiker der Theorie von Schmidt-Bleek führen an, dass er die Belastung der Umwelt etwa durch Pestizide nicht genug Platz einräume. Doch auch die die Konfliktbeladenheit einiger Ressourcen bleiben unerwähnt. Denn Rohstoff ist nicht gleich Rohstoff – das ist klar. Es hängt nicht nur davon ab, bei wem das Unternehmen es bezieht, sondern auch von wo. Soja aus Deutschland ist beispielsweise anders zu bewerten als Soja, das in Borneo angepflanzt wird und wofür ganze Abschnitte des Regenwaldes gerodet und anschließend der Versteppung ausgesetzt werden. Es gibt aber einige Rohstoffe, bei denen man lieber zwei Mal hinschauen sollte. Dazu gehören vor allem konfliktbeladene Materialien wie Kassiterit, Coltan, Wolframit und Gold, die vor allem für Elektrogeräte (Computer und Handys) verwendet werden. Ein Unternehmen, das sich damit auseinandergesetzt hat, ist das Fairphone. Es wirbt damit, dass alle Rohstoffe für das faire Handy nur aus konfliktfreien Mienen stammen. Außerdem sei das Smartphone langlebig, da Die Nutzer einzelne Teile immer auswechseln könnten. Leider hat Fairphone den Support für sein erstes jedoch eingestellt 
Auch Diamanten, Edelhölzer und Drogenrohstoffe sind bekanntermaßen kritisch. Doch auch bei Kautschuk, Baumwolle und Kakao sollte man vorsichtig sein. Wieso? Was der Ökologische Rucksack nicht beachtet, ist, dass diese Produkte oft unter schlechten Arbeitsbedingungen gefördert werden. Ausbeutung, eine hohe Unfallgefahr, Kinderarbeit, Raubbau und Umweltschäden stehen hier auf der Tagesordnung. Betroffene Länder sind wie Sierra Leone und Kongo, sowie Burundi oder Afghanistan.

Bewusstsein schaffen

Egal ob es am Ende eine Dienstleistung ist oder ein fertiges Produkt, das verkauft werden soll: Wichtig ist, dass beim Kunden ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, wie wichtig der Einsatz nachhaltiger Materialien ist. Wenn ein Unternehmen bereits darauf achtet, dann sollte es das auch kommunizieren. Das gibt nicht nur dem Verbraucher ein gutes Gefühl, sondern führt dazu, dass er sich vielleicht auch bei anderen Produkten mehr Gedanken macht. Denn das ist auch nach Schmidt-Bleek eines der größten Faktoren: die Bevölkerung wird nicht genug darüber informiert, welche Probleme es bei der Ressourcenbeschaffung gibt und wie sich das bis zum Verbraucher hin zieht. Jeder Kauf beinhaltet also auch die Verantwortung für den Ökologischen Rucksack.

Die Gemüsekiste vom Kartoffelkombinat. (c) David Freudenthal

Plastik oder Baumwolle? –  Die Gemüsekiste vom Kartoffelkombinat.

Somit sind wir wieder am Anfang. Welches ist denn nun die bessere Variante? Das Gewicht des Ökologischen Rucksacks durchzurechnen ist nicht einfach — es bis zum Endprodukt durchzuexerzieren manchmal gar nicht möglich. Auch die Gründer vom Kartoffelkombinat haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Daniel Überall und Simon Scholl haben ein Unternehmen mit genossenschaftlicher Struktur für die regionale und ökologische Lebensmittelversorgung aufgebaut. Mittlerweile machen 650 Münchner mit, eine logistische Herausforderung, wenn man trotzdem nachhaltig sein möchte. Plastik will eigentlich keiner mehr zuhause haben, aber mit Alternativen erreicht man teilweise das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Dazu Simon: „Wir unterliegen Gesetzen und Regularien und vieles ist einfach gar nicht möglich. Würden wir zum Beispiel Tupperboxen mit ausgeben, dürften wir diese nicht gleich wieder verwenden, wenn sie von den Genossen wieder zurückkommen. Vorher müssten wir sie heiß durchspülen. Wir sind gerade dabei eine Lösung zu entwickeln, bei der der Feldsalat in Baumwollsäckchen verpackt wird und wir hätten hier die Möglichkeit, mit der Wäscherei nebenan eine kleine Zusatzlogistik aufzuziehen. Allerdings wird es wieder schwierig, wenn man da dann wieder eine Ökobilanz aufmacht!“

Über die Diffusion von Innovation

10. Dezember 2018 By

Wie sich Neuerungen in der Gesellschaft verbreiten und was GründerInnen aus diesem Prozess lernen können

Aus Nachhaltigkeitssicht haben wir in Deutschland nicht primär ein Innovationsproblem, sondern ein Diffusionsproblem.

Klaus Fichter und Jens Clausen, 2013

Wir leben über unsere Verhältnisse und brauchen dringend innovative technische und soziale Lösungen, um zu einem nachhaltigeren Lebensstil zu gelangen – könnte man meinen. Aber das Problem ist nicht der Mangel an Innovationen an sich, sondern deren mangelnde Verbreitung in unserer Gesellschaft – die Diffusion. Denn nur wenn nachhaltige Produkte oder Problemlösungen umfassend als Alternative erkannt und angenommen werden, sorgen sie auch dafür, dass nicht Nachhaltiges aus der Gesellschaft verdrängt wird. Eine weitreichende Diffusion der eigenen Innovation muss also das Ziel eines jeden Social Entrepreneurs und Ecopreneurs sein. Aber eins nach dem anderen.

Diffusion – was ist das?

Das Wort Diffusion hat wahrscheinlich jeder schon mal gehört – meist aber nicht im Zusammenhang mit Innovationen, sondern mit Chemie. Dort bezeichnet das Wort die selbständige Durchmischung von unterschiedlichen Stoffen aufgrund von Molekularbewegungen, zum Beispiel von Tinte in Wasser. Abgeleitet ist das Wort Diffusion vom lateinischen diffundere, was ausgießen, sich verstreuen oder ganz allgemein sich verbreiten heißt. In dieser Bedeutung wurde der Begriff auch für die Verbreitung von Neuerungen in einem sozialen System verwendet.

Neue Ideen und Konzepte, seien es Produktprototypen, Technologien oder auch soziale Praktiken, werden als Inventionen bezeichnet. Mit ihrer Einführung auf dem Markt oder in die Gesellschaft werden sie dann zu Innovationen – die darauffolgende Übernahme (Adaptation) durch eine wachsende Zahl von Nutzern und die damit einhergehende Verbreitung in der Gesellschaft wird anschließend als Diffusion der Innovation bezeichnet. Wenn ausreichend viele Menschen eine Innovation angenommen haben, wird das Ergebnis des Diffusionsprozesses in der Gesellschaft sichtbar. Die Gründe für eine solche Entwicklung sind aber weit weniger offensichtlich – sie sind sowohl auf persönliche Entscheidungen von Individuen, als auch auf gesamtgesellschaftliche Prozesse zurückzuführen. Die Herausforderung in der Erforschung und Erklärung von Diffusion liegt also darin, diese gegensätzlichen, aber sich beeinflussenden Prozesse in die Betrachtung zu integrieren.

Die Diffusion von Innovationen nach Rogers

Die Diffusion von Innovationen nach Rogers 

Die meisten heute gängigen Diffusionstheorien beziehen sich in ihren Grundlagen auf die Werke des amerikanischen Soziologen und Kommunikationswissenschaftlers Everett Rogers. Rogers betrachtet dabei vier Elemente, denen er eine zentrale Rolle beim Diffusionsprozess zuschreibt:

Die Beschaffenheit der Innovation

Unter diesem Punkt beschreibt Rogers, welche Vorzüge eine Neuerung für den potentiellen Adaptor hat und welche Eigenschaften hinderlich für eine Adaptation der Innovation sind.

  • Die Relative Vorteilhaftigkeit gegenüber einer etablierten Lösung ist wohl der entscheidendste Vorzug. Eine Neuerung kann in Bezug auf die technische Leistungsfähigkeit, die Effizienz, das Preis-Leistungsverhältnis aber auch hinsichtlich von sozialem Prestige Vorteile bieten, die ein Bekenntnis zur Innovation begünstigen. Ein Beispiel hierfür wären Smartphones, die unter anderem die Vorteile von Telefonen, Computern, Kalendern und so weiter kombinieren und dem Nutzer so mehr Vorteile bieten.
  • Eine hohe Kompatibilität der Neuerung mit vorhanden Bedürfnissen, Technologien oder sozialen Praktiken wirkt sich ebenfalls positiv auf das Adaptationsverhalten aus. Dies ist zum Beispiel gegeben, wenn das neue Handy mit anderen Endgeräten kompatibel ist.
  • Eine Komplexität der Innovation, die über das Verständnis des Nutzers hinausgeht, wirkt sich hingegen hinderlich auf den Innovationsprozess aus.  Beim Beispiel Smartphone trifft dies unter anderem auf ältere Menschen zu, die mit anderen Technologien aufgewachsen sind.
  • Die Möglichkeit zur Erprobung der Innovation kann aber dazu beitragen, Unsicherheit abzubauen und Informationen über ihren Nutzen zu vermitteln. Die Flagshipstores von Smartphone Herstellern sind zum Beispiel oft so gestaltet, dass dies bestmöglich umgesetzt wird.
  • Wenn Vorzüge beobachtbar werden, weil die Innovation Einzug in das persönliche Umfeld des potentiellen Nutzers hält, kann dies ebenso wirken. Wenn zum Beispiel ein Freund ein neues Handy benutzt und die Vorteile so offenkundig werden.

Kommunikationskanäle

Während unter dem Element Beschaffenheit die tatsächlichen Vor- und Nachteile der Innovation betrachtet werden, erreichen diese Informationen in der Praxis den Nutzer auf verschiedenen Wegen und werden dabei gefiltert und persönlich gefärbt.

  • Innerhalb des sozialen Umfeldes verbreiten sich Informationen relativ langsam über persönliche Kontakte. Dies beeinflusst die Menschen aber vergleichsweise stark in ihrer Entscheidung für oder gegen eine Innovation. In homogenen Gruppen von Gleichgesinnten verbreiten sich Innovationen schneller, wohingegen es bei heterogenen Gruppen zu einer zwar langsameren, aber umfassenderen Verbreitung in der Gesellschaft kommt.
  • Massenmedien wie Radio, Fernsehen und Printmedien bieten seit langer Zeit dagegen eine schnelle und effektive Möglichkeit, eine große Zahl von potentiellen Nutzern zu erreichen. Da aber hier direkte zwischenmenschliche Kontakte fehlen, bleibt eine höhere Unsicherheit zurück. Durch Internet und Soziale Medien gibt es hier aber mittlerweile hohe Überschneidung mit dem Kommunikationsprozess innerhalb des sozialen Systems

Zeitliche Dimension des Diffusionsprozesses

Hier wird ein Augenmerk auf die individuelle Entscheidung der Menschen und die persönlichen Hintergründe gelegt, die den Entscheidungsprozess für oder gegen eine Innovation beeinflussen.

  • In der Wissensphase wird eine Person durch einen Kommunikationskanal mit der Existenz einer Innovation konfrontiert und erhält dadurch erste Informationen. Dies kann die Person mit einem unterschiedlich hohen Maß an Unsicherheit zurücklassen.
  • In der Überzeugungsphase findet eine tiefere Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit der Innovation statt, woraufhin sich die Person eine Meinung bildet.
  • In der Entscheidungsphase findet die Entscheidung für oder gegen die Innovation statt, was aber nicht zwangsweise die sofortige Adaptation der Neuerung bedeutet.
  • In der Umsetzungsphase findet dann die aktive Anwendung der Innovation statt, in der es auch zu einer Anpassung an die eigenen Bedürfnisse kommen kann.
  • In der letzten Phase, der Umsetzungsphase wird die Entscheidung schließlich bekräftigt oder aber revidiert.

Adaptorenkategorien

Rogers teilt zudem die Gesellschaft in verschiedene idealtypische Adaptorenkategorien ein, die sich in Bezug auf ihre Kommunikationsverhalten, ihre Position im sozialen Gefüge und ihre persönlichen Werte unterscheiden. Damit bezieht er die persönlichen Hintergründe der Nutzer mit ein. 

Die Blaue Kurve zeigt den prozentualen Anteil der verschiedenen Adaptorenkategorien in der Bevölkerung, welche sich an einer Normalverteilung orientiert. Die damit verbundene braune Kurve zeigt den Verbreitungsgrad der Innovation in der Bevölkerung. Haben alle Arten von Adaptoren eine Innovation angenommen, erreicht diese Adaptationsrate 100 Prozent.

  • Die Pioniere sind laut Rogers die ersten Menschen, die eine Neuerung annehmen – sie sind neuem Gegenüber sehr affin, risikofreudig und können finanzielle Verluste verkraften. Sie sind aber eher kosmopolitisch orientiert und haben dadurch eine Sonder- oder sogar Außenseiterrolle in der Gesellschaft inne. Dies trifft zum Beispiel auf Menschen zu, die gerne mal vor einem Laden übernachten, um das neueste Smartphone als Erste zu bekommen und sich auch sonst eher im Silicon Valley verorten würden als in der deutschen Kleinstadt.
  • Die Frühen Anwender teilen viele Eigenschaften mit den Pionieren, sind aber stärker in das lokale System integriert sind und nehmen deswegen dort oft eine Meinungsführerschaft oder Vorbildrolle ein. Sie übernehmen zum Beispiel zügig die neue Handytechnologie, weil sie hierin eine echte Verbesserung sehen. Während sich die ersten beiden Gruppen durch eine Affinität gegenüber Neuem auszeichnen, lassen sich die nachfolgenden Gruppen anhand von einer wachsenden Skepsis gegenüber Neuem charakterisieren.
  • Bei der frühen Mehrheit dominiert zwar eine wohlüberlegte Vorsicht, es findet aber eine aktive Auseinandersetzung mit Innovationen statt und die Meinungsführer werden als Vorbild wahrgenommen. Wenn zum Beispiel eine gewisse Anzahl an Menschen gute Erfahrungen mit der neuen Generation von mobilen Endgeräten gemacht hat, wechselt auch diese Gruppe bereitwillig zum Smartphone.
  • Die darauffolgende späte Mehrheit übernimmt die Innovation hingegen erst aufgrund von gesellschaftlichen Druck oder ökonomischer Notwendigkeit, das Risiko dabei muss dabei geringstmöglich sein. Sie wechseln zum Beispiel erst zu einem Smartphone, wenn sie feststellen, dass sie ohne Messenger-Apps kaum noch jemanden erreichen.
  • Nachzügler übernehmen die Innovation sehr spät oder auch gar nicht, was an extremer Skepsis, sozialer Isolation aber auch an begrenzten finanziellen Ressourcen liegen kann. Ein Beispiel hierfür sind Menschen, die vielleicht nicht einmal ein Handy besitzen, sondern ausschließlich über das Festnetz telefonieren.

Soziales System des Diffusionsprozess

Mit diesem Element werden anschließend noch gesellschaftliche Aspekte miteinbezogen. Werte und Normen können als etablierte Verhaltensmuster den Diffusionsprozess positiv oder negativ beeinflussen. Institutionelle Bedingungen und Machtgefälle sorgen für Ungleichheiten in der Gesellschaft und geben einzelnen Akteuren die Möglichkeit, die Verbreitung von Innovationen zu fördern oder zu erschweren. Erreicht eine Innovation hingegen einen ausreichend großen Teil der Bevölkerung, so steigt auch in der übrigen Bevölkerung die Bereitschaft zu Annahme der Innovation. Es gibt dann nämlich mehr direkte Kommunikationskanäle und die Beobachtbarkeit von Vorteilen erhöht sich. Zudem geraten Nachfolger unter den der Druck, nicht den Anschluss zu verlieren. Dies wird als Effekt der kritischen Masse bezeichnet.

Lehren aus Rogers Theorie

Die Diffusionstheorie kann verwendet werden um zu erklären, wie sich bestehende Innovationen verbreitet haben und sie kann auch Anhaltspunkte dafür liefern, wie eine Innovation aussehen muss, damit sie sich möglichst gut verbreitet. Dies kann für angehende GründerInnen eine wertvolle Grundlage bei der Analyse von Nutzerbedürfnissen und der Definierung von Zielgruppen sein. Auch für die Ausarbeitung einer Marketingstrategie kann ein Verständnis von Diffusionsvorgängen hilfreich sein.

Aus der Diffusionstheorie kann aber auch die Lehre gezogen werden, dass große Teile der Bevölkerung Innovationen mit einer gewissen Vorsicht oder sogar Skepsis gegenüberstehen. Außerdem verbreiten sich Innovationen zwar relativ schnell innerhalb von homogenen Zielgruppen, allerdings nur langsam zwischen verschiedenen Gruppen. Daher ist eine laufende Anpassung von Zielgruppen und Strategien erforderlich, die die verschiedenen Nutzergruppen adressieren. Während sich frühe Adaptoren durch eine hohe Risikofreudigkeit auszeichnen, wird es bei den späteren Nutzergruppen immer wichtiger, Unsicherheitsfaktoren zu eliminieren und auf die Vorerfahrungen der Menschen aufzubauen. Auch eine Anpassung kann daher erforderlich sein, um auf unterschiedliche Nutzerbedürfnisse einzugehen.

Das Diffusionsproblem

Die Diffusionsforschung zeigt aber vor allem auch, wie schwierig es ist, die ganze Gesellschaft mit einer Innovation zu erreichen. Große Teile der Bevölkerung nehmen Neuerung nur an, wenn es dazu eine ökonomische Notwendigkeit gibt oder der gesellschaftliche Druck sie dazu zwingt. Da sie auch nur schwer über Kommunikationskanäle zu erreichen sind, geben sie daher keine sonderlich vielversprechende Zielgruppe für einen Unternehmer ab. Aus der Logik eines etablierten Unternehmens heraus macht es daher Sinn, nur einen gewissen Verbreitungsgrad in der Gesellschaft anzustreben und dafür im Gegenzug sicher zu gehen, dass das neue Produkt in dieser Zielgruppe gute Verkaufszahlen erzielt. Daher werden Neuerungen anhand der Wünsche der Kunden geschaffen, was aber bedeutet, dass sie mit bestehenden Produkten und Erfahrungen kompatibel sein müssen. Innovationen, die sich von Bestehendem abgrenzen, entstehen so aber nicht.

Diese Logik ist nicht nur hinderlich für innovative Ideen und Entwicklungen, sondern auch eine große Herausforderung auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Gesellschaft: Zum einen werden dringend neue Produkte, Verfahren und Praktiken benötigt, die eine Alternative zu unserem aktuell wenig nachhaltigen Lebensstil bieten. Zum anderen müssen die Produkte und Verhaltensweisen, die hierfür verantwortlich sind, aber auch so weit wie möglich abgelegt werden. Diese Abschaffung von Altem wird als Exnovation bezeichnet und stellt quasi das Komplementär zur Innovation dar. Es ist daher unabdingbar, dass Innovationen, die sich die Erlangung von mehr Nachhaltigkeit in der Gesellschaft zum Ziel gesetzt haben, eine umfassende Verbreitung in der Gesellschaft finden.

Hier haben wir nun also das eingangs erwähnte Diffusionsproblem für Innovationen, die zu mehr Nachhaltigkeit in der Gesellschaft beitragen sollen: Eine umfassende Verbreitung ist zwar dringend notwendig, aber sie findet oft nur teilweise über die Grenzen einer an Nachhaltigkeit orientierten Zielgruppe hinaus statt.

Die Rolle des Sozialunternehmers

Eine herausragende Rolle bei der Lösung dieses Diffusionsproblems kommt (angehenden) Social Entrepreneuren und Ecopreneuren zu. GründerInnen mögen von vielen als Nischenakteure begriffen werden, doch auch in vermeintlich etablierten Märkten schaffen sie es immer wieder, Innovationen auf den Weg zu bringen, die zur Herausbildung von neuen Marktsegmenten und Branchen führen. Start-Ups verfügen damit über das Potential, Schlüsselmärkte neu zu definieren und damit auch zu einem Strukturwandel bei eingesessenen Unternehmen beizutragen. Dieses „greening“ von Großkonzernen kann wiederum zu einer verstärkten Verbreitung von Innovationen führen, die zu mehr Nachhaltigkeit beitragen wollen.

Die Ethik, die einem Gedanken im Augenblick seines Entstehens zugrunde liegt, prägt die Qualität und Wirkung des Erdachten

Hans Sauer 

Die Herausforderung für angehende Gründer bei der Erschließung neuer Schlüsselmärkte besteht darin, die Nachhaltigkeitsaspekte beziehungsweise die dahinterliegende Ethik einer Innovation nicht anzutasten, aber in möglichst allen anderen Beschaffenheiten der Neuerung den Nutzern die Adaptation so einfach wie möglich zu gestalten.

Sono Motors

Dass sich Start Ups mit einer Nachhaltigkeitsinnovation auch in Hochtechnologiemärkte vorwagen können, die scheinbar fest im Griff von Großkonzernen sind, zeigt Sono Motors. Von drei Münchner Studierenden gegründet, entwickelt es den Sion: Ein solarbetriebenes Elektroauto, das den Automobilverkehr nachhaltiger machen soll. Ein Elektromotor, der für den täglichen Gebrauch von auf dem Auto verbauten Solarzellen gespeist wird, spartanisches Design, integrierte Sharing-Konzepte und die Möglichkeit, den Solarstrom anderen zur Verfügung zu stellen. Hier findet eine Innovation statt, die der Erreichung von mehr Nachhaltigkeit dient. In allen anderen Bereichen versuchen die Macher, dem Nutzer den Wechsel möglichst einfach zu gestalten: Die Verwendung von Carry Over Parts, also bereits von anderen Herstellern entwickelten und genutzten Bauteilen und die Offenlegung des Reparaturhandbuchs garantiert den Anschluss und die Kompatibilität mit der bestehenden Serviceinfrastruktur anderer Hersteller. Diese Offenlegung reduziert darüber hinaus es die Komplexität der Technologie. Durch Crowdfunding und die Möglichkeit zur Anzahlung minimierte das Team das Risiko für den einzelnen sowie für sich selbst und mit Testfahrten in verschiedenen europäischen Städten wird das Konzept über die Grenzen Deutschlands hinaus erprob- und beobachtbar. Sono Motors steht mit diesem Konzept kurz vor dem Markteintritt – und eine große Zahl von Vorbestellungen zeigen, dass das Start Up dabei ist, ein neues, grünes Marktsegment in der sonst eher schmutzigen Automobilindustrie aufzumachen. 


(c) Beitragsbild: Wikimedia Commons Sion: Sono Motors

Open Source

5. Dezember 2018 By

Eine Chance für nachhaltiges und soziales Unternehmertum

Den Begriff Open Source kennen die Meisten wohl in erster Linie aus dem Kontext der Open Source Software. Open Source ist aber viel mehr als das – und spielt nicht nur in der IT eine große Rolle. Besonders für nachhaltig und sozial agierende Unternehmen kann Open Source eine Lösung sein, um schnell und langfristig zu skalieren, Marktanteile zu gewinnen, Nutzer zu aktivieren oder Entwicklungskosten zu teilen.

Die Ursprünge von Open Source findet man nicht wie oft vermutet im Digitalen, sondern in der Do-It-Yourself (DIY) Bewegung, die ihre Anfänge im England der 50er Jahre hatte. Heute verbindet man damit vor allem handwerkliche und kreative Tätigkeiten. Damals aber ging es um Selbstermächtigung, Selbstorganisation sowie um die Kritik an Industrieprodukten und passivem Konsum. Themen, die auch heute noch durchaus aktuell sind. Erst in den 80er Jahren wurde der Begriff von der Freien-Software-Bewegung aufgriffen und neu geprägt. Anfangs handelte es sich nur um eine kleine Gruppe Programmierer, die sich gegen die Kommerzialisierung ihrer Arbeit sträubten – mittlerweile ist die Open Source Bewegung einer der größten sozialen Bewegungen weltweit.            

Oft wird Open Source mit „kostenloser“ Software in Verbindung gebracht, aber es handelt sich hierbei ganz grundsätzlich um Gemeingüter, die jedem zur freien Nutzung zur Verfügung stehen. Diese Güter dürfen benutzt, geteilt und verändert werden – der exklusive Besitz wird ausgeschlossen. Ein gutes, digitales Beispiel dafür ist Wikipedia: jeder hat die Möglichkeit auf die Enzyklopädie zuzugreifen, sie für eigene Zwecke zu nutzen, sich an ihr zu beteiligen, aber niemand kann sie exklusiv für sich beanspruchen oder anderen die Teilhabe verwehren. Aber trotz dieses gemeinwohlorientierten Ansatzes, kann man mit Open Source auch Geld verdienen. WordPress oder Linux etwa setzen Geschäftsmodelle erfolgreich um, die auf dem Prinzip der Beteiligung aller basieren.

Um digitale Gemeingüter zu schützen, gibt es „Open Source Lizenzen“ wie die GNU Public License, die dafür sorgt, dass eine Software „frei bleibt“. Das bedeutet konkret: Jeder darf die Software mitsamt ihrem Quellcode herunterladen, benutzen, weitergeben und sogar verändern; und wiederum diese veränderten Versionen weitergeben. Auch nach dem letzten Schritt schützt die Lizenz die veränderte Software, denn sie sagt auch, dass das Recht auf freie und gemeinsame Teilhabe niemand anderem verwehrt werden darf – auch nicht auf die Version einer Software, die die einzelne Nutzerin selbst verändert hat. Auch kreative Inhalte lassen sich schützen. Die Creative Commons License kümmert sich als gemeinnützige Organisation darum, dass Künstler selbst entscheiden, ob und wie weit sie Gebrauch von ihren Urheberrechten machen. Flickr arbeitet zum Beispiel mit der Creative Commons License und ermöglicht es so dem Nutzer schnell einzusehen, ob und wie umfassend ihre Bilder benutzt werden.

Durch die Schaffung von Standard-Lizenzverträgen, will Creative Commons den Schutz und die Verbreitung geistigen Eigentums erleichtern. (C) Creative Commons

Open Source beschränkt sich aber längst nicht mehr nur auf das Digitale. Ein guter Beweis hierfür sind die sogenanntenFabLab, die Raum und Material für gemeinnützige Kollaboration bereitstellen. Sie sind ein Teil der Open Source Bewegung, weil sie nicht nur einigen, sondern allen einen Zugang zu Werkstätten und industriellen Produktionsverfahren ermöglichen – sozusagen zur Hardware des Open Source Prinzips.  Als solch eine Art Hardware gelten etwa Anleitungen für den Bau eines Autos, eines 100-Dollar-Computers oder günstiger Selbstbau-Solarsysteme. Hier lässt sich nun wieder eine direkte Verbindung schlagen zum ursprünglichen Entstehen des Open Source Gedankens der DIY-Bewegung.

Open Source und soziales Unternehmertum

Vorteile von Open Source gibt es viele. Für Sozialunternehmen sind dabei die folgenden besonders interessant:

  • Märkte erkennen und testen:
    Eine umfassende Marktanalyse ist oft methodisch aufwendig und teuer. Teile des eigenen Produkts offen und online anzubieten hilft oft dabei, schnell herauszufinden, ob es einen Markt gibt und wie dieser auf das Angebot reagiert.       
  • Kreative Lösungsansätze durch die Ideen Vieler:
    Ist ein Produkt erst mal auf den Markt gebracht, kann man die Nutzer-Crowd dazu aktivieren schnelles Feedback zu geben und bei der Verbesserung des Produktes zu unterstützen. WordPress etwa profitiert bei der Weiterentwicklung ihres Angebots sehr stark von der Crowd, indem sie direkt Feedback von denjenigen bekommen, die das Angebot auch wirklich und tagtäglich nutzen.                  
  • Soziale Legitimität: 
    Ein Unternehmen, das sein Wissen oder Teile davon für alle zugänglich macht, kommuniziert eine transparente und soziale Haltung. Open Source kann von Anfang an Vertrauen schaffen. So genießen WordPress und Wikipedia im Vergleich zu kommerziellen Anbietern einen guten Ruf, weil alle Nutzer die dahinterliegenden Prozesse nachvollziehen sowie wirksam mitgestalten können. Der Einsatz von Open Source Methoden als Marketing-Tool, speziell in der Marktforschung ist durchaus legitim, denn auch hier werden Ressourcen eingespart was eine Win-Win-Situation für beide Seiten darstellt.         
  • Sicherheitslücken entdecken:           
    Besonders im Bereich der Software lassen sich durch das Open Source-Prinzip schnell Sicherheitslücken und Schwachstellen aufgrund der hohen Anzahl möglichen Feedbacks aufdecken und beheben – oft viel schneller als wenn die Software nur inhouse getestet wird.

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Wie aber kann man eigene Projekte ganz im Sinne des Open Source-Gedanken umsetzen – vielmehr noch: Wie kann man Open Source für sich, sein Unternehmen oder Projekt nutzen? Grundsätzlich gilt: Open Source ist nicht nur eine Methode, sondern es ist es vor allem eine Einstellung. Dabei ist eine ganzheitliche Analyse notwendig. Die folgenden fünf Fragen können dabei helfen, grundsätzlich zu klären, ob Open Source für ein Unternehmen oder Projekt in Frage kommt:

1. Warum ist Open Source wichtig für dich und dein Projekt?

  • Willst du dein Wissen mit anderen teilen und wenn ja warum?
  • Möchtest du eine Community aufbauen und wenn ja zu welchem Zweck?
  • Kann dir Open Source zu einer besseren Entwicklung deines Projektes verhelfen?

2. Was willst du öffnen?

  • Was kann und will ich weitergeben?
    Hier geht es nicht zwingend um das Prinzip ganz oder gar nicht. Es können auch nur Teile eines Unternehmens zugänglich gemacht werden.

3. Wer will deine Inhalte nutzen?

  • Wer ist die Zielgruppe deiner Inhalte?
  • Warum sollten sie deine Inhalte nutzen?
  • Gibt es Partner, Kunden, Communities, die Interesse an deinem Angebot haben könnten?

4. Wie sollen deine Inhalte genutzt werden?

  • Was dürfen User mit deinen Inhalten machen und was nicht?
  • Gibt es Einschränkungen in der Nutzung?
  • Welche Regeln sind mit der Nutzung verbunden?

5. Wie kannst du die Community in eine nachhaltige Entwicklung einbinden?

  • Wie kannst du Nutzerfeedback von der Community bekommen?
  • Wie (schnell) kannst du Nutzerfeedback integrieren?
  • Wie kannst du Nachhaltigkeit mit deinem Angebot gewährleisten?

Für die Beantwortung dieser Fragen hat sich der globale „Think- und Do-Tank Oui Share, die Verbreitung des Open Source Gedanken zur Unternehmensphilosophie gemacht. Dafür wurde ein Canvas zusammengestellt, der die Beantwortung dieser Fragen vereinfacht und den man hier  downloaden kann. Wer den Artikel aufmerksam gelesen hat, wird die Symbole der Creative Commons Lizenz am unteren Rand des Canvas wiedererkennen – der Canvas darf also nicht nur heruntergeladen, sondern auch gedruckt, benutzt und weitergegeben werden.

Der ausgefüllte Canvas soll dazu dienen, eine konkrete Strategie zu entwickeln und den Open Source Ansatz in die Mission und Vision eines Unternehmens mit einzubauen.

Es müssen natürlich nicht alle Bereiche des eigenen Projekts geöffnet werden. Es gilt nicht das Prinzip „ganz oder gar nicht“, sondern ist es vollkommen legitim im Einzelfall zu entscheiden, welche Inhalte zu einer Open Source werden und welche nicht. Oft ist es Teil der Vertriebsstrategie, nur bestimmte Inhalte bekannt zu geben, um potentielle Kunden erst recht zum Kauf zu motivieren. So lässt sich etwa die Software des fairphones komplett als Open Source herunterladen, die Hardware um diese zu nutzen, ist aber nur käuflich zu erwerben. Viele Nutzer motiviert jedoch die Einstellung des Unternehmens, was sie letztlich zum Kauf motiviert. Open Source lässt sich in diesem Fall auch als Marketinginstrument nutzen. Sowie ganz unabhängig von kommerziellen Zielen oder für den Einsatz von Softwarelösungen, kann das Open Source Prinzip nicht nur auf ein Produkt oder eine Dienstleistung angewandt werden, sondern kann es als Grundsatz einer ganzen Organisation dienen. So sollen etwa mit Formaten wie dem „SkillzBazaar“ Menschen dazu ermutigt werden ihr Wissen und Können mit anderen zu teilen. Dabei kann jeder seine eigenen Fähigkeiten anderen Interessierten vermitteln und beibringen. Ob man dabei lernt, das erste Stück auf dem Klavier zu spielen oder einen Schal zu häkeln, bleibt einen selbst überlassen.  

Oui Share versteht sich als internationales Netzwerk, dass sich dem Entstehen einer kooperativen Gesellschaft widmet. Dafür wurde auch der Skillzbazaar ins Leben gerufen. (C) Ulrich Bareth


Lesetipp //

http://www.ifross.org/welches-sind-wichtigsten-open-source-lizenzen-und-welchem-lizenztyp-gehoeren-sie

(C) Header Image by Alex Holyoake

Upcycling

4. Dezember 2018 By

Wirklich nachhaltig oder doch nur ein Modetrend?

Aus etwas Altem wird etwas Neues. Aus etwas Kaputtem, etwas Funktionierendes und aus über Generationen vererbten Lieblingsstücken völlig neue Wertgegenstände. Dinge die auf den ersten Blick so aussehen, als müssten sie auf dem Müllplatz landen, könnten vielleicht doch noch zu einem unverhofften Schmuckstück werden. So ließe sich einfach mal die Lebensdauer von dem ganzen Schrott, den wir über die Jahre und Jahrzehnte produziert haben und weiterhin produzieren, verlängern. Es klingt so einfach. Natürlich steckt hinter der Idee, Dinge lieber nochmal genauer anzuschauen, statt sie zu ersetzen, doch mehr Arbeit, als nur ein motivierter Blick.

Upcycling geht im Vergleich zur Restauration von Dingen noch einen Schritt weiter. Entscheidend ist, dass der vermeintliche Abfall zu etwas Neuem, Höherwertigem verarbeitet wird. Also kreativ einen neuen Zweck in einem Gegenstand erkennen. So werden beispielsweise aus LKW-Planen Taschen und Handyhüllen und Fahrradfelgen werden zu hippen Lampen umfunktioniert. Das Ergebnis hat mit seiner ursprünglichen Nutzung häufig nicht mehr viel gemein. Schön ist, dass so auch ganz neue Einrichtungsstile – quasi eine Art neue Mode entsteht. Die nachhaltige Zweckentfremdung von Gegenständen findet sich in vielfältigen Themengebieten und Größenordnungen wieder. Während Modedesigner ihre Kleidungsstücke gegebenenfalls nur um kleine Applikationen für das gewisse Extra verfeinern, werden in der Architektur ganze Häuser aus gepresstem Plastik gebaut oder Hausfassaden aus Abfallprodukten der Industrie gefertigt.

Hinter Upcycling versteckt sich im Endeffekt eine Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs leben die Industrienationen im Überfluss. Die westliche Welt lebt die Utopie – alles steht immer und überall zur Verfügung. Jahrzehntelang galt: aus alt macht neu ist knauserig und sparen an der falschen Stelle. Wer was auf sich hält, der kauft es neu. So lassen sich auch jährlich 100.000 Tonnen Textilabfall allein in Deutschland erklären. Durch die Abhängigkeit der Wirtschaft vom maßlosen Konsum ist es auch gar nicht gewollt, dass Dinge repariert oder sogar noch weiter verbessert werden können. Im besten Fall gehen die gekauften Geräte so schnell wie möglich kaputt, damit sie wieder neu gekauft werden müssen. Upcycling durchbricht aber nicht nur diesen Kreislauf des Wegwerfens, es veredelt Müll auf eine kluge Art und Weise, findet sich schlussendlich aber auch in einem Nischenmarkt wieder. 

 

100 000 Tonnen Textilabfall kommen jährlich in Deutschland zusammen. (c) Vasiliki Mitropoulou

Es machen sich aber nicht nur Konsumenten durch ihr Kaufverhalten und Hersteller durch die Art der Produktion zu Treibern der Wegwerfgesellschaft. Jedes Produkt hat einen Lebenszyklus, dessen Ursprung schon viel früher beginnt:

Das Design – der Produktursprung und Beginn des Lebenslaufs eines Objekts

In allem steckt Design. Alles was wir an Gebrauchsobjekten besitzen, ob Küchengeräte, sämtliche Verpackungsmaterialien, das Haus in dem wir wohnen, die Technik, die das Haus bewohnbar macht, wurde gestaltet oder befindet sich in einem immerwährenden Gestaltungsprozess. Verbraucher bemerken gar nicht, dass Designern und Konstrukteuren in unserer komplexen Welt ein hohes Maß an Verantwortung zugesprochen wird. Meistens ist den Designern diese Verantwortung nicht einmal selbst bewusst.

Von dem „wie“ Objekte gestaltet werden hängt ab, ob das Produkt effizient und somit energiesparend oder sogar energieproduzierend arbeitet. Aber auch, ob es irgendwann einmal auf dem Sondermüll landet, verbrannt wird oder wiederverwertet werden kann. Nachhaltiges Design bezieht sich auf den gesamten Produktlebenszyklus. Schon im Gestaltungsprozess wird entschieden, ob einzelne Materialien wiederverwertet oder sogar dem ganzen Produkt nach seiner Gebrauchsphase eine neue Aufgabe zugeschrieben werden kann. Entscheidend wird das gute Design somit unteranderem dafür, wie viele Ressourcen künftig eingespart werden können, wenn sie heute sinnvoll eingesetzt werden. Im Endeffekt handelt es sich um eine gesteigerte Form des Upcyclings: Cradle to Cradle. Während es im Upcycling vorsätzlich darum geht, aus Müll ein Objekt mit höherwertigem Sinn zu produzieren, versteht sich das Prinzip des Cradle to Cradle darin, erst gar keinen Müll mehr zu verursachen, indem die Objekte „von der Wiege zur Wiege“ immer weiter verwertet werden. Das Design soll so konzipiert werden, dass sich der Gegenstand leicht und einfach zerlegen lässt, um es wieder für den gleichen oder aber auch für völlig neue Zwecke verwenden zu können. Demnach könnten es die Designer sein, die Anstöße setzen, für eine Wirtschaft, die zwar nicht auf Konsum verzichtet, aber nach rohstoff- und energieschonenden Prämissen funktioniert.

Von der Konstruktion hängt ab, ob die Produktbestandteile anschließend wiederverwendet werden können. (c) Vadim Sherbakov

Ein Kritikpunkt: Ist Upcycling wirklich nachhaltig oder doch nur ein (Mode)-Trend für Individualisten?

Auf der Suche nach Designern und Kleinbetrieben, die schicke Upcycling-Produkte gestalten und vertreiben, finden sich vor allem Luxusprodukte im Hochpreissegment. Sämtliche Designermöbel wie Sessel, die aus alten, zusammengebundenen Lappen bestehen oder Stühle, die aus Elementen kaputter Tische gebaut wurden, kosten teilweise mehrere tausend Euro. Ähnlich wie im Designermöbelladen lassen sich diese serienmäßig online kaufen. Aber auch im Modebereich findet sich einiges, beispielsweise edle Abendkleider, die mit kleinen Elementen, wie Ziffernblättern alter Filmstreifen verfeinert sind, werden zu scheinbar nachhaltigen Kleidungsstücken; Explizit als Premium-Produkt ausgewiesen. Im niedrigeren Preissegment findet sich nur wenig, vielleicht noch Schallplatten die zu Uhren wurden. Doch auch hierbei handelt es sich um Konsumartikel, die ein netter Hingucker in der Wohnung sein können, aber keinesfalls unseren Umgang mit Gebrauchsgegenständen verändern. Im Gegenteil, bei einigen Designern fragt man sich, ob es nicht einfach verkaufsfördernd ist, wenn man eine schicke Upcycling-Geschichte rund um das Produkt erzählen kann. Eine Handtasche aus U-Bahn Sitzbezügen der Heimatstadt bleibt einem einfach eher im Kopf, als wenn sie aus konventioneller Baumwolle hergestellt wird. Es stellt sich die Frage, ob Upcycling ein kluger Trend für Individualisten mit viel Zeit und Geld ist oder aber eine wirkliche Möglichkeit der Widerverwertung darstellt, altes „cool“ und langlebig werden zu lassen. Fest steht, dass Upcycling realistisch betrachtet im Großen und Ganzen nicht wirklich ressourcensparend ist, sondern eher eine Art des Umdenkens in der Gesellschaft bewirken kann. Sozusagen eine Art Werbung, die dazu anspornen soll, Dinge genauer anzuschauen, bevor man sie wegschmeißt. 


(C) Titelbild: Dietmer Becker

Du bist, was du isst

4. Februar 2019 By

Wissen woher das Essen auf dem eigenen Teller kommt und gleichzeitig Kleinbauern unterstützen. Wie das geht zeigen SolaWi und Co.

In den letzten zwei Jahren wurde auch der deutschen Bevölkerung klar: das Klima verändert sich und es hat direkte Auswirkungen auf uns. 2017 war die Apfelernte extrem schlecht, aber auch Erdbeeren und Co waren teurer. Ein Jahr später ist die Apfelernte in Deutschland super, aber es hat zu wenig geregnet und daher fällt das Wurzelgemüse kleiner aus und kostet mehr. Den Wetterbedingungen waren die Landwirte schon immer ausgesetzt, daran sind sie gewohnt. Die Konsumenten betrifft es oft nicht, solange er seine Ware noch günstig aus Spanien beziehen kann. Die klimatischen Veränderungen sorgen aber auch für höhere Preise. Und selten haben die Menschen so wenig Geld für Essen ausgegeben, wie heutzutage. Waren es einst 70 Prozent des Gehalts, sind es heute in Deutschland nur noch zehn Prozent. Waren die Landwirte einst die, die an der Spitze der Nahrungskette standen, sind sie jetzt ganz unten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eine neue Verordnung der EU und ein Kleinbetrieb kann dicht machen: Hygienevorschriften, Verpackung und Modernisierung. Das alles kostet Geld, das viele Kleinbauern nicht auftreiben können. Sie leben immer am Limit. Ihr einziger Vorteil ist, wenn ihnen das Land, das sie bewirtschaften, gehört.

Großbetriebe haben es da leichter neue Auflagen umzusetzen – die Masse macht’s. Doch es geht auch anders. Die Bauern haben kein Geld – die Städter schon. Und die wollen eben nicht mehr immer die billige Massenware. Sie wollen wissen, woher ihr Fleisch kommt, wie die Tiere aufgewachsen sind, wie der Bauer mit ihnen umgeht, aber genauso wollen sie manchmal auch mit anpacken, etwas für ihr Essen tun, die Arbeit nachfühlen und nicht nur konsumieren. Für diese Städter gibt es ganz unterschiedliche Modelle, wie sie wieder Teil des Entstehungsprozesses werden können. Sie heißen Solidarische Landwirtschaft, Foodfunding oder Genussgemeinschaft.

Solidarische Landwirtschaft

Die Solidarische Landwirtschaft, auch SolaWi genannt, findet immer mehr Zuspruch. Dabei geht es nicht nur darum, dem Landwirt seine Produkte abzukaufen, sondern den ganzen Hof zu unterstützen. Auch dann, wenn die Ernte einmal nicht so gut ausfällt – sich solidarisch zu zeigen, den Wert des Essen und die Arbeit dahinter wieder zu schätzen. Dafür schließt sich ein Landwirt mit einer Gruppe von Privathaushalten zusammen. Im Gegenzug für einen monatlichen- oder jährlichen Beitrag bekommen die Mitglieder ihren Essensanteil direkt vom Hof. Je nachdem helfen sie auch einige Tage im Jahr bei der Ernte, entscheiden mit, was angebaut wird, teilen sich die Aufgabe das Essen abzuholen und zu verteilen. Die finanzielle Sicherheit erlaubt es dem Bauern, besser zu wirtschaften. Er hat bereits zu Beginn der Saison eine feste Einnahmequelle, die er für die Saat und das Viehfutter ausgeben kann. So kann er eventuell auch etwas kreativer sein, neue Sachen ausprobieren oder auch etwas produzieren, dass in einem gewöhnlichen Landwirtschaftsbetrieb unrentabel wäre, wie beispielsweise alte Tierrassen halten oder eine kleine Menge an Brot backen.

Das eigentliche Konzept stammt aus Japan und wird dort bereits seit den 1960er Jahren umgesetzt. Ein Viertel der Japaner sind mittlerweile Teil einer solchen Teikei (deutsch: Partnerschaft). In den USA entwickelte sich 1985 unabhängig davon die Idee der Community-Supported Agriculture (CSA) und auch in der Schweiz gibt es das Konzept, das sich „Schlaraffengärten“ nennt. In Deutschland verbreitete sich die Idee der SolaWi nur sehr langsam. Mittlerweile ist sie aber angekommen. Seit 2011 gibt es den Trägerverein Solidarische Landwirtschaft e.V., ein Netzwerk für Bauernhöfe und Gärtnereien, aber auch interessierte Städter.

Die Produkte des Kartoffelkombinats. (c) David Freudenthal

 

Ein Start-Up, das den Weg einer Solidarischen Landwirtschaft in Form einer Genossenschaft geht, ist das Kartoffelkombinat. 2012 haben die Gründer Simon Scholl und Daniel Überall ihre Idee in die Tat umgesetzt– und versorgen nun fast 1.000 Haushalte mit Obst, Gemüse und sogar Honig. Jedes Mitglied zahlt hier einmalig einen Beitrag von 150 Euro und anschließend 68 Euro monatlich für seinen Ernteanteil. Diesen gibt es dann an verschiedenen Verteilerpunkten in München abzuholen. Dabei war klar: Irgendwann soll die Genossenschaft eine eigene Gärtnerei oder einen Hof besitzen. Die Lebensmittel werden fair, ökologisch und nachhaltig produziert. Die Genossen können sich aktiv in Form der Mitgliederversammlung und Seminaren einbringen – müssen sie aber nicht.

Unter der Webseite ernte-teilen.org, kann jeder Interessent die passende Gemeinschaft in seiner Nähe finden.

Genussgemeinschaft

Auch bei der Genussgemeinschaft Städter und Bauer e.V. geht es darum, wieder eine Verbindung zwischen denen, die landwirtschaftliche Produkte produzieren, und denen, die sie konsumieren, zu schaffen. Der Verein ist aus einer Arbeitsgruppe des SlowFood e.V. entstanden. Hier hat man verschiedene Konzepte unter einen Hut gepackt. Der Verein selber macht viel Öffentlichkeitsarbeit, veranstaltet Infoabende und Seminare zu den verschiedenen Themen oder gibt Veranstaltungstipps wie Führungen auf beteiligten Höfen oder Imkerkurse. Die Umsetzung erfolgt dann in privaten Einkaufsgemeinschaften, finanzieller Beteiligung oder in einer Solidarischen Landwirtschaft.

Ein Grundproblem für kleine Bauern ist, dass sie im Vergleich zu den Großen bei staatlichen Förderungen benachteiligt werden. So werden Umbauten und Modernisierungen oft nur unterstützt, wenn das Ergebnis rentabel ist. Ändern sich beispielsweise die Hygienevorschriften, ist es für kleine Betriebe oft schwer, das Geld für die verlangten Umstrukturierungen aufzubringen. Die Lösung der Genussgemeinschaft? Eine finanzielle Beteiligung, ein Genussschein. Der Verbraucher kauft Anleihen, von mindestens 500 Euro, und bekommt jährlich fünf Prozent Zinsen in Form von Produkten ausgezahlt.

So auch beim Leitzachtaler Ziegenhof in Oberbayern von Werner Haase. Auch er sollte seinen 530 Jahre alten Hof den neuen Hygienevorschriften anpassen. Hätte er das alleine stemmen müssen, hätte sich die Ziegenhaltung nicht mehr gelohnt. Durch das Konzept gewann er neue Kunden und der Verbraucher weiß genau, woher sein Essen kommt. Wenn die dann auch noch persönlich vorbei kommen, um die Ware abzuholen und es nicht über einen dritten verkauft wird, kann der Bauer sich auch die Verkaufsmarge sparen. Etwas, das oft den Unterschied zwischen Überleben und Aufgeben ausmachen kann. Nach dem Ablauf einer gewissen Frist, kann der Genuss-Schein-Besitzer entscheiden, ob er das Geld ausgezahlt bekommen will, oder es dem Landwirt weiter leiht.

Foodfunding

Crowdfunding ist ein Konzept, das viel Anklang gefunden hat und für alle möglichen Projekte genutzt wird. Die Schwarmfinanzierung funktioniert für Startups, aber auch Privatleute, die sich eine Reise finanzieren wollen. Beim Essen finanziert die Crowd – die Masse – ihr Essen. Im Voraus. Dabei hat das viele verschiedene Vorteile: Landwirt und Käufer kommunizieren direkt und nicht über Dritte. Die Packungen sind größer – somit spart man sich Verpackung und Lieferkosten, was wiederum das Produkt günstiger macht. Einer der ersten, die dieses Konzept umgesetzt hat, ist Günther Faltin mit seinem Unternehmen Tee-Kampagne. Zu Beginn war es „nur“ ein Projekt an der Freien Universität Berlin, an der er Professor für Entrepreneurship war. Er wollte aber nicht nur die Theorie vermitteln, sondern praktisch zeigen, wie man seine Ideen umsetzen kann. In der Projektwerkstatt entstand so die Idee, Darjeeling-Tee in bester Qualität, in großen Packungen und ohne Zwischenhändler direkt an den Verbraucher zu bringen. Was als Universitätsprojekt begann, ist heute ein Unternehmen mit zweistelligen Millionenumsätzen, die aber auch in nachhaltige Projekte der Anbauregion in Indien teilweise zurückfließen.

Noch sind sie grün, aber bald werden die Früchte am Baum zu saftigen Orangen. Bei Citrusricus wartet man aber mit der Ernte, bis sie wirklich reif sind. (c) Citrusricus

Das Prinzip wird aber nicht nur für Tee angewendet, sondern mittlerweile auch von dem spanischen Familienbetrieb CitrusRicus für Orangebäume in Valencia oder Honig direkt vom Imker. Das Start-Up KaufneKuh.de hat es sogar geschafft, das Prinzip auf das Fleisch umzumünzen. Der Käufer kann Fleischpakete kaufen und erst wenn eine komplette Kuh verkauft ist, wird sie geschlachtet. Dabei kann sich der Käufer die Fleischart nicht aussuchen, sondern bekommt von allem etwas. So wird weniger weggeschmissen und die Kuh bestmöglich genutzt. Eine Plattform, die sich vor allem dem Foodfunding verschrieben hat, ist die Seite Erzeugerwelt.de, worüber auch die Orangen- und Mandarinenbaum-Patenschaften laufen. Sie soll auch als Plattform für Austausch untereinander dienen.

Und jetzt?

Und jetzt kann sich jeder entscheiden, ob er weiter im Supermarkt, im Bioladen oder bei einer dieser und noch vielen weiteren Projekten mitmacht. Schlussendlich muss sich der Verbraucher nämlich auch fragen, wie viel Zeit er investieren möchte, und natürlich, wie viel Geld. Einige Konzepte sind noch im Aufbau. Die letzten Jahre haben aber gezeigt, dass viel Interesse besteht und die Community stetig wächst. Ein schöner Nebenaspekt aller Projekte: Es entsteht wieder ein Kontakt mit den realen Lebensmittelproduzenten – nicht mit der Kühltheke -, ein Miteinander und auch eine wiederkehrende Wertschätzung gegenüber der Arbeit in der Landwirtschaft. Da schmeckt das Essen doch gleich besser. Mahlzeit!


(c) Titelbild: Caroline Deidenbach

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