Menü

Ecosia im Interview

Über das soziale Potential von Suchmaschinen

Startup BildungVerantwortungRegionalStakeholderEntwicklungszusammenarbeitGesellschaftUmwelt Berlin

Mit einer Suchmaschine sozialen Wert schaffen mag für den einen oder anderen ein völlig neues Konzept sein. Nicht so für Ecosia, einem Social Business aus Berlin, das seit mehr als sieben Jahren erfolgreich Einnahmen aus digitalen Werbeanzeigen in ein Aufforstungsprojekt in Burkina Faso investiert. Wir trafen Jacey Bingler, Head of Public Relations, in Ecosias wunderbaren Office in Berlin. 

Ihr nennt euch „Die grüne Suchmaschine“. Wie schöpft ihr damit Wert?

Ecosia ist eine Suchmaschine, die grundsätzlich so funktioniert, wie alle anderen Suchmaschinen auch. Man geht ganz normal ins Internet, sucht was man möchte und erhält neben den Ergebnissen Werbeanzeigen, genauso wie man das von Google oder Bing gewohnt ist. Wenn ein User auf die Werbeanzeige klickt, wird der User auf die Seite des Werbenden weitergeleitet und dafür wird die Suchmaschine bezahlt. Das Besondere an Ecosia ist, dass wir mindestens 80% unserer Werbeeinnahmen an ein Aufforstungsprojekt spenden. Je nach Jahreszeit sind das ca. 50.000 – 80.000 Euro die wir durch Ecosia zusammen bekommen. Bisher konnten wir die Pflanzung von mehr als 3 Millionen Bäumen finanzieren.

Wie habt ihr eure grüne Suchmaschine entwickelt, was ist die Story dahinter?

Christian, unser Gründer hat das eigentlich im Alleingang an den Start gebracht. Nach seinem Business Administration Studium in Nürnberg wollte er einfach mal auf Reise gehen und dabei nach Möglichkeiten suchen, das Potential von Suchmaschinen für etwas Soziales zu nutzen. Zunächst hat er sich selber programmieren beigebracht und ist dann ab nach Nepal. Dort hat er eine Suchmaschine entwickelt, die lokale NGO-Projekte bei der Finanzierung unterstützen sollte. Eigentlich genau das, was wir jetzt machen: Die Suchmaschine sollte Funds für lokale Projekte erwirtschaften. Die Idee hätte auch geklappt, aber die Strom- und Internetverbindung in Nepal war damals noch nicht zuverlässig genug. Das ist jetzt sieben Jahre her.

Christian ist dann weiter nach Südamerika und hat dort er sehr viel über die Aufforstung des tropischen Regenwaldes gelernt - das hat ihn wohl sehr fasziniert. Und so entstand eben die Idee, eine Suchmaschine zu bauen, die Bäume pflanzt. Als er nach Berlin zurückkam hat er sich gleich an die Arbeit gemacht. Seine Schwester hat ihm dabei geholfen und die Pressearbeit gemacht. Dann kamen auch die ersten Entwickler ins Team. Heute haben wir drei Apps, die alle von Ecosia selbst programmiert wurden. Das war ein ganz schön langer Weg.

Jacey Bingler von Ecosia
Jacey Bingler im Interview mit Relaio

Wie funktioniert diese Technik? Ecosia ist ja ein Add-on, welches man sich runter lädt.

Wir haben eine Partnerschaft mit Bing, dass heißt, es ist vertraglich geregelt, dass wir deren Suchergebnisse und Anzeigen nutzen dürfen und das wir einen bestimmten Prozentsatz des Werbegewinns bekommen. Wir nutzen dabei den Index von Bing. Dass heißt, wir übermitteln die Suchanfrage zu Bing und die spucken uns dann die passenden Suchergebnisse und Anzeigen aus. Um diesen Weg zu tracken haben wir dieses Add-on programmiert.

Warum Bing?

Google unterstützt leider keine Wohltätigkeitszwecke dieser Art. Bing hat verstanden, dass es immer mehr Unternehmen geben wird, die die Bedürfnisse ihrer Kunden befriedigen wollen und zusätzlich dem Nutzer die Möglichkeit geben, ein soziales Projekt zu unterstützen. Das nennt sich übrigens Slacktivism. Diese Art von Wohltätigkeit finden viele negativ, da man selbst nicht aktiv werden und seinen Lebensstil nicht ändern muss. Wir finden aber, dass es so viele Produkte gibt, die so viel abwerfen, dass man ganz leicht große Teile des Gewinns spenden kann und damit einen guten Zweck verfolgt. Man sieht es auch an den Zahlen, denn wir erreichen mit unserem Ansatz Nutzer, die andere Suchmaschinen einfach nicht erreichen. In der DACH-Region (DE, AT, CH) nutzen zehn Prozent der Nicht-Google-Nutzer Ecosia, das ist ein großer Anteil! Weltweit sieht das natürlich nochmal anders aus, dort holt Bing aber auch stetig auf.

Gibt es da eine Grenze von Bing bzw. bekommt ihr ein Limit gesetzt, wieviel ihr machen könnt?

Bisher noch nicht. Wir schalten noch nicht in allen Ländern, in denen wir Suchergebnisse anbieten, Werbung. Man kann uns z.B. in Brasilien nutzen, aber es gibt keine Anzeigen und somit auch keine Monetarisierung. Das ist Bings Möglichkeit, das mit uns zu testen. Es kommen immer mehr Approved Markets dazu. Bing kann zudem über uns den Markt einnehmen. Viele nutzen Bing ja gerade wegen uns.

Ihr seid vor allem in Burkina Faso aktiv. Warum hat es euch dorthin gezogen?

Das war ein langer Entscheidungsprozess, weil es so viele verschiedene Dinge gibt, die man mit einem Baumprojekt tun kann. Unser Ansatz war erst einmal Bäume zu pflanzen, um dem Klimwandel entgegen zu wirken. Deshalb heißt unser Ziel auch: Bis 2020 haben wir eine Milliarde Bäume gepflanzt!

Wir haben nach langer Recherche realisiert, dass man in der Sahelzone durch Baumpflanzung ganze Gemeinden ernähren kann. Wenn man in Regionen, in denen jahrelang Bäume gefällt worden sind, neue Bäume pflanzt, dann sorgt man dafür, dass ganze Gemeinden nicht umziehen müssen und dass die Menschen neben den Bäumen auch Sträucher, Kräuter und Gemüse anbauen können - die Erde wird wieder fruchtbar.

Menschen können ihr Leben dadurch wieder etwas mehr selbstbestimmen und ihr Vieh ernähren und das, was sie selbst nicht brauchen auf den lokalen Märkten verkaufen. Uns gehört das Gebiet nicht und uns gehören auch die Einnahmen nicht, die aus der Bepflanzung entstehen. Das gehört natürlich den Menschen vor Ort, sie können damit machen was sie wollen. Das wiederum stärkt die Wirtschaft vor Ort. Die Kinder können wieder zu Schule gehen, die politische Situation wird entschärft - alles durch die Pflanzung von Bäumen!

Wem gehört denn das Land, das ihr bepflanzt?

Die Gemeinden leben auf oder neben diesen Pflanzgebieten. Wir arbeiten mit zwei Organisationen zusammen: die belgische Organisation Reforst und einer weiteren belgischen Organisation Entrepreneurs without Borders, die vor Ort das Projekt ausführen. Diese Organisation arbeiten mit den Menschen vor Ort zusammen, die dann gefragt werden, ob sie sich an diesem Projekt beteiligen möchten. Es gibt bestimmte Auflagen, Teilnehmer besuchen zum Beispiel einen „Nachhaltigkeitsunterricht“. Es geht dabei beispielweise darum, dass man Bäume nicht gleich abholzt, wenn sie ausgewachsen sind, um sie für Feuerholz zu verwenden. Wartet man ab, lassen sich nach wenigen Jahren die Schatten der Bäume nutzen, um weitere nützliche Gräser anzupflanzen. Schon nach wenigen Jahren können die Menschen von dem neuen Wald vollständig leben. Aber es ist wirklich kein einfaches Unterfangen. Ein Traktor hängt zum Beispiel ein halbes Jahr im Zoll in der Elfenbeinküste oder es gibt Überschwemmungen und man kommt überhaupt nicht mehr von A nach B. Man stellt sich das oft einfacher vor, als es ist.  

 Welche Art von Bäumen pflanzt ihr und wie lange braucht das, bis so ein Baum ausgewachsen ist?     

Wir pflanzen hauptsächlich Akazien und Muringas aber auch kleinere Pflanzen und Kräuter. Die Akazien haben schon nach ca. sieben bis zehn Jahren ihre volle Größe erlangt. Das geht schnell, aber die werden auch nicht ganz so groß wie die Urwaldriesen, die wir in Brasilien gepflanzt haben. Akazien breiten ein effizientes Wurzelwerk aus, was gut ist für eine weitere Bepflanzung des Bodens, da Wurzeln das Wasser tief aus dem Grund ansaugen. Außerdem sind diese Bäume einfach auch sehr robust, die Überlebensrate ist sehr hoch. Wir zahlen 28 Cent für einen überlebenden Baum, da ist eingerechnet, dass 70 Prozent der Bäume überleben.

 

Jacey Bingler von Ecosia
Jacey Bingler und das Ecosia Office

Wie bindet ihr die Menschen vor Ort in das Projekt ein?

Reforest und Entrepreneurs without Borders haben da den größeren Einfluss, weil sie direkt vor Ort sind. Wir sind diejenigen, die das Projekt finanzieren, welches von den Organisationen vor Ort ausgeführt wird. Sie kümmern sich z.B. unter anderem auch darum, dass Frauen ihr Einkommen behalten dürfen, was dort leider nicht immer selbstverständlich ist. Sie versorgen uns zudem mit Materialen, die wir natürlich auch unseren Nutzern schuldig sind. Nutzer wollen natürlich die Bäume sehen, die sie gepflanzt haben.

Ihr habt ja diesen „Baum-Count“, der die gepflanzten Bäume im Internet abbildet. Wie funktioniert der?

Das ist eine recht komplizierte Angelegenheit und wir haben lange überlegt, wie man das darstellen könnte. Uns liegt leider nicht vor, welcher Gegenwert die Werbung hat, die geklickt wird. Die Einnahmen von den verschiedenen Keywords sind ja auch sehr unterschiedlich. Es klickt ja nicht jeder immer auf lukrativer Werbung. Zudem wollen wir auch keine Daten auswerten, die euch gehören. Wir haben kein Interesse an den Daten unserer Nutzer. Daher mussten wir für den Count ein abstraktes Symbol schaffen. Wir haben einen Durchschnittswert errechnet. Wir wissen, dass wir pro Suche ca. 0,5 Cent verdienen. Das bedeutet, dass wir bei den 2,5 Millionen Nutzern, die wir momentan haben, ungefähr 720.000 Suchanfragen pro Tag erreichen.  Dadurch kann man berechnen, dass wir dank unserer Nutzer alle zwölf Sekunden einen neuen Baum pflanzen können. Es ist kompliziert und es ist natürlich symbolisch, weil es datentechnisch nicht möglich ist und vor allem auch nicht gewünscht wäre. Im Endeffekt erinnert einen das Symbol daran, dass man mit jeder Suche dieses Projekt direkt unterstützt.

Grundsätzlich könnte man das System ja auch für andere Projekte einsetzten. Plant ihr diese Wertschöpfungsmethode noch anderweitig zu verwenden?

Wir haben uns vor einiger Zeit dazu entschlossen, uns auf ein Projekt zu konzentrieren, aus Überzeugung, dass wir nur so einen richtigen Einfluss erreichen können. Für uns ist das Ziel dem Klimawandel entgegen zu wirken und dabei aber auch Gemeinden zu unterstützen und lokale Ökosysteme zu stärken. Aber es gibt jede Menge smarte Tools, mit denen man sowohl den Alltag der User erleichtern als auch verschiedene Projekte unterstützen kann. Das ist die Idee, die wir einfach super finden! Ein befreundetes Unternehmen von uns in München, Polarstern oder Fairphone arbeiten auch mit Dingen, die Menschen jeden Tag brauchen. Fairphone legt z.B. sehr viel Wert darauf, dass die Wertschöpfungskette sauber ist und die Menschen genau nachvollziehen können, woher die Teile kommen und dass man alles selber austauschen kann und nicht das komplette Handy neu ersetzten muss. Es gibt das Be-Cooperation-Netzwerk vor allem in Süd und Nord Amerika. Teil dieser Bewegung sind oft Social Businesses, die Gewinn maximierend arbeiten aber eben um einen guten Zweck zu unterstützen und die Ihren Wert nicht in Börsenwerten sondern in unserem Fall in gepflanzten Bäumen messen.

Hast du abschließend einen Tipp für Menschen, die auch ein Social Business gründen wollen?

Das Produkt sollte sehr nutzerfreundlich sein, diese Investition ist sehr wichtig. Eine Suchmaschine würde niemand nutzen, wenn sie zu langsam wäre oder keine relevanten Ergebnisse liefern würde. Deshalb mussten wir davon weg, alle Einnahmen zu spenden. Wir arbeiten ohne Praktikanten, weil wir unsere Mitarbeiter auch fair entlohnen wollen. Wir mussten uns entscheiden ob wir von Tag zu Tag leben oder Ecosia so groß machen, dass wir noch mehr spenden können. Das wurde dann auch so nach außen kommuniziert. Es ist echt krass wie wenig die Leute hinschauen, wenn große Unternehmen Werbung schalten. Aber wenn eine NGO für sich wirbt, dann wollen die Leute, dass das von jemand gespendet wurde. Sonst fragen alle, warum das Geld für Werbung ausgeben wird und nicht gespendet wird.

Man muss als Social Business vermitteln, dass es Sinn macht zu investieren und dazu gehört auch die Investition in gutes, professionelles Personal. Uns ist es durch diese Investitionen ermöglicht worden, letztendlich mehr zu spenden als vorher. Es ist immer noch schwierig für Social Businesses sich nicht zu schämen, wenn man klarstellt, dass man gute, fähige Mitarbeiter bezahlen muss, um konkurrenzfähig zu sein. Das kann man auch durch Transparenz erreichen in dem man seine Ausgaben veröffentlicht. Unsere Nutzer sind teilweise auch sehr kritisch. Bizarr finde ich manchmal, dass große Unternehmen nicht spenden, nichts transparent machen und es wird akzeptiert, weil das die freie Marktwirtschaft ist. Darauf sollte man sich einstellen: Man muss vermitteln können, dass man auf lange Sicht noch mehr tun kann, wenn Wachstum möglich ist.

Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

 

Interview als PDF speichern

Interview teilen