Menü

Green City im Interview

Nachhaltige Mobilität als Vision für unsere Gesellschaft, die Wirkung von politischen Maßnahmen und die Bedeutung von Innovationen

Sebastian Preiß, Christoph Eipert Christoph Eipert

MobilitätNachhaltigkeitPolitik München

„München Autofrei 2000“. Das Ziel der sieben jungen Umweltschützer war klar, als sie 1990 unter diesem plakativen Namen einen Verein gründeten, der den Anteil der Autos im Stadtverkehr senken wollte. Später umbenannt in „Green City e.V.“ ist der Verein mittlerweile eine der größten Umweltschutzorganisationen in München. Mit mehr als 1.500 Mitgliedern und ehrenamtlichen Helfern setzt sich der Verein für stadtverträgliche Mobilität, nachhaltige Stadtgestaltung, Umweltbildung und einen verantwortungsvollen Umgang mit Energie ein. Mit der „Green City Projekt GmbH“ und der „Green City Energy AG“ existieren darüber hinaus zwei Ausgründungen, die Ziele aus Umwelt- und Klimaschutz auf kommerziellem Weg verfolgen.

Wir haben im Interview mit Andreas Schuster, dem Leiter des Bereichs Mobilität von Green City e.V. über nachhaltige Mobilität, die Wirkung von politischen Maßnahmen und die Bedeutung von Innovationen in der Mobilitätsbranche gesprochen.

Was ist eure Vision von einer nachhaltigen Mobilität?

GC: Unsere Vision ist die Verkehrswende. Wir wollen einen möglichst hohen Anteil des Umweltverbundes, also Fußverkehr, Fahrradverkehr, öffentlichen Nahverkehr am Modal Split sowie neue Geschäfts- und Sharingmodelle. Im Gegenzug möglichst wenig motorisierter Individualverkehr. Der verbleibende motorisierte Verkehr sollte möglichst geteilt genutzt und mit alternativen Antrieben ausgestattet werden. Zum anderen müssen die Mobilitätbedürfnisse der Menschen mit einer Informationsquelle befriedigt werden, z.B. eine Plattform oder App, die alle Informationen bündelt. Dieser Ansatz muss mit einer Stadtgestaltung nach dem Vorbild der „Stadt der kurzen Wege“ verknüpft werden: Kompakt, urban und grün. Dabei sind die Bedürfnisse von Fußverkehr, Radverkehr und öffentlichen Personennahverkehr in dieser Reihenfolge vor dem motorisierten Individualverkehr zu berücksichtigen.

Andreas Schuster, Leiter des Bereichs Mobilität von Green City e.V. im Gespräch mit relaio 

„Neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“ oder „Den Weg ebnen“. Wen siehst du in der Pflicht unser Mobilitätsverhalten zu ändern, Politik oder Bürger?

GC: Ich glaube nicht, dass sich die Bürgerschaft allein schnell genug ändert, um Ziele und Herausforderungen der Dekarbonisierung und einer lebenswerten Stadt zu erreichen. Die Politik muss klare Rahmenbedingungen vorgeben: Einmal Anreize setzen durch Subventionen und Bezuschussungen, aber vor allem durch eine Angebotsausweitung. Zum anderen restriktive Maßnahmen, sprich auf nationaler Ebene die Einführung der Rahmenbedingungen für eine Citymaut und die Reduktion der Subventionen für fossile Antriebe sowie lokal die Erhöhung der Kfz-Stellplatzgebühren und eine Reduzierung von Parkbereichen in der Innenstadt. Es ist sicherlich trotzdem richtig und wichtig, dass die Impulse aus der Bürgerschaft kommen.

 

Was kann man als Einzelner tun, um zu einer nachhaltigen Mobilität beizutragen?

GC: Als einzelner kann man sich seine täglichen Wege vergegenwärtigen und hinterfragen, wie man sie derzeit zurücklegt. Im Anschluss kann man sich über Alternativen informieren, wie man umweltbewusster mobil sein kann und möchte. Mit unserer Mobilitätsberatung auf dem Tollwood Sommerfestival haben wir gezeigt, welche vielfältigen Angebote es gibt. Und wenn man sich in die Sache einarbeitet und feststellt, wie viel Freiheit man ohne das eigene Auto hat, ändert man auch seine Gewohnheiten. Es gibt eine Studie von BMW, die in Hamburg und in Berlin durchgeführt wurde, bei der ermittelt wurde, dass 30 bis 40 Prozent der Autofahrer keine ausgeprägte emotionale Bindung zur ihrem Auto haben und eigentlich auch keines bräuchten. Ein Umdenken in genau einer solchen Zielgruppe zu erreichen, ist ein erster wichtiger Schritt.

 

Wie schätzt du die Wirkung der aktuell diskutierten politischen Maßnahmen ein, vor allem Dieselfahrverbote und Prämien für E-Autos?

GC: Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid gelten seit dem 1. Januar 2010. Das bedeutet, die verantwortliche Politik hat sieben Jahre lang verschlafen, Maßnahmen zu treffen und die Automobilindustrie zu überwachen. Aber wir wissen jetzt, dass 260 Straßen in München von Stickstoffdioxid Überschreitungen betroffen sind und das Bundesimmissionsschutzgesetz schreibt klar vor, dass der Zeitraum der Überschreitungen der Grenzwerte schnellstmöglich beendet werden muss. Es gibt keine andere Möglichkeit, als Fahrverbote einzuführen um diese gesetzlichen Grundlagen zu erfüllen. Fahrverbote sind für mich jedoch ein Armutszeugnis für eine gute Stadt- und Verkehrsplanung. Denn die Bürgerinnen und Bürger haben dann nur die Infrastruktur als Alternative zur Verfügung, die eigentlich jetzt schon nicht ausreicht. Die Kurzsichtigkeit der Politik und die Betrügereien der Automobilhersteller haben uns jedoch an diesen Punkt gebracht. Ich gehe in meiner folgenden Argumentation stark von München aus, die Situation in anderen Städten ist aber ähnlich. Die Radinfrastruktur ist bei weitem nicht ausreichend, der Fußverkehr wird überhaupt nicht als Chance erkannt und der ÖPNV ist so gut wie immer an der Belastungsgrenze. Alle, die ihr Auto stehen lassen müssen, werden jetzt zusätzlich in die bestehenden Systeme geschwemmt – das wird irgendwie gehen müssen, aber es wird eine hohe Frustration mit sich bringen. Der Ausbau des ÖPNV, die Schaffung von Ringbahnen, ein flächendeckendes Fußgängerleitsystem und eine gute Durchwegung sowie der Bau von Fahrradschnellwegen und Fahrradtangenten – all das wurde verschlafen und deswegen werden wir jetzt ziemlich mauerartig diese Fahrverbote vor uns sehen.

Kaufprämien klingen zuerst einmal sehr gut, das Problem ist aber, das die Prämie nach Kaufpreis gestaffelt ist. Das führt dazu, dass die Anschaffung von teureren, meist hochmotorisierte Fahrzeugen, belohnt wird. Es wird ein Markenaustausch mit ähnlicher oder sogar höherer Motorleistung favorisiert, anstatt dass der Kauf von kleineren, weniger umweltschädlichen Autos gefördert wird und höhermotorisierte Fahrzeuge abgebaut werden. So ist das keine Maßnahme, mit der wir vom Autofahren abkommen.

 

Wie arbeitet ihr konkret daran die Mobilität in München nachhaltiger zu gestalten?

GC: Wir verfolgen zwei Ansätze. Der eine ist, die heutigen Gegebenheiten als Rahmen zu nehmen und zu akzeptieren und die Nutzung des Umweltverbundes zu stärken. Das bedeutet zum Beispiel aufzuklären, welche bestehenden Radfahrmöglichkeiten es gibt oder für ältere Menschen Stadteilpläne fürs „Zu Fuß Gehen“ zu erarbeiten. Der andere Strang ist, progressiv die Rahmenbedingungen zu verändern. Dies geschieht zum einen informativ-kooperativ, indem wir in politische Foren und Fachgesprächen sowie Arbeitskreisen Infos vermitteln und Visionen aufzeigen. Auf der anderen Seite stehen konfrontative Maßnahmen, wie Demonstrationen, Kampagnen, bei denen wir zum Beispiel selbst Luftwerte messen oder unser Bürgerbegehren für ein Reinheitsgebot der Münchner Luft.

Beides ist wichtig, das Informative-Kooperative und auch das Konfrontative. Letztendlich können wir der Politik nicht sagen: Macht dies, macht das. Aber wir können den öffentlichen Druck auf die Politik soweit erhöhen, bis offensichtlich wird, dass das Thema in der Stadt brodelt und man es nicht einfach ignorieren kann. Das machen wir über Medienarbeit, aber eben auch durch starke Bürgerbeteiligung, Kooperationen  und Bündnisarbeit.

Wie arbeitet ihr konkret an einem Mobilitätshift, also an einem Wechsel der Verkehrsmittel?

GC: Green City e.V. als politisches Organ der Green City Familie versucht die Menschen zu erreichen und Lust auf Nachhaltigkeit und eine lebenswerte Stadt zu machen. Allerdings brauchen die Menschen dafür auch entsprechende Produkte und Angebote. Wir haben zwei Töchter ausgegründet, die im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten, Verkehrsentwicklungsplänen für Kommunen entwickeln oder die ganz frisch mit dem Berliner Start-Up Emmy zusammen ein Elektro-Roller Sharing System nach München gebracht haben. Mit Veranstaltungen, wie dem Streetlife Festival, dem PARK(ing) DAY oder den Radlnächten  vermitteln wir, wie sich die Straße anfühlen kann, wenn sie eben nicht den Autos gehört. Es ist unser öffentlicher Raum und es gibt keine Gesetzmäßigkeit, warum der Raum so Auto-dominiert genutzt werden sollte, wie er heute genutzt wird. Wir bieten Anregungen, dies zu hinterfragen und machen Lust auf Alternativen.

 

Neben Emmy kooperiert ihr ja auch selbst mit anderen Start-Ups und Initiativen. Green City e.V. zum Beispiel mit den freien Lastenradlern, die sich mit Crowdfunding finanziert haben und den Münchnern Lastenfahrräder kostenlos zum Ausleihen zur Verfügung stellen. Was haben die Innovatoren von euch?

GC: Die Firmen profitieren davon, dass wir ein großes, starkes Netzwerk haben. Wir haben eine sehr gute Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Vor allem erreichen die Firmen über uns Menschen, die an ihrem Thema interessiert sind und als Early Adopter gelten können. Innovatoren bekommen ihre Botschaft und ihr Produkt platziert und wir beziehungsweise die Stadt bekommen dringend benötigte Mobilitätsangebote und Innovationen. Das ist natürlich Produktplatzierung - aber von Produkten, von denen wir überzeugt sind. Ich bin kein Feind von Werbung und ich bin auch kein Feind von angepasster Werbung, solange die Bürgerinnen und Bürger mündig genug sind, diese differenziert aufzunehmen. Als Green City profitieren wir darüber hinaus davon, dass wir unsere Zielgruppe erweitern und zeigen können, dass es Möglichkeiten gibt und bereits  Lösungen nachhaltiger Mobilität auf dem Tisch liegen.

 

Welche Rolle spielen solche technisch oder sozial innovativen Produkte dabei, Mobilität nachhaltiger zu gestalten?

GC: Für mich spielen sie eine sehr, sehr wichtige Rolle. Hundert Jahre automobile Verkehrs- und Stadtplanung haben Generationen geprägt. Es braucht Innovationen, um dieses Bild zu hinterfragen und zu zeigen, dass es anders geht. Als Umweltschutzorganisation können wir sagen: „Lass dein Auto stehen, beweg dich anders“. Aber wenn jemand darauf keine Lust hat, unter anderem, weil er es sich gar nicht anders vorstellen kann, bewirkt das nichts. Es braucht Ideen, Vorreiter und neue Möglichkeiten, die man sich vielleicht jetzt nicht vorstellen kann, die mancher im ersten Moment vielleicht auch lächerlich findet – die aber Menschen umdenken lassen, wenn sie funktionieren. Seilbahnen für den städtischen Verkehr zu verwenden, klang für viele zuerst lächerlich. Aber in Städten in Südamerika hat es funktioniert und jetzt denkt man auch in München über eine Einführung nach.

Produktinnovationen sind also für unsere Vorstellungs- und Entwicklungskraft ganz dringend notwendig. Zum Teil werden jedoch Lösungen in den Vordergrund gestellt, die nur Symptome behandeln. Viele Innovationen setzen an der Frage an, was technisch machbar ist. Es wird  ein Problem definiert und versucht, es mit technischen Lösungen anzugehen, anstatt zu fragen, warum wir das Problem haben, ob wir noch eine Stufe vorher ansetzen können oder was die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen sind. Elektromobilität ist zum Beispiel nur ein Baustein für die anstehenden Herausforderungen, wird aber oft als alleinige Problemlösung dargestellt. Bei Innovationen müssten vielmehr die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt gerückt werden. Dann wäre die Problemlösung nachhaltiger und die dafür nötigen technischen Lösungen würden anders aussehen.

 

Mittlerweile ist die Deutsche Bahn mit Call a Bike Markführer für Bikesharing in Deutschland. In München gibt es daneben noch das MVG Rad und auch neue Großinvestoren aus Fernost. Welche Möglichkeiten siehst du in der Zukunft für Start-Ups in der Mobilitätsbranche?

GC: Das Feld ist immer noch sehr offen und bietet vielfältige Möglichkeiten. Viel Potential liegt in der Bildung von Schnittmengen, insbesondere in der Vernetzung von Produkten, Angeboten und Start-Ups. Wir haben zum Beispiel ein Projekt, in dem wir älteren Menschen beibringen, wie man die täglichen Wege mit der MVG-App plant. Wenn unsere Teilnehmenden diese Schritte mit der MVG App können, können sie es noch lange nicht mit der MVV App, und auch nicht in Köln oder einer anderen Stadt. Das Auto hingegen funktioniert überall gleich, vielleicht sind die Parkgebühren mal ein bisschen höher oder niedriger, aber ich kann überall hinfahren und es funktioniert einfach. Aber die vielen Mobilitätsangebote funktionieren in jeder Stadt anders. Zum Beispiel hat Wien ein extrem gutes Bikesharingsystem mit flächendeckenden Stationen. Dabei ist  die erste Stunde kostenlos. Ich kann mich also in Wien mit dem Fahrrad sehr weit fast kostenlos bewegen. Aber das ist eins von gefühlt 20 oder 30 verschiedenen Systemen, für die ich eine eigene App brauche, bei der ich mich jedes Mal informieren muss und mir immer aufs neue Gedanken machen muss, wie sie funktioniert. Ich glaube, dass es hier viele Chancen gibt Querverbindungen zu schaffen. Es braucht einfach etwas flächendeckendes, damit ich mir darüber keine Gedanken mehr machen muss, welches Angebot ich nutzen möchte. Damit schaffe ich echte Alternativen.

 

Interview als PDF speichern

Interview teilen