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Ashoka im Interview

Laura Haverkamp von Ashoka Deutschland hat uns im Interview verraten, was es aus Ashoka-Perspektive bedeutet, sich als „Changemaker“ zu verstehen.

Benjamin Zilker, Vasiliki Mitropoulou David Freudenthal

Mit dem Wissen, dass der Werdegang eines Social Entrepreneurs keine stetige Berg-auf-Fahrt ist, sondern oft auch eine Mischung aus Berg- und Talfahrt, unterstützt Ashoka seine Fellows mit Rat und Tat – ein Leben lang. In ihren kleinen, aber feinen Räumlichkeiten trafen wir das Team von Ashoka Deutschland in München. Laura erzählte uns, welche Kriterien potentielle Kandidaten erfüllen müssen, um Ashoka Fellow zu werden und welche Vorteile es mit sich bringt, sich im globalen Ashoka Netzwerk bewegen zu dürfen.

Ashoka nennt sich die „Heimat der Changemaker“. Wie stellt ihr euch diese vor und wie definiert ihr eure Mission?

Laura: Wir sehen unsere Mission darin, immer mehr Menschen dazu zu befähigen, ihr Leben und ihre Umwelt aktiv zu gestalten, sodass miteinander gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Anfang der 1980er Jahre hatte unser Gründer die Erkenntnis, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die sich für das Allgemeinwohl verantwortlich fühlen, innovative Ideen haben und diese, auch über die lokale Ebene hinaus, als unternehmerisch handelnde Persönlichkeiten umsetzen. Solche Personen werden zunächst oft schräg angeschaut oder belächelt - zu sozial orientiert für den „klassischen“ Unternehmer, aber zu unternehmerisch für traditionelle soziale Arbeit. Genau diesen Menschen möchte Ashoka eine Heimat geben. Diese Sozialunternehmer sind unserer Ansicht nach Vorbilder, die uns Rollenmodelle aufzeigen, wie man sich in kluger Weise für das Gemeinwohl einsetzen kann. Und sie motivieren in der Regel immer mehr Menschen, ebenso ihre Rolle zu finden und selbst zum „Changemaker“ zu werden. Genau das ist unsere Vision: „Everyone (can be) a changemaker“.

Laura Haverkamp von Ashoka Deutschland

Werdet ihr auch manchmal belächelt?

Laura: Belächelt ist glaube ich der falsche Ausdruck, weil man schnell erkennt, welche Kraft in den Lösungen der Social Entrepreneurs liegt. Aber: Es gibt viel Überzeugungsarbeit zu leisten, zu informieren. Im Buch “The power of unreasonable people" von John Elkington wird das schön beschrieben. Wie wollen wir als Gesellschaft mit Mitmenschen umgehen, die in der Lage sind, sich den gesellschaftlichen Status Quo in einem Bereich ganz neu vorzustellen? Wollen wir sie belächeln – oder Ihnen den Raum geben, ihre Ideen auszuprobieren und zum Wohl von Vielen umzusetzen? Ein Beispiel ist Jimmy Wales, der Kopf hinter Wikipedia: Als er die Idee formulierte, dass es statt einer Enzyklopädie ein Online Wissensportal geben könnte, an dem jeder mitschreiben kann, hat man ihn nicht ernst genommen. Wenn eine Idee noch ganz neu ist, reagieren viele schnell zurückhaltend: „Das haben wir ja noch nie so gemacht!“. Aber stellen wir uns vor, dass wir Ideen voller Potenzial für gesellschaftliche Problemlösung früh erkennen und fördern anstatt ihre Pioniere – wie heute oft - erst postum zu feiern. Genau das möchten wir als globales Netzwerk erreichen.

Wie hat sich Ashoka als globales Netzwerk entwickelt?

 
Fellows sind Sozialunternehmer, die den Auswahlprozess von Ashoka erfolgreich durchlaufen haben und gefördert werden. Aktuell sind ca. 60 Fellows Teil des deutschen Netzwerks, global sind es ca. 3.200.

Laura: Ashoka hat seine Wurzeln in Südostasien, der erste Fellow wurde in Indien aufgenommen. Der Gründer von Ashoka ist US-Amerikaner. Innerhalb der Organisation haben wir lange gedacht, dass es für Ashoka in weit entwickelten Industrienationen wenige Aufgabe gibt – vor allem in Ländern mit starken Sozialsystemen. Die Erfahrung zeigt uns aber: Auch hier gibt es Pioniere, die mit innovativen Ideen Grundsätzliches zum Besseren verändern möchten, sich auf den Weg machen und Rückenwind gut gebrauchen können.

Wie seid ihr innerhalb der Organisation strukturiert?

Laura: Unsere gemeinnützige, amerikanische Mutterorganisation heißt „Ashoka – Innovators for the public“. Wir haben Tochterorganisationen in den einzelnen Ländern, die jeweils gemeinnützig sind und eng mit der Mutterorganisation zusammen arbeiten, während sie gleichzeitig je nach Landeskontext selbstständig entscheiden, welche Schwerpunkte sie setzen.

Wie würdest du die Hierarchie bei Ashoka beschreiben?

Laura: Hier in Deutschland sind wir ein relativ kleines Team bestehend aus ca. 15 Personen. Jeder von uns hatte in der einen oder anderen Form mit Unternehmertum zu tun und wird es immer haben. Jeder von uns trägt die Verantwortung für bestimmte Programmbereiche und auch übergreifend für die Organisation. Wir verstehen uns als Netzwerk sehr eigenverantwortlich agierender, unternehmerischer Persönlichkeiten – und können so lange Abstimmungswege, Abteilungsdenken oder hierarchische Strukturen vermeiden.

Arbeitet ihr dann eher projektbezogen?

Laura: Wir haben vergleichbar wenig abgrenzbare Projekte. Alles was wir tun, kann grob in drei Felder unterteilt werden. Zuerst das Innovationsscouting, also die Suche und Auswahl der Fellows. Dann die Begleitung der Fellows, mit denen wir bereits arbeiten. Aus dieser Begleitung lernen wir eine Menge über das Ökosystem für soziale Innovation, sodass wir in diesem Feld immer wieder einzelne Schwerpunkte setzen. Ziel ist hier, systemische Hürden für soziale Problemlöser im Zusammenspiel vieler Partner abzubauen, zum Beispiel im Bereich Finanzierung oder der Gestaltung von Karrierewegen.

Was für Persönlichkeiten arbeiten bei Ashoka? Wie sind die persönlichen Werdegänge der Menschen und wie sind diese zu Ashoka gekommen?

Laura: Wir sind eine ziemlich bunte Truppe mit sehr diversen Lebensläufen. Ich selber habe Kommunikationswissenschaften und Chinesisch studiert. Daraufhin war ich in der Kommunikationsberatung tätig und habe berufsbegleitend meinen Master in Public Policy gemacht. Der Brückenschlag zwischen den gesellschaftlichen Sektoren war auch im Studium ein Thema. Nachdem ich von Sozialunternehmertum gehört hatte, war ich schnell Feuer und Flamme. 
Ob Philosophie und Politikmanagement, Literatur, Volkswirtschaftslehre – die Studienhintergründe sind divers. Ebenso die Arbeitserfahrung: Vom eigenen Start-Up zur Beratung, von der Stiftung zur sozialen Arbeit. Meiner Meinung nach macht uns gerade diese Vielfalt aus.

Mittlerweile habe ich an zahlreichen Bewerbungsprozessen mitgearbeitet und glaube, dass sich vor allem diejenigen bei uns wohlfühlen, die Spaß am Einblick in ganz verschiedene gesellschaftliche Bereiche haben – und diesen auch schon hatten. Ich finde spannend, wenn jemand Investmentbanking oder auch mal Marketing in einem Großkonzern gemacht hat, gleichzeitig aber auch soziale Projekte aufgebaut und sich ehrenamtlich engagiert hat und vielleicht auch noch einmal bei der Politik oder in einem Wohlfahrtsverband gearbeitet. Meiner Ansicht nach besteht eine wichtige Aufgabe von uns darin, Brücken zwischen unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zu bauen. Und mit einem diversen Hintergrund kann das ganz gut gelingen.

Wie kann man sich euer Netzwerk vorstellen? Welche Institutionen oder Partner finde ich dort?

Laura: Das kann man sich wie eine Art Zwiebelmodell vorstellen. Im Kern haben wir das Netzwerk unserer Fellows und unserer Partner. Das sind einerseits pro bono Partner, die selber Dienstleistungen und Expertise zur Verfügung stellen, und investierende Partner wie Stiftungen oder Unternehmen, die meist themenbezogen mit uns arbeiten. Zusätzlich haben wir ein Netzwerk aus Unternehmerpersönlichkeiten und Führungskräften, das sich Ashoka Support Netzwerk nennt und Ashoka finanziell sowie mit Expertise zur Seite steht. Eine Schicht weiter gibt es viele weitere Netzwerke und Organisationen, die für unterschiedliche Themen relevant sind –Medien, Start-ups, Familienunternehmen, Wohlfahrtsverbände, Stiftungen und viele mehr. Diese Gruppen sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen für die Ermöglichung und Förderung sozialer Innovationen wichtig, denn kein Social Entrepreneur wird je ganz allein „sein“ Problem lösen.


Wie finanziert ihr euch? 

Laura: Ashoka ist überall auf der Welt gemeinnützig organisiert und zu 100% durch Spenden finanziert – wir nehmen keine öffentlichen Gelder an. In einigen Ländern hat das den Hintergrund, dass wir uns von Korruption und Abhängigkeit freimachen wollen. Die Finanzierung diversifiziert sich dann nach örtlichen Strukturen. Bei uns in Deutschland kommt unser Jahresbudget aus Zuwendungen aus dem Ashoka Support Netzwerk (aktuell etwa 40%) sowie aus Partnerschaften zu Stiftungen, Unternehmen und anderen gemeinnützigen Organisationen (aktuell ca. 60%).

Was bietet ihr euren Fellows?

Laura: Wir sehen uns als befähigendes Netzwerk, als Wegbegleiter. Für viele fängt das mit dem Auswahlprozess an: Viele Fellows sagen, dass dieser ihnen geholfen hat zu verstehen, wie ihre eigene gesellschaftliche Wirkung aussehen kann – wir nennen das die Wirkungskette. Durch das Fellowship Programm wollen wir erreichen, dass mehr Wissen und Sicherheit in Bezug auf Finanzierungs- und Skalierungsmodelle sowie Organisationsentwicklung und Wirkungsmessung vermittelt wird. Andererseits schaffen wir einen Mehrwert für die Fellows durch Kontakte zueinander sowie zu politischen Entscheidungsträgern, Stiftungen, Unternehmen und anderen relevanten Zielgruppen. Einmal im Jahr befragen wir unsere Fellows dazu, was wir an dem Netzwerk noch verbessern können.

Bildlich stellen wir uns das so vor: Wir haben Sozialunternehmer, die wir sehr hart prüfen, denen wir dann aber auch das Vertrauen schenken Ashoka als Tanzboden zu nutzen und sich selber frei zu bewegen. Wir wollen, metaphorisch gesehen, ein paar Grundschritte vermitteln, von denen wir glauben, dass sie hilfreich sind. Der Unternehmer selbst bleibt aber immer Kapitän auf seinem eigenen Schiff.

Welche Veranstaltungsformate bietet ihr an, um eure Fellows zusammenzubringen?

Laura: Zentral ist neben den ein bis zwei Fellow-Treffen im Jahr die in der Regel jährlich stattfindende Sozialunternehmerkonferenz, bei der wir verschiedene Zielgruppen zusammen und ins Arbeiten bringen. Darüber hinaus gibt es die individuelle Begleitung der Fellows – angefangen bei der ersten Bestandsaufnahme, dem „Startgespräch“, über die Vermittlung mit diversen pro bono Partnern und Jahresgespräche, in denen wir gemeinsam auf Erreichtes und neue Ziele schauen, sowie darauf, wie das Netzwerk zum Erfolg beitragen könnte. 

Wie darf ich mir euren Auswahlprozess vorstellen?

Laura: Unser Auswahlprozess ist sehr anspruchsvoll. Im ersten Schritt wird ein Kandidat oder eine Kandidatin uns nominiert. Entlang von global einheitlichen fünf Auswahlkriterien folgend dann weitere Schritte.

Die erste Stufe ist die „first opinion“, bei der der Ansatz des Kandidaten, ein gesellschaftliches Problem anzugehen, geprüft wird. Das passiert durch ein nationales Team. Wir prüfen, ob es eine neue Idee ist, ob sie das Potential hat großflächig ein gesellschaftliches Problem zu lösen und ob dahinter eine unternehmerische, kreative und integre Persönlichkeit steht. Die persönliche Komponente ist dabei sehr wichtig, da Ashoka kein Projektförderer ist, sondern in erster Linie ein Netzwerk für unternehmerische Persönlichkeiten.

Es folgen Gespräche mit unterschiedlichen Kollegen aus unserem Team, um die Person kennenzulernen und gleichzeitig dem Kandidaten die Chance zu geben, Ashoka kennenzulernen, ebenso Referenzgespräche und Vor-Ort-Besuche. Unser Fokus liegt dabei auf dem, was unser Gründer Bill Drayton „the system changing new ideas“ nennen würde. Also die Ideen, die ein Umdenken in der Gesellschaft ermöglichen.

 
Das sogenannte proof of concept stellt den Machbarkeitsnachweis dar, an dem die prinzipielle Durchführbarkeit eines Vorhabens belegt wird.

In der Regel dauert diese erste Stufe zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Es kann sein, dass Ansatz und Person hervorragend zu Ashoka passen und umgekehrt, aber noch kein ausreichender „proof of concept“ vorhanden ist. Oft begleiten wir dann über einen längeren Zeitraum, bevor wir als nationales Team eine Empfehlung zur Aufnahme in das Netzwerk aussprechen.

In der zweiten Stufe, der „second opinion“, führt ein sehr erfahrener internationaler Ashoka-Mitarbeiter ein ausführliches Gespräch mit jedem von uns empfohlenen Kandidaten – in der Regel zwischen fünf und acht im Jahr. Derjenige kommt immer aus einem anderen Land, damit auch über die Kontinente hinweg eine Vergleichbarkeit in der Auswahl bestehen bleibt.

In der dann folgenden externen Stufe folgen noch einmal drei kurze Gespräche mit Unternehmern aus dem nationalen Kontext sowie einem Fellow.

Gemeinsam mit dem Second Opinion Interviewer entscheidet diese Gruppe darüber, ob die unsere Empfehlung unterstützen. Wenn sie zu einem positiven Ergebnis gekommen sind, dann liegt die finale Entscheidung beim internationalen Board.

Quelle: http://germany.ashoka.org/www.germany.ashoka.org/ashoka-auswahlprozess

Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, wieso dieser Prozess so aufwändig ist. Das ist uns deshalb so wichtig, weil es um eine Begleitung auf Lebenszeit geht. Wir suchen Menschen, die ihre Lebensmission darin gefunden haben, Social Entrepreneure zu sein. Als Basis für eine langfristige Begleitung hilft der Auswahlprozess sehr.

Wenn ihr mit so einem langfristigen Blick auf die Dinge schaut – erlebt ihr auch, dass Unternehmungen scheitern?

Laura: Was wir erleben, ist das sich die Dinge langsamer entwickeln als wir – und die Social Entrepreneurs auch – zu Beginn gehofft haben. Aber man muss realistisch sein: In den Bereichen, in denen die Fellows aktiv sind müssten wir oft in Generationen denken, bis sich wirklich etwas verändert. Da sind die „gesellschaftlichen Bretter“, die es zu bohren gibt, relativ dick.

Es gibt aktuell knapp 60 Fellows in Deutschland. Von diesen macht eine gute Handvoll im Augenblick nicht mehr das, wofür sie einmal ausgewählt wurden – entweder, weil sie sich bereits dem nächsten sozialen Problem widmen, oder weil ihr Lebensweg in eine andere Richtung geführt hat. Im Verlauf von 10 Jahren ist das eine gute Quote. Ganz klar sehen wir jedoch: Jeder erfolgreiche Social Entrepreneur hat es geschafft und schafft es, um sich herum Netzwerke aus unterstützenden Partnern und Mitstreitern aufzubauen. Denn bei der Größe der Probleme wird keiner ganz allein „sein“ Problem lösen, sondern es braucht immer eine Koalition aus Akteuren - eine Machbarschaft!

Vielen Dank für das Interview!

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