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Flüchtlinge Willkommen im Interview

Jonas und Mareike sprechen mit uns über das Asylsystem in Deutschland und wie sie helfen wollen geflüchteten Menschen respektvoll zu begegnen.

Benjamin Zilker David Freudenthal

Startup IntegrationGesellschaft Berlin

Im Rahmen der Social Design Elevation Days haben wir uns mit Mareike und Jonas von Flüchtlinge Willkommen getroffen. Mit Flüchtlinge Willkommen (die wir bereits in einem Profil vorgestellt haben) haben sie eine Plattform gegründet, die bundesweit privaten Wohnraum an Geflüchtete vermittelt, ein gemeinsames Zusammenleben initiiert und dazu beiträgt, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. So wollen sie ein Zeichen gegen menschenverachtende und stigmatisierende Massenunterkünfte setzen. Wir haben mit ihnen unter anderem über ihre Initiative, das Asylsystem in Deutschland und die paradoxe Wahrnehmung von sozialem Unternehmertum in Zusammenhang mit Integrationsarbeit und Geld gesprochen.

 

Welche Rolle hat euer persönlicher Background bei der Entscheidung Flüchtlinge Willkommen zu gründen gespielt?

Mareike: Mich hat stark geprägt, dass ich viel in den Herkunftsländern von Geflüchteten gereist bin und dort gearbeitet habe. Auch habe ich mich schon vor Flüchtlinge Willkommen ehrenamtlich für Geflüchtete eingesetzt. Ich habe Deutschkurse für Menschen ohne Aufenthaltsstatus gegeben. In meinem Master „Religion and Culture“ hatte ich die Schwerpunkte Islam, angewandte Ethik, und Kulturanthropologie und daraus besteht mein theoretisches Hintergrundwissen. Außerdem habe ich über Praktika Erfahrungen gesammelt. Wirklich vorbereitet war ich allerdings nicht.

Jonas, was ist dein persönlicher Background?

Jonas: Die Reisen, von denen Mareike gesprochen hat, haben wir zum Teil gemeinsam gemacht. Während dieser Reise wurde mir klar, dass es in Deutschland einen anderen Umgang mit Geflüchteten geben muss. Zum anderen habe ich bereits während meines Bachelors in Kommunikationsdesign ein anderes soziales Projekt, das auch auf einer Webplattform basiert, gegründet (pfandgeben.de). Das Projekt läuft und funktioniert noch und es gab auch ein relativ großes Medieninteresse. Das alles hat dafür gesorgt, dass ich in diese Richtung gerutscht bin. Diese Projekte sind aus der pragmatischen Überlegung heraus entstanden, wie man bestimmte Situationen für alle Beteiligten durch eine Internetplattform verbessern kann. Bei Flüchtlinge Willkommen war dann unser Vorteil, dass wir die benötigten Grundfertigkeiten schon im Gründungsteam hatten.

Was konntest du für Erfahrungen aus deinem Projekt Pfandgeben mitnehmen, die euch dann bei Flüchtlinge Willkommen weitergeholfen haben?

Jonas: Pfandgeben hat damals für ein Semesterprojekt schon relativ hohe Wellen geschlagen. Ich hatte im ersten Jahr sehr viele Interviews und habe besonders im Bereich Öffentlichkeitsarbeit dazugelernt. Das entscheidende für mich aber war zu sehen, dass eine rein ehrenamtliche Arbeit auf Dauer nicht funktioniert. Pfandgeben war von Anfang an nicht darauf ausgelegt, damit Geld zu verdienen. Das ist in Ordnung für das Projekt, es könnte allerdings sehr viel besser sein, hätte ich noch mehr als ein Jahr Arbeit investiert und hätte es nachhaltiges Finanzierungsmodell gegeben. Daher stand bei Flüchtlinge Willkommen von Anfang an für uns fest, dass das Projekt auf jeden Fall nachhaltig finanziert sein muss. Wie auch immer wir das machen würden. Nach etwa zwei Monaten konnten wir dann, dadurch dass wir die ersten Spenden hatten, anfangen, uns ein bisschen Geld auszuzahlen.

Jonas hat auch Erfahrungen aus seinem vorherigen Projekt Pfandgeben.de einbringen können

Wie seid ihr zum ersten Mal mit dem Thema „Flüchtlinge in Deutschland” in Berührung gekommen?

Mareike: Durch meine ehrenamtliche Arbeit. Jonas und ich waren auf einem Sommerfest der Organisation, bei der ich unterrichtet habe und da haben wir uns viel mit Geflüchteten unterhalten. Tatsächlich haben wir uns aber anfangs hauptsächlich medial informiert. Wir haben ein paar Dokumentationen über Flüchtlingsheime und die Unterbringung dort gesehen und auch wenn das albern klingt, das hat uns wirklich beeinflusst.

Gar nicht mal so albern! Tatsächlich ist ja der Kontakt für den “Normalbürger” gar nicht so leicht herzustellen.

Jonas: Zumindest besteht oftmals eine große Hemmschwelle. Im Prinzip könnte man leicht und schnell in Kontakt mit Geflüchteten treten. Aber für den „Normalbürger“ ist das eher ungewöhnlich – bei uns war das genauso. Durch Mareikes Schüler gab es zum ersten Mal einen direkten persönlichen Kontakt. So wurden unsere Berührungsängste schnell abgebaut. Ich denke aber, solche Berührungsängste sind ganz natürlich und auf beiden Seiten nichts Ungewöhnliches.

Ihr trefft ganz bewusst eine Unterscheidung zwischen dem Begriff “Flüchtling” und “Geflüchteter”. Es ist euch anscheinend wichtig da einen Unterschied hervorzuheben?

Die politische Dimension des Wortes „Flüchtling“
Das Suffix –ling war ursprünglich eine Verkleinerungsform (ein sogenannter Diminutiv) ohne negative Nebenbedeutung, wie sie heute noch bei bestimmten Tier– und Pflanzenbezeichnungen zu finden ist. Bei Personenbezeichnungen entwickelte es jedoch schnell eine abwertende Bedeutung. (s. Sprachlog)

Jonas: Wir verwenden einfach lieber das Wort “Geflüchtete”, “Newcommer” oder ähnliches. Zum einen ist der Begriff “Flüchtling” inzwischen ein extremes Label geworden und zum anderen ist “Flüchtling” durch das verniedlichende “-ling” sehr negativ konnotiert. Dass der Name unserer Organisation trotzdem das Wort “Flüchtling” beinhaltet, gründet auf einer ganz pragmatischen Google-Entscheidung. Leute, die nichts mit diesem Thema zu tun haben, suchen nicht nach “Geflüchteten”, wir wollten diese aber trotzdem erreichen.

Ihr seid ja bestimmt nicht nur an Geld interessiert, aber gleichzeitig möchtet ihr wahrscheinlich, dass das Projekt überleben kann?

Jonas: Ja, ich finde es seltsam, dass soziales Unternehmertum immer sehr viel skeptischer beäugt wird als “unsoziales” Wirtschaften. Bei Coca Cola oder Nestle verdienen die Leute beispielsweise haufenweise Geld. Das führt in der Gesellschaft keineswegs zu Empörung. Im Gegenteil scheint es völlig legitim zu sein. Wenn man hingegen mit Projekten, die sozial-ökologische Lösungen finden, Geld verdienen möchte, führt das zu großer Skepsis. Dabei verdient unser Team nicht viel und wir beuten auch niemanden aus. Deshalb finde ich es gesamtgesellschaftlich eine ganz paradoxe Art und Weise, mit sozialem Unternehmertum umzugehen.

Sozialunternehmertum und Geld? Definitiv kein Gegensatz für Jonas und Mareike!

Woran liegt das eurer Meinung nach?

Die Angst vor Profitgier
Besonders beim Thema „Flüchtlinge“ ist eine erhöhte Skepsis und ein generelles Misstrauen wahrzunehmen. Immer zurecht? Hiezu ein Artikel in der FAZ.

Jonas: Man muss sich immer rechtfertigen. Ich denke das liegt daran, dass sich soziale Projekte häufig mit irgendeiner marginalisierten, benachteiligten Gruppe beschäftigen. Wenn dann Geld ins Spiel kommt, sieht man sich häufig mit der Angst konfrontiert, dass auf Kosten derer, die unterstützt werden müssen, Geld gemacht wird.

Wie würdet ihr euren Wachstumsprozess beschreiben?

Mareike: Grundsätzlich würde ich sagen, dass wir ganz natürlich gewachsen sind. Durch Spendengelder konnten wir uns nach einer Zeit auch Gehälter auszahlen. Das war für uns eine große Erleichterung. Je mehr finanzielle Mittel wir sammeln konnten, desto mehr Angestellte konnten wir bezahlen. Um nachhaltig wachsen zu können, haben wir allerdings anfangs nur wenige angestellt. Zum damaligen Zeitpunkt waren wir völlig abhängig von Spendengeldern.

Jonas: Europaweit arbeitet das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“ inzwischen in zwölf Ländern. Diesen Erfolg haben wir der medialen Berichterstattung zu verdanken. Interessierte aus den jeweiligen Ländern haben sich bei uns gemeldet, um die Idee auch in ihrem Land umzusetzen. Wir haben ihnen unsere Website zur Verfügung gestellt und die Gründer mussten sich nach der passenden Rechtsform umschauen. Damit ihre Arbeit erfolgreich ist und schnell beginnen kann, versuchen wir so gut es geht zu unterstützen.

Habt ihr für die Organisationen im Ausland bestimmte Vorgaben?

Jonas: Die Organisationen in den anderen Ländern sind komplett autark und unabhängig in ihren Entscheidungen und ihrer Arbeitsweise. Das Konzept ist teilweise im Detail verändert. Uns ist vor allem wichtig, dass hinter der Arbeit ähnliche Beweggründe und ein ähnlicher Umgang mit Menschen stecken. Beispielsweise wird das Konzept dann an die dortigen Gesetze und kulturelle Gegebenheiten angepasst. Wir sehen unsere Aufgabe eher in der Unterstützung als in der Kontrolle.

Ist es euer Ziel, auch politischen Einfluss zu nehmen?

Medienhype um Flüchtlinge Willkommen?
Das Thema is immer wieder im Mittelpunkt der Berichterstattung. Aber wird es dadurch auch unübersichtlicher? Siehe die Presseschau des Deutschlandfunks zum Thema Flüchtlinge.

Mareike: Als wir unser Projekt gestartet haben, hatten wir sogar den Gedanken, wir können die Gesetzeslagen dahingehend ein bisschen beeinflussen, dass sich die Strukturen ein wenig öffnen. In der Realität zeigt sich allerdings, dass die Strukturen immer enger werden  wir erleben eine Zeit, in der die Gesetze immer restriktiver und immer mehr Menschen ausgegrenzt werden. Wir wollten aber von Anfang an auf jeden Fall ein politisches Statement setzten, unabhängig davon, ob sich jemand anmeldet oder die Idee jemanden interessiert. Wir sagen auch allen neugegründeten Ländergruppen, dass sie auf jeden Fall als Organisation, die sich für Zusammenleben einsetzt, wahrgenommen werden sollen. Selbst wenn sie keine Vermittlungsarbeit leisten. Es wäre aber schön, noch mehr politischen Einfluss nehmen zu können. Noch letztes Jahr gab es von Ehrenamtlichen und Spendern diese große Solidaritätswelle und Befürwortung. Jeder wollte helfen und auch in den Medien gab es einen großen Hype um uns. Momentan ist es eine interessante Zeit, da der Hype gerade abgeklungen ist. Jetzt fangen wir an, mit den Behörden und den Strukturen Kontakte zu knüpfen. Das ist zwar nicht so sichtbar wie dieser Hype letztes Jahr, bringt aber vielleicht langfristig mehr.

Was sind eurer Meinung nach die grundlegenden Probleme bei der aktuellen Flüchtlingssituation in Deutschland?

Jonas: Ich persönlich glaube, dass das System gar nicht darauf ausgelegt ist, dass es für die Geflüchteten hier in Deutschland einfach sein soll. Das System ist restriktiv und sorgt dafür, dass manche bessere Chancen haben als andere. Das Ziel ist, die Leute abzuschrecken und sich abzuschotten. Und unser Konzept ist großflächig skalierbar, und würde ja dafür sorgen, dass sehr viele Leute auch hier gleich Anknüpfungspunkte finden, um länger zu bleiben. In unseren Augen ist das auch vollkommen in Ordnung, das Asylsystem in Deutschland will aber nicht dafür sorgen, dass Leute sich hier wohlfühlen. Ich denke, hierbei spielt sicherlich Angst eine große Rolle. Angst davor, dass die Form der Gesellschaft, in der wir leben und der Reichtum, den wir seit Jahrzehnten haben, gefährdet werden.

Wie begegnet ihr Vorurteilen, die besagen, es sei illegal, geflüchtete Menschen aufzunehmen?

Mareike: Aufklärungsarbeit ist ein großer Teil unserer Arbeit. Es ist gesetzlich erlaubt, Geflüchtete zu Hause bei sich zu beherbergen. Anerkannte Geflüchtete dürfen sich immer privat einen Wohnraum suchen. Diese Möglichkeiten haben Geflüchtete aus sicheren Herkunftsstaaten (wie Senegal, Ghana, Westbalkanstaaten etc.) nicht. Die Einzelfälle sind häufig rechtlich sehr komplex, aber grundsätzlich ist es erlaubt. Das Problem ist nur, dass man von den Behörden diese Information gar nicht bekommt.

Wird durch euer Konzept der Integrationsprozess beschleunigt?

Jonas: Definitiv. Es ist einfach viel natürlicher, was da passiert. Jeder der schon mal im Ausland gelebt hat, kennt auch die Erfahrung, dass ein Zusammenleben mit Einheimischen alleine sprachlich schon einen riesigen Unterschied macht. Bei unseren Vermittlungstreffen zeigt sich auch, dass in den WGs häufig Freundschaften entstehen, wodurch die Geflüchteten dann auch den Freundeskreis oder die Familie der anderen kennenlernen. Auf einmal ist ein persönlicher Bezug da, der vorher nicht da war, und das passiert in vielen Fällen.

Mareike: Eine bessere Partizipation oder Teilhabe geschieht ja schon dadurch, dass die Leute nicht mehr in einer Sammelunterkunft gemeinsam mit vielen anderen Menschen wohnen, deren Sprache sie nicht sprechen und die teilweise dezentral am Stadtrand liegt. Hier leben sie einfach in einer Wohnung, einer kleinen Einheit, einer Straße, einem Viertel, in dem hauptsächlich Beheimatete leben und nicht nur hauptsächlich Geflüchtete. Alleine das verändert ja sehr viel, wenn man seine eigenen Haustür- und Wohnungsschlüssel hat und wirklich Teil des Systems ist und nicht nur das System von außen beobachtet.

Die Vorteile für eine gelungene Integration liegen auf der Hand!
(Mareike links und Jonas rechts mit ihrem neuen Mitbewohner Bakary aus Mali)

Was würdet ihr Menschen raten, die auch ein soziales Projekt starten wollen?

Jonas: Wir sind immer dafür, es einfach zu versuchen. Mit einer Idee einfach rausgehen und online gehen, um zu schauen, ob sie überhaupt funktioniert, bevor man Jahre an Planung reinsteckt, um dann zu bemerken, dass es nicht funktioniert. Das war auch unsere Arbeitsweise, wir haben viel mit Freunden gesprochen und auch viel positives Feedback bekommen. Es gab ein Expertengespräch mit einem Sozialunternehmer, der uns von der Idee nachdrücklich abgeraten hat. Er war überzeugt, das Zusammenleben würde aufgrund kultureller Unterschiede nicht funktionieren. Wir haben uns das natürlich zu Herzen genommen, aber wir waren einfach überzeugt, dass unsere Idee klappen kann. Deswegen haben wir uns davon trotzdem nicht beeinflussen lassen.

Vielen Dank für das Interview!

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