Menü

Das Kartoffelkombinat im Interview

Über den Aufbau einer solidarischen Landwirtschaft, eine ökologische Lebensmittelversorgung und das Einbinden von bewussten Konsumenten.

Startup RegionalErnährung München

Wir haben die zwei Gründer vom Münchner Kartoffelkombinat in der Gärtnerei des Franziskuswerks in Schönbrunn besucht und mit Daniel Überall und Simon Scholl über den Aufbau einer genossenschaftlichen Struktur für die regionale und ökologische Lebensmittelversorgung gesprochen. Dabei ging es unter anderem um das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, deren persönliche Motivation und das Einbinden von proaktiven und bewussten Konsumenten.

 

Wie würdet ihr das Kartoffelkombinat jemandem erklären, der noch gar nicht von euch gehört hat?

Simon: Das Kartoffelkombinat ist eine Gruppe von aktuell 650 Münchner Haushalten, die wissen wollen, wo und wie das Gemüse angebaut wurde, das sie konsumieren. Wir haben uns zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und kümmern uns selbst um den Anbau. Damit stellen wir uns neben die aktuell vorherrschende Struktur der Lebensmittelversorgung und treten den Beweis an, dass man gemeinwohlorientiert wirtschaften und gleichzeitig Lebensmittel lokal und ökologisch produzieren kann. Dabei bestimmen wir gemeinschaftlich: Vom Saatgut über die Ernte bis zu den Löhnen.

Daniel: Uns geht es darum, dass wir eine Wirkung erzielen. Was bei anderen Startups die Skalierung ist, ist bei uns der Impact. Unser Ziel ist es, die Versorgungsstruktur grundlegend zu verändern, in diesem speziellen Fall für den Raum München. Wir wollen eine Alternative zum aktuell existierenden Konsumwirtschaftskonstrukt aufbauen und beweisen, dass man, wenn man es möchte, als Gruppe, als Gemeinde, als Nation auch andere Wege gehen kann. Es ist nicht immer so alternativlos, wie immer behauptet wird.

Daniel und Simon (v.l.n.r) im Interview

Skalierung steht also nicht im Vordergrund. Aber gilt nicht: Je mehr Leute, desto mehr Impact?

Daniel: Doch, klar! Je mehr Leute bei uns mitmachen, desto mehr Leute kaufen schon mal nicht im konventionellen Supermarkt ein. Je mehr sinnvolle Arbeitsplätze wir schaffen, umso mehr tragen wir zur biologischen Landwirtschaft bei und desto mehr sind wir in der Stadtgesellschaft verwurzelt. Aber man muss qualitativ wachsen, um auch eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Eigentlich ist das Kartoffelkombinat im Großen und Ganzen finanziert. Wir wollen uns aber nicht schlafen legen, weil die Finanzierung steht.  Wir wollen mit unserem Tun Impulse setzen. Wir haben eher eine intrinsische Motivation. Es ist uns nicht so wichtig, am Ende des Monats auf eine Zahl schauen zu können, uns abzuklatschen und zu rufen: „Schon wieder 5 Prozent Wachstum!"

Das klingt nach jeder Menge intrinsischer Motivation?

Daniel: Ich will den Planeten besser verlassen, als ich ihn vorgefunden habe. Wir befinden uns in einer wahnsinnig privilegierten Situation, denn wir sind diejenige Generation in der Menschheitsgeschichte, die den höchsten Wohlstand hat, die beste medizinische Versorgung – kurz gesagt diejenigen, die am unbesorgtesten aufwachsen können. Historisch betrachtet genießen wir die beste Ausbildung und all das führt zu einer gewissen Verantwortung. Unser Lebenszweck sollte sich nicht nur auf das abendliche Fernsehen und den jährlichen Mallorca-Urlaub beschränken. Ein großer Teil unseres Wohlstands ist immer noch auf Ausbeutung von anderen Menschen und Ressourcen begründet. Wir versuchen ein Gegenmodell aufzubauen und das treibt uns beide an.

Was ist die Vision, die ihr vor Augen hattet, als ihr Kartoffelkombinat gegründet habt?

Simon: Losgelaufen sind wir aus einem Alltagsfrust. Wir haben uns im Winter 2011 kennengelernt. Daniel war Stadtimker und ich hatte gerade den urbanen Garten „o’planzt is“  in München mitgegründet. Wir haben damals festgestellt, dass wir in relativ ähnlichen Situationen in unserem Leben waren. Wir waren auf der Suche nach etwas Eigenem, etwas Neuem. An dem Tag, an dem wir uns kennenglernt haben, haben wir auch beschlossen, dass wir zusammen ein Gemeinschaftsunternehmen gründen wollen.

Daniel: Es kamen viele Sachen zusammen. Bei Simon waren das unter anderem der interkulturelle Hintergrund und der Einblick in andere Kulturen, die er von seinen Indienreisen und Beratungstätigkeiten mitgebracht hatte. Bei mir, dass ich bei Utopia gearbeitet habe und mich dort mehr als drei Jahre lang mit ökonomischer Nachhaltigkeit auseinandergesetzt habe. Damit, wie man große Unternehmen, DAX-Konzerne, in Richtung Nachhaltigkeit bringt. Aber ich war mir nicht sicher, ob das wirklich etwas bringt: Warum beispielsweise entwickelt ein großer Konzern nur eine Parallel-Bio-Produktlinie und produziert seine konventionellen Produkte einfach weiter? Das ist nicht ganzheitlich gedacht!

Zwei-Grad-Ziel
Das Zwei-Grad-Ziel beschreibt das Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Vielfach wird vorgeschlagen, eher von einer "Zwei-Grad-Grenze" zu sprechen, die nicht überschritten werden dürfe, was allerdings unrealistisch ist.

Anschließend habe ich ein Jahr lang bei einer Klimaschutzberatung gearbeitet und nochmal vor Augen geführt bekommen, dass wir als Menschheit gerade auf eine Katastrophe zusteuern. Das Zwei-Grad-Ziel beispielsweise ist nicht annähernd zu erreichen. Es geht nun um vier oder sechs Grad. Die Umwälzungen, die auf uns in den nächsten 200 Jahren zukommen, zeigen, dass es nicht mehr reicht, nur Müll zu trennen und Ökostrom zu beziehen.

Simon: Am Anfang wussten wir überhaupt nicht, wie das aussehen würde, wenn es fertig ist. Wir haben das Kartoffelkombinat um uns und unsere Befindlichkeiten herum gegründet, mit allen naiven Vorstellungen und unternehmerischen und inhaltlichen Defiziten. Wir haben uns immer um die Basics gekümmert: Eine Gemeinschaft aufbauen und gutes Gemüse anbauen. Wenn das gewährleistet ist, macht man mit der richtigen Motivation kaum konzeptionelle Fehler. Wenn man dann auch noch transparent bleibt und das Ganze demokratisch organisieren will, kann man auch erst einmal mit einem unternehmerischen Defizit starten. Das ist ein klarer Entwicklungsprozess gewesen. Für mich war das Kartoffelkombinat am Anfang ein klassischer Hof, um den sich die Gemeinschaft dreht. Bis wir gemerkt haben, wie viel Resonanz wir dadurch eigentlich in der Gemeinschaft erzeugen. Jetzt sprechen wir von gemeinschaftlich getragener Landwirtschaft für die breite Masse. Wir haben also das Ziel, möglichst viele bewusste und ahnungsvolle Menschen zu erreichen.

Social Franchising
Beim Franchising stellt ein Franchisegeber einem Franchisenehmer die (regionale) Nutzung eines Geschäftskonzeptes zur Verfügung. Beim Social Franchising werden die Techniken des kommerziellen Franchisings auf Projekte im Non-profit-Bereich zur Erreichung von Gemeinwohlzwecken angepasst. Das Ziel ist keine vergrößerte Konzernstruktur, sondern ein Weitertragen von alternativen Konzepten und Ideen.

Das klingt ja ein wenig wie „Social Franchising“?

Daniel: Nicht ganz, aber es geht schon in die Richtung: In unserem Leitbild steht, dass wir keinen großen Konzern anstreben, sondern eher ein Konglomerat von Einzelgesellschaften.

Simon: Initiativen, die sich gerade in Gründung befinden, kommen verstärkt auf uns zu und fragen, wie das Kartoffelkombinat eigentlich funktioniert. Wir fahren durch die Republik, um Gespräche mit interessierten Menschen zu führen. Uns bestätigt das in unserem Tun, wenn jemand uns als Vorbild nimmt und so etwas in ähnlicher Weise in anderen Gegenden aufziehen will. Ein Ziel ist dabei durchaus, eine Art Blaupause zu schaffen, die dann vielleicht im großen visionären Rahmen auch für andere Menschen in anderen Ländern funktioniert. Es macht einfach Sinn, wenn sich eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammenschließt und die Gemüseversorgung selbst organisiert und selbst verwaltet. Modular können weitere Elemente dazukommen. So eine neue Struktur ist unabhängiger und widerstandsfähiger. Wir wollen eine Welt anstoßen, die unter den Folgen der Globalisierung weniger leidet. Und klar, wenn das kopiert wird, freuen wir uns darüber.

Daniel: Das was Simon sagt finde ich cool und richtig, aber das treibt mich nicht so. Was mich treibt, ist ein optimales Konstrukt für München und nicht die Blaupause für ganz Deutschland. Ich bemühe da manchmal das Bild eines Rezeptbuches: Wenn man sich Rezepte für ein Kochbuch überlegen würde, worauf würde man dann den Fokus legen? Will man die Individualität des Koches und die spezifischen Faktoren darstellen, die das Gericht in dem jeweiligen Restaurant oder Umfeld so gut machen. Oder achtet man darauf dass die Rezepte möglichst überall und von jedem leicht umzusetzen sind.

Da ergänzen Simon und ich uns perfekt. Ich würde sagen ich mache das geilste Restaurant in München und Simon macht das beste Rezeptbuch, um das weiterzutragen. Der beste Fall eigentlich: Wir wollen zusammen beides.

Simon und Daniel ergänzen sich perfekt!

Geht ihr dabei viele Kompromisse ein?

Daniel: Möglichst keine! Manchmal kommen wir allerdings nicht ganz drumherum. Ein Beispiel: In einer kleinen genossenschaftlichen Gruppe mit 20 Menschen spricht man sich einfach ab. Jede Woche ist einer zuständig die Lebensmittel abzuholen. Jede Woche holt einer den Käse, der nächste den Salat und dann rotiert das durch. Am Abend trifft man sich und jeder hat seine eigene Tupperschüssel dabei, in die er das einpackt. Da gibt es kein Einmal-Plastik. Alles wird selbstverwaltet. Das ist tip top!

So was können wir aber nicht machen, denn dafür sind wir tatsächlich zu groß. So müssen wir einen Feldsalat, in den wir viel Arbeit gesteckt haben, so verpacken, dass er den Weg gut übersteht. Er wird von unseren Fahrern einen Tag durch München gefahren, am Abend am Verteilpunkt vom Genossen abgeholt und vielleicht noch zwei Tage in seinem Kühlschrank liegen gelassen. Wir könnten den Salat also in feuchte Tücher einschlagen. Für die, die ihn aber erst am nächsten Tag abholen, reichen die feuchten Tücher allerdings nicht. Ab einer gewissen Größe fängt man also an, sich über Kompromisse Gedanken zu machen. Und plötzlich haben 650 Leute Plastiktüten daheim.

Das Einwegplastik lässt sich also nicht vermeiden?

Simon: Wir unterliegen Gesetzen und Regularien und vieles ist einfach gar nicht möglich. Würden wir z.B. Tupperboxen mit ausgeben, dürften wir diese nicht gleich wieder verwenden, wenn sie von den Genossen wieder zurückkommen. Vorher müssten wir sie heiß durchspülen. Wir sind gerade dabei eine Lösung zu entwickeln, bei der der Feldsalat in Baumwollsäckchen verpackt wird und wir hätten hier die Möglichkeit, mit der Wäscherei nebenan eine kleine Zusatzlogistik aufzuziehen. Allerdings wird es wieder schwierig, wenn man da dann wieder eine Ökobilanz aufmacht!

Daniel: Die Energie die ins Waschen und ins Trocknen geht, die chemischen Waschpulver, die verwendet werden müssen, damit die Säckchen danach keimfrei sind und so weiter. Da ist jede Plastiktüte von der Ökobilanz her besser!

Und wenn jeder Genosse mitziehen würde und sagt: "Ich brauche den Plastiksack nicht, weil ich mir den Salat direkt mitnehme, wenn ich hier in der Gärtnerei mithelfe."

Daniel: Nein, das ist zu viel verlangt von den Mitgliedern. Auch von der Effizienz her macht das überhaupt keinen Sinn, wenn 650 Haushalte hier rausfahren. Dann müsste man Fahrgemeinschaften bilden. Da ist es viel besser ein Lieferfahrzeug nach München zu schicken und Verteilpunkte abzufahren. Wir sind ständig im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität. An jedem Punkt. Bei der Qualität des Gemüses, bei der Auswahl von Saatgut, bei den Gehältern, bei allem. Wem ermöglichen wir es denn, bei so was dabei zu sein? Klar, die „Hardcore-Ökos“, so nenne ich die jetzt einfachmal, die könnte man dazu bekommen alles selber zu machen. Wir versuchen aber nicht nur die „Ökos“ von München im Kartoffelkombinat zusammenzuziehen, sondern eben die normalen Leute, die im Zweifel auch mal einen Haushalt haben, mit zwei Jobs, mit je 40 Wochenstunden.

Die kommen am Wochenende nicht zum Mitgärtnern. Wenn ich nicht selbst einer der Gründer wäre, wäre ich sicher auch weniger dabei. Am Wochenende steht eben Familie, Einkaufen, Saugen, Rasenmähen und der Rest der langen Liste an. Und das ist bei jedem so. Das ist nicht die Ausnahme, das ist die Regel.

Wie funktioniert eure Entscheidungsfindung bei anstehenden Projekten in einer solchen Genossenschaft?

Daniel: Es gibt Initiativen, bei denen es nur um die Entscheidungsfindung und den Konsens in der Gruppe geht. Das ist bei uns auch ein zentraler Punkt. Aber ausschlaggebend ist ebenfalls: Was kommt am Ende dabei rum? Außerdem ist eine gewisse Geschwindigkeit wichtig, in der Entscheidungen getroffen werden müssen. Dabei ist das Kernteam unglaublich wichtig. Die haben ein sehr gutes Bauchgefühl und stellen Fragen wie: Was ist stimmig und was nicht? Welche alternativen Möglichkeiten gäbe es noch, die uns nicht eingefallen sind? Der erweiterte Beratungskreis ist dann der Aufsichtsrat.

Bei grundsätzlichen Geschichten sind natürlich immer auch die Genossen gefragt. Und deren Meinung zählt viel. Gleichzeitig, wenn man einfach jede Woche so eine Kiste abholt, dann ist es schwierig sich vorzustellen, wie groß das ist, was wir da mittlerweile machen. Es kommen häufig Nachfragen, Impulse oder Wünsche, die nicht umsetzbar sind. Würden sich mehr Leute aktiv beteiligen und nicht wieder in diesem passiven Konsumentenstatus verbleiben, dann könnte man aber nochmal auf einer anderen Ebene diskutieren.

Ein passiver Konsument kann das ja bewusst abgeben.

Daniel: Ja, natürlich! Und da stecken mehrere Punkte drin. Zum einen versuchen wir alles maximal transparent zu machen. Du kannst dich jederzeit informieren. Bei uns gibt es nichts, was geheim ist.

Der zweite Punkt ist: Wie viel Engagement erwarten wir von den Genossen? Die Tatsache, dass sie im Kombinat sind, ist schon als Engagement zu werten. Sie tragen ihr Geld in die Gemeinschaft und nicht zum Supermarkt oder Discounter. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass sie mindestens einmal im Jahr in der Gärtnerei sind, um überhaupt zu wissen, wo das Gemüse herkommt. Und dass sie einmal den Gärtnern die Hand geschüttelt haben. Bei unserem Hoffest sind alle Genossen eingeladen, sich das Kombinat vor Ort anzuschauen. Die Leute, die es weiter interessiert, können sich dann beim Mitgärtnern oder weiteren Aktivitäten einbringen. Anderen reicht das aber schon und sie übergeben die Verantwortung zurück an uns. Das ist in Ordnung!

Der dritte Punkt ist, wir machen jedes Jahr eine Zufriedenheitsbefragung. Die Durchschnittsnote war dieses Jahr bei 1,4. Die Leute finden, dass wir einen guten Job machen. Sie fühlen sich gut informiert. Würden wir ständig in offensiven Diskussionen stecken oder würden Leute austreten, weil sie Entscheidungen zweifelhaft fanden, dann müssten wir etwas verändern. Das passiert aber nicht! Die Genossen sagen derzeit unisono: Guter Job, macht weiter so!

Manche Entscheidungen kann man nicht in fünf Minuten erklären. Wie holt ihr die Leute ab?

Daniel: Es gibt keine Tricks, wir erklären es einfach. Nimm das Thema Saatgut. Die Leute wünschen sich alte Sorten, samenfestes Saatgut, keine Hybridzüchtungen. Dazu haben wir eine Veranstaltung der Kartoffelakademie organisiert. Warum gibt es in einer konventionellen Gärtnerei 95 bis 100 Prozent Hybridsaatgut? Weil es sonst einfach nicht wirtschaftlich funktioniert. Es funktioniert ja bereits mit Hybridsaatgut und unterbezahlten Leuten bei den Marktpreisen fast nicht. Samenfeste Saat, z.B. bei Tomaten, hat den dreifachen Aufwand pro Pflanze, aber nur die Hälfte der Ernte. Das ist der Faktor Sechs! Wirtschaftlich ist das nicht realisierbar. Eine Hybridpflanze und eine samenfeste Pflanze nebeneinander machen das deutlich. Die samenfeste Tomate ist nur mittelgroß und da hängen ein paar Tomaten dran. Daneben die Hybridpflanze, drei Meter hoch und überall Tomaten. Wir haben bei der Veranstaltung einen Geschmackstest durchgeführt. Wir hatten Kohlrabi, Gurken, Karotten und eben Tomaten, immer zwei verschiedene und man sollte am Geschmack herausfinden welche samenfest sind und welche Hybrid. Keine Chance! Selbst die Gärtner haben da Schwierigkeiten. Bei der Karotte ist geschmacklich die samenfeste etwas besser. Beim Kohlrabi ist es anders herum. Bei Tomaten kommt es auf die Sorte an.

Gibt es eine Wissensplattform, in der ihr so etwas sammeln könnt?

Daniel: Wir stecken in der Tat sehr viel Energie in die Kommunikation. Man kann auf verschiedenen Ebenen einsteigen. Manche kommen zu Veranstaltungen der Kartoffelakademie, manche informieren sich auf dem Papier, dem Kartoffeldruck, andere schreiben im Forum mit und wieder andere sehen hauptsächlich unsere Facebook-Beiträge. Für jede Interessensgruppe, für jeden Anspruchsteller, müssen wir die relevanten Informationen zusammenstellen, auf den jeweiligen Kanälen. Und es darf nicht langweilen! Das ist eine schwierige Herausforderung.

Neulich hat sich jemand beschwert, dass nur fünf Mangoldblätter in der Kiste waren – davon werde man gar nicht satt. Beim Hin- und Herschreiben wurde dann klar: Er schnitt die Stiele immer weg. Beim Mangold ist das die Hauptmasse, die man verzehrt. Bei vielem müssen wir immer wieder schreiben und informieren, wie es funktioniert. Und es geht ja nicht nur um die Kommunikation mit den Genossen. Das Konstrukt ist so groß, dass auch die innere Kommunikation wirklich sehr umfangreich ist.

Wie groß ist denn das Team? Und wer macht was?

Simon: Unser Kernteam, also die bezahlten Kräfte, besteht aus rund zwölf Personen. Wir haben zwei Vollzeit-Festangestellte. Das sind ich und Benni. In Teilzeit sind Daniel und Anna hier. Sie unterstützt uns im Büro. Dann haben wir einen Fahrer, der Sachen ausfährt. Drei weitere Fahrer und drei Packer haben wir auf 450-Euro-Basis, ebenso wie eine Rechnungsstellerin. Dann gibt es je nach Zeitpunkt noch ein, zwei Praktikanten.

Daneben gibt es den Aufsichtsrat, der bei uns sehr aktiv ist. Über die Aufsichtsratstätigkeit hinaus bringen sich viele noch weiter ein, zum Beispiel bei der Kartoffelakademie. Viele Genossenschaftsmitglieder schaffen ebenso einen großen Mehrwert. Sie programmieren unserer Software, helfen beim Organisieren von Events oder gärtnern mit.

Wie viele Gärtner arbeiten bei euch?

Simon: Derzeit haben wir einen Gärtner. Wir befinden uns in Schönbrunn noch in einer Testphase. Wenn wir die Gärtnerei hier übernehmen, dann erhöht sich die Zahl der Mitarbeiter schlagartig. Wenn wir die Gärtnerei künftig alleinverantwortlich führen, dann kommen drei oder vier Stellen dazu.

Bei euch gab es einen großen Umbruch, als sich herausstellte, dass die Gärtnerei in Eschenried nicht zu pachten sein würde. Wie seid ihr damit umgegangen, dass es nicht geklappt hat?

Simon: Ersteinmal war der Druck sehr groß. Die Entscheidung nicht nach Eschenried zu gehen, fiel im November, also der Zeit, in der längst die Anbauplanung begonnen haben sollte. Wir hatten plötzlich nur noch unsere Partnerbetriebe und einige Zeit dachten wir, wir müssten alles auf diese Partnerbetriebs-Variante setzen. Im Nachhinein ist gar nicht klar, ob wir alles hätten zukaufen können. Vielleicht hätte das nicht funktioniert. Zumindest wäre es schwierig gewesen.

Daniel: Aber vor allem wären wir so zu einem Gemüsehandel geworden. Zumindest für ein oder zwei Saisons, bis wir einen neuen Hof gefunden hätten. Darauf hatten wir uns dann auch schon eingestellt. Und natürlich haben wir gelernt, dass der Kern vom Kartoffelkombinat die Genossenschaft ist und nicht die Gärtnerei.

Habt ihr jetzt das Gefühl in Schönbrunn einen Neustart zu machen?

Simon: Jetzt ist es professioneller, klarer und strukturierter. Das war für uns ein wichtiger und identitätsstiftender Lernprozess. Wir wissen jetzt noch viel genauer, was wichtig ist und worauf wir den Fokus legen müssen, bei was wir Kompromisse eingehen können und was wir von vorneherein in der Verhandlung mit Landwirten ausschließen müssen. Wir besuchen neben der Gärtnerei hier in Schönbrunn auch andere Betriebe in der Region. Wir suchen mittelfristig nach einem zweiten Betrieb, um eine Zukunftsperspektive zu haben. Wir wollen eben kein gewöhnlicher Gemüsehandel, sondern Produzent und Genossenschaft sein.

Wie sieht es mit eurer Arbeitsbelastung aus?

Simon: Mit dem Umzug hierher kommen wir mit der Arbeitsbelastung langsam in der Realität an. In den ersten zwei Jahren war der Druck unmenschlich. Es war alles so organisch gewachsen, mit Excel-Tabellen, die du nicht einfach mal während des Urlaubs übergeben kannst. Die Zeit hat Spuren hinterlassen – das möchte ich so auch nicht noch einmal erleben. Jetzt in diesem neuen Jahr gibt es eine Normalität, eine Verlässlichkeit in den Abläufen und im Team. Jeder hat seinen Platz. Insofern macht es gerade richtig Spaß. Eigentlich kann es gerade nur schlechter werden. Es gibt viele Baustellen, aber im Moment läuft es sehr gut.

Gründen und Vater werden war für euch ja auch ein Thema oder?

Simon: Mit der ersten Kiste, die wir ausgeliefert haben, ist meine Tochter auf die Welt gekommen. Und das brachte das Fass zum Überlaufen. Die ersten zwei Jahre haben wir nichts verdient und das einfach nebenher gemacht. Ich habe dann am Wochenende als Messebauer gearbeitet. Irgendwie musste das Geld reinkommen. Das würde ich nicht nochmal schaffen. Das ist vorbei. Daniel hat letztes Jahr ein zweites Kind bekommen.

Was meinst du dazu Daniel?

Daniel: Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Arbeit ist. Ich dachte zum Beispiel nicht, dass wir so viel am Computer sitzen würden, um irgendeinen E-Mail-Krimskrams zu machen. Die ganze Verwaltung und Organisation, das ist immens! Ich fühle mich manchmal wie ein Verwaltungsmitarbeiter – Administratives von früh bis spät. Gleichzeitig: Das, was wir in drei Jahren aufgebaut haben, kann sich echt sehen lassen.

Habt ihr euer Konzept schon einmal kritisch hinterfragt?

Daniel: Ja, ständig. Wir reden von gemeinschaftlich getragener Landwirtschaft für die breite Masse. Dadurch muss man aber Kompromisse eingehen. Das haben wir vorhin erwähnt. Von anderen Projekten, die kleiner, hofbezogener und idealistischer vorgehen, bekommen wir auch immer wieder negatives Feedback: Dass wir der solidarischen Landwirtschaft den Zauber nehmen würden. Wir haben die Zukaufkomponente, die andere ablehnen. Das sind Projekte, die oftmals nicht eine Millionenstadt vor der Haustüre haben.

Simon: Letztendlich denken wir viel an das große Ganze. Je mehr Leute wir erreichen, desto mehr Einflussmöglichkeit haben wir. Wir wollen im Bewusstsein der Menschen etwas verändern und eben nicht mit schierer Unternehmensgröße das Konsumverhalten beeinflussen. Das große Rad wird dann aber zu allerletzt auch in der Politik gedreht.

Wollt ihr politische Entscheidungen beeinflussen?

Daniel: Das ist ein sehr komplexes Feld. Ich glaube aber, dass wir bereits politisch Einfluss nehmen. Wir haben immer wieder Anfragen von Politikern und Parteien, die wissen wollen, welche Ideen und Wünsche wir haben.

Simon: Letzte Woche war die Assistentin von einem Europaabgeordneten der ÖDP hier. Es waren aber auch schon die Grünen, die Linke usw. da. Wir werden also wahrgenommen. Auf dem Landesparteitag der Grünen haben wir einmal einen Workshop gemacht. Bei uns funktioniert die Besetzung von ökologischen Themen sehr gut, weil es so viele Anknüpfungspunkte gibt. Und natürlich würden wir auch zur CSU gehen und von unserem Projekt erzählen.

Daniel: Das Fundament dafür ist, dass wir jede Woche als Kartoffelkombinat in den Haushalten stattfinden. Die Tatsache, dass wir 650 Genossen sind, verändert etwas. Das gibt uns die Möglichkeit, zu agieren, überhaupt existent zu sein. Das Beispiel zu liefern und zu zeigen, dass es geht! Und das ist bereits eine gewisse politische Wirkungsebene.

Darüber hinaus sind wir bei verschiedenen Forschungsprojekten dabei, bei denen uns eine ordentliche Gewichtung gegeben wird. Unser Aufsichtsrat sagt manchmal: „Jungs, fahrt das Ding bloß nicht an die Wand. Ihr werdet von draußen genau beobachtet: Ihr seid eines von ganz wenigen Beispielen, bei dem der Übergang zu einer Postwachstumsgesellschaft gelebt wird und funktioniert.“

Seht ihr euch auch schon in diesem Stadium?

Daniel: Viele Projekte hängen von den Personen ab, die sich ehrenamtlich engagieren. Damit verändern sie die Gesellschaft. Ich will das gar nicht schlecht reden, aber wenn die nicht ihre normalen Jobs hätten, in denen sie Geld verdienen würden und den Freiraum im Privaten nutzen würden, dann gäbe es diese Projekte nicht. Bei uns ist das etwas anderes. Wir suchen nach einem neuen Wirtschaftsmodell. Wir schaffen Arbeitsplätze. Unser Vorhaben hat also mehr Potential, Veränderung zu bewirken.

Vom Setzling bis in die Kiste!

Zum Abschluss: Wie viel ist bereits passiert und wie seht ihr die Zukunft?

Daniel: 2007 haben wir Utopia gegründet. Damals gab es in Deutschland nur eine Handvoll Hardcore-Blogger, Umweltverbände und Friedensaktivisten. Heute gibt es jede Menge Ökoläden, Fashion, Ökodesign, Printmagazine. Es gibt eine Szene, die lebt und bunt ist. In nicht einmal zehn Jahren ist viel passiert. Ich denke dieser Trend wird sich verstärken.

Als wir vor drei Jahren angetreten sind, gab es an die 20 solidarische Landwirtschaften und zehn in der Gründung. Jetzt gibt es schätzungsweise 60 und nochmal so viele in Gründung. Auch da ist viel passiert. Es gibt ethische und grüne Banken und immer mehr Menschen, die immer mehr Konsum nicht in den Mittelpunkt stellen. Das waren früher die „Spinner“ und die „Ökos“. Man kann mittlerweile sagen: „Ich bin Vegetarier, habe mein Geld bei einer nachhaltigen Bank und glaube, dass der Kapitalismus zusammenbrechen wird.“ Keiner wird heute antworten: „Was für ein Idiot!“. Man weiß inzwischen, dass da etwas dran sein könnte.

Vielen Dank für das Interview!

Interview als PDF speichern

Interview teilen