Menü

Kitchen on the Run im Interview

Jule und Andi erzählen uns, wie alles begann und welche Hoffnungen sie mit im Gepäck haben.

Vasiliki Mitropoulou, Severin Engelmann David Freudenthal

Startup DesignVerantwortungInnovation Berlin

Kurz vor der Eröffnung des Containers und ihrer Reise durch Europa trafen wir Jule und Andi von Kitchen on the Run. Mit ihrer mobilen Küche möchte das junge Team eine interkulturelle Begegnungsstätte schaffen: Hier soll Platz für Austausch und persönliche Geschichten entstehen – Kitchen on the Run ist Willkommenskultur auf Reise. Im Interview verraten sie uns, wie aus einer ursprünglichen Schnapsidee ein konstruktives Unterfangen wurde und wie sie sich ihre Zukunft auf Rädern vorstellen.

Was ist die Entstehungsgeschichte hinter Kitchen on the Run?

Jule: Rabea und ich hatten schon immer die Idee, eine Bar in einen Container zu bauen und damit um die Welt zu reisen. Aufgrund von Finanzierungsproblemen blieb diese Vision aber in der Schublade. Letztes Jahr (Feb 2015) haben wir dann aber die Ausschreibung des Wettbewerbs „Advocate Europe – Ideen für Europa“ gesehen. Das war der Zeitpunkt, als das öffentliche Interesse für die Flüchtlingskrise gerade losging. Wir haben schnell festgestellt, dass bei uns in den (WG-)Küchen beim Kochen immer die interessantesten Begegnungen und Gespräche zustande gekommen sind.  Wir dachten uns dann relativ schnell: Es sollte eine Küche geben, in der man sich kennenlernen kann. Eine mobile Küche eben.

Andi: Es ist unser Beitrag – bei der aktuellen politischen Lage – einen Raum der Begegnung zu schaffen, der es ermöglicht, sich kennenzulernen und dabei Vorurteile und Mauern zwischen den Kulturen aufzubrechen. Dafür sind Kochen und Essen sehr gute Mittel, da in praktisch allen Kulturen das Ritual des Essens eine zentrale Rolle spielt.

Andi von Kitchen on the Run

Jule: In erster Linie sind wir sind kein Hilfsprojekt, sondern ein Integrationsprojekt. Die erste Hilfe ist natürlich unglaublich wichtig, wir wollen aber für die Schritte danach sorgen: Was passiert eigentlich, wenn alle hier angekommen sind und die erste Versorgung abgeschlossen ist? Genau genommen geht es dann doch eigentlich erst richtig los mit der Integration, oder? An diesem Punkt wollen wir mit Kitchen on the Run ansetzen.

Wer baut denn den Küchencontainer – ihr selbst?

Jule: Nein, das machen Studierende der Architektur an der Technischen Universität Berlin. Das ist ein sogenanntes 1:1 Projekt: Innerhalb eines Semesters wird entworfen und gebaut. Es gibt auch Firmen, die Container ausbauen, klar, das wäre aber viel zu teuer geworden. Zudem haben die Studierenden viel Zeit investiert, sich auch wirklich mit der Zielgruppe auseinanderzusetzen. So findet man dann auch ganz viel Liebe zum Detail.

Andi: Aus dem Projekt ist eine Gemeinschaft gewachsen, an der alle zusammen arbeiten. Gleich zu Anfang kommen zwei Studierende sogar mit auf die Reise. Das ist echt schön zu sehen.

Jule von Kitchen on the Run. 

Wie habt ihr euch für die Städte entschieden?

Jule: Wir haben uns am Anfang ein paar Kriterien überlegt, zum Beispiel, dass wir in möglichst kleine Städte möchten. Zudem wollten wir in Städte, in denen Geflüchtete wirklich bleiben, sodass es sich lohnt, einen Begegnungsraum anzubieten, um sich kennenzulernen. Geflüchtete, die nur auf Durchreise sind, haben meist gar nicht das Bedürfnis, Menschen kennenzulernen.

Andi: Idealerweise entwickeln sich langfristige Beziehungen. Aber auch schon das einmalige Kennenlernen kann die Willkommenskultur zeigen und das ist uns auch wichtig. Es geht uns darum zu zeigen, dass Menschen auch über den Tellerrand gucken können.

 

Wie habt ihr erste Kontakte in den Städten aufgebaut?

Jule: Das war sehr unterschiedlich: In Bari hatten wir zum Beispiel einen Kontakt zu zwei Politikwissenschaftlern an der Universität Bari, die selbst in der Flüchtlingshilfe tätig sind. In Duisburg hat sich ein Pfarrer mit seiner Kirchengemeinde als Standort bei uns beworben. In Deventer ist ein Community-Manager aus der Stadt verantwortlich, den Rabea über einen Kontakt kannte.

Andi: Es gibt natürlich eine Reihe von administrativen Herausforderungen, die wir nur zusammen mit den Organisationen und Behörden vor Ort bewältigen können. Deswegen haben wir uns auch mit den jeweiligen Stadtverwaltungen getroffen, um erst einmal einen Fuß in die Tür zu bekommen. Unsere Kontakte vor Ort sind meist gar keine klassischen Flüchtlingsorganisationen, aber die Hauptsache ist, das diese wiederrum wissen, wen wir treffen müssen.

Wie kann man sich den Ablauf vor Ort vorstellen? Was kocht ihr? Wie erfahren die Menschen von euch? Wie kann man sich anmelden?

Andi (lacht): Darauf sind wir auch sehr gespannt! Davon haben wir bisher nur schöne Vorstellungen.

Jule: Wir haben einen Plan, der allerdings sehr flexibel ist, weil wir nicht genau wissen, was vor Ort passiert. Der Container hat Platz für 15-25 Personen, die zusammen kochen und essen können. Wir brauchen ungefähr einen Tag, um den Container samt Terrasse aufzubauen. Dann sind wir auf die Organisationen vor Ort angewiesen, die das Ganze in Bewegung bringen.

Für die Abende gibt es zwei Regeln:
(1) Es müssen immer Einheimische und Geflüchtete zusammen an einem Tisch sitzen – also eine gemischte Gruppe bilden.  
(2) Es muss einen oder mehrere Gastgeber geben, die das Rezept mitbringen und den Abend anleiten. Die Gastgeber können sowohl Einheimische als auch Geflüchtete sein – und deshalb gibt es sowohl Speisen aus Ländern, in denen wir unterwegs sind oder eben aus der ganzen Welt. Im besten Fall machen wir nur die einführende Moderation und das erste Kennenlernen. Danach halten wir uns zurück; sind aber da, um auch in schwierigen Situationen zu unterstützen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um an unseren Abenden teilzunehmen. Auf unserer Website gibt es ein Formular, mit dem man sich anmelden kann – theoretisch kann man aber auch einfach so vorbeikommen. Wir werden aber auch Flyer verteilen und Plakate aufhängen. Geplant ist, dass an jedem Standort 20-mal gekocht wird und das mit ca. 20 Personen. Auch wenn es schön wäre, mehrfach teilzunehmen, sollten die Gäste nur einmal zum Kochen und Essen kommen. An dieser Stelle müssen wir noch viel Kommunikationsarbeit leisten, damit allen klar ist, worum es uns geht.

Was erhofft ihr euch von diesen Begegnungen?

Andi: Es wäre toll, wenn „Über den Tellerrand e.V.“ neue Communitys gewinnt, die vor Ort unseren Anstoß fortführen. Und natürlich wäre es toll, wenn dann schrittweise Verbindungen zwischen Menschen entstehen und es zu weiteren Einladungen untereinander kommt. Und wenn da nur ein paar kleine Freundschaften, Bekanntschaften oder Kooperation entstehen, ist ja schon ein kleiner aber wichtiger Schritt gemacht.

Jule: Oder noch viel kleiner gedacht: Wenn jemand beim Kochen das erste Mal in seinem Leben einen Flüchtling kennenlernt und sieht, dass ist auch nur ein Mensch, der kocht auch nur mit Wasser, dann haben wir schon viel erreicht. Das ist eigentlich unser Kernziel.

Andi: Wir wollen, dass die Menschen die Perspektive wechseln und nicht alle Informationen nur aus den Nachrichten ziehen, sondern sich selbst ein Bild machen. In einem Gespräch kann man so viel mehr lernen und verstehen. Natürlich hat das symbolhaften Charakter mit dem Container, der durch Europa reist, aber wir wollen eine Plattform bieten, auf der verschiedene Dinge und Geschichten zusammenfließen können. Uns geht es darum, Vorurteile abzubauen.

Die Kitchen on the Run Küche kurz vor der Eröffnung

Was könnte denn schiefgehen?

Jule: Wir haben uns keine Gedanken über Horrorszenarien gemacht. Der Container ist ein sehr geschützter Raum, den wir nachts einfach zusperren können. Und wenn uns irgendwelche Nazis die Terrasse abbrennen, dann würden wir natürlich weitermachen. Wir sind überzeugt, dass unser Projekt so charmant ist, dass uns niemand etwas Böses will. Aber eine totale Sicherheit gibt es natürlich nie. Dadurch, dass wir nicht politisch sind, denken wir, dass wir auch keine große Angriffsfläche bieten.

Andi: Aber auch wenn Blödes passieren würde, gäbe es bestimmt Menschen, die uns helfen würden, dass es weiter gehen kann.

Hattet ihr mal überlegt, in deutsche Brennpunkte zum Beispiel nach Ostdeutschland zu gehen?

Jule: Wir waren eher auf Europa fokussiert, zudem ist Deutschland ja von „Über den Tellerrand e.V.“ gut abgedeckt. Wir haben uns auf Europa konzentriert, auch weil wir glauben, dass zu diesem Thema nicht ein Land eine Meinung haben kann, sondern eigentlich muss man sich europaweit absprechen. Und die Menschen müssen sich über die Grenzen hinweg vernetzten und eine Meinung entwickeln.

Wie kommt ihr an eure Zutaten?

Andi: Auch da sind wir auf die Vorschläge vor Ort angewiesen. Wir bieten natürlich an, zum Beispiel zusammen einkaufen zu gehen. Wir haben ein Budget für die Zutaten, sodass die Teilnahme für niemanden etwas kostet. Aber es kann auch sein, dass jemand alles selbst mitbringt. Vielleicht gibt es auch lokale Läden und Unternehmen, die uns unterstützen, aber auch das werden wir vor Ort sehen.

Was passiert mit all den Geschichten? Schreibt ihr einen Blog?

Jule: Wir haben zwei Blogger dabei. Sie fahren eventuell sogar die ganze Reise mit. Es wird einen Blog mit Fotos, Videos und Rezepten geben. Danach wollen wir ein Kochbuch machen und, wenn alles gut geht, auch einen Film.

Was passiert in dieser Zeit mit eurem „normalen Leben“ – ist das auf stand by?

Jule: 2016 ist komplett reserviert für Kitchen on the Run. Was danach passiert, weiß ich nicht. Ich war davor selbständig und konnte das Stück für Stück zurückfahren. Seit ca. September 2015 bin ich Vollzeit für Kitchen on the Run tätig. Auf der Reise will ich mich vollkommen auf unser Projekt konzentrieren und die Ruhe haben, Gespräche zu führen und keine anderen Dinge im Kopf haben. Es kann gut sein, dass sich aus dem Projekt noch etwas entwickelt, was uns jetzt noch gar nicht so bewusst ist.

Andi: Ich war bis zum Jahresende in einer klassischen Anstellung. Aber ich sehe es genauso: 2016 gehört dem Trip. Und dann mal schauen, was kommt. Mir ist es sehr wichtig, die Ruhe zu haben, mit den Menschen vor Ort Zeit zu verbringen. Das ist das, was ich auch in meinem Job gemacht habe und dafür brenne ich einfach.

Wie finanziert ihr das Projekt?

Crowdfunding
Auch andere Startups wie LifeShift oder Kuchentratsch haben Crowdfunding-Projekte gemacht. In ihren Profilen kannst Du lesen, wie es ihnen damit gegangen ist.

Jule: Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 150.000 Euro. Zehn Prozent unseres Gesamtbudgets wollen wir über die Crowdfundig-Kampagne sammeln. Nachdem wir das Preisegeld von „Advocate Europe“ gewonnen hatten, haben wir angefangen, Sach- und  Geldspenden zu sammeln und institutionelle Förderungen zu beantragen. Neben der Hans Sauer Stiftung haben wir noch zwei weitere Stiftungen, die uns unterstützen.  

Jule: Einerseits kennt sich Rabea sehr gut mit Förderanträgen aus und andererseits sind wir sehr schnell gewesen und wussten, wo es sich lohnt, Anträge zu stellen. Man muss eine gute Mischung aus verschiedenen Maßnahmen finden. EU-Anträge hätten sich zum Beispiel nicht gelohnt, da man sie ein bis zwei Jahre vorher stellen muss. Wenn man schnell etwas umsetzten will, sind Förderanträge eigentlich nicht hilfreich.

Andi: Crowdfunding funktioniert meiner Meinung auch kurzfristig gut – auch wenn es wirklich sehr viel Arbeit ist. Das eigene Netzwerk zu nutzen, seine Inhalte nochmal zu fokussieren und zusammenzuschreiben, das war für die Motivation sehr hilfreich.

Jule: Für Startups ist Crowdfunding echt super – vor allem wenn man ein Produkt hat. Das ist ein sehr guter Test dafür, ob das Produkt wirklich beim Konsumenten ankommt.

Das Kitchen on the Run-Team

Was möchtet ihr unseren Lesern noch mitgeben?

Andi: Ich finde es sehr beeindruckend, was man selbst alles auf die Beine stellen kann.  In den letzten Wochen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich immer lohnt, einfach anzufangen. Manchmal bereue ich, dass ich das nicht schon früher gemacht habe und Ideen einfach umgesetzt habe.

Jule: Ich sehe das auch so: Einfach mal machen! Auch grade bei der Geldakquise: Einfach anrufen! 

Interview als PDF speichern

Interview teilen